Douz, das Tor zur Wüste


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Africa » Tunisia » Douz
April 12th 2013
Published: June 27th 2013
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Die Touristenmeile ist verlassen
(aus Viktors Sicht)



Nach insgesamt nur knapp zwei Stunden Autofahrt erreichten wir schließlich Douz, die alte Karavanenstadt, in der heute die Touristen in Karavanen einfallen. Bei meinem letzten Besuch war ich zwar aufgrund einer knackigen Magen-Darm-Infektion nicht ganz zurechnungsfähig. Doch ich erinnerte mich noch genau an die Busladungen, die direkt an den Ortsrand, den Rand der Sandwüste, gefahren wurden. Alle bekamen eine Art gestreiften Bademantel übergeworfen (lokale Tracht...) und wurden auf Kamele gesetzt. Für die weniger Kameltauglichen stand eine Kutsche bereit. Dann ging es in der großen Gruppe ein paar Meter in den Sand, und dann kamen auch schon die Verkäufer angerast, die hinter der nächsten Düne warteten. Seit vielen Jahren berühmt ist auch ein großes weißes Dromedar mit würdevollem Reiter (Photo=1 Dinar) und ein exotischer Wüstenheld auf einem wilden Araberhengst (Kosten je nach Dauer des Ritts). So war es einmal!

Als wir die typischen Touristenlocations ansteuern wollten (schließlich wollten wir auch typische Touristendinge tun), schienen wir uns sogleich verfahren zu haben. Der Sand war da, ein paar Gebäude, rostige Schilder... aber kein einziger Mensch weit und breit. Nach der schon recht kräftezehrenden Fahrt machte sich schnell Unruhe breit. Ich dachte ich kenn mich hier noch aus?

Rückblick 2006: Einsamkeit Fehlanzeige
Genau auf diesem Sträßchen wurde ich doch damals von einem alten Hutzel mit seinem Eselkarren mitgenommen! Überall mischten sich damals Kamele, Busse und Quads mit dem Geruch von Kaffee, Sonnencreme und Touristendollars.


Die einzigen Gäste



Ratlos und erschöpft ließen wir uns angesichts der Mittagshitze an einem Sandhügel im Schatten einer Palme nieder. Das Auto ließen wir am Straßenrand stehen, da die Parkplätze bereits mit einer beunruhigenden Sandschicht bedeckt waren. Doch natürlich war die Szenerie nicht ganz so verlassen wie wir dachten. Als wir uns unser Fladenbrot und den guten alten Président Carré Plastikkäse (den man nicht kühlen muss) schmecken ließen, kamen bereits zwei Tunesier in unsere Richtung angetrottet, die uns sicherlich schon eine Weile beobachtet hatten. Wir erwarteten sofortige Verkaufsverhandlungen, doch die zwei luden uns stattdessen äußerst höflich und zurückhaltend dazu ein, uns doch zu ihnen in das nächste Café in den Schatten zu setzen. Wir könnten auch ruhig unsere eigenen Sachen dort verspeisen, aber es wäre einfach gemütlicher und nicht so heiß. Uns war klar, dass sie uns dort früher oder später auch zu unserer allgemeinen Bereitschaft befragen würden, in ein kostenpflichtiges Verhältnis zu zwei Kamelen und einem Führer zu treten (sofern vorhanden). Da wir das

Das Kamel faltet sich auseinander
aber ohnehin vorhatten, ließen wir uns gerne darauf ein. Die unerwartete Höflichkeit der beiden gipfelte in der Tatsache, dass sie uns nach dieser Einladung tatsächlich wieder in Ruhe ließen und zurück gingen, sodass wir uns in Ruhe beraten und unsere Brotzeit beenden konnten.

Das Café entpuppte sich als die gleiche Kamelstation, von der aus ich mich damals schon einmal auf einen Kamelrücken wagte, nur dass wir diesmal die einzigen Gäste waren. Und so unterhielten wir uns bei Kaffee und Tee mit unseren beiden „Anwerbern“ und ihren Kollegen recht offen und ohne Touristenblabla über das Ausbleiben der Gäste, die Revolution und die schwierigen Verhältnisse. So wenig verlockend der Ort in seiner einst brummenden Tourismus-Blüte wirkte, so erschütternd ist aber auch das momentane Gegenteil. Immerhin konnten wir als lebende Beispiele zeigen, dass es auch noch Reisende gibt, die sich sicher fühlen in einem Land, das entschlossen mit friedlichen Mitteln nach der Freiheit gegriffen hat.


Zwei Kamele und ein Fisch



Im Sand vor dem Café waren, von uns bisher unbemerkt, doch noch rund zehn Kamele angebunden, die die Mittagssonne offensichtlich einfach aussaßen. Nach kurzer Verhandlung mit den Tunesiern, die angesichts des Geschäfts dann doch wieder etwas geschäftstüchtiger wurden, vereinbarten

Idris, der Herr der Wüstenferraris
wir eine Tour von rund eineinhalb Stunden, da wir das Auto leider zum Sonnenuntergang schon wieder zurückgeben mussten. Der eigens herbeigerufene Kameltreiber trug den Namen „Idris“ und war ein wirklich professioneller Touristenführer. Er verstand es meisterlich, uns das Gefühl einer Sonderbehandlung zu geben und wirkte gleichermaßen begeistert, humorvoll und kommunikativ. Nur bei genauem Hinsehen erkannte man die Nahtstellen in seiner Rolle, die er vor uns vermutlich schon mehreren Tausend Touristen präsentiert hat. Hinter der Fassade der persönlichen echten Freude und Verbindlichkeit meinten wir aber beide, auch einen freundlichen Menschen zu erkennen, der wohl auch einfach erleichtert war, dass er sein Programm abspulen und endlich wieder ein paar Dinar einfahren kann. Dabei kam es dann allerdings zu teils paradoxen Situationen, in denen er unsere vermeintlichen Touristenbedürfnisse befriedigen wollte, die wir einfach nicht hatten, wie z.B. unzählige Fotos von uns auf den Kamelen, übertriebene Becircung der Dame oder vermeintlich ungeheuerliche Scherze (hoho, die Frau hält jetzt die Zügel, hoho!).

Dennoch war der Ausritt wirklich ein großes Vergnügen. Idris stellte uns zunächst die Kamele und ihre jeweiligen Verwandtschaftsverhältnisse vor. Mit seinen „Wüstenferraris“ kannte er sich gut aus, da er wohl auch regelmäßig an dem jährlichen, in ganz Nordafrika und Arabien bekannten Wüstenfestival

Die letzten Palmen
in Douz als Reiter teilnimmt (7.Platz! 7. Platz!). Das Festival findet irgendwann im November/Dezember statt und scheint ein wirklich beeindruckendes Spektakel zu sein. Beim Aufsteigen erfährt man dann recht schnell, dass Kamelreiten nicht immer ein Spaziergang ist. Man nimmt in dieser Region der Sahara hinter dem Buckel platz und hält sich krampfhaft fest, während sich das Monstrum zuerst auf die vorderen Knie wuchtet, dann die Hinterbeine durchstreckt und sich letztlich auf alle Schlackerbeine aufrichtet. Dabei gibt man als ungeübter Europäer schnell ein ziemlich unfeines Bild ab, da man abwechselnd gegen den Höcker klatscht und beinahe hinten runter rutscht. Der eigentliche Lauf auf ebener Strecke ist aber tatsächlich so majestätisch wie man sich das vorstellt.

Es ist recht erstaunlich, wie schnell man selbst in diesem Randbereich mit maximal rund 2m hohen Dünen den Bezug zur Zivilisation verliert. Schon nach einigen Minuten verschwinden die Gebäude und Palmen in der flirrenden Mittagshitze und man bekommt in dieser absoluten Stille einen ganz guten Vorgeschmack von der unvorstellbaren Leere und Einsamkeit in der Weite der Wüste. Ganz allein waren wir hier jedoch nicht. Tatsächlich hatte uns der bereits erwähnte mysteriöse Reiter mit dem pfeilschnellen Araberhengst von seiner schattigen Warte aus erspäht, hatte sich sicherlich

Ein Apothekerskink nach Wirbelsäulenmassage
kurz die Augen gerieben und kam zu uns herangejagt. Als er fast bei uns angelangt war, schien er die Hoffnungslosigkeit seines Angriffs bereits zu ahnen. Seine Bemühungen, uns schon nach fünf Minuten Kamelbuckel zu einem Sattelwechsel zu überreden, mussten ins Leere laufen. Also wechselte er ein paar Worte mit Idris und zog sich dann wieder in den Schatten zurück.

Idris dagegen machte uns mit weiteren Beobachtern unseres Ausrittes bekannt. Dazu folgte er den immer wieder auftauchenden Spuren im Sand bis zu den Punkten, an denen sie plötzlich aufhörten. Dort rammte er seinen Unterarm in den staubfeinen, wie Wasser fließenden Sand und wühlte hektisch herum. Nach ein paar Versuchen, die wir zu dem Zeitpunkt noch nicht ganz einordnen konnten, jauchzte er plötzlich auf und zog eine Echse aus dem Sand! Sie war etwa so lang wie ein Kugelschreiber und hatte einen fischartig gedrungenen Körper mit glänzenden Schuppen. Ein „Poisson de sable!“ (Sandfisch). Wikipedia klärte uns später auf, dass es sich dabei um einen „Apothekerskink“ handelt, dessen Schuppenoberflächen für ein eigenes physikalisches Fachwort verantwortlich sind: Der Sandfischeffekt! Mit dessen Hilfe kann sich der Skink im Sand ungefähr so gut fortbewegen wie ein Mensch im Wasser (Perlentaucher nicht mitgezählt). Idris wusste aber

Wenn das Glück auf dem Rücken der Pferde sitzt, was sitzt dann auf dem Arsch der Kamele?
noch eine andere Besonderheit zu demonstrieren: Wenn man ihn an Kopf und Schwanz packt (Vorsicht bissig!) und zieht, dann knackt die Wirbelsäule wie ein Beutel Walnüsse. Wir haben uns eingeredet, dass das dem Skink gut tut und versucht, ihn so schnell wie möglich wieder frei zu lassen. Eines der gefangenen Tiere flüchtete dabei unter eines der sitzenden Kamele, was ein bisschen Pepp in die Situation brachte.

Nach mehreren Schlenkern über steilere Sanddünen, die uns festhaltetechnisch einiges abverlangten (schließlich hatten wir diverse Sandfische zu halten – runter zwischen die Beinewerfen konnten wir sie ja auch nicht), schlugen wir so langsam den Rückweg ein. Idris belud uns noch mit mehreren Sandrosen unterschiedlicher Größe. Dabei handelt es sich um mit Sand durchsetzte Gipskristalle, die je nach Wuchsrichtung wie versteinerte Blütenblätter wirken und am Nordrand der Sahara als Souvenir sehr beliebt sind. Am Ende der Reise zeigte sich unser Führer dann leider schnell wieder von seiner professionellen Seite: Als Bezahlung und Trinkgeld übergeben waren, war er schneller und geräuschloser verschwunden als jeder Apothekerskink.


Ein Tee mit Geduld



Die Rückfahrt durch Douz, Kebili und das Chott gestaltete sich in der milderen Sonne des Spätnachmittags wesentlich angenehmer als noch Stunden zuvor. Vielleicht
lag das auch an der kühlen Cola, die wir uns noch beim Einsteigen von einem motorisierten Halsabschneider haben andrehen lassen. Nach einem längeren Zwischenstopp im Chott entdeckten wir auch noch das Autoradio und ließen uns, mit den fantastischen Bildern des Tages im Kopf, von der Abendbrise durch die immer belebteren Straßen nach Tozeur rollen. Als wir schon nach Sonnenuntergang das Auto zurückgeben wollten, war die Mietstation bereits geschlossen. Doch nach einem kurzen Anruf kam auch schon ein Herr zu uns herbei geschlappt und nahm uns, ohne das Auto zu betrachten, den Schlüssel wieder ab.

Zwischen der Mietstation und unserem Hotel reihten sich zunächst mehrere Cafés aneinander, die Abends von Massen an jungen Tunesiern mit Mopeds belagert werden. Die Atmosphäre in dieser lauten, rein männlichen Halbstarkenszenerie wirkt auf gemischtgeschlechtliche Touristenpärchen nicht sehr einladend. Daher drückten wir uns möglichst zügig durch das Gewimmel und landeten direkt in den Armen von Geduld. Das war zumindest der Spitzname von Amar, einem älteren, hageren Herren der uns in sehr höflichem Deutsch das Restaurant "La Lune" empfahl, aus dem er gerade kam. Da wir den ganzen Tag noch nichts vernünftiges gegessen hatten, ließen wir uns sofort auf sein Werben ein und nahmen in dem kleinen,

Der Sonne nach durch das Chott
mit typischen Ornamentfliesen ausgekleideten Restaurant platz- direkt neben einem Tisch mit einer französischen Familie. Das lässt sich allerdings auch kaum vermeiden, da die Tunesier eher daheim essen und dann (die Männer) ins Café gehen. „Geduld“ unterhielt sich noch eine Weile mit uns und erzählte uns von seinem Spitznamen und seiner Liebe zur Deutschen Sprache und Hermann Hesse. Lustigerweise entpuppte er sich auch als Wächter auf dem nahe gelegenen Campingplatz „Rhas al Aien“! Das heißt, dass ich ihn schon einmal getroffen habe. Und zwar im Rahmen der bereits erwähnten Fahrradexkursion Erlanger Geographen, die auf Anweisung des knausrigen Professors bei anbrechender Dunkelheit in einer geschlossenen Gruppe mit hoher Geschwindigkeit auf besagten Campingplatz brettern sollte, damit die Wächter mit Zählen nicht nachkommen und wir weniger zahlen müssen (sie kamen uns auf die Schliche).

Nach einem wieder mal ausgezeichneten, reichlichen Essen mit mehreren frisch gepressten Orangensäften trafen wir ihn wieder und folgten willfährig seiner Einladung, mit ihm und einem Freund auf der anderen Straßenseite noch einen Tee zu trinken. Dieser (der Freund) entpuppte sich als wettergegerbter Berber mit Kopftuch und blau-beiger Wüstentracht. Doch wir staunten nicht schlecht, als Achmed uns in den nächsten Stunden anhand eines dicken Fotoalbums aus seiner Lebensgeschichte erzählte! In

Julika, Geduld, Achmed, Katze
seinen jüngeren Jahren hatte er als Maurer, Koch,Kellner und Metallarbeiter halb Europa abgeklappert. Bilder von ihm im deutschen Schnee, muskelbepackt an der italienischen Riviera, in Begleitung von Mädchen und Autos, im 80er-Dauerwellen-Look in den Alpen und natürlich in der tunesischen Wüste, wo er an diversen Filmsets mithalf (Anm.: In der weiteren Umgebung von Douz wurden große Teile der verschiedenen Star Wars Episoden gedreht. Der Planet Tatooine ist benannt nach dem Städtchen Tatauine. Die Kluft der Jedi ist eine Kopie des Bournus der Berber). Dazwischen ein einziges Foto von seiner Ehefrau, auf die er mit keinem weiteren Wort einging.

Heute stellt er aus Palmenzweigen Souvenirartikel und kleine Möbel her, die er direkt an seiner kleinen Werkstatt an Touristen verkauft. Außerdem beherbergt er regelmäßig Individualtouristen aus aller Welt (zuletzt Japan), die das Schicksal bei ihm vorbei weht. "Bisschen Hammelfleisch, bisschen Spaß muss sein!" - so sein Credo auf Deutsch. Ansonsten überlässt er diese Sprache lieber seinem Freund Amar. Bis nach Mitternacht saßen wir mit den beiden Herren zusammen, unterhielten uns über alles mögliche, schnupperten an den uns überreichten Rosen und ließen uns von ihren Geschichten verzaubern. Mit einem weiteren festen Versprechen, dass wir sie bei einem nächsten Besuch unbedingt nochmal aufsuchen
müssen, lösten wir uns, hasteten durch die nun menschenleeren Straßen zum Hotel und ließen uns erschöpft und glücklich in die Betten fallen.






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Ein Blick in die Sahara


Spuren im Sand


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