Woche Zwei: Die Schaukel ist da, der Schneider kommt, ein Huhn wird geschlachtet und der ganz normale Shoppingwahnsinn in Nepal


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Asia » Nepal » Chitwan
April 4th 2014
Published: April 5th 2014
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Am Dienstagkommt der lang ersehnte Anruf: die Schaukel ist fertig. Alex und Hira fahren nach Dandi und bringen das Gerüst mit dem gemieteten Traktor-Taxi mit zu uns. Es ist riesig und hat Platz für zwei Schaukelbretter und nach einer guten Stunde steht es auch endlich. Jetzt muss es nur noch gestrichen werden, denn im Moment ist es Rostbraun. Die Kinder entscheiden sich nach einigem Hin-und Her für grün. Die Farbe müssen wir allerdings morgen noch kaufen gehen. Alex bringt außerdem aus der großen Stadt noch ein paar neue Küchengeräte für Sushila mit, denn irgendwie wird unser Spendengeld-Topf nur langsam leerer. Endlich gibt es mal ein paar scharfe Messer in diesem Laden, ausserdem eine funktionierende Schere, ein ordentliches Schneidebrett, ein Kehrblech und ein paar extra Schöpfkellen. Und eine magnetische Wandschiene zur Aufbewahrung, damit die Kinder an die neuen scharfen Messer auch nicht drankommen. Denn deren Sicherheit ist Sushilas oberste Priorität. Überhaupt ist sie wahnsinnig aufopferungsvoll, die Kinder kommen immer an erster Stelle bei ihr. Zum Beispiel wartet sie immer bis sich alle Kinder (zum Teil mehrfach) Essen nachgenommen haben, bevor sie sich etwas zu Essen nimmt, damit keines der Kinder hungrig bleibt. Jeden Dienstag, also auch heute wieder, vollzieht sie ein religiöses Ritual, bei dem sie die Götter um eine gute Zukunft für ihre Kinder bittet und deswegen den ganzen Tag bis zum Sonnenuntergang nichts zu Essen zu sich nimmt. Dass sie trotzdem viermal am Tag für die Kids kocht, ist ja klar. Sie ist wirklich die beste Ersatzmutter, die sich diese Kinder wünschen können und es ist kein Wunder dass alle sie liebevoll Amma (Mama) rufen. Ansonsten wird heute nochmal eine riesen Ladung Knoblauch geerntet, geputzt und zum Trocknen zusammengebunden, wir gehen mal wieder im Fluss Schwimmen, ein Lemon Soda trinken und Alex bekommt von Sushila einen kleinen Kochkurs.

Am Mittwoch wird die Schaukel geschliffen, grundiert und dann endlich grün gestrichen, was übrigens garnicht so einfach ist, wenn eine hartnäckige junge Dame natürlich plötzlich genau dann schaukeln muss, wenn man gerade auf einem wackligen Plastikstuhl steht und Farbe direkt oberhalb der Schaukel anbringen will. Am Ende sieht das Gerüst richtig toll aus und wir freuen uns, dass wir uns damit hier bei den Kindern in gewisser Weise verewigt haben. Das Ganze ist auch so stabil, dass sie hoffentlich wirklich lange etwas davon haben. Über Mittag gehen wir alle zusammen an den Fluss, es ist ja schließlich wieder Waschtag und der findet diese Woche, da alle schulfrei haben, nicht unter der Wasserpumpe statt, sondern am Fluss. Zuerst werden aber noch allen die Haare geschnitten und dann geht es ans wilde Einschäumen, dass die kleinen Dreckspatzen auch wirklich nötig haben.Sushila wäscht ausserdem etwas Wäsche im Fluss während die Kinder baden und wir in der Sonne dösen. Allerdings sind die beiden Tshirts von mir, die sie mitgewaschen hat am Ende genauso sauber wie davor, da sie danach in der Wiese zum Trocknen liegen und auf Grund eines mal wieder in der Nähe angezündeten taktischen Buschfeuers, viele winzige Ascheteilchen auf unsere frisch gewaschene Kleidung herabregnen.Wirklich traurig zu sehen, wie viel Arbeit es macht, alles mit der Hand zu machen und wie wenig effektiv das oft ist. Von der Baustelle bis zur Landwirtschaft, vom Wäsche waschen zur Lebensmittelverwertung ohne Kühlmöglichkeit...alles ist irgendwie umständlich, zeitraubend, körperlich anstrengend und dabei im Resultat leider zu oft nicht komplett zufriedenstellend.

An Sushilas Beispiel merkt man wirklich, dass es in Nepal noch ein 24-Stundenjob ist, 6 Kinder sauber und satt zu bekommen. Dabei bleibt nicht viel Zeit für sich selbst oder anderes. Ein ganz normaler Tag in Sushilas Leben sieht zum Beispiel so aus:Aufstehen um 06.00 Uhr. Tee kochen auf dem Gasherd, Frühstück zubereiten für 6 Kinder. Danach das komplette Geschirr unter der Wasserpumpe säubern. Dann wäscht sie den Reis für die zweite Morgenmahlzeit, säubert die Linsen für das Dahl (das heisst sie schaut die Linsen penibel durch und entfernt kleine Holzstückchen oder Steine, die sich immer gerne darunter mischen), erntet und schnipselt Gemüse aus dem Garten zusammen und setzt schließlich Reis, Linsensuppe und Gemüsecurry auf, damit zwischen 10 und 11 Uhr 6 hungrige Mäuler gestopft werden können. Meistens geht sie selbst dann ihre Ziegen bei sich zuhause abholen und wartet in Hiras Shop bis Dieser solange bei uns gegessen hat, bevor er sie dort wieder ablöst und sie zurück zum Waisenhaus kommt und selbst ihre zweite Mahlzeit zu sich nimmt. Dann gehen die Kinder normalerweise in die Schule. Sushila spült das Geschirr an der Wasserpumpe, danach fegt sie die Kinderzimmer und die Küche sauber, in denen sich über den Tag hinweg immer wieder unfassbare Mengen Dreck vom Hof sammeln. Dann kümmert sie sich um ihren Gemüsegarten, näht verlorene Knöpfe an, wässert die Blumen, kauft ein oder bessert hier und da irgendetwas aus, bis die Kinder gegen 15 Uhr schon wieder aus der Schule kommen und ihre dritte Mahlzeit zu sich nehmen. Das ist meistens nur ein snack, aber dennoch muss er zubereitet werden und Sushila kocht auch wieder Tee dazu. Danach wird wieder gespült und dann auch schon langsam begonnen für das Abendessen zu ernten, säubern, schnippeln, kochen.Zwischendrin schneidet sie mit der Sense noch Gras für ihre Ziegen, damit diese Abends, wenn sie sie wieder mit nach Hause in den Stall nimmt auch noch etwas zu fressen haben. Natürlich helfen wir ihr im Moment so gut wir können aber dafür kocht Sushila für uns auch noch andauernd zwischendurch zusätzlich Tee und will ständig, dass wir uns mehr ausruhen. Wenn zusätzlich etwas ansteht, wie zum Beispiel Wäsche waschen, ist der Tag dann wirklich mehr als voll, ohne dass Sushila großartig Zeit verbummelt hätte. Ich wollte nicht tauschen, aber sie macht das alles sehr gerne.

Mein persönliches Highlight am Mittwoch ist, dass ich beim Nachbarn ein Huhn kaufe (das ganze Tier kostet mich schlappe 4,50€), dass es zum Abendessen geben soll. Das Prozedere läuft so ab, dass der Nachbar mehrere Hühner aus dem Stall zunächst in eine Art Hängekäfig setzt, an dem das Huhn mittels Gewichten am anderen Ende der Hängekonstruktion gewogen wird. Sushila sucht dann eines aus, dass ihr vom Gewicht her passt und das arme Vieh wird in den Nebenraum gebracht, wo ihm blitzschnell der Hals abgeschnitten wird. Ich habe das schon oft gehört, aber noch nie selbst gesehen, doch es ist tatsächlich so, dass das Huhn ohne Kopf noch ein paar Sekunden in der Gegend herumrennt, während sein Kopf schon neben mir auf dem Balken liegt. Der Verkäufer steckt es aus diesem Grund dann irgendwann "kopfüber" in eine Art Trichter, der unten offen ist, wo es ein bisschen ausblutet und immernoch hörbar herumzappelt. Dann dürfen wir es mit nach Hause nehmen, wo Hira es rupft und ausnimmt. Ich wollte eigentlich mithelfen, aber da Swastika mir ein Mindi auf die Hand gemalt hat, was noch trocknen muss, bin ich vorübergehend unbrauchbar und versuche es dann nächste Woche zum ersten mal selbst.

Ansonsten passiert nicht viel, der Schneider kommt und nimmt an jedem Kind Maß, damit die Schuluniformen auch passen und die Jungs sind völlig begeistert von den Wachsmalstiften, die wir aus Deutschland mitgebracht haben und verbringen erstaunlich ruhig und erstaunlich friedlich den ganzen Nachmittag damit, alte Pappkartons zu bemalen und auszuschneiden. Manchmal überraschen sie mich echt! Dass das Hühnchen, dass Alex zubereitet absolut köstlich ist, versteht sich wahrscheinlich von selbst. Auf jeden Fall ist es das frischeste Hühnchen, was ich je gegessen habe!

Am Donnerstag kommt eine grosse Ladung Erde, die verteilt werden muss, denn der Hof, der leicht abschüssig ist, soll für die Regenzeit auf ein Level gebracht werden. Also muss der aufgeschüttete Berg Erde verteilt werden, zudem sollen noch Holz- und Strohvorräte umgelagert werden. Hier kriege ich mal wieder die leichte Krise, denn irgendwie wird hier immer alles dreimal angefasst, anstatt sich einmal sinnvoll zu überlegen, was wohin soll. Das Brennholz und die Strohbündel vom Dach der abgerissenen Lehmhütte staple ich jetzt auf Sushilas Anweisung und trotz Protesten und Gegenvorschlägen ( wie wäre es unter dem Dach neben dem Klo, da wird es auch nicht nass??) genau da, wo die neue Lehmhütte entstehen soll und ich sehe mich schon nächste Woche dabei, das ganze wieder irgendwohin anders umzuschichten, wenn der Bau der Lehmhütte beginnt. Wie auch immer, wir machen es hier mal wieder "The Nepali Way". Tatsächlich beginnt es gegen 09.00 Uhr heftig zu regnen und jetzt bemerkt Hira, dass das Brennholz ja nass wird. Also flugs eine löchrige Plastikplane herausgesucht..."ähm Hira, wie wäre es mit der riesigen Plane, die wir für die Linsenernte genommen haben?" Abgelehnt. Wir verteilen also die löchrige und viel zu kleine Plane notdürftig über dem Holz und dem Stroh und trinken erstmal Tee.

Mittags fahren wir mit Sushila nochmal mit dem Bus in die Stadt, wir wollen noch etwas von dem mitgebrachten Spendengeld unters Volk bringen und müssen ausserdem die Hälfte der Sandalen, die wir letzte Woche gekauft haben umtauschen, da sie den Kindern viel zu klein sind. Auch diesmal weiss Sushila aber die Schuhgrößen nicht und so ist es wieder ein munteres Herumrätseln und Beraten, welche Schuhgröße wir für welches Kind kaufen sollen. Letztlich haben wir uns aber entschieden und gehen weiter zu einem Matratzenladen, wo Sushila neue Matratzen für die Betten der Kinder kaufen will. Das ist auf jeden Fall keine schlechte Idee, denn wenn wir die gleichen Matratzen haben wie die Kinder, dann ist auch deren Bett mehr ein Brett. Es werden also 5 neue flauschige dicke Matratzen und Kissen erstanden und Sushila handelt noch kräftig. Dann arrangiert sie mit dem Busfahrer, dass dieser vor den Shop gefahren kommt, die Matratzen werden aufs Dach des Busses geladen und wir bezahlen den "Fahrpreis" für unsere Einkäufe, die dann in Sauraha an Hiras Laden abgeworfen werden. Was ein Glück, dass jeder Busfahrer Sushila und Hira kennt. Dann möchte ich noch Zeichenblöcke für die Kinder kaufen, denn die mitgebrachten Wachsmalstifte kamen zwar total gut an, nur leider hatten die Kids nicht viel zum Bemalen und besonders Rahul zeichnet sehr gerne und gut. Im Schreibwarenladen können wir Sushila dann auch noch überzeugen, auch gleich neue Schulhefte auf Vorrat und ein paar Stifte mitzunehmen. Dann will ich noch für die Mädchen ein paar Sachen im Beautyshop kaufen, was sich auf Grund der großen Auswahl als etwas länge Aktion entwickelt. Am Ende haben wir eine (für nepalesische Verhältnisse) größere Summe in Nagellack, Haarspangen, Haarreifen, Armbändern, Lippenbalsam, Mindipaste, Eyeliner und Handspiegeln, Kämmen und Nailclippern investiert. Schließlich macht Sushila noch einen Großeinkauf im Lebensmittelladen, was uns ungefähr 45 Minuten kostet weil es das unorganisierteste Einkaufen ist, das ich je gesehen habe.

Sushila hat bereits eine Einkaufsliste geschrieben, die sie dem Verkäufer, des höchstens 20 qm großen Ladengeschäfts übergibt. Der schreibt alles fein säuberlich auf seinen Rechnungsblock ab und man könnte meinen, dass er jetzt nur von oben nach unten die ca 20 Posten abarbeiten müsste, zusammenzählen und fertig. Aber so einfach ist das auf nepalesisch nicht. Die Frau des Verkäufers legt einige Sachen parat, vergleicht dann mit der Liste, bedient zwischendurch andere Kunden, die ebenfalls einen Großeinkauf machen, legt dazu dann unsere Sachen wieder woanders hin, ruft nebenher ihrem Mann einige Posten von unserer Liste zu, der widerum legt die dann woanders parat, wiegt ab, legt irgendwo hin, zählt die Seifen und Kekspackungen in einen Karton, der dann zu klein ist, leert einen anderen Karton, zählt alles erneut dort hinein, ruft das ganze seiner Frau zu, die vergleicht mit unserer Rechnung, sucht den Rest wieder zusammen, der schon irgendwo anders parat liegt, rechnet zwischendurch den Einkauf der anderen Kundin zusammen, packt aus Versehen die falschen Sachen ein, rechnet alles drei mal auf dem Taschenrechner, schreibt dann die Preise auf unsere Liste und nochmal extra auf einen Rechnungsblock und so weiter...Eine elende Tortur dieses Einkaufen und Sushila bemerkt zu Recht, dass sie immer grössere Mengen von Allem kauft, damit sie Zeit spart, denn inzwischen ist es Halb Vier und wir haben dreieinhalb Stunden für die paar Einkäufe gebraucht; alle Läden befinden sich wohlgemerkt in einer Straße!Dafür haben wir am Ende fast 200 € ausgegeben und laden den Linienbus mit unseren Reissäcken, Kartoffelsäcken, Zwiebeltüten und zwei großen Kartons mit Hygieneartikeln und anderen Lebensmitteln voll. Ausserdem finden letztlich noch ein großes Küchenregal und ein Mörser den Weg in unsere Einkaufstüten.

Die Busfahrt ist auch wieder ein Erlebnis. Da es auf dem Dach schon voll ist, werden die meisten Säcke in den Innenraum verfrachtet, der eh recht beengt ist. Und alle Fahrgäste quetschen sich noch auf unsere Reissäcke oder hängen zur Tür hinaus, den keiner hat Lust zu warten, bis sich der nächste Bus füllt, denn der fährt erst wenn es sich lohnt und genug Leute drin sitzen.Zuhause ist die Freude groß als wir die Mädchentüte öffnen und den Jungs verspreche ich, dass es bald auch nochmal einen Boys-Day gibt, wo sie etwas bekommen ( praktischerweise habe ich ja noch die Spielzeugautos-Tüte als Joker im Gepäck!). Trotzdem sind alle ganz happy über die Matratzen und die -Gott sei Dank jetzt passenden- Schuhe und bedanken sich ganz süß! Von Ashika gibt es wieder tausend Küsse und alle anderen können garnicht oft genug danke sagen und sind total aufgekratzt und anhänglich. Aishma, Sushilas Tochter, trägt mir dann auch direkt ein kunstvolles Mindi auf die Hände auf. Es hat zwischendurch immer wieder geregnet und dadurch klart es so weit auf, dass wir zum ersten Mal die Hügelkette sehen können, die uns im Norden umgibt und sogar der schneebedeckte Himalaya, ganz im Norden, blitzt zwischendurch kurz hervor. Es ist wunderschön aber auch irgendwie surreal hier im tropischen Chitwan zu sitzen und Schneebedeckte Gipfel zu sehen und die meiste Zeit ist es hier auch einfach immer zu diesig um so weit zu sehen.Pünktlich zum Abendessen geht ein riesen Wolkenbruch herunter und wir sind ganz froh, dass wir den Hof noch heute morgen geebnet haben. Es kühlt direkt merklich ab und es soll noch die halbe Nacht regnen und gewittern aber das ist vielleicht auch für unsere ausgesäten Bohnen mal nicht schlecht! Zumindest ist es ganz gemütlich wie es auf unser Wellblechdach trommelt.Morgen fahren wir übers Wochenende nach Pokhara in den Norden und werden erst am Montag wiederkommen.

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