N&R Workaway 2020


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March 15th 2020
Published: March 18th 2020
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Exit aus Spanien
Tag 6 – So, 15.3. We want to go home

Am nächsten Morgen standen wir um sieben auf und humpelten zum Bahnhof. Alles war leer dort, und auf den Straßen fuhren auch keine Autos. Im Bahnhof war das Reisezentrum noch bis 8.30 Uhr zu, aber zum Glück hatte ein Schalter schon offen. Wir wollten den Zug reservieren, doch der Angestellte sagte uns, es gäbe keine Züge mehr nach Frankreich heute. Gar keine. Wir konnten nur nach Barcelona fahren. Wir sollten es vielleicht mit BlaBlarCar versuchen. So ein Schock. Schnell erstellte ich mir ein BlaBlaCar-Account und suchte Verbindungen. Namid suchte nach Flügen, in den nächsten Tagen war alles weg. Ich schaute alle Oui- und Flixbusse durch. Ich fand nur eine BlaBlarCar-Verbindung von einem Ort außerhalb von Barcelona nach Perpignan. Schnell stellte ich eine Anfrage. Am liebsten hätte ich auch noch den Bus um 23.45 Uhr gebucht, als Back-up, aber Namid meinte, bis 24 Uhr kämen wir damit ja auch nicht über die Grenze und wollte auch nichts extra buchen. Ich kaufte schnell die Reservierungen nach Barcelona. Dann fuhren wir mit dem Bahnhofstransferbus zum anderen Bahnhof, das war nicht weit. Dort frühstückten wir draußen auf einer Bank. Wir hatten noch schnell ein
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Es wird wirklich ernst.
freundliches Foto von uns dem BlaBlaCar-Profil zugefügt und ich eine höfliche Nachricht auf Französisch an den Fahrer geschrieben. Die ganze Stadt war wie ausgestorben. Im Bahnhof waren etwa ein Dutzend Leute, damit fast alle mit Atemschutzmasken. Ich setzte meine nun auch auf, Namid hatte sein rotes Tuch. Schon gruselig hier. Wir mussten unser Gepäck wieder scannen lassen, dann konnten wir in den Zug. Auf dem Weg nach Barcelona recherchierten wir wie wild nach anderen Optionen. Der BlaBlaCar-Fahrer antwortete schließlich, er müsste das verifizieren, und wir sollten uns auch informieren. Ich wusste nicht genau, was er meinte, schrieb das und auch, dass wir auch schon eher losfahren könnten und uns über die Grenze informieren würden. Wir recherchierten weiter. Unsere knappste Ressource war weder Essen noch Wasser, sie war nun der Strom meines Handyakkus. Plötzlich gab Namid Regionalzüge auf der Interrail-Website ein und erhielt eine Verbindung nach Frankreich, mit einem Umstieg in Spanien. Keine Reservierungspflicht, die Züge konnten wir mit unseren Interrail-Tickets einfach nehmen. Das war unsere Rettung. Solange sie nicht Katalonien abriegelten oder die Grenzzüge strichen. In Barcelona an der Anzeigetafel fanden wir die Abfahrtszeit unseres Zuges, allerdings mit dem Ziel Cerbère in Frankreich. Den Ort hatten wir auch mal bei der Recherche irgendwo gesehen, das musste der Zug sein. Allerdings gab es hier solche automatischen Check-in-Gates, und wir hatten ja keine Reservierung und kein Ticket mit Barcode. Ich fragte schnell bei der Information nach, sie schaute unser Ticket an und öffnete uns die Schranke. Super, wir konnten zum Gleis. 13 oder 14, wurde angezeigt. Wir standen also am Gleis und bangten darum, dass der Zug bald auf einem Gleis angezeigt und wirklich kommen würde. Endlich war der Zug da. Hurra! Wir wussten nicht genau, wann er ankommen würde, denn auf der Interrail-Seite war diese Verbindung ja nicht angezeigt worden. So tuckerten wir durch die Landschaft. Ganz schön eigentlich. Und endlich, endlich erreichten wir Cerbère, den ersten Halt in Frankreich und die Endstation. Hurra! Wir hatten es nach Frankreich geschafft. Wir gingen in den kleinen Bahnhof, Namid wollte unbedingt als erstes auf die Toilette gehen, die war umsonst, aber stellte sich als sehr eklig heraus. Dann gingen wir zur Anzeigetafel. Auf dem Weg kamen wir an einem Mann vorbei, der gerade in eine Tüte kotzte. Die anderen Leute sahen auch nicht so gesund aus. Schnell raus! Ich hatte gesehen, dass es einen Zug nach Toulouse gab, der zu der von uns
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Aufbruch in der Frühe
herausgesuchten Uhrzeit fuhr, und eine Stunde früher fuhr ein Zug nach Avignon. Wir wussten nicht sicher, ob wir den nehmen durften, der wurde uns auch gar nicht auf Interrail angezeigt, aber da es ein TER, also ein Regionalzug, war, meinte Namid das sei erlaubt. Er hatte vorher eine tolle Verbindung gefunden, von Avignon direkt nach Mannheim am nächsten Tag, das wäre ja super. Ich verifizierte nochmal, dass der Toulouse Zug über Narbonne fuhr, da wo wir eigentlich hinwollten. FGM war da sehr hilfreich. Der Avignon-Zug fuhr aber auch über Narbonne und Montpellier, wo wir von Narbonne aus hinwollten. Sehr perfekt aber auch mysteriös, dieser Zug. Aber wir nahmen ihn am besten. Auf dem Weg schauten wir nach potentiellen Unterkünften in Avignon. Wenn es keine gab, würden wir in Montpellier aussteigen. Gerade, als wir den Zug von Avignon buchen wollten, hörte ich, dass eine Frau auf Deutsch meinte, am nächsten morgen um acht würden die Grenzen geschlossen. Oh mein Gott, das schafften wir doch gar nicht. Ich lief schnell in die Richtung und sagte „Hallo, spricht hier jemand Deutsch?“ Sie gab sich zu erkennen und erzählte, dass sie das auch nur gehört hatte. Okay, wir sollten das schnell recherchieren. Fanden aber nichts. Wir kamen aus Frankreich heute nicht mehr raus, außer in die Schweiz evtl. Ich lief erneut zu der Frau und fragte nach ihrer Quelle. Sie meinte, es habe ihr jemand gesagt, der Kontakt zur Regierung habe. Mein Akku war bei 35 %. Wir beschlossen, schnell meine Mutter anzurufen, um zu fragen, ob sie das mit der Grenze schnell für uns recherchieren konnte. Sie meinte dann, dass sie auch gehört hatte, dass Deutschland ab acht die Grenzen schloss., aber die Deutsche bestimmt noch nach Deutschland ließen. Die Schweiz sei wohl zu. Naja, wir hatten sowieso keine Wahl. Wir buchten jetzt den Zug. Namid wollte lieber noch mal nach der Unterkunft sehen, aber nein, wir sollten erst buchen. Und dann war es zu spät. Wir konnten den Zug nicht mehr buchen. Entweder er war voll, oder es lud nicht richtig. So ein Mist! Wir hätten doch vorhin trotz der 8-Uhr-Info schnell buchen sollten. Back-up-mäßig. Ich wollte am liebsten einen Back-up-Zug irgendwann am nächsten Tag von Paris nach Deutschland buchen, denn alle Züge über die Grenze waren heute schon ausgebucht. Das konnte ja schnell am nächsten Tag auch der Fall sein. Namid recherchierte nach Regionalzügen. Wir könnten ohne Reservierungen über Strassbourg nach Deutschland kommen. Ich hatte da mal zufällig eine Straßenbahn gefunden, die von Strassbourg nach Offenburg fuhr. Damit konnten wir über die Grenze, wenn sich keine anderen Züge mehr buchen ließen. Der Akku war bei 19 %. Schnell buchten wir unsere Unterkunft in Avignon, in der Nähe vom Bahnhof. Dann ließen wir mein Handy in Ruhe. Alles weitere würden wir dann in der Unterkunft recherchieren, wenn wir Strom und Internet hatten. Der Mann neben uns hustete öfter. Kurz vor Avignon nahmen wir unsere Sachen und ich setzte meine Atemschutzmaske wieder auf. Dann liefen wir zur Tür. Auf dem Weg kam uns eine komische Frau, vermutlich eine Obdachlose entgegen. „Ce n’est pas comme on a la peste!“, rief sie (Ist ja nicht so, als ob wir die Pest hätten). Der Zug war sehr leer. In Frankreich hatten wir noch niemanden mit Atemschutzmaske gesehen. Drei Jugendliche lachten mich total aus und machten sich über meine Atemschutzmaske lustig. Wir gingen schweigend weiter und stellten und direkt an die Tür, abgeschirmt von den anderen Leuten. Die Mädchen standen schließlich direkt hinter uns, sie redeten was von, vielleicht sprechen die ja am Ende Französisch oder Spanisch. Es war ein Mann hustend auf dem Klo, und sie meinten, er sollte sich vielleicht eine Maske ausleihen. Kurz bevor der Zug zum Stehen kam, sagte ein Mann direkt hinter uns „Solche Kartoffeldeutschen! Sprecht ihr Deutsch?“ Namid sagte ja, aus irgendeinem Grund hatte er gedacht, der Typ wäre auf unserer Seite und würde sich nicht mit den Mädchen gegen uns verbünden. Als der Zug hielt und ich mit dem Ellbogen den Türöffner drückte, machten sich die Mädchen darüber wie erwartet auch lustig. Schnell gingen wir ins Bahnhofgebäude, rannten dann die Treppen, sobald wir um die Ecke waren, durch den Bahnhof durch und raus die Straße entlang. Nicht, dass sie uns noch verfolgten. Es zeigte sich mal wieder, dass Konformität sicherer war. In Spanien hatten alle Masken getragen, da dachte ich, andere wären sauer oder würden sich unwohl fühlen, da man ohne eine Bedrohung für sie darstellte. Hier wurde man zum öffentlichen Ärgernis. Wir waren einfach geradeaus die Straße runtergelaufen, und erreichten überraschender Weise kurz darauf tatsächlich unser Hotel. Schnell rein. Wir bekamen unseren Schlüssel und stiegen die dunkle Treppe hinauf. Ganz schön heruntergekommen. Eine richtige Absteige. Unter normalen Umständen wäre ich lieber rückwärts wieder rausgelaufen, aber so war es genau das Richtige. Wir gingen ins Zimmer, das sah dann doch nicht soo schlecht aus. Namid wollte unbedingt noch kurz raus die Stadt angucken. Bloß eine Viertelstunde. Da es schon spät war und wir früh aufstehen mussten war ich dagegen, aber naguut. Wir liefen die Straße entlang und sahen tatsächlich gleich ein paar hübsche Gebäude. Aber Namid wollte gerne zur Brücke, die war auf FGM als Sehenswürdigkeit eingemalt. Später sang uns Solvej dazu noch „Sur le pont d’Avignon“ und ich stimmte mit ein. Aber so schön war die Brücke nicht, zu der wir gelaufen waren. Und überall rasten Autos. Lieber schnell zurück. Auf dem Weg fuhr ein Auto an uns vorbei und der Fahrer hustete demonstrativ aus dem Fenster. Was sollte das denn bitte?! Ich hatte keine Atemmaske auf und unser Gepäck hatten wir auch nicht dabei, also waren wir noch nicht mal als Touristen ersichtlich. Die schienen sich hier alle einen Scherz aus der Corona-Sache zu machen, keiner schien das hier ernst zu nehmen. Am Straßenrand saßen ein paar Penner. Schnell zurück ins Zimmer. Einmal Abduschen von der Fahrt. Und dann kriegte ich Zustände über die Hygiene. Das Klopapier war so komisch angerissen und etwas nass, der Fußboden dreckig, ein Haar auf dem Becken und Namid fand die Bettdecke fleckig. Das konnte doch nicht deren Ernst sein, man musste doch ein Hotelzimmer vor dem Besuch putzen! Die Bewertungen waren auch nur „okay“ gewesen, aber ich würde eine ganz miese schreiben. Wir wurden hier ja in allen Bereichen Gesundheitsgefahren ausgesetzt. Infektionen im Intimbereich, Warzen und Fußpilz und nicht zuletzt Corona! Also ich habe mich mit Fassung und etwas übertrieben aus Spaß aufgeregt, aber ich fand das konnte echt nicht angehen. In einem Badezimmer sollte man ja tendenziell eher sauberer als kränker werden. Wir aßen unsere letzten Brötchen mit den Auberginen-Tomatensauce. Sehr lecker! Und dann suchten wir nach der Zugverbindung für den nächsten Tag. Wir schrieben die Verbindung auf einen Zettel, das war sehr viel umsteigen, aber vermutlich würde es da wenigstens keine Grenzkontrollen geben. Kurz nach elf versuchten wir zu schlafen. Bei Namid klappte das ganz gut, bei mir gar nicht. Der Rauchmelder strahlte rotes Licht in den ganzen Raum, und schuf eine gruselige Atmosphäre. Im Nachbarzimmer hustete jemand, irgendwo im Hotel rumpelte es und draußen rauschten Züge vorbei und es wehte Wind. Ich hatte die ganze Zeit Bilder von den leeren Straßen in València und den Menschen mit Atemmasken im Kopf. Ich überlegte, ob wir vielleicht noch einen Back-up-Zug über Paris buchen sollten. Ich war etwas panisch, versuchte ruhig zu atmen und kuschelte mich eng an Namid. Hoffentlich würde diese komplizierte Verbindung klappen. Mich stresste das mit dem vielen Umsteigen schon sehr, ich wollte einfach so schnell wie möglich nach Deutschland. Schließlich hörte ich Yoga Nidra, und das half zumindest etwas beim Entspannen. Mitten in der Nacht checkte ich nochmal, ob sich die Meldung des Auswärtigen Amtes Frankreich geändert hatte. Nein, bisher stand da noch nichts direkt zu Zugstreichungen oder Abriegelung des Landes. Irgendwann schlief ich dann doch ein.

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