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March 9th 2019
Published: March 9th 2019
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Tag 1 #Eine reibungslose Reise mit Hindernissen & Illuminiertes Bayonne

Am Vorabend hatten wir bereits alles gepackt, die Pflanzen in möglichst verdunstungsarmen Positionen in der Wohnung aufgestellt, und Namid hatte überall Klebezettel verteilt, die der Gießbeauftragten Andrea Hinweise auf die Vorlieben der einzelnen Individuen hinwiesen. Dann hatten wir den Wecker auf 4.44 Uhr gestellt – da würden wir wohl nicht besonders viel Schlaf bekommen. Genauer gesagt so gut wie keinen, denn Namid stand nachts fünfmal auf und ich konnte auch nicht besser schlafen.

Bald mussten wir dann schon wieder aufstehen, schnell gefrühstückt, die letzten Sachen eingepackt, und dann ging es zu Fuß los zur Bushaltestelle. Der Ringbus kam zu dieser frühen Stunde pünktlich und wir waren fast eine dreiviertel Stunde vor Abfahrt am Bahnhof – man will ja schließlich nicht riskieren, gleich den ersten Zug zu verpassen. Als wir an unser Gleis kamen, stand am Nachbargleis gerade die Westfalenbahn – die fuhr wohl auch nach Hannover, konnten wir nicht einfach die schon nehmen? Ich checkte das kurz mit der DB-App, ach ja, damit wären wir dann schon eher da, ein Zeitpuffer war ja immer besser.

In Hannover hatten wir dann über eine halbe Stunde zum Umsteigen, und machten
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Welcome to Frankfurt
einen kurzen morgendlichen Spaziergang durch die Stadt – Namid war hier auch noch nie gewesen. Gleich auf dem Bahnhofsvorplatz stießen wir auf eine Besonderheit: Von irgendwoher hörten wir Musik – war da vielleicht irgendwo ein Straßenmusiker? Oder kam das vom Band? Eine Straße weiter sichteten wir ein Auto an einer Ampel – vielleicht hatte das ja auch die Boxen aufgedreht. Nein, das war doch irgendwie näher…. Da verstanden wir plötzlich – die Musik kam aus dem Gullideckel direkt vor uns! Haha, na das hatte man ja auch noch nie gesehen. 😉

Der nächste Zug ging nach Frankfurt. Die nette Schalterdame der Deutschen Bahn hatte uns hier vorsorglich eine Stunde Aufenthalt eingeplant – die brauchten wir dann zwar nicht, da alles reibungslos verlief, aber wir nutzen sie natürlich gerne für eine kurze Stippvisite in Frankfurt – hier waren wir beide noch nie gewesen. Unser erster Eindruck, als wir aus dem Bahnhofsgebäude traten, war zwiegespalten – einerseits gab es ein paar architektonisch ansprechende, alte, und einige eher heruntergekommene Gebäude, andererseits waren da die neuen, immensen Bankgebäude, die als Wolkenkratzer in den Himmel ragten. Irgendwie bizarr. Namid holte erst mal seine Spiegelreflexkamera aus dem Rucksack, ich nahm mein Handy in die Hand und dann zogen wir los, erst mal quer durch den Taxistand, weil da irgendwie kein Gehweg war, und dann überquerten wir die Straße, um in etwas einer Fußgängerzone ähnlichem zu gelangen. Nur, dass diese schon wenige hundert Meter später wieder aufhörte beziehungsweise in der Mitte von einer Straße zerrissen wurde. Wir waren fasziniert und irritiert zugleich von dem Kontrast zwischen alt und neu, und knipsten drauf los. Irgendwie hatte es hier etwas New York Feeling, fand Namid. Wir bogen in eine Seitenstraße ab und gingen einmal um den Block, direkt unter einem der Skyscraper, dem DB-Gebäude, vorbei. An einem indischen Restaurant bogen wir dann in eine Straße ein, die uns direkt wieder zum Bahnhof führen würde. Man konnte das Gebäude sogar schon sehen.
Und plötzlich änderte sich die Szenerie. Hier wirkte alles bunter und heruntergekommen, mir kam spontan Deli in den Kopf, wohl auch assoziiert durch das indische Restaurant. Auf einmal sahen wir uns von Obdachlosen umringt. In allen angrenzenden Straßen hockten Duzende Menschen auf dem Gehweg, Menschen in abgerissener Kleidung liefen an uns vorbei. Schnell packte Namid seine Kamera wieder ein und ich gab ihm Rückendeckung, dann wechselten wir die Straßenseite und gingen schnurstraks zurück zu Bahnhof.
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Wolkenkratzer, krass!

Wir waren etwas verwirrt und überrumpelt, wir konnte sich das Gesicht der Stadt denn innerhalb von hundert Metern, hinter der nächsten Straßenecke, so schnell ändern? Hier waren überall Billig-Asia-Shops, Casinos und Red Light Szene. Und das genau zwischen dem Hauptbahnhof und dem Bankenviertel. Echt skurril. Nein, nach dem ersten Eindruck schien uns die Stadt nicht gerade einladend. Da nahmen wir doch gern den Zug weiter nach Paris.
Auf dem Weg konnten wir noch ein paar Städte von außen „besichtigen“, so sahen wir im Vorbeifahren Mannheim, Saarbrücken und einige andere. Irgendwie sahen die, zumindest aus dem Zugfenster, alle recht hässlich aus. Wir konnten über die DB-App mit der Live Ansicht auf der Karte sehen, wo wir uns gerade befanden. Mit einer Karte auf meinem Laptop klärten wir dann auch endlich mal die Frage, wo denn eigentlich das andere Frankfurt, also Frankfurt an der Oder, lag – das ist im Osten Deutschlands, da bei Dresden.
Auf der Fahrt kamen wir immer wieder durch Tunnel, die Druck auf den Ohren erzeugen – warum, haben wir bisher noch nicht herausgefunden. Namid meinte jedenfalls man sollte den Druck durch Gähnen bekämpfen – ich bleibe da lieber beim Schlucken. Wobei natürlich Gähnen angesichts der schlaflosen Nacht auch gerechtfertigt war, und Schlucken nicht so optimal, wenn man nur über ein gewisses Kontingent an Wasser verfügt.😉
Wir versuchten auch ein Zeit lang, uns die Statistikvorlesung auf meinem Laptop anzuschauen, aber irgendwie war die Landschaft dann noch etwas interessanter – auch wenn man meist nur hässliche Städte zu Gesicht bekam.

Außerdem mussten wir und natürlich noch auf unseren Sprint in Paris vorbereiten. Wir hatten nur 55 min, um vom Gare de l’Est zum Gare Montparnasse zu kommen. Vor einigen Wochen hatten wir ja schon Plan A-F aufgestellt, was wir beim Verpassen dieses Zuges machen würden. Nun, wir blieben jetzt erst mal bei Plan A – die Metro M4, wenn sie denn fuhr. Auf Google Maps fanden wir dann aber heraus, dass es von der Metrostation Gare Montparnasse zum wirklichen Bahnhof Montparnasse etwa ein Kilometer Fußmarsch war. Wir untersuchten die verschiedenen Wege mit Streetview und Namid prägte sich die Strecke ein. Ich war dann für den Weg bis in die Metro zuständig, er für den Weg von der Metro zum Zug. Nach Plan stellten wir uns zehn Minuten vor Ankunft an der Zugtür bereit – und dann kam der Zug doch tatsächlich vier Minuten vorher an – und dabei hatten wir schon gedacht, dass die Chance, dass er Verspätung hatte, bei 40 % lag.

Wir gingen schnurstraks in den Bahnhof, folgten den Metroschildern und ich kaufte in Windeseile Tickets am Automaten. Ich drückte Namid eines in die Hand und ging durch das Drehkreuz – und blieb prompt stecken. Da ich meine große Reisetasche vor mir herschob und mit meinem Rucksack beladen war, wollte das System wohl einfach nicht glauben, dass ich wirklich nur eine Person war, und blockierte. Da steckte ich nun, in den Klauen des Drehkreuzes, und kam nicht mehr vor und nicht zurück. Namid war schon drüben. Ehm, irgendwie musst du mir jetzt hier raushelfen… Wir versuchten hilflos, meine Tasche aus den Fängen des Drehkreuzes zu befreien, doch ohne Erfolg. Da kam plötzlich ein netter Franzose und half uns, die Tasche hoch und über die Barriere zu hieven. Ich gab Namid meinen Rucksack und Bauchbeutel über die Absperrung. Meine Sachen waren nun also drüben. Ich selbst steckte allerdings immer noch im Drehkreuz. Da waren so zwei Klappen, die halb geschlossen waren. Ratlos schauten sie mich an, aber ich bin ja recht dünn und quetschte mich dann einfach seitlich hindurch. Okay, Hindernis überwunden, Sachen genommen und weiter ging es, durch die Gänge bis zur Metro. Die M4 stand gerade noch da, wir witschten hinein, das Piepen ertönte und die Türen schlossen sich – just in time! Puh, das hatten wir schon mal geschafft.
Nun fuhren wir eine Viertelstunde mit der Metro – die einzelnen Stationen und auch die Betonung bei der Ansage kamen mir immer noch bekannt vor, und Erinnerungen kamen dazu in meinen Kopf: Cité - da ist ja Notre Dame, Saint-Michel – hier habe ich mich von Miguel und Diana verabschiedet, Saint-Sulpice – die Kirche habe ich mal besichtigt…
Als wir dann bei Gare Montparnasse ausstiegen, wurde uns klar, dass wir Namids Route gar nicht brauchten – der Bahnhof, beziehungsweise „Les grandes lignes“ war ja ausgeschildert. Ganz im alten Tran scannte ich die Umgebung nach den Schildern mit den Zügen drauf ab, und wir liefen die Gänge entlang, Treppe hoch, Treppe runter – wie praktisch, dass Namid mir mit der Reisetasche dabei helfen konnte – über ein langes Transportband, dass leider außer Betrieb war und uns eher aufhielt, durch den Exit der Metrostation und die Rolltreppe hoch in den Bahnhof. Die Anzeigetafel verwies uns zu Gleis 1. Unglaublich, wir hatten
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Bayonne by night
doch tatsächlich noch zwanzig Minuten Zeit!
Doch es gab dann auch noch eine unerwartete Hürde zu überwinden. Man musste einchecken, in dem man den Barcode seines Tickets einscannte und dann durch ein Gate Zulass gewährt bekam. Mmh, welche Tickets wollten die denn jetzt haben? Unsere Interrailtickets oder die Sitzplatzreservierung? Auf dem Bildschirm der Person neben uns sah ich den Sitzplatz angezeigt, also sollten wir wohl die Reservierung nehmen. Aber wir waren ja zwei Personen mit einem Reservierungsticket, wie sollten wir denn jetzt zu zweit da durch die Schranke gehen? Da ich Französisch sprach, ging ich zuerst, und Namid stellte sich dicht hinter mich, bereit, uns als Kette – meine Reisetasche voran – durch die Schranke zu quetschen. Falls nur ich die Barriere überwinden würde, könnte ich dann auch mit den Bediensteten reden, die etwas hinter den Schranken am Gleis standen. Dann kam jedoch einer der Angestellten, und ich zeigte ihm das Ticket und erklärte, dass wir zwei Plätze reserviert hatten. Er zog seine Karte über den Scanner und wir durften rein.
Auf dem selben Gleis sollten allerdings zwei verschiede Züge zur selben Zeit abfahren. Dass wir den hinteren nehmen mussten, konnte ich schon der Anzeigetafel entnehmen. Wir wollten zu Wagen 15, die Wagen waren aber leider noch nicht benannt, das System fuhr gerade erst hoch, mutmaßte Namid. In Deutschland gab es ja auch immer so schöne Übersichtspläne, in welchem Abschnitt welcher Wagen halten würde. Hier wussten sie ja nicht mal eine halbe Stunde vorher, auf welchem Gleis der Zug einfahren würde. An der Anzeigetafel stand dann netterweise, dass Wagen 15 im Abschnitt B halten würde. Schade nur, dass nirgendwo am Bahnsteig irgendwelche Buchstaben angebracht waren. Äußerst hilfreiche Info also! So liefen wir also noch gefühlt einen Kilometer am Gleis entlang. Nun war das System wohl auch bereit und zeigte die Wagennummern an. Wir enterten unseren Wagen, fanden unsere Plätze – und hatten es tatsächlich geschafft. Der Übergang vom einen Pariser Bahnhof zum anderen hatte uns in den vergangenen Wochen ziemliches Kopfzerbrechen bereitet. Und nun hatte alles problemlos geklappt, wie schön.
Allerdings war Namid dann doch ziemlich enttäuscht, dass es keine gratis Croissants im TGV gab. Da hatte er sich schon den ganzen Tag drauf gefreut, und sogar schon den Satz „J’aimerais bien manger un croissant“ auswendig gelernt. 😉 Und dann kam der Schaffner auch noch und wollte ihm was von Flugzeugen erzählen – also wir haben das
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Bayonne Altstadt
irgendwie beide nicht so verstanden. Er schaute unsere Interrailtickets an und meinte „Ah, l’avion.“ Keine Ahnung, was er meinte.
Ich begann dann schon mal Blog zu schreiben, während Namid versuchte, etwas zu schlafen. Ich machte mir dann irgendwann etwas Sorgen, dass er sich beim Schlafen noch das Genick brach, weil sein Kopf etwa einmal pro Minute nach unten und wieder hoch kreiselte, und dann etwa alle fünf Minuten so tief sank, dass die durch die verlängerte Strecke erreichte Beschleunigung ihn aufschrecken ließ. 😉

Gegen 20 Uhr kamen wir in Bayonne an. Namid schaute sich auf der Buchungsbestätigung den kleinen Lageplan an und meinte, er wolle das Hotel ohne Google Maps suchen. Wir merkten uns den Straßennamen, und dass wir am Fluss entlang mussten. Und nachdem wir ein bisschen auf gut Glück die Straßen lang gelaufen waren, und Namid gerade meinte, ich könne ja vielleicht doch mal aufs Handy schauen, entdeckten wir das richtige Straßenschild.
Kurz darauf kamen wir bei unserem ibis Hotel an. Die Rezeptionsdame war sehr nett und mit dem Zimmer waren wir auch zufrieden. Wir stellten nur kurz unsere Sachen ab, und gingen dann noch mal in die Stadt.

Als erstes kauften wir Wasser und Namid holte sich noch etwas zu essen. Dann gingen wir am Fluss, der Adour, entlang. Namid musste erst mal ein paar Langzeitbelichtungsfotos vom beleuchteten Flussufer und der Brücke machen. Wir kamen an einem Karussell von 1900 und einem Denkmal vorbei. Dann liefen wir an den Restaurants der Flussufer entlang, überquerten eine kleinere Brücke und gelangten kurz darauf in die Innenstadt. So eine hübsche Altstadt! Mittelalterlich, Fachwerkhäuser und kleine Läden und alles so nett beleuchtet, das hatte wirklich Scharm.
Wir liefen ein paar Gassen entlang und gelangten zur Kathedrale. Daneben entdeckten wir einen kleinen Park, den Square Duvant, in dem bereits Rhododendren und viele andere Büsche blühten – hier in Südfrankreich hatte der Frühling definitiv schon begonnen! Auf dem kleinen Platz vor der Kathedrale bot sich eine gar zu typische französische Szenerie – eine Crêperie, „Gourmandise“, die typischen Häuser, und so eine geschwungene Straßenlaterne mit hübschen Straßenschild. Und – zwei große Gummibäume! Auf unserer Erkundungstour stießen wir außerdem noch auf die Stadtmauer sowie das Schloss von Bayonne. Es waren noch einige Leute unterwegs. Vor manchen Restaurants aßen noch welche Pizza, man sah Eltern mit kleinen Kindern, eine Horde Jugendlicher lief singend vor uns über die Straße, eine ältere Dame führte ihren Hund spazieren und ein jüngerer Typ kam uns entgegen und fragte, ob wir vielleicht Zigaretten hätten. Nein, hatten wir nicht. „Vous êtes sûrs?“ „Oui, pardon.“ Okay, das pardon hätte ich mir eigentlich sparen können.
Schließlich kehrten wir zum Hotel zurück. Unser abendlicher Spaziergang hatte uns schon mal einen Überblick über Bayonne verschafft, und dabei einen wirklich guten Eindruck hinterlassen, besonders im Vergleich zu all‘ den deutschen Städten, die wir heute „gesehen“ hatten…


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Château de Bayonne


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