Abschied aus dem Süden


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Tunisia's flag
Africa » Tunisia » Tozeur
April 13th 2013
Published: July 6th 2013
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Wo sind die Eselkarren wenn man sie braucht?
Am frühen Morgen, und doch lange nach dem Muezzin, mussten wir uns wieder aus dem Bett schälen und unser großzügiges Zimmer in Tozeur endgültig räumen. Für heute war die Rückfahrt nach Tunis geplant. Das heißt: Alles reisefertig packen, zum Busbahnhof, den richtigen Bus finden und dann in 7,5 Stunden rund 500km zurück an die Küste. In Tunis erwartete uns bereits die Couchsurferin Anissa, die uns schon zu Beginn unserer Tunesien-Etappe beherbergt hatte. Nach einer ersten „Anprobe“ der Rucksäcke und diversen Tüten wurde uns schnell klar, dass wir wohl oder übel zumindest ein paar Steine zurücklassen mussten. Das kann ja kein Mensch mehr tragen! Da im Hotel bereits vereinzelt Fossilien zur Deko herumlagen, erdreisteten wir uns, deren Anzahl etwas zu erhöhen.


Ein echtes Souvenir



Nachdem wir für die letzte Nacht wieder nur rund 7,-€ pro Person an der Rezeption gelöhnt hatten, ging es zu Fuß auf in Richtung Gare Routiere. Und mit uns die Wehmut. Nur einige Tage ist es her, dass wir mit unseren Rucksäcken zum ersten Mal auf diesen staubigen Straßen Tunesiens Süden betraten, scheu und beobachtet, planlos und ohne Orientierung. Doch nun fiel es uns sehr schwer, uns wieder von Tozeur, Chebika, dem Sand und den

Boujema zeigt ein einziges Mal seinen echten Burnus während eines Gewitters. [Chebika 2006]
Palmen zu lösen. So viele Orte, die es noch zu entdecken gäbe, so viele nette Bekanntschaften. Doch die Fähre wartete schon, bereits in ein paar Tagen sollte es zurück nach Europa gehen. Auf dem Weg zum Busbahnhof bereute ich es immer mehr, mir doch keinen Burnus gekauft zu haben. Dieser traditionelle Umhang wird eigentlich aus Kamelhaar gefertigt und allenfalls vererbt. Käuflich erwerben kann man in der Regel nur drittklassige Originale oder Nachbildungen aus Kunstfaser. Eine solche hatte ich 2006 in einem Laden mitten in Tozeur günstig erworben und dabei eine lange und interessante Unterhaltung mit dem Ladenbesitzer geführt. Leider wurde mir das gute Stück in Erlangen aus dem Waschraum heraus geklaut. Die Neuanschaffung war eigentlich fest eingeplant, aber das Gepäck war bereits jetzt kaum noch zu ertragen. Als wir auf unserem Weg direkt an einem winzigen Schneiderladen vorbeikamen, entschied ich mich doch noch um und wir betraten die kleine Kammer, die mit Kleidern, Burnussen und Stoffen fast gänzlich ausgefüllt war. In der Mitte hatte noch ein Verkäufer Platz, der vermutlich gleich merkte, dass er leichtes Spiel haben würde. Ungeduldige Touristen, offensichtlich kurz vor der Abreise- da öffnet sich schnell der Geldbeutel! Ohne das eigentlich so wichtige Vorgeplänkel zur gegenseitigen Einschätzung

Bye bye Djerid
suchte ich mir ein schönes Stück aus und ließ mir dann den Preisvorschlag schmecken. Selbst inflationsbereinigt war der im Vergleich zum Preis von 2006 so dreist, dass es nicht lang dauerte, den Verkäufer von einem Preisnachlass von knapp 50%!z(MISSING)u überzeugen. Das war immer noch rund der doppelte Preis, aber selbst die Tunesischen Dinar in meiner Tasche hatten mit dem Ladeninhaber gemeinsame Sache gemacht und sich bereits abgezählt bereitgelegt. Also was soll´s: Umgerechnet gut 20€ für das erste regulär erworbene Souvenir – gekauft! Immerhin wog der bodenlange Kapuzenumhang dank Kunstfaser kaum mehr als ein Fladenbrot.


On the road again



Am Busbahnhof zeigte sich das übliche Bild. Zahlreiche Personen warteten stoisch im Schatten des großen Flachbaus auf die alle paar Minuten durchfahrenden Busse, die leider nur auf Arabisch beschriftet waren. Ein perfekt orchestriertes Kommen und Gehen, nur wir wussten wieder mal nicht, welches unser Bus war. Doch laut Ticketverkäufer hatten wir ohnehin noch ein paar Minuten Zeit, und so starteten wir einen weiteren zögerlichen Versuch, unsere mitgebrachte Brause mit möglichst wenig Kolonialmanier an die anwesenden Kinder zu verteilen. Wenn man sich auf bettelnde Kinder einstellt (und das tun sie andernorts in Tunesien durchaus) schaut man ziemlich dumm aus

Mahlzeit am Straßenrand
der Wäsche, wenn die dann lieber fröhlich anderen Dingen nachgehen und freundlich auf Distanz bleiben. Ein paar kleinere Jungs, die neben uns herum kugelten, hatten dann aber doch genug Mut, einmal zu probieren. Es blieb dabei: Brause trifft offensichtlich nicht den tunesischen Geschmack. Stattdessen naschten die Jungs lieber die uns unbekannten Früchte des Baums, der uns im Innenhof Schatten spendete. Als die offizielle Abfahrtszeit gekommen war, gingen wir dazu über, zu allen ankommenden Reisebussen zu laufen und „Tozeur?“ zu fragen. Wenn wir den Bus sehenden Auges verpassen würden, wäre das nicht nur peinlich sondern auch sehr ungünstig für unsere Reiseplanung. Die Spannung stieg und die teilweise nur wenige Momente anhaltenden Busse hielten uns ganz schön auf Trab. Wie unwürdig das von außen ausgesehen haben mag... Und doch schien es wenig Sinn zu machen, einen Passanten zu bitten, uns Bescheid zu geben, da jene ja ständig zielsicher irgendwelche Busse bestiegen.

Es kam wie immer: Der Bus kam und von mehreren Seiten wurde uns bedeutet, dass das nun unser Bus ist. Also nichts wie hin mit dem ganzen Gepäck, die Rucksäcke in die letzten freien Ecken im Frachtbereich gedrückt und rein in den fast vollen Bus. Die Fahrgastschar war wieder einmal

Kontrast Tunis
sehr bunt gemischt: Sogar zwei in traditionelle Kluft gekleidete Berbermatronen leisteten uns Gesellschaft! Ganz hinten waren noch zwei Plätze frei. Einer mit nicht feststellbarer Rückenlehne und einer direkt über dem bereits glühenden Motorblock. Egal, nach spätestens einer halben Stunde fällt man zum heiseren Röhren von Motor und Klimaanlage ohnehin in Trance und kann nichts anderes mehr tun, als Musik einzuschalten und die grandiose Landschaft mit halb geschlossenen Augen an sich vorbei ziehen zu lassen.

Die erste und einzige Abwechslung war die erste und einzige Pinkelpause, wieder in Kairouan. An der selben „Autobahnraststätte“ wie bei der Hinfahrt hatten sich drei Busse gleichzeitig eingefunden und hüllten das Straßenrestaurant in buntes Treiben. Wir waren uns nicht ganz klar, wie lange der Bus halten würde, entschieden uns jedoch für einen Snack, den wir schon bei der Hinfahrt beäugt hatten: Chapati (nicht zu verwechseln mit dem Indischen Chapati). Das ist ein in ganz Tunesien verbreiteter Sandwich mit den auch in einigen anderen Gerichten zu findenden Zutaten: Ein rundes, knuspriges Fladenbrot, gefüllt mit einem Omelette mit diversen Kräutern, Harissa, Salat, wahlweise Thunfisch und einer leckeren grünen Paste, die aus leckeren grünen Dingen zu bestehen scheint. Noch während wir die Zubereitung unserer Chapatis beäugten startete der

Eine Küche, so groß wie ein Haus
Busfahrer wieder den Motor. Und so lag es auch diesmal wieder an uns, wie aufgeschreckte Hühner hin und her zu laufen und zu gestikulieren, nur um festzustellen, dass der Busfahrer nur einem weiteren Bus Platz machte, um sich danach mit noch mehr Zigaretten und kühlen Getränken einzudecken. Sicherheitshalber verspeisten wir unsere schmackhafte Köstlichkeit im Bus, man weiß ja nie.


Zurück im anderen Tunesien



Nach insgesamt 7,5 Stunden Dämmerzustand kamen wir um halb 7 am großen Busbahnhof nahe dem Bab (Tor) Alioua in Tunis an. Was für ein Unterschied! Überall geteerte Straßen, Autos, Business-Menschen, Supermärkte, Parks, sogar Händchen haltende Paare. Nach einer Reise in den Süden kommt einem das ganze zwar vertraut und einfach, aber auch obszön und übertrieben vor (bis auf das Händchen halten). Vor unseren Augen blätterten die touristische Exotik und die herzliche Einsamkeit ab und hinterließen eine quasi Europäische Stadt mit all ihren Annehmlichkeiten. Mit unseren mittlerweile gesammelten Erfahrungen ergatterten wir sofort ein Taxi, das uns für rund 3€ durch die ganze Stadt direkt in den Bezirk El Menzah V und vor Anissas Haustür brachte. Unsere Gastgeberin war allerdings noch nicht zu Hause, und so warteten wir auf sie im gegenüberliegenden Café, das uns auch wieder einen Internetzugang ermöglichte. Als sie dann kam, sperrte sie uns nur auf und verschwand recht bald wieder, sodass wir alleine und etwas ratlos in ihrer riesigen Küche zu Abend aßen. Unsere kärglichen Reste (Brot, Plastikkäse und Kekse aus Tozeur, Honig aus Tübingen und Wasser) schmeckten vorzüglich! Und so konnten wir selbst in dieser sterilen, überdimensionierten und surrealen Wohnung noch ein wenig in den Erinnerungen der letzten Tage schwelgen.

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