Kairouan


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April 7th 2013
Published: April 19th 2013
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Kairouan



Teppiche warten auf kaufkräftige Touristen

Ein fauler Vormittag




Erst nachmittags brachen wir mit dem Reisebus in Richtung Kairouan auf, der viertheiligsten Stadt des Islam. Zeit genug um auszuschlafen, in Ruhe aufzustehen, sich Notizen für den Reiseblog zu machen und im Café direkt gegenüber die W-Lan-Verbindung zu nutzen. Dabei haben wir Blick auf ein Rudel gegelter Halbstarker, die vor Café und angrenzender Fitness- und Tanzhalle (Fitnessstudio?) herumlungern und einen Kampfhund bei sich haben, der einen Dreikäsehoch an der Leine spazieren führt (genau so herum!).

Nach aufwendiger Suche bekommen wir endlich ein Taxi, das uns zum Busbahnhof bringt. Wir haben zum ersten Mal einen gesprächigen Fahrer erwischt. Ein junger Tunesier, der eigentlich Sportjournalismus studiert hat. Dann kam die Einsicht, dass für zukünftige Familie und Eigenheim das Taxifahren erträglicher sein würde.


Die Überlandfahrt




Am Busbahnhof lief alles wie am Schnürchen und wir saßen schon bald mit gültiger Fahrkarte und verstautem Gepäck im Heck eines gemütlichen Reisebusses. Das Wetter war uns leider nicht geneigt. Kalter Wind, Regen und ein defektes Fenster in direkter Nachbarschaft schmälerten den Komfort dann doch erheblich. Zum Glück hob das zuckersüße kleine Mädchen eines „Salafistenpärchens“ (mit religiösem Bart einerseits und kompletter Nikhab plus Handschuhen andererseits) die Stimmung aller Umsitzenden.

Tunesische Bauweise
Das Kleinkind wurde mit phantasiereicher Mimik und Gestik erfolgreich erheitert und schließlich unter seinen Fans (darunter ein junges spanisches Pärchen) herumgereicht.

Der Blick aus dem Fenster lässt sich aus Julikas Sicht etwa so zusammenfassen:

Von Kakteenhecken umzäunte Olivenfelder, Bauruinen ohne Ende, überall ärmliche Hirten mit Ziegen- und Schafherden und haufenweise Müll, der sich in den Kakteen verfängt und von den Herden „abgegrast“ wird. Die Landschaft wird mit der Zeit immer karger, die Olivenbäume stehen immer weiter auseinander. Hie und da gibt es Straßenstände mit Hammelgrill, die mit ausgehängten Fellen und lebenden Hammeln für Frische werben.

Viktors geübterer Blick:

Die scheinbaren Bauruinen verdeutlichen die bis zur Perfektion getriebene Baumentalität in vielen südlicheren Gefilden. Familie und etwas Geld sind da? Lass uns ein Erdgeschoss bauen. Die Moniereisen schauen wie immer oben raus, denn wer weiß wie viele Stockwerke man im Leben noch baut. Das Geld geht mittendrin aus? Kein Problem, ist halt nur das halbe Haus verputzt. Dafür hat der Nachbar noch ein paar Steine übrig. Sind zwar Natursteine und keine Ziegel, aber wenn mal wieder Geld für Putz da ist, sieht man es ja nicht mehr. Nicht ganz unwichtig dürfte auch sein, dass unfertige Häuser ("Baustellen") steuerlich

Unser Luxuszimmer mit liebevollem, fliesenverziertem Mobiliar
begünstigt werden. Es ist also oft gar nicht gewünscht, überhaupt jemals fertig zu werden. Nur die zierdenreich geschmiedeten Fenstergitter und bisweilen prächtigen Türen werden fast immer in Schuss gehalten, oder man kann zumindest ihren ehemaligen Glanz erkennen. Das Ergebnis ist der Eindruck, dass sich das gesamte Land in einem Stadium plötzlichen Bauabbruchs befindet. Leider trifft dies nach der Revolution zumindest bei Prestigebauten in Tunis tatsächlich auch manchmal zu. Zur Vegetation vielleicht später mehr, bevor es langweilt.


Ankunft im Regen




Als wir in Kairouan ankamen, regnete es in Strömen. Wir flüchteten in die Wartehalle und beratschlagten uns. Welche Unterkunft sollten wir anpeilen? Das Hotel Sabra, in dem Viktor im Jahr 2006 aus hygienischen Erwägungen seine Isomatte zwischen sich und das Bett schieben musste? Oder eine gehobene Unterkunft, die vom Lonely Planet empfohlen wurde? Angesichts des Wetters und unseres von der Fahrt leicht durchgefrorenen Zustands beschlossen wir, uns ein komfortableres Zimmer zu leisten. Wir wagten uns hinaus in den recht heftigen Regen, um uns von einem Taxi ins Hotel Continental chauffieren zu lassen. Dort wurde uns das große Tor geöffnet, und bei der Einfahrt hatten wir das Gefühl, in der Kategorie ein wenig zu hoch gegriffen zu haben.

Ein verregneter Abend im Hotel
Am Empfang wurde uns allerdings verraten, dass es auch weniger hochklassige Zimmer gibt, und so konnten wir doch noch den im Reiseführer angekündigten Krankenhauscharme der Flure genießen. Dahinter erwartete uns ein großzügiges, sehr hübsch eingerichtetes Zimmer, dessen Fernseher uns sogleich auf den französischen Kanal und die Klimaanlage auf 30 Grad eingestellt wurde. Bei näherem Hinsehen blitzte allerdings immer wieder latente Schäbigkeit hervor und signalisierte, dass wir uns nicht an einem für Backpacker zu sauberen Ort befanden.


Hoheitlicher Schmuddel




Der restliche Abend wurde ausgefüllt von apathischem Fernsehgucken (auf französisch und arabisch), Waschen von Wäsche und Trockenen unter der Klimaanlage und, nicht zu vergessen, dem hoteleigenen Abendbüffet, das einen ganz besonderen Charme hatte.

Der Essenssaal war ein großer, schummriger, komplett gefliester Raum mit einer niedrigen Decke aus Stuckplatten, in dessen Mitte sich einer Art Konferenzcarré aus Tischen und roten Samtstühlen befand. Darum herum kleinere Tische mit schmuddeligen, fleckigen Tischdecken und nahe unseres Tisches ein gülden geraffter Vorhang, hinter dem ab und zu ein junger dünner Koch mit extrem hoher Kochmütze auftauchte. Das Büffet an sich war vielfältig und gut. Als Nachtisch standen sogar sehr adrette Konditorhäppchen bereit. Die übrigen Gäste wirkten wie arabische High-Society-Reisegruppen, die nach Geschlecht

Blick in ein Aghlabiden-Bassin
getrennt waren. Frauen mit frisch gelegten Frisuren, schicken Sonnenbrillen und hohen Absätzen und Herren, die dem Anschein nach geschäftlich unterwegs waren.


Der soziale Abstieg




Am nächsten Tag besichtigten wir nach dem Frühstücksbuffet die Bassins der Aglabiden, die sich direkt neben dem Hotel befanden. Dabei handelt es sich um mehrere riesige, runde Wasserbecken, die im 9. Jahrhundert von einem der vielen säbelschwingenden arabischen Herrschaftshäuser der damaligen Zeit erbaut wurden, um das wasserarme Stadtgebiet mit Regenwasser zu versorgen. Außerdem waren die Bassins mit langen Aquädukten aus dem Norden verbunden.

Wie bereits im Reisführer angekündigt, waren die Bassins im heutigen Zustand nicht sonderlich erbauend, die Geschichte und alte Ingenieurskunst dahinter jedoch durchaus interessant. Der Ort war wohl vor ein paar Jahren recht prächtig herausgeputz worden, mit Parkanlage und einer majastätischen Touristeninformation. Allerdings schien sich lange niemand mehr um die Instandhaltung gekümmert zu haben. Die Bassins waren voller Müll, die Parkanlage vertrocknet und auch der laut beschallte Rummel mit Boxautos und Karoussell war quasi verlassen. Immerhin wurde ein reich geschmücktes Kamel im Park herumgeführt, dessen Höckeraufbau wohl fotofreudige Touristen beherbergen sollte. Die Arbeit hat sich für das Kamel an diesem Vormittag wohl stark in Grenzen gehalten. Wir verließen den

Bescheidene Behausung im Hotel Sabra
tristen Ort und auch das schicke Hotel, das bei Sonnenschein mit schönen Innenhof samt Pool glänzen konnte, um uns für eine zweite Nacht in Kairouan nun doch ins gefürchtete Hotel Sabra zu begeben. Den grausigen Erinnerungen zum Trotz konnte das Hotel, wie auch im Reiseführer hervorgehoben, nicht nur durch seine hervorragende Lage direkt vor dem Haupttor in die Medina glänzen, sondern überzeugte uns auch durch liebevollen Charme und den Dachbalkon. Hier bot sich ein wunderbarer Blick auf die Medina und zudem gab es jede Menge Platz und Leinen (und Wind!) zum Wäsche trocknen. Der niedrige Preis rechtfertigte das extrem schlichte Zimmer und die wohl sehr selten gereinigten Gemeinschaftsduschen und -toiletten.


Die Medina von Kairouan




Nachdem wir schon vom Hoteldach aus in die Medina eingetaucht waren, wagten wir uns auch direkt in die kleinen, verwinkelten Gassen vor und wurden sofort verzaubert von den prächtigen Türen und Fenstergittern, die an den sonst so schlichten Hauswänden prangten und von der sonntäglichen Ruhe und Gelassenheit. Vorbei an Teppichläden und Marktständen, durch viele Gässchen und beobachtet von Katzen stießen wir schließlich auf die große Moschee.

Als schlecht organisierte Touristen kamen wir genau um 14h00 zum Ende der Besichtigungszeit an. Wie

Blick auf den Haupteingang der Medina (vom Hoteldach)
im Reiseführer angekündigt, war der Besitzer des gegenüber liegenden Teppichladens sofort zur Stelle, um uns zahnlückig und alkoholumwoben auf das Dach seines Hauses einzuladen, von dem aus man wunderbar auf und in die Moschee blicken kann. Er brachte stolz ein paar deutsche Worte hervor, unterhielt sich mit uns auf französisch und versorgte uns mit Informationen über die Moschee, die wir zuvor im Reiseführer gelesen hatten. Wir waren durchaus dankbar und beeindruckt vom Ausblick und belohnten den Herrn mit Postkartenkauf und Trinkgeld.

Als wir uns wieder in das Gassengewirr begaben, kam aus einer dunklen Türe ein mechanisches Geräusch. Unsere neugierigen Blicke entdeckten ein fleißiges Männlein am Webstuhl. Mangels sprachlicher Möglichkeiten zeigte er uns mit Gesten die Funktionsweise seines Webstuhls und machte das Licht an, damit wir ein Foto machen konnten. Er wob Seiden-, Woll- und Baumwollschals, von denen wir ihm gerne welche zum Touristenpreis abkauften.

Eine ungewöhnliche Attraktion Kairouans und ein weitere Möglichkeit für die Stadt, an Wasser zu kommen, ist ein Brunnensystem, das in der Medina liegt: Bir Barouta. In einem öffentlich zugänglichen Haus läuft ein Kamel (vermutlich sein Leben lang) im Kreis, um eine Art Wasserrad anzutreiben und so Grundwasser nach oben zu befördern. Die ganze Installation

Das fleißige Kamel von Bir Barouta
ist von Legenden umwoben. So soll der Brunnen über eine unterirdische Verbindung nach Mekka verfügen und Besucher, die vom Wasser trinken, können sicher gehen, eines Tages nach Kairouan zurückzukehren. Wir betrachteten, bewunderten, fotografierten und bemitleideten das Kamel und tranken vor Ort noch Minztee und Kaffee. Auch hier herrschte eine für Touristenattraktionen ungewöhnliche Ruhe.

Die abendliche Suche nach einem traditionellen Restaurant gestaltete sich schwierig, weil die im Reiseführer erwähnten Restaurants nicht mehr in der Form zu existieren schienen. Wir landeten in einer Garküche mit Alustühlen, die beim Setzen in die Knie gingen, bekamen keine Karte, viel gutes Fleisch und anschließend eine Phantasierechnung, die wohl über den üblichen Preisen lag.


Additional photos below
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"corridors have the feel of an hospital"


Verlassener, aber laut schallender Rummel


Kamel bei den Bassins der Aghlabiden


Die Touristeninformation im vertrockneten Park


Die Große Moschee


Haupteingang der Großen Moschee


Hier werden Schals und Tücher gewoben


Café-Ecke bei Bir Barouta


Gasse in der Medina


Kunstvolle Museumstür


Schmiedeeisernes Türgitter


In der Medina von Kairouan


Viel Fleisch


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