2. Teil von Santander nach Santiago de Compostela


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July 1st 2016
Published: August 21st 2016
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Nach circa einer Woche hat sich auch unser Körper an die täglich Strapazen gewöhnt. Beschwerden wie Blasen an den Zehen, Waden - Schmerz, Hüftschmerzen, und Rückenschmerzen welche einen großen Raum in der ersten Woche eingenommen haben, sind mittlerweile kaum ein Thema mehr... bzw. - werden akzeptiert und man freut sich, wenn sie dann mal wegbleiben. Man hat nun mehr Freiraum für Gedanken und Philosophie:

zum Beispiel fragt man sich, da man ja sehr viel Zeit auf diesem Weg hat, welchen Sinn diese Wanderung eigentlich hat? Oder man fragt sich, habe ich bisher alles richtig gemacht? Ist das, was ich jetzt mache richtig? Was soll ich in der Zukunft tun um alles richtig zu machen? Man hinterfragt sinnige und unsinnige Sachen. Man denkt über Themen und Situationen nach, welche man sonst niemals abrufen würde – ich denke es ist eine Funktion des Unterbewusstseins, er lässt es nicht hochkommen, da man im Alltag ja sowieso keine Zeit dafür hätte, den Gedanken fertig zu denken . . . Aber hier hat man Zeit – viel Zeit für Kopfarbeit. . .

Trotz unseren sportlichen Durchschnitt von mittlerweile circa 28 km täglich bekommen wir ein wenig Panik, ob uns die Zeit ausreicht. Zumal man sich gar nicht auf die Kilometerangaben des Reiseführers verlassen kann. Aber das gehört wohl zum Weg dazu...

Sagt das Buch 25 km, kann es leicht und locker auch mal 32 werden. Als es kurz nach Santander wettermäßig sehr schlecht aussieht und es nicht nur unangenehm sondern auch anstrengend auf unbefestigten und schlammigen Untergrund zum Wandern ist, beschließen wir einen Teil der Strecke mit dem Zug zu fahren – das hatten wir eh schon so eingeplant, nur wussten wir noch nicht genau, wann wir uns das „gönnen“…

So kutschieren wir uns bis nach Gijón, eine recht große Hafenstadt, welche aber so langsam vom Aussterben bedroht ist. Zwar plagt uns nach der Zugfahrt doch ein wenig das schlechte Gewissen, aber der Verstand siegt – und im nach hinein war diese Entscheidung wohl - wie sich nachher rausstellt - doch eine gute und göttliche Führung …

Ab Gijon sind wir in Asturien. Man kann wirklich von Gebiet zu Gebiet in die prägnante Unterschiede in Kultur, Verhalten der Menschen und Tradition der einzelnen Regionen einblicken.

Das Baskenland, in dem wir los gelaufen sind, ist offen und freundlich. Herausragend waren die Tapas Bar und die fröhliche Stimmung. Nur, dass der ganze Theken Müll immer auf dem Boden lag, hat mich total kirre gemacht. Am liebsten hätte ich da gerne mal durchgefegt. Es grenzt an Frankreich an und diesen Landesteil würden wir sehr traditionell orientiert nennen. Sie achten auf Anstand und sind sehr freundlich – wenn auch vielleicht etwas eigenwillig. Die Basken bieten viele Fisch- Spezialitäten an und wir haben schnell gelernt das „Ensalada bonito“ NICHT „schöner Salat“ heißt, sondern „Thunfisch Salat“

Unsere Zugfahrt erstreckt sich über den größten Teil Kantabriens, so das große Eindrücke ausbleiben. Aufgefallen ist uns, dass ein reines spanisch gesprochen wurde. Für uns Spanisch- lernende ein immenser Vorteil. Auch die Küche war etwas vielfältiger, es gab Suppe und Eintöpfe und viele süße Nachspeisen „Postres“.

Asturien ist ein landschaftlich sehr reizvolles Land. Sprachliche für uns noch gut verständlich. Die Einwohner sind ein stolzes Volk. Architektonisch kann das Land mit seinen präromanischen Bauten punkten.

Der Übergang von der Küste ins Landesinnere zeugt ein wenig Wehmut. Wir verlassen in Ribadeo den Camino de la Costa und gehen in den Camino del Norte über… Adios Küste, Adios Meer… Von hier aus betreten wir das galizische Gebiet, welches sehr waldreich und dünn besiedelt ist, Oftmals laufen wir auf langen Strecken ohne Zivilisation und Einsiedeleien. Hier merken wir, dass es sehr wichtig ist genügend Wasser und Proviant mit zu nehmen. Wobei ein Pilgerspruch sagt: der beste Platz für Essen und Trinken eines Pilgers ist in seinem Magen.

Galicien beeindruckt mit seinem keltischen Einschlag und der sehr netten und zuvorkommenden Menschen. Zwar ist die Sprache sehr portugiesische angehaucht, aber es wird Rücksicht auf uns genommen. Wobei Sven mittlerweile perfekt auf Spanisch organisieren kann: Hotels buchen, Einkaufen, Bestellung im Restaurant. Die Musik ist auch sehr keltisch und es erklingt oft der Dudelsack – was einen eher an Schottland erinnert. Die Landschaft ist sehr vielfältig, wechselt von Ebenen und Feldern, Wäldern und Gräsern in satten Grün bis hin zu Bergen, Gestein- und Fels – Landschaften. Hier erklimmen wir auch unseren höchsten Punkt mit 714 m über den Meeresspiegel. Ich verliebe mich gleich in dieses Land. Es hat einen glitzernden und funkelnden Quarzsand Boden. Das wandern fällt mir so leicht, wenn es unter mir blinkt und blitzelt - Bling Bling Baby!

In der Hauptstadt von Galicien soll man 813 die Überreste eines der zwölf Apostel Jesu gefunden haben. „Jakobus“ der Grund, und der Glauben an seine heldenreichen Taten und seine damalige Mission haben den Jakobsweg und Santiago de Compostella zu einem heiligen Orten werden lassen.

Nach 26 Tagen und den passierten Etappen von Gijon, Aviles, El Pito, Ballota, Luarca, La Caridad, Ribadeo, Grove, Abadin, Vilalba, Baamonde, Roxica, Boimorte, Salceda treten wir am 01.07.2016 unseren letzten Abschnitt an. Die restlichen 27 km bis Santiago. Der Gedanke, dass dann diese schöne Reise zu Ende ist, macht mich ein wenig wehmütig und versuche noch jeden einzelnen Schritt bewusst zu genießen. Es ist pure Freiheit. Man ist absolut entschleunigt, und vollkommen bei sich. Alle – sonst so für selbstverständlich hingenommen Begebenheiten, wie Essen, Trinken und Schlafen – sind hier wichtig. Man wird sich bewusst, wie unbewusst man doch so vor sich hin funktioniert. Oftmals haben wir hier die Tage vergessen. Es ist uns sogar mal passiert, dass wir fast ohne Proviant geblieben wären, weil wir nicht wussten, dass Samstag ist (Aber eine liebe Selbstpilgerin hat uns dann in ihrem Laden, trotz Ladenschluss, einkaufen lassen – dieser Weg hat wirklich wahre Engel und kleine Wunder in Petto und davon sind uns auch Einige begegnet.). . .

Seit Arzua (hier führen die Jakobswege Frances, Ingles und del Norte zusammen) herrscht Rushhour auf dem Jakobsweg, Hunderte von Pilgern, aller Nationen, singen, lachen, und laufen einem Ziel voran.

Ca. 5 km vor Santiago ist der Berg Monte de Gozo (Berg des Glücks) von dort aus soll man Santiago de Compostela sehen – und dieser Anblick soll seit Jahrhunderten einen erleichternden Effekt bei den Pilgern hervorgerufen haben. Wir müssen ehrlich sagen, außer einer kleinen Kapelle und einem – unser Meinung nach – schlechten Café – Standes haben wir nichts gesehen – Der Blick auf Compostella war mittlerweile zugebaut und verwachsen . . .

Der letzte Abschnitt ist unspektakulär, und alles bergab. Man kommt in eine Großstadt – durchquert sie – sie hat schöne alte Bauten, gemütliche Gassen, aber eigentlich haben wir nur ein Ziel vor Augen, wann sehen wir die Kathedrale. . .


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