"Regen nennen wir das hier erst ab 20 mm"


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Africa » Namibia » Okahandja
November 3rd 2014
Published: November 5th 2014
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Erstaunlich früh sind alle auf den Beinen am Tag des großen Festes. Um 11 Uhr fliegen auch schon die ersten Gäste mit dem kleinen Buschflieger auf der Nachbarfarm ein und müssen abgeholt werden. Außerdem müssen die schulpflichtigen Kinder der Angestellten von insgesamt drei Internaten eingesammelt werden, was sich als eine etwas schwierige und langfristige Aktion herausstellt. Fehlende Sektgläser werden noch in Omaruru abgeholt, große Mengen Kartoffelsalat geschnippelt und die Tische im Rivier dekoriert.

Riesige Mengen an Speisen werden ins Kühlhaus getragen, wo es empfindlich nach Blut riecht und neben den köstlichen Kuchen und Vorspeisenplatten auch ein paar enthäutete Oryx hängen. Alle Gäste bringen hier Essen mit und mir schwant dass das ein ziemlich maßloser Abend werden könnte. In aller Herrgottsfrühe kam heute doch noch das Zelt aus Windhoek an und wurde stundenlang aufgebaut. Es ist ein wirklich schönes halb offenes Beduinenzelt und soll als Windschutz am Abend dienen. Den ganzen Vormittag ist es schon bewölkt und drückend, sodass es sogar sein könnte, dass wir es als Regenschutz benötigen.

Um halb drei geht es los mit Kaffee und Kuchen, den wir schon unten im Rivier einnehmen.

Eingeladen sind die Nachbarn und die namibischen Freunde der Familie, die teilweise inzwischen in Windhoek wohnen, teilweise noch selbst Farmen bewirtschaften - und natürlich alle Mitarbeiter und ihre Familien, mit denen Ebo teilweise schon seit 40 Jahren eine persönliche Freundschaft pflegt.

Nach dem Kaffee gibt es einen Farmgottesdienst unter freiem Himmel, den ein evangelischer Pfarrer aus Windhoek mit eindeutig norddeutschem Akzent hält. Auch die Angestellten nehmen teil und die älteren Hererofrauen haben sich mit ihren wallenden bunten Gewändern und den extravaganten Kopfbedeckungen richtig schick gemacht. Nach dem Gottesdienst geht die Party los. Eine junge Band aus Omaruru, die aus mindestens 10 Personen in wechselnder Besatzung besteht (irgendwann verliere ich den Überblick) spielt am Pool Blues, Rock und afrikanische Musik.

Ich bin mit Tim und Carla für die Bar zuständig und das heisst auch, peinlich darauf achten, dass die Angestellten sich zwar auch amüsieren aber nicht alle zwei Minuten kommen um sich mehr Alkohol zu holen und diesen dann irgendwo in Depots horten. Insbesondere die älteren Schwarzen sind für dieses Verhalten bekannt.

Bei den Kindern müssen wir eher darauf achten, dass die kleinen nicht eine Coca Cola nach der anderen trinken und geben irgendwann nur noch Sprite und Fanta aus. Die Kleinen sind so süß und bedanken sich immer mit einem kleinen Knicks, wenn man Ihnen eine Dose reicht.

Um 20 Uhr ist das Lagerfeuer soweit herunter gebrannt, dass die Kohle auf den Grill geladen wird und Massen an Fleisch und Bratwürsten wandern hinterher.

Es wird viel gegessen, getanzt und getrunken und als um Mitternacht zunächst die Band und dann alle Gäste Happy Birthday singen fängt es leise und langsam an zu regnen. In Deutschland würde man jetzt fluchen aber hier ist Regen ein Segen und so freuen sich alle über die unerwartete Geburtstagsüberraschung.

Allerdings lerne ich neben meiner neusten namibianischen Lieblingsweisheit "wer mehr als Prost sagt, ist ein Schwätzer" auch dass hier erst ab 20 mm/qm/h von Regen gesprochen wird. Alles darunter hat keine Bedeutung für Natur und Ernte. Die 20 mm schaffen wir heute definitiv nicht und so hat es nach namibianischem Verständnis eigentlich garnicht geregnet aber zumindest symbolisch war das eine nette Geburtstagsgeste vom Regengott.

Die weiblichen Angestellten und ihre Kinder haben zum Geburtstag eine kleine Gesangseinlage vorbereitet, die sie im Anschluss an das große Gratulieren präsentieren. Sie singen wunderschöne, fremdartig klingende Lieder und wollen garnicht mehr aufhören. Nicht allzu lange nach Mitternacht verdrücken sich die meisten Gäste in ihre Bungalows. Für einen Farmer, der jeden Morgen früh aufsteht und körperlich hart arbeitet ist 01.00 Uhr eigentlich so gut wie "die Nacht durchgemacht".

Am Samstag gibt es ein köstliches Restefrühstück unter freiem Himmel und danach verbummeln wir den Nachmittag am Pool. Hannes, der auf der Farm Praktikant ist, bringt irgendwann einen leuchtend grünen Chamäleon mit, den er auf der Pad vor dem Farmtor aufgegabelt hat. Das Tier ist total relaxt und lässt sich bereitwillig von einer Hand zur nächsten reichen. Mit seinen kleinen Greiffingern krallt er sich dabei an deinen Fingern fest und schaukelt fröhlich hin und her. Er sieht ganz anders aus als der Wüstenchamäleon, den wir in der Namib gesehen haben, viel feingliedriger und hübscher. Nur einmal, als Sophie den kleinen Kerl, wir taufen ihn Bob, etwas zu hektisch davon überzeugen will, von meinem auf ihren Arm zu klettern verfärbt er sich vor lauter Stress schwarz. Wir möchten unbedingt seine ellenlange Zunge sehen und beschließen deshalb ihm etwas Nahrung zu fangen. Wir präsentieren ihm lebende Wanzen, Heuschrecken und Ameisen direkt vor seiner. Nase aber er scheint so satt zu sein, dass wir es irgendwann aufgeben und ihn auf einem Baum im Rivier wieder aussetzen.

Am späten Nachmittag starten wir noch mit allen Gästen (in Namibia ist es, schon allein wegen der Entfernungen, durchaus üblich dass bei einer solchen Einladung, alle Gäste gleich das ganze Wochenende da bleiben) und insgesamt vier Geländewagen zu einer Farmrundfahrt. Wir sehen zwar nicht viel Wild, nur ein paar Kudus aber die Fahrt auf dem offenen Verdeck des Jeeps durch die wunderschöne weite Buschlandschaft ist trotzdem ein Erlebnis, was mich immer wieder fasziniert.

Und dann, kurz bevor wir gerade wieder durch die Werft, die Wohnsiedlung der Angestellten, auf das. Farmhaus zufahren haben wir doch noch eine Wildbegegnung der besonderen Art: ein Schuppentier. Den nachtaktiven Einzelgänger haben sogar die meisten Namibier selbst noch nie gesehen und da er sich recht träge bewegt haben wir genug Zeit, von den Fahrzeugen zu steigen und ihn gebührend zu bewundern und zu fotografieren. Bei Gefahr rollen sich die Schuppentiere ein und bestehen aus einer gepanzerten Kugel, allein schon deshalb hat dieser kleine Kerl keine Eile. Er scheint aber auch keine wirkliche Angst zu haben, als 30 Menschen um ihn herumstehen und so dreht ihn irgendwann einer der namibischen. Gäste auf den Rücken, damit die Kinder mal sehen können, wie sich das Tier einrollt. Dann lassen wir die kleine Kugel, die jetzt irgendwie wie ein Tannenzapfen aussieht endlich in Ruhe weiterziehen und kehren zurück auf die Farm. Hier wartet noch eine Geburtstagsüberraschung in Form eines kleinen Theaterstückes auf Ebo und danach werden die Grillreste vom Vortag vertilgt. Es ist empfindlich kühl geworden aber es wird ein weiterer langer gemütlicher Abend am Lagerfeuer im Revier.

Am nächsten Tag brechen wir früh auf nach Windhoek, von wo wir mit einem kleine Flieger nach Zimbabwe fliegen.


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Das SchuppentierDas Schuppentier
Das Schuppentier

....einmal entspannt


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