Dubrovnik nach Kastoria/Griechenland 520 km


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Albania's flag
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May 8th 2014
Published: May 10th 2014
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6.15 Frühstück, 7.00 Abfahrt, da weiß man gleich, was bevorsteht: eine lange Strecke, die auch noch schwierig ist.

So war's denn auch.

Der Tag begann mit dem Abschied von Tony Mac. Er war von London aus mitgefahren, hatte die ersten beiden Tage nur gefroren, aber weil er ein Mann ist, ist er nicht auf die offensichtliche Idee gekommen, dass er irgendwo anhalten könnte und sich was Warmes zum Anziehen kaufen könnte...... Am dritten Tag ging's ihm noch schlechter und ab Bled war er dann im Van mit einer schweren Erkältung/Bronchitis. In Trogier wurde er zur Untersuchung/Diagnose ins Krankenhaus gebracht, am nächsten Tag in dubrovnik nochmal. Von dieser schweren Erkältung war sein Herz angegriffen und er entschloß sich, das MR im Hotel in Dubrovnik stehen zu lassen. Er selbst flog heute Abend heim nach England. Plant aber, mit seiner Frau zurückzukommen, in dem wunderbaren Hotel eine Woche Urlaub zu machen, und dann langsam selbst mit MR wieder heimzufahren.

Ich kann mir überhaupt nicht vorstellen, wie es ist, wenn man zuerst überall verkündet, dass man 3 Monate unterwegs ist und über Land nach Bangkok fährt - und dann ist man in einer Woche wieder daheim und nichts ist mit Bangkok.



Frühe Abfahrt also, zuerst zur Grenze nach Montenegro (MNE). den ganzen Tag wollten an sämtlichen Grenzen alle, sowohl bei Ein- als auch bei Ausreise die Grüne Karte sehen - hier ging's also los.

Wenn Kroatien noch sehr heimatlich war (wenn auch natürlich mediterran), war MNE gleich deutlich ärmer. Es gab immer noch Zimmer zu vermieten, aber ich fragte mich zunehmend, WO in diesem Haus/dieser Hütte ein anständiges Fremdenzimmer sein könnte.

Dann kam die Grenze MNE - Albanien (ALB), auch hier ging's für alle Motorradfahrer problemlos, auch für die beiden Thai.

in weiser Voraussicht wartete Kevin auf den Van, um zu sehen, ob da auch alles glatt ging. Warten lohnte sich, denn der Van wurde nicht durchgelassen, er sei ein gewerbliches Fahrzeug, weil er keine Fenster habe und weil er so viele Reifen geladen habe. Pete musste 100 km zurück fahren und zu einem anderen Grenzübergang fahren, denn der hier war für gewerbliche Fahrzeuge nicht zugelassen. Kevin versuchte es mit einer "Gebühr" oder einem "Zuschlag für Mehrarbeit" (nein, Bestechung nennt man sowas nicht), aber der Beamte musste bedauernd ablehnen - es seien jetzt überall Kameras....... Sein Einkommen ist sicherlich radikal gesunken, seit Einführung dieser Kameras.

Ich entschloss mich, nicht auf den Bus zu warten (hörte die Geschichte hinterher) und fuhr alleine weiter. Ungläubiges Staunen, wo doch Albanien sooooooo gefährlich ist. Mein Mut sei grenzenlos. In Wahrheit hat mein Mut sehr enge Grenzen, aber ich bin einfach zu dumm, um mir vorstellen zu können, wovor genau ich mich fürchten soll. Also bin ich völlig furchtlos losgezogen.

Albanien hat natürlich schon seine Tücken. Im Navi war ein blauer Pfeil auf weißem Grund - nur die Weltkarte gibt es für ALB, keine weiteren Detailkarten. Und Straßenschilder gibt es auch fast keine.

Die Straßen sind durchwegs in schlechtem Zustand, sogar wenn sie (selten) ganz neu gebaut sind, stockt plötzlich der Verkehr, Schrittgeschwindigkeit, jeder sucht sich einen Weg um einen großen Krater herum. Da ist es angebracht, die eigene Fahrweise der der Eingeborenen anzupassen, die wissen nämlich, wo die Krater sind.

Zuerst mal die Kerndaten:

Fläche: 29000 km², 2,9 Mio E, ca 100 E/km², BIP 13,162 Mrd. US$ (steht damit an 123. Stelle)




Ausserdem hat Albanien noch ein paar Besonderheiten, die aus der Geschichte her resultieren. Bis 1944 führten Albaner einen Partisanenkrieg gegen die italienischen und später deutschen Besatzer. Diese hatten dem albanischen Marionettenstaat auch Teile Kosovos, Mazedoniens und des griechischen Epirus angeschlossen. 1944 wurde Albanien von der faschistischen Fremdherrschaft befreit. Enver Hoxha, der Führer der kommunistischen Partei, errichtete eine Diktatur. Die Vorkriegsgrenzen wurden wiederhergestellt. In den folgenden vier Jahren ging Albanien ein Bündnis mit dem Jugoslawien Titos ein. 1948 folgte der Bruch mit Jugoslawien und eine Phase der Anlehnung an die Sowjetunion begann. 1967 wurde ein totales Religionsverbot erlassen. Albanien wurde der erste atheistische Staat, jegliche Religionsausübung war verboten.

Enver Hoxhar war der festen Überzeugung, dass die gesamte Welt nur einen Gedanken hat, nämlich Albanien zu besetzen. Schon seit der ersten Lurch kurz nach der entstehung der Erde an Land gekrochen war, gab es diese Gefahr (seiner Meinung nach). Im 20.Jh war sie auf dem Höhepunkt. Um einer Invasion vorzubeugen (obwohl ich persönlich überzeugt bin, dass es ALB unter JEGLICHER Besatzungsmacht besser gegangen wäre), ließ Hoxhar schon beim Straßenbau Vorsicht walten: keine Straße durfte gerade sein, denn da hätten ja feindliche Flugzeuge landen und die Invasion einleiten können. Und Feinde waren überall - mit Ausnahme einiger ganz besonders strammer Kommunisten. So hatte ALB ein Freundschaftsabkommen mit RotChina, das aber sofort aufgelöst wurde, als China nach Maos Tod nicht mehr ganz so rot war.

Als Folge dieser ausgeprägten Xenophobie von Enver Hoxhan, sind also alle alten Straßen in ALB gewunden, schmal, völlig ungeeignet, um dort auch nur ein Spielzeugflugzeug landen zu können.

Allerdings ergriff der Gute noch weitere Vorsichtsmaßnahmen - jede Siedlung hatte Bunker, und zwar so viele, dass für alle Menschen Platz war. Es gab sie in allen Größen - vom 2-Mann Bunker bis zur Batallions-Größe. Insgesamt entstanden zwischen 1972 und 1984 750.000 Stück!!!

Die Bunker wurden solide und mobil erbaut in der Absicht, sie einfach mit einem Kran oder Hubschrauber in einem zuvor gegrabenen Loch platzieren zu können.

Die Betonelemente für die Bunker wurden zentral vorgefertigt.

Für den Bau wurden ungeheure Mengen an Stahl und Beton verwendet, außerdem die Arbeitskraft von tausenden von Menschen eingesetzt. Die Kosten stellten eine immense Belastung für Albanien dar. Nach Berechnungen sollen sie zwischen 1977 und 1981 jährlich zwei Prozent des Nettoinlandsprodukts gekostet haben. Andere Quellen geben die Kosten mit dem zweifachen Betrag der vor dem Zweiten Weltkrieg erbaut französischen Maginot-Linie an. Für die Bunker sei drei Mal so viel Beton benötigt worden. Die Verteidigungsausgaben Albaniens betrugen in den 1980er Jahren geschätzte acht bis zehn Prozent des Nationaleinkommens.

Bunker alleine waren allerdings nicht genug, man muss sich ja auch noch verteidigen können. Deshalb gab es in jeder Siedlung ein Waffenarsenal. Während also Grußmutter, Mutter und Kind in den Bunker eilten und es sich schon mal bequem machten, liefen die Männer zur Waffenausgabe und holten die Kalaschnikov. Für jeden eine, auch für die Kinder. Schießen war schließlich Unterrichtsfach.

Irgendwie wurde Albanien aber vom Feind vernachlässigt, er kam nicht, und so war alles umsonst. Aber dann gab es 1997 einen netten kleinen Bürgerkrieg (genannt Lotterieaufstand) und das Volk stürmte die Waffenarsenale. Daher hat heute jeder in Albanien seine Kalaschnikov. Der Waffenhandel floriert, Preis pro Stück US $ 100,- man kann sich unter verschiedenen Modellen eins aussuchen. Vielleicht ist auch eine Farbauswahl möglich (leider keine Zeit zur Recherche).

Die Bunker werden natürlich nicht mehr militärisch genutzt. Die meisten rotten vor sich hin, verfallen langsam, wurden mit Abfällen gefüllt oder aufgesucht, um sich zu erleichtern. Sie sind kaum zerstörbare Zeugen des kommunistischen Regimes, auch wenn viele abgerutscht sind oder von der Vegetation überwuchert werden. In einem armen Land wie Albanien fehlen oft die Geldmittel, um die Bunker zu entfernen. Sie werden von Liebespaaren für Rendezvous und in einigen Extremfällen als Wohnstätte für Binnenmigranten gebraucht.Bauern verwenden sie als Ställe für Hühner und andere Tiere oder als Materiallager. In einzelnen Fällen wurden Bunker angestrichen, größere zu Restaurants oder Verkaufslokalen zweckentfremdet, und in einem Fall wurde ein Bunker mit einem Kreuz versehen und als Kapelle genutzt.Die albanische Regierung verabschiedete 2011 einen Erlass, nach dem zur Zerstörung von Bunkern aufgefordert wird: Besitzer können die Bunker, die eigentlich Eigentum des Staates sind, auf ihren Grundstücken entfernen.Arbeitslose zerstören Bunker gezielt, um an den Stahl darin zu gelangen, der dann weiterverkauft wird. Rund sechs Meter Stahlstäbe, aber manchmal sogar zwei Tonnen Stahl stecken in einem Bunker. In entlegenen Gebieten werden Bunker hierfür illegal gesprengt.



Was ich auch nicht recherchiert habe ist der blühende Drogenhandel in Albanien, gerade keinen Bedarf.

Man sieht schon an den Autos, dass es große Einkommensdisparitäten gibt; riesige, glänzende Autos, daneben Fahrzeuge mit Rost, Schnur und Klebeband. Oder Esel.

Allerdings versuchen massenhaft Albaner mit dem Auto Geld zu verdienen. Es gibt unzählige Tankstellen und noch viel mehr "Autowaschanlagen" - da braucht man nämlich fast gar kein Startkkapital: Eine Plane gegen die Sonne/den Regen, zwei Stühle, ein Kartenspiel, einen Freund (wegen der Langeweile), außerdem einen Wasserschlauch, Eimer, Schrubber, Schwamm, Lumpen. Ich bin durch einen kleinen Ort gefahren mit nur ein paar tausend Einwohnern; und nur an der Straße, auf der ich ihn durchquerte, waren über 20 Tankstellen und Waschmöglichkeiten.

Kevin behauptet aber, dass die Zahl dieser Waschanlagen in ALB drastisch gesunken sei, weil die Hälfte der Betreiber nach England ausgewandert seien und dort jetzt für ein paar Pfund Hand-Autowäsche anbieten. Es ist wirklich auffällig, wie viele solcher Unternehmen dort in den letzten paar Jahren aus dem Nichts entstanden sind.

Erst in den letzten etwa 15 Jahren haben Religionen in ALB wieder Fuß gefasst; dabei wurde der Islam von Arabien stark unterstützt und heute sieht man überall in moslemischen Gebieten Moscheen. Die katholische Kirche erhält Hilfe vom nahegelegenen Italien.

Im übrigen ist ALB eine faszinierende Mixtur: teilweise wie Deutschland in der ersten Hälfte des 20.Jh. Aber dann hat jemand mit einem gigantischen Salzstreuer Modernes darüber gestreut. Das bedeckt nur in wenigen Fällen (Tirana Hauptstraßen) ganz das Alte, aber es garniert es wie eine dünne Salzschicht.

Etwas anderes ist auch sehr gut organisiert - die Müllentsorgung. Das übernimmt ganz zuverlässig die Schwerkraft.

Ganz besonders ist der Kanun, das Gewohnheitsrecht der Albaner.

Der ganze Kanun baut auf der Ehre auf, aus der sich zahlreiche Pflichten, negative Aspekte wie die Blutrache, aber auch positive Aspekte wie das Gastrecht ableiten. Die Besa schützt von der Blutrache Bedrohte für gewisse Zeiten oder Orte vor Verfolgung und entbindet gleichzeitig den zur Blutrache Verpflichteten, ein Verbrechen zu rächen. Die Besa konnte einerseits zwischen Personen oder Familien vereinbart werden. Sie wurde zum Beispiel für wichtige Besorgungen, Feldarbeit, familiäre Feiern oder kirchliche Feiertage gewährt. Meist wurde auch dem Mörder für gewisse Zeit nach einer Blutrachetat Besa gewährt. In der Besa für Vieh und Hirten erlaubten Stämme untereinander, das andere Stammesgebiet zu bestimmten Zeiten und auf bestimmten Strecken bereisen zu dürfen. Die allgemeine Besa unterband alle Sühnetaten in Kriegszeiten.

Daneben waren aber auch ganze Personengruppen wie Frauen, Kinder oder Priester vor Verfolgung geschützt.



Ein besonderes Versprechen ist dasjenige der Eingeschworenen Jungfrauen, niemals eine sexuelle Beziehung einzugehen, dafür ein Leben wie ein Mann führen zu können. Als eingeschworene Jungfrau wird auf dem Balkan eine Frau bezeichnet, die unter völligem Verzicht auf sexuelle Beziehungen, Ehe und Kinder in ihrer Familie die Rolle eines Mannes übernimmt. Die Frau legt vor den Ältesten der Gemeinde oder des Stammes einen Schwur ab und wird fortan als Mann behandelt. Sie trägt Männerkleidung und Waffen und kann die Position des Familienoberhaupts übernehmen.

Nur durch den symbolischen Übertritt zum männlichen Geschlecht konnte eine Frau in den Stammesgesellschaften Südosteuropas einer arrangierten Verheiratung entgehen. Indem sie fortan als Mann lebte, ersparte sie sich und ihrer Familie die Entehrung, die sonst durch den Bruch eines Eheversprechens unweigerlich eingetreten wäre. Der zweite wichtige Grund für das Leben als eingeschworene Jungfrau war das Fehlen eines männlichen Familienoberhaupts, wodurch die Frauen der Familie schutzlos waren und die betreffende Familie auch keinen Sitz im Rat der Gemeinde oder des Stammes hatte. Wenn kein Sohn die Nachfolge übernehmen konnte, trat eine ledige Tochter an diese Stelle, lebte als Mann und war Familienoberhaupt. Der Mangel an männlichen Familienmitgliedern rührte in den südosteuropäischen Stammesgesellschaften aus der weit verbreiteten Blutrache her, bei der oft alle männlichen Mitglieder einer Familie ausgerottet wurden. Indem eine eingeschworene Jungfrau an die Spitze der Familie trat, konnte das Problem zumindest für eine Generation gelöst werden. Der Fortbestand der Familie war aber nur gesichert, wenn noch minderjährige Jungen lebten, die später an die Stelle ihrer Tante treten konnten.

In ALB leben heute noch ungefähr 40 eingeschworene Jungfrauen!





Soviel zum Allgemeinen. An der ALB Grenze waren alle Mitreisenden völig sprachlos, als ich erklärte, nicht weiter warten zu wollen, sondern allein zu fahren. Die anderen folgten Kevin wie eine Schar neugeschlüpfter Enten, und waren voller Panik, weil sie (fast) Navi-los durch Tirana mussten. Nur ja den Anschluß nicht verlieren!!!

Tirana war garnicht so schlimm, ich verfuhr mich einmal, holte aber dann die Entengruppe kurz nach Tirana wieder ein. Unfall. Jacky fuhr zu schnell in eine Kurve (nur ja den Anschluß nicht verlieren - sagte sie selber), stief auf die Bremse, Hinterrad blockierte (wo war das ABS) und sie schlitterte in einen Kleinbus. MR: Kupplungshebel und Hydraulikgefäß für Kupplung kaputt, Lenger verzogen, sie meinen, sie kriegen es wieder hin. Jacky: Kopfweh, blaue Flecken - nichts, was man mit Schmerztabletten nicht wegbekommen könnte. (Ich selber habe nur Schmerztabletten dabei, sonst nichts.)

Das Problem war nur, dass der Van wegen der Grenzprobleme 200 km Umweg fahren musste und daher erst Stunden später kam. Die Entlein mussten also als führerlose Gruppe weiterfahren, Kevin und Julia blieben bei Jacky.

Ich fuhr allein weiter, fragte ab und zu, immer nette Leute, immer hilfsbereit, zog Regenjacke an, fuhr lange Strecke am Ohris See durch Schotter und Schlaglöcher (im Schneckentempo - mit bangem Blick auf Tacho und noch zu fehrende Kilometer), zog Regenhose an, es goß, es war mal wieder trocken, der nächste Regenguß....

Die ALB Griechische Grenze kam. Es goß, aber wenigstens war das Ganze überdacht und ich war im Trockenen. Und dann nach weiteren 30 km Kastoria, Hotel am See, Schwäne, kleines Zimmer. Es war richtig spät, da die Uhr 1 Stunde zurückgestellt wurde bei der Einreise nach Griechenland, ich kam also erst um 20.00 an, zitternd vor Müdigkeit (ist jemand aufgefallen, dass von MIttagessen, Pausen etc. keine Rede war???) und ging recht flott ins Bett.

Beim Abladen des MR war ich sofort umrundet von griechischen Männern, die das Nummernschild erkannten und mit begeistert erzählten, dass sie den Starnberger See kannten, einer ist sogar drum herum gewandert!!! Alle 60 km. Er sprach Deutsch mit bayerischem Einschlag.

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12th May 2014

Albanische Geschichtsstunde...
Also, das war nun mal wirklich interessant, habe mich noch nie mit Albanien beschäftigt, muss ich sagen! Und deine Beschreibung der Entlein, kann ich mir so richtig vorstellen. In bin auch zu dumm, um mir schlimmes vorstellen zu können und habe auch noch nichts dergleichen unterwegs erlebt!

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