In Tunis und um Tunis und um Tunis herum


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Tunisia's flag
Africa » Tunisia » Tunis
April 14th 2013
Published: July 26th 2013
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Das Chalet Vert
Strahlende Sonne weckte uns an diesem Sonntag Morgen, und durch die Fenster drangen nur dumpf die paar Geräusche, die ein gehobenes Wohnviertel am Sonntag so von sich gibt. Zum Glück hatten wir zwei ganze Tage Puffer in Tunis eingeplant, bevor die Fähre wieder zurückfahren würde. Was wir in diesen zwei Tagen anstellen würden, hatten wir allerdings noch nicht so recht durchdacht, und so wuschen wir erst einmal unsere ganze staubige Dreckwäsche im Innenhof. Bei einem landestypischen Nescafé rief ich dann auf gut Glück bei Amine an. Das war ein Couchsurfer, dessen Profil uns sehr gut gefallen hatte (Medizinstudent, Hobbyfotograf, Aktivist...), der uns aber leider wegen Überbelegung seiner Couch absagen musste. Dennoch hatte er uns gebeten, ihm Bescheid zu sagen, wenn wir in Tunis sind, damit wir uns treffen könnten.

Per SMS erfuhren wir, er sei mit Freunden am Djabal Boukornine in Hammam Lif, einem Außenbezirk von Tunis, und wir sollten doch auch kommen. Eine hastige Recherche zum Djabal Bourkornine in unserem Reiseführer blieb ergebnislos. Immerhin fanden wir heraus, dass Hammam Lif südöstlich von Tunis liegt und wir wohl rund 45 Minuten mit dem Zug dorthin brauchen würden. Amine schrieb uns nochmal, wir sollten vom Café „Chalet Vert“ aus die Treppen

Brandschutzschneisen am Djabal Boukornine
nach oben nehmen und bei jeder Gelegenheit einfach rechts abbiegen, es sei denn, das würde uns nach unten führen. Das hörte sich alles sehr vage an, doch wer wagt gewinnt! Da sich Anissa ohnehin wieder zum Skypen in ihr Zimmer verkrochen hatte, nahmen wir einfach das nächste Taxi in die Innenstadt und zum Place de Barcelone, an dem sich auch der recht überschaubare Kopfbahnhof befindet. Den passenden Zug verpassten wir sogleich und machten uns statt dessen auf die Suche nach etwas Reiseproviant. In dieser Ecke von Tunis, südlich der zentralen Avenue Habib Bourguiba, erinnert vieles an die Französische Kolonialzeit. Die Fassaden, die Platanen am Straßenrand, der Park, die Läden... es könnte auch Marseille sein! Leider spiegelt sich das auch im Ladenangebot wieder. Und so erstanden wir zu horrenden Preisen lediglich zwei Pains au Chocolat, eine Art Quiche und Wasser. Das würde bis zu unserem Ausflugsziel erst mal reichen.


Tunesische Naherholung



Als wir wenig später, nun wieder im Bahnhof, zu unserem Zug liefen, wurden wir von zwei etwas schmuddeligen Herren angesprochen, die offensichtlich in Feierlaune waren. Dem mit den schlechteren Zähnen stand wohl eine Hochzeit (seine dritte) am darauffolgenden Tag bevor, zu der wir spontan herzlich eingeladen wurden.

Blick auf Hammam Lif und Tunis im Hintergrund
„Er steht so auf Familie und Kinder, dass er immer wieder heiraten will!“ meinte sinngemäß sein heiterer Begleiter. Auch wenn die beiden für uns eine gewisse kulturelle Abwechslung boten, entschieden wir uns, ohne Vorwarnung in einen bereits recht vollen Waggon zu springen, um möglichst höflich eine gemeinsame Fahrt zu vermeiden. Der Zug an sich war vergleichsweise neu und komfortabel, sodass wir die elf Stationen bis Hammam Lif einigermaßen entspannt überstanden. An einer Station namens Boukornine stiegen wir aus und standen nach wenigen Minuten vor einem plötzlich aufragenden Berg, den wir bei der Busfahrt schon passiert hatten. Findet hier, an der mehrspurigen Straße, jetzt die Naherholung statt? Wo und was ist das Chalet Vert? Etwas ratlos wandten wir uns an eine nahe Autowerkstatt, woraufhin uns ein freundlicher Tunesier aus Paris umgehend und etwas verwundert in ein Taxi setzte. Das Taxi fuhr auf einer Holperpiste etwa fünf Minuten bergauf bis zum ersehnten „Chalet Vert“ und spuckte uns aus. Wir auf dem fast leeren Parkplatz, links ein schummriges Restaurant, rechts ein kleiner Bau mit grünen Kuppeln. Dabei handelt es sich anscheinend um ein Museum, das aber geschlossen war. Um uns eine Hand voll spazierender Tunesier. Vor uns Treppen.




Immer


Amine vor dem Gipfel, den "zwei Hörnern"
bergauf


Amines Worten folgend stiegen wir die Treppen hinauf und dann einen unbeschilderten, völlig menschenleeren Pfad entlang auf die Westflankedes immer größer werdenden Berges. Nach einer guten Stunde bergauf in der brüllenden Mittagshitze verstanden wir, das Amine wohl aus einem anderen Holz geschnitzt war, als wir angenommen hatten. Und wir verstanden noch etwas: Das hier ist ein Nationalpark! Als wir den dichten Bewuchs aus Aleppokiefern hinter uns ließen, erstreckte sich vor uns eine unerwartet weite Berglandschaft (2000ha wie wir nun wissen) mit bewaldeten Hängen, schroffen Kalkfelsen und botanisch sehr interessanten Wiesenflächen. Große Wiedersehensfreude überkam mich, mildes Interesse überkam Julika. Tatsächlich gediehen hier viele der mediterranen Arten, die auch auf den Nordhängen des Djabal Bliji bei Chebika gerade noch zu finden sind! Jedes neu entdeckte Pflänzchen weckte zahlreiche, teils auch kulinarische Erinnerungen in mir. Vegetationsgeographisch (und oberflächlich) betrachtet könnte man Vergleiche ziehen zwischen diesen Hängen und der Vegetation am Bliji vor einigen Tausend Jahren, als das Klima dort, entsprechend unserer letzten Eiszeit, noch wesentlich feuchter war. Wesentlich weniger feucht waren unsere Kehlen, denn so langsam gingen unsere kläglichen Wasservorräte zur Neige. Umkehren kam aber auch noch nicht in Frage, wir mussten doch Amine finden! Gerade als wir anfingen, mit

Ein Alpenveilchen in Afrika
unserem Schicksal zu hadern, hörten wir Stimmen im Gebüsch.


Unter Freunden



Hinter der nächsten Biegung standen wir plötzlich vier jungen Leuten gegenüber, von denen wir einen schon kannten: Das war Nicolas, einer der beiden Reisenden, denen wir einige Tage zuvor in der Louage von Tozeur nach Chebika begegnet waren! Mit ihm kamen uns Amine und seine Freunde Karim und Aisha, alle drei Medizinstudenten, entgegen gestapft. Die vier hatten eigentlich gerade mit dem Abstieg begonnen, begleiteten uns aber angesichts unserer bisherigen Strapazen die letzten fünf Minuten bis zum nächsten vorgelagerten Gipfel. Von hier aus hatte man nicht nur eine prächtige Sicht auf Tunis und das Meer, sondern auch auf den eigentlichen Djabal Boukornine („Berg mit zwei Hörnern“). Dieser Berg ist quasi der Hausberg der Hauptstadt und liegt in der Bucht von Tunis direkt gegenüber von den Ruinen von Karthago und dem Künstlerviertel Sidi Bou Said.

Nach wenigen Sätzen in Französisch und Englisch wähnten wir uns bereits wie unter alten Freunden und unsere kleine aber feine Reisegemeinschaft kam aus dem Erzählen nicht mehr heraus. Amine entpuppte sich dabei als äußerst kompetenter Guide, denn: Seine Mutter ist wohl eine der führenden Botanikerinnen des Landes und Schülerin des Tunesischen Botanikers

Ein Passant am Wegesrand
schlechthin, der das für viele Jahrzehnte einzige Standardwerk über die Tunesische Flora in den 50ern veröffentlicht hatte. Und so konnte uns Amine in zahlreiche botanische Geheimnisse einweihen, wie z.B. eine endemische, also nur hier vorkommende Art. Diese Wildform des beliebten Alpenveilchens Cyclamen persicum blüht am gesamten Berg gleichzeitig innerhalb einiger Tage- wir hatten Glück! . Bei unserem Marsch zurück zum Chalet Vert, diesmal an der Ostflanke und beäugt von Schildkröten, erzählte uns Nicolas außerdem von seinem Besuch in Tamerza.


Eine Prise Revolution



Nachdem sich Karim am Parkplatz verabschiedet hatte, er musste sich um familiäre Dinge kümmern, wurden wir in Aishas schickes Auto geladen und fuhren ganz gemütlich und mal ohne Planungsaufwand zurück nach Tunis. Dort ging es wieder direkt zur repräsentativen Avenue Habib Bouguiba und entlang der Kolonial- und Jugendstil-Fassaden zum Hotel El Hana, einem der höchsten Gebäude im Zentrum mit 70er Jahre Charme. Erst als wir dem Aufzug ganz oben entstiegen waren, war uns das Ziel unserer Reise bewusst: Eine Dachterrasse mit Bar und freiem Blick auf die gesamte Stadt! Bis nach Anbruch der Dunkelheit saßen wir

Der Blick zurück zum Hausberg von Tunis
hier bei Saft, Bier und Nüsslein und unterhielten uns über die Revolution und die Ängste der europäisch orientierten Jugend in Tunis.

Amine war während der sogenannten Jasminrevolution 2010/2011 als Fotograf aktiv und hatte vor allem die Polizeigewalt dokumentiert, die auch nach dem Ende der Herrschaft Ben Alis weiter grassierte, einfach weil der Sicherheitsapparat nichts anderes gewohnt war. Aufgrund seiner Aktivitäten landete er mehrmals im Gefängnis, wurde aber immer nach spätestens drei Tagen entlassen, da seine Bilder per auto-upload direkt ins Netz geladen wurden und so nicht mehr ohne weiteres auf der Speicherkarte zu finden waren. An diesem friedlichen lauen Abend, umweht von einer sanften Brise, zeigte er uns die Hotspots der Demonstrationen, das von Militär bewachte Innenministerium und die ebenfalls gesicherte Französische Botschaft (Mali lässt grüßen). Heute kommt die Angst aus einer anderen Richtung. Gerade in Tunis sind viele ehemalige Demonstranten, insbesondere die jungen, enttäuscht, dass die Revolution und der Griff nach Freiheit nun in einem scheinbaren Erstarken der Islamisten münden sollte. Und so fürchtet Aisha, in Zukunft auf ihr Bier verzichten zu müssen, oder ohne Kopftuch schief angeschaut zu werden. Vor der Revolution waren Kopftücher und selbst „Islamistenbärte“ zumindest offiziell verboten (was natürlich auch eine kritische Auseinandersetzung mit

Julika, Nicolas, Amine und Aicha über den Dächern von Tunis
dem Thema unmöglich gemacht hat). Jetzt sieht man selbst in Tunis hie und da Mädchen und Frauen mit kompletter Nikhab und Handschuhen. In einem Punkt waren sich aber alle einig: Die wenigen (aber medienwirksamen) Islamisten im Land mögen ein Pfand der neuen Freiheit sein. Die Tunesische Gesellschaft als Ganzes mit all ihren Lebensgewohnheiten steht dieser Strömung jedoch geschlossen entgegen. Amine fragte uns noch über die deutsche Piratenpartei aus, deren Konzept er im Rahmen seiner politischen Aktivitäten gerne weiter erforschen würde.

Auf dem Heimweg, wir wurden bis zum Supermarkt in der Nähe unserer Gastgeberin gefahren, stellten wir Aisha noch eine ganz andere Frage, die uns in unseren Tagen in Tunis immer wieder beschäftigte: „Als Autofahrerin in Tunis – wie findest Du die Fahrweise hier? Gewöhnt man sich dran?“ Die Antwort: „Jedes mal wenn ich nach Hause komme, zittere ich noch eine halbe Stunde lang. Und ich möchte tot sein.“


Volles Haus



Zurück bei unserer Gastgeberin erwartete uns eine kleine Abendgesellschaft in Form von Yasmina (einer Italienischen Arabistik-Studentin, die nun wiederholt eine Weile bei Anissa wohnen würde), Roberto (einem Couchsurfer aus Canada, der ziellos um die Welt zu reisen scheint) und einer einheimischen Freundin. Aus unseren mitgebrachten Einkäufen bereiteten wir flugs ein recht gelungenes Nudelgericht zu und verquatschten uns ein weiteres Mal an diesem Abend in einem babylonischen Sprachgewirr zwischen Arabisch, Französisch, Englisch, Deutsch und Italienisch. Wer welche Sprache beherrschte, lässt sich nicht mehr so genau rekonstruieren. Roberto sprach allerdings tatsächlich ganz gut Deutsch, wenn auch in einem recht absurden Dialekt, den man ungefähr mit „Saar-Pfälzisches Neckar-Platt“ umschreiben könnte. Aufgrund seiner familiären Bindungen ist er öfters in Deutschland unterwegs, scheint aber auch sonst seit längerem nur mit Reisen undCouchsurfen beschäftigt zu sein. Woher ein arbeitsloser Übersetzer aus Canada das Geld dafür her nimmt, konnten wir ihm leider nicht entlocken. Nach vielen weiteren Gesprächen über Tunesien, Canada, Berber- bzw. Amazigh-Kultur und Yasminas Erfahrungen als Reisende per Anhalter in der Wüste zog es uns nun endgültig in die Schlafsäcke. An keinem Tag unserer Reise hatten wir wohl so viele Menschen kennen gelernt, so viel geredet und so viel unterschiedliches erlebt!

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