Auf den Spuren der Roten Khmer


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September 5th 2006
Published: September 5th 2006
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Um 9.00 Uhr morgens lassen wir uns von einem aeusserst freundlichen TukTuk-Fahrer zum "Tuol Sleng-Museum" fahren. Diese auch unter "Sicherheitsgefaegnis 21" bekannte Anstalt war bis 1975 eine Schule und wurde nach dem Einmarsch der Roten Khmer in Phnom Penh zu einem Foltergefaegnis umgebaut, das wohl weltweit seinesgleichen sucht.

Ein kurzer Ausschnitt aus der Wikipedia zu den Graeueltaten der Roten Khmer:

Den Vorstellungen Pol Pots zufolge ist neben der Korruption des Lon-Nol-Regimes gerade in der Dichotomie von Stadt und Land eine der Hauptursachen für die Armut Kambodschas zu sehen. Also glaubt er, das Bauerntum stärken und alles Städtische zerstören zu müssen.

Die sofortige Deportation der Stadtbevölkerung auf die Reisfelder des Landes verwandelt das zuvor über 2 Millionen Einwohner zählende Phnom Penh binnen weniger Tage in eine Geisterstadt, ebenso werden die Provinzhauptstädte entvölkert. Auf diesem „langen Marsch“, der bis zu einem Monat dauert, sterben tausende Menschen (insbesondere Ältere und Kinder) aufgrund der Strapazen.

Bald ist jeder Arbeiter gezwungen, eine schwarze Einheitskleidung zu tragen, die jede Individualität beseitigen soll. Die Sprecher der Roten Khmer verkünden allerdings den Beginn eines neuen revolutionären Zeitalters, in dem jede Form der Unterdrückung und der Tyrannei abgeschafft sei.

In den ersten Monaten dieser revolutionären Ära verwandelt sich das Land in ein gigantisches Arbeits- und Gefangenenlager. Arbeitszeiten von 12 Stunden oder mehr sind keine Seltenheit, und jeder Schritt der Arbeiter wird so überwacht, dass fast jeder um sein Leben fürchten muss. So kann auch, wer zu spät zur Arbeit kommt, wegen des Verdachts auf Sabotage hingerichtet werden.

Geld wird abgeschafft, Bücher werden verbrannt, Lehrer, Händler, beinahe die gesamte intellektuelle Elite des Landes wird ermordet, um den Agrarkommunismus, wie er Pol Pot vorschwebt, zu realisieren. Die beabsichtigte Verlagerung der Wirtschaftstätigkeit aufs Land bedingt deren vollständiges Erliegen, da auch Industrie- und Dienstleistungsbetriebe - Banken, Krankenhäuser, Schulen - geschlossen werden.

1976 stellt Pol Pot einen 4-Jahres Plan auf, der alle Klassenunterschiede beseitigen und das Land in eine blühende kommunistische Zukunft führen soll. Die landwirtschaftliche Produktivität Kambodschas soll verdreifacht werden, um durch Nahrungsexporte die benötigten Devisen zu erhalten. Doch dieses Ziel ist kaum zu erreichen, da die wirtschaftliche Infrastruktur größtenteils zerstört ist und die Landarbeiter zu einem großen Teil ohne Arbeitsgeräte dastehen.

Die Versorgung mit Nahrung bricht auch durch Fehlplanung und Misswirtschaft zusammen. Da lokale Führungskräfte Repressalien befürchten, fälschen sie die Ernteberichte. Der Ertrag wird dennoch abgeführt. Nahrungsmangel und Zwangsarbeit sowie fehlende medizinische Versorgung führen zum Tod Hunderttausender. Viele der verantwortlichen Führungskräfte werden wegen Sabotage des 4-Jahres-Plans inhaftiert und kommen hier ums Leben.

Gleichzeitig werden Massensäuberungen durchgeführt. Wer im Verdacht steht, mit Ausländern zu kollaborieren, wird getötet. Nicht nur Pol Pot und die Roten Khmer machen Vietnamesen und andere Ausländer für die Misere Kambodschas verantwortlich. Die Vietnamesen sind nicht nur unbeliebt, weil sie den Krieg mit nach Kambodscha getragen haben, sondern auch weil sie - von den Franzosen zur Zeit des kolonialen Französisch-Indochina für Verwaltungsaufgaben ins Land geholt - für viele ein Symbol für die Fremdbestimmung des Landes darstellen.

Wer auch nur im Verdacht steht, eine Schulausbildung zu haben, oder aufgrund des Tragens einer Brille intellektuell aussieht, kann sofort getötet werden. Die „Bourgeoisie“ wird „abgeschafft“, und um ein „Bourgeois“ zu sein, reicht es oft, lesen oder eine Fremdsprache (vor allem Französisch) sprechen zu können. Wie unter Stalins Herrschaft werden auch unter der Diktatur der Roten Khmer massenhaft Oppositionelle wie Monarchisten und Anhänger des Lon-Nol-Regimes getötet, aber auch jene Kommunisten, welche kurz vor der Machtübernahme aus Vietnam nach Kambodscha zurückgekehrt sind.

Während der vierjährigen Schreckensherrschaft werden schätzungsweise 1,7 bis 2 Millionen Menschen in Todeslagern umgebracht oder kommen bei der Zwangsarbeit auf den Reisfeldern ums Leben (bei einer Gesamtbevölkerung von etwas mehr als 7 Millionen). Im berüchtigten „Sicherheitsgefängnis 21“ in Phnom Penh, das unter der Leitung des unter seinem Pseudonym bekannten Dëuch steht, überleben 7 von insgesamt 15.000-30.000 Gefangenen. Wer dort nicht an der Folter stirbt, wird auf den Killing Fields vor den Toren der Stadt umgebracht.



Ein Guide zeigt uns die ehemaligen Klassenzimmer, in denen die Gefangenen an Eisenschienen mit den Beinen zusammengekettet wurden. Einige Klassenzimmer wurden in 80 x 200 cm Einzelzellen untergebracht. Alle Insassen wurden unter brutalsten Foltermethoden ausgequetscht. Fingernaegel ausreisen, Wasser uebers Gesicht, Schultern auskugeln, Verstuemmelungen. Ganze Familien wurden hier inhaftiert. Die Waechter waren zumeist Kinder im Alter von 12 - 18 Jahren, die im Buergerkrieg aufgewachsen waren und nichts anderes kannten als Schrecken und Gewalt. Diese waren auesserst brutal und zeigten kein Mitgefuehl fuer die Gefangenen. Uns erschreckt sehr, dass das S-21 mitten in der Stadt ist. Nebenan gibts ein Cafe, und auch zu Zeiten der Roten Khmer Herrschaft war die Umgebung bewohnt.
Es gibt endlos lange Stellwaende, die nur Portraits der Gefangenen zeigen. Die Bilder sprechen fuer sich.

Wir fahren weiter, zu den Killing Fields. Unterwegs ueberrascht uns starker Monsunregen und die Fahrt wird auesserst witzig, da wir wohl auf der schlechtesten Strasse fahren, die ich je gesehen habe. Alle zwei Meter ein Schlagloch, man fliegt nur so durch das TukTuk.
Doch wir kommen an und der Regen hoert auf. In einem neu erbauten Mahnmal auf den Killingfields sind hinter Glas in einem Turm einige tausend Totenschaedel, die in Massengraebern gefunden wurden, aufgestapelt. Alles ist ruhig aussenrum, man hoert nur die Geraeusche von Mutter Natur. Praktisch keine Touris, dafuer einige Kinder, die Geld betteln. Uns wird ziemlich klamm, als wir vor den Massengraebern stehen und unter dem Killing Tree. Diese unheimliche Ruhe aussenrum macht die Eindruecke noch viel intensiver.

Wir fahren zurueck, halten kurz am Unabhaengigkeits-Denkmal und essen einen Happen. Ich laufe durch die Stadt zurueck zum Ufer des Mekong. Mir gefaellt Phnom Penh. Reges Leben und absolut tolle Leute. Sie sind von der Hautfarbe her dunkler als die Vietnamesen und haben etwas andere Gesichtszuege. Viele lachen mir zu. Direkt am Mekong entlang ist eine schoene Uferpromenade, auf der das Leben nur so quirlt. V.a. nachts ist hier eine tolle Stimmung, die nur dadurch etwas getruebt wird, dass jeder hier seinen Muell irgendwohin wirft.
Wir essen in unseren netten Guesthouse und unterhalten uns mit zwei Englaendern. Absolut coole Typen, Tony und Tom, beide ziemlich stoned. Wir ziehen bis um eins um die Haeuser, spielen einige Runden Billard und trinken verdammt teuer Bier.

Am naechsten Morgen geht mein Bus nach Siem Reap um 6.30 Uhr, Lisa und Sam nehmen den um 11.45. Wir trennen uns somit, treffen uns doch uebermorgen abend wieder in Siem Reap.
Total verkatert stehe ich auf, packe meinen Kram und setze mich nach einem leckeren Sandwich in den Bus. Mir gegenueber sitzen zwei Italienerinnen, mit denen ich schnell ins Gespraech komme. Nach sechs Stunden Fahrt kommen wir in Siem Reap an und es erwartet uns eine Szene, wie ich sie so noch nie gesehen habe. Geschaetzt 120 TukTuk-Fahrer und Guesthousebesitzer umlagern unseren Bus und halten Schilder in die Hoehe. Auf manchen stehen Namen, weil die Guesthouse-Betreiber von Phnom Penh aus schon ihre Partner-Guesthouses informiert haben. Polizisten halten den Mob ein bisschen zurueck, so dass wir unser Gepaeck aus dem Bus holen koennen. Doch dann stuerzen alle wie ein Meer auf mich ein. Alle schreien mir ins Ohr, zeigen mir tolle Prospekte, zerren an beiden Armen und am Rucksack. Ich habe Hoellenangst um
wir chillen...wir chillen...wir chillen...

v.l.n.r.: Deutsche, deren Name mir schon wieder entfallen ist, Sam, Tony, Paul, meine Wenigkeit, Via und Nina (beide aus Muenchen)
Geldbeutel und Kamera. Die ersten zwei Minuten find ichs irgendwie lustig, aber dann wirds anstrengend. Mitten aus der Menge schaut mich ein westliches Gesicht an. Michael, Aussteiger aus der Steiermark hat hier ein Guesthouse und ich nehme dankbar das Angebot einer freien TukTuk-Fahrt zum Guesthouse an. Sobald wir uns fuer ein TukTuk entschieden haben laesst der ganze Mob von uns ab und widmet sich anderen Gluecklichen. Zusammen mit den zwei Italienerinnen checken wir im Queens Guesthouse ein, sie im Doppelzimmer fuer 6 Dollar, ich im Einzelzimmer fuer 4.
Morgen besuchen wir Angkor Wat, die groessten religioesen Bauwerke der Erde.


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Portraits der InhaftiertenPortraits der Inhaftierten
Portraits der Inhaftierten

Wie auch im dritten Reich wurde hier penibel ueber alle Inhaftierten Buch gefuehrt
das Voelkermord-Mahnmal auf den Killing Fieldsdas Voelkermord-Mahnmal auf den Killing Fields
das Voelkermord-Mahnmal auf den Killing Fields

man beachte die Abertausende aufgeschichtete Schaedel hinter dem Glas
GoetterdaemerungGoetterdaemerung
Goetterdaemerung

vom Unabhaengigkeitsdenkmal himmelwaerts
die Riversidedie Riverside
die Riverside

Nachts voller Leben und Muell :)
PlattenbautenPlattenbauten
Plattenbauten

doch irgendwie schauen sie nett aus
der Mobb erwartet uns :)der Mobb erwartet uns :)
der Mobb erwartet uns :)

Sowas habe ich noch nie erlebt. Irgendwie lustig, aber nach 2 Minuten wirds anstrengend.


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