Down Under, Kapitel 3


Advertisement
Australia's flag
Oceania » Australia » Western Australia » Perth
October 16th 2012
Published: October 27th 2012
Edit Blog Post

Total Distance: 0 miles / 0 kmMouse: 0,0


3. Kapitel, die Angst zu Versagen



Der erste Januar beginnt mit Kopfschmerzen. Wir haben keinen Job, keinen Wagen, keine eigene Unterkunft und die Ersparnisse schrumpfen wie Schnee in der australischen Sommersonne. Jeff hat vor nicht ganz zwei Wochen seinen besten Freund verloren und die einzigen die sich dafür zu interessieren scheinen sind zwei Backpacker aus Deutschland die irgendwie in seinem Haus gefangen sind und nicht daran denken in der nächsten Zeit aus zu ziehen.



Das Jahr 2012 und ein riesiger, fremder Kontinent liegen vor uns. Mir schmerzt der Magen bei dem Gedanken daran wie es weiter gehen soll. Fakt ist, wir müssen hier Weg! Auf unserer Prioritätenliste steigt die Suche nach einem Van auf den ersten Rang. Zwar hatten wir schon eine Besichtigung, doch der Wagen war nicht ganz das was wir uns vorgestellt hatten und der Preis viel zu hoch. Es gleicht einem Wettlauf, einen günstigen und zuverlässigen Wagen in dieser Jahreszeit und in dieser Stadt zu ergattern. Sobald ein Angebot online ist, scheint es innerhalb weniger Stunden verkauft zu sein. Meine Hoffnung das uns eventuell Jeff bei der Suche behilflich sein könnte, wenn auch nur mit Tipps von Beispielsweise vertrauenswürdigen Autohändlern in der Umgebung, habe ich inzwischen auf gegeben. Wir müssen das allein hin bekommen. Und so stoße ich auf die Anzeige von Mark.



Mark kommt aus Sydney und lebt seit einem Jahr in Perth. Er arbeitet als selbstständiger Fußbodenleger und hat vor so bald wie möglich nach Brasilien aus zu wandern, höchstwahrscheinlicher wegen einer Frau. Seinen Van hat er Hauptsächlich als Arbeitsauto genutzt und will ihn jetzt verkaufen. Der Kleine Nissan „Nomad“ sieht von hinten aus wie von vorn und hat keinerlei Ausstattung. Der komplette Innenraum liegt voll mit Werkzeug, Holzteilen, alter Arbeitskleidung, ein wildes, staubiges Durcheinander. Aber Mark scheint ein netter Typ zu sein und der Wagen macht an sich keinen schlechten Eindruck. Da wir an diesem Tag noch eine weitere Besichtigung haben und dieser Wagen unser eigentlicher Favorit ist, pokern wir hoch. Wir drücken den Preis und sagen das wir es uns gründlich überlegen müssten. Mark lässt sich darauf ein und gibt uns Zeit. Leider platzt der andere Termin und am Ende vom Tag bleibt uns nur der Nomad und wir wissen nicht ob Mark noch weitere Interessenten hat.



Unsere Frustration steigt mit jedem Tag in Jeffs Haus. Und ihm fällt es immer schwerer unsere ausweglose Situation zu akzeptieren. Inzwischen denken wir ernsthaft darüber nach in ein Hostel zu ziehen. Das würde jedoch etwa 60$ pro Tag kosten. Verzweiflung und Ratlosigkeit bescheren unruhige Nächte und trostlose Tage unter dem nicht enden wollenden Sonnenschein. Und als wir denken das es eigentlich nicht schlimmer kommen kann, nimmt uns Jeff mit auf die Geburtstagsfeier einer seiner „Freunde“, dem Anwalt.



Es ist und bleibt mir ein Rätsel, wieso uns Jeff zu diesem Treffen mitgenommen hat. Ist es seine Art und Weise sich bei uns unbeliebt zu machen? Vielleicht denkt er aber auch das wir das ganz toll finden werden. Oder er will einfach nicht allein dort hin gehen, was mir ab dem Moment wohl am plausibelsten erscheint, als wir in das Restaurant treten wo all die Anderen Gäste bereits an zwei langen Tafeln beisammen sitzen, extra für den Anlass fein gekleidet und sogar der Nachwuchs in schicken Zwirn gesteckt und zur Ordnung gerufen. Nicht nur wir sind in diesem Moment herzlichst überrascht. Was in aller Welt haben wir hier verloren? Nach dem kurzen, obligatorischen Hand geben und Beglückwünschen des Geburtstagskindes, setzen wir uns an einen freien Platz, lächeln und nicken. Die Freunde von Jeff sind etwa Anfang, Mitte 30, verheiratet oder in festen Beziehungen, meist mit Kind, Kindern und/ oder gerade Schwanger. Eigentlich Alle von ihnen haben, so wie sich das gehört, ein Geschenk für den Anwalt dabei. Jeff hielt das nicht für nötig. Genauso wenig wie eine lange Hose und ein Hemd an zu ziehen. Es macht die Situation natürlich nicht weniger abstrakt das er jetzt auch noch seine 2 Couchsurfer aus Deutschland mitbringt. Die „Freunde“ die sich angeblich schon seit Jahren kennen, begrüßen sich wenn überhaupt, dann nur förmlich mit der Hand. Was zum Henker ist hier los? Sind wir plötzlich in einer 60er Jahre schwarz-weiß Soap gelandet? Die Temperatur in dem Raum sinkt auf gefühlte Minus Grade. Nicht zuletzt wegen der defekten Klima Anlage. Es wird das Essen serviert, Ala´Carte, Thailändisch, jeder bezahlt freilich selbst. Mir verkrampft sich der Magen. Die Tatsache das wir an diesem Tisch unter lauter Fremden sitzen, die künstlich erzeugte, fröhliche Atmosphäre die sich wie eine stinkende Smogschicht über die Ignoranz des Abends legt und neben mir ein Jeff der als scheinbarer Exot, ja man kann schon fast sagen Punk, in seiner wilden, eigenen Welt, ganz offensichtlich hier seinen Freunden den Mittelfinger zeigt. Das beste an diesem Abend ist, das er früh zu Ende geht. Die geliebten Kleinen werden unruhig, das Make Up der Mütter wird brüchig und die stolzen Väter sind bei ihrem dritten Bier, was den Abend für sie zu einem gelungenen Ereignis macht. Beim Verabschieden beschließt man sich sobald wie möglich wieder zu sehen, am besten gleich nächstes Jahr oder das Jahr darauf, weil es so schön war. Es wird gelacht und Hände werden gereicht. Die Stimmung war nie so gelöst wie am Ende, als es endlich vorbei ist, endlich überstanden. Und als ob jemand einen Startschuss gelöst hat, verschwindet die nette Gesellschaft blitzartig in alle Himmelsrichtungen. Freunde, so dachte ich, sind Menschen die das Leben würzen, die dich inspirieren, dich kritisieren wenn es sein muss, die dich nehmen wie du bist und aus dir den Menschen machen den man später in Erinnerung behält wenn sich die Hinterbliebenen die Tränen trocknen und auf dem Grabstein steht, „Ja, ich habe gelebt und ihr Alle wart mit dabei!“ Aber das ist wohl Ansichtssache.



Am nächsten Morgen erhalte ich eine Nachricht von Mark. Er möchte sich noch einmal mit uns treffen und über das Auto verhandeln. Das Universum hat ein Einsehen mit uns. Am Nachmittag mache ich eine Probefahrt und Mark legt noch eine Basisausstattung, bestehend aus einem Bettgestell, Matratze, Bettwäsche, sowie einiges an Geschirr oben drauf. Am Ende bringen wir ihn sogar noch dazu den Wagen auf Western Australia um zu melden. Das kostet ihn noch einmal 200$ und bringt uns ein Nummernschild von dem Staat in dem man als einzigen in Australien keine regelmäßigen Fahrzeuginspektionen zu machen braucht und 6 Monate Haftpflichtversicherung. Wir einigen uns auf den Preis und schütteln uns die Hände. Ab dem nächsten Montag, sind wir offiziell Mobil.



Nun das Leben unter „normalen“ Umständen ist ein täglicher Balanceakt und wird bestimmt vom Auf und Ab, der Gezeiten, des Mondes, den Jahreszeiten, der Regelblutung und von dem seltsamen Quäntchen Glück, das sich leise einschleicht und dann wieder abrupt verschwindet. „Man muss eben auch einmal richtig Leiden, um die Guten Zeiten zu schätzen zu wissen.“ Auf Reisen ist das nicht anders, nur das man da meistens ohne Netz balanciert.



In der Zeitung habe ich eine Stellenanzeige entdeckt und eine eMail geschrieben. Eine von Dutzenden eMails in den letzten Wochen in denen ich unseren Willen bekunde fleißige, gelehrige Arbeiter zu sein die sich für keine Arbeit zu schade sind und wenn es sein muss auch zupacken können. Das wir Gesund und Munter sind und das meiste was uns gesagt wird auch verstehen können. Leider bisher ohne Erfolg, ja sogar ohne die geringste Antwort. Es scheint als ob die Nachrichten sich irgendwo im Netz verlaufen und niemals ihren Bestimmungsort finden. Doch an diesem Tag, bekomme ich Antwort. Und nicht nur das, auch einen Termin für ein Vorstellen. Unser nächstes Ziel, Clousester Park, Perth, der örtliche Anlaufpunkt für die Schönen und Reichen Spielsüchtigen der Stadt, die Pferderennbahn.



An einem Vormittag machen wir uns, so gepflegt wie nur Möglich, auf in die Stadt um den Termin im Büro der Cateringfirma wahr zu nehmen. Ohne eine Ahnung davon zu haben was genau die Stellenbeschreibung beinhaltet treten wir selbstbewusst in das Büro. Ein Kurzes „Hallo wir sind die und die“ reicht. Man gibt uns die Papiere für die Steuer, sowie ein Skript von Verhaltensregeln und Kleiderordnung, am nächsten Freitag gegen 15 Uhr haben wir unsere erste Schicht. So einfach geht das, denken wir uns und sind zum ersten mal seit Wochen wieder glücklich.



Jeff empfängt die Nachricht ebenso Glücklich und fragt auch postwendend und zu meinem vollsten Verständnis, ob wir nun endlich Ausziehen werden. Ich versichere ihm das die nächste Woche unsere 4. und letzte in seinem Haus sein wird. Aber bis dorthin, liegt noch eine Menge Arbeit vor uns.







Am Montag Abend ist es soweit, wir bekommen die Schlüssel zu unserem eigenen Auto. Mark hat sein Wort gehalten und aus dem wilden Durcheinander eines Baustellenfahrzeuges einen auf den ersten Blick gepflegten Backpackervan gemacht. Er wünscht uns alles Gute und verabschiedet sich, für meinen Geschmack etwas zu intensiv, von seinem Wagen. Wir taufen ihn Joschka mit einem Schapp Bier auf die Frontschürze und fahren zurück quer durch die Stadt nach Eden Hill. Noch etwas unsicher mit dem Fahren auf der linken Seite und den unzähligen Ampelkreuzungen, doch das Gefühl ist endlich da. Das Gefühl der Freiheit, der Ungebundenheit überall hin zu fahren wo man will und soweit einen die endlosen, geraden Straßen tragen. Mit offenen Fenstern und lauter Musik, den Sonnenuntergang im Nacken, Australien, wir kommen!



Zuerst aber wird gegessen. Als wir zurück in Jeffs Haus sind, erwartet er uns schon. Es sind noch 2 Backpacker eingetroffen. Romain und Estelle aus Frankreich. Die beiden haben vor einiger Zeit schon einmal bei ihm die Couch gesurft und sind nun zurück aus dem Norden, wo sie gearbeitet haben und bringen eine Menge Kangaroo Fleisch und Bier mit. Heute Abend wird gegrillt.



Am nächsten Morgen fangen wir an unseren Joschka bewohnbar zu machen. Dazu hohle ich mir Inspiration von Romains, mit Küchenzeile und Ikea-Bett, voll ausgestattetem Van. Ich stelle leider fest, das der gute Mark das Bettgestell in unserem Van viel zu tief eingebaut hat, sodass wir so keine Kisten unten drunter verstauen können. Außerdem sieht es so aus, als ob er das Gestell in ein paar Minuten schnell zusammen geschraubt hat. Das Holz ist überall gesplittert und es sind viel zu viele Stützen und Balken eingebaut, was den Stauraum absolut Minimiert. Das heißt dann wohl alles nochmal raus und von Vorne und das mit so gut wie keinem Werkzeug. Aber das Glück bleibt uns treu. Mein Freund Marcel aus Thüringen, den wir schon in Bali über den Weg gelaufen sind, ist rein zufällig gerade in Perth und erklärt sich ganz uneigennützig dazu bereit uns mit dem Innenausbau zu helfen. Sein Van ist ein reiner Eigenbau und nicht von schlechten Eltern, er hat das passende Werkzeug und findet die Zeit sich mit uns auf dem Baumarktparkplatz zu treffen.







Hier sind wir nun, irgendwo am Rand des weitläufigen „Bunnings“- Bauhaus Parkplatzes. Unter einigen von den wenigen Schatten spendenden Bäumen wird ausgemessen, gesägt, gebohrt und angepasst. Unser kleiner Workshop zieht Blicke auf sich. Doch die Arbeit geht gut voran. Am Ende des Tages haben wir das Bettgestell so eingebaut das genügend Stauraum für all unsere Habseligkeiten vorhanden ist. Marcel leiht mir sein Werkzeug sodass ich auch allein weiter arbeiten kann. In den kommenden Tagen begeben wir uns auf einen schier endlosen Einkaufsmarathon zwischen dem Baumarkt „Bunnings“, der sich zu unserem zweiten zu Hause entwickelt und den Second Hand Läden, die es hier zuhauf gibt und die ein weites Angebot an Kleidung, Möbeln, Büchern, Küchenkram, Musikplatten und allerlei Ramsch zu sehr günstigen Preisen zu bieten haben und den am Straßenrand weg geworfenem, sich stapelnden und manchmal, wenn man Glück hat, auch brauchbaren Sperrmüll. Denn wiedereinmal ist unsere Liste lang. Schließlich wollen wir einen normalen Van zu einem Wohnmobil umrüsten in dem wir im besten Falle die kommenden Monate leben werden. Da muss vom Kochtopf bis zur autarken Stromversorgung an vieles gedacht werden. Und die Zeit drängt. Wir müssen endlich aus Jeff´s Haus raus, wo die Nerven bald blank liegen.



Der Umbau des Vans mit dem wenigen Werkzeug und einem extrem niedrigen Budget, stellt mich vor ungeahnte Herausforderungen. Jeff, der sein Haus inzwischen mit 2 Backpäckerpärchen aus 2 verschiedenen Ländern teilt, die nicht nur alle sein Bad und seine Küche benutzen, sondern auch immer etwas im Internet zu erledigen haben und die Einfahrt mit ihren Schrottkisten zu parken. Zwar bemüht sich jeder etwas für den Gastgeber zu tun und darum wird jeden Abend internationale Küche serviert und wir helfen Alle zusammen die seit einem Jahr andauernde Renovierung seines Hauses zu vollenden, doch das kaschiert nur die Oberfläche in dieser seltsamen Wohngemeinschaft. Noch dazu kommt, das wir bisher ja nur einen Job für Freitag Abend haben und auch nicht die geringste Ahnung wo wir denn mit unserem Van, am besten gratis, stehen bleiben können wenn wir das Haus verlassen. Es fällt mir schwer diese Dinge so einfach auf mich zu kommen zu lassen, aber am Ende bleibt nichts Anderes übrig als einfach ab zu warten was kommen wird.



by Patrick Bauer



Danke für´s lesen! Bitte nehme dir doch noch etwas Zeit und schreib ein paar Zeilen in unser „Guestbook“ oder sende uns eine „privat message“. Für Fragen, Anregungen und Grüße sind wir immer zu haben...



Möchtest du immer den neuesten Blog als eMail erhalten? Einfach unter „Subscribe“ Name und eMail Adresse eintragen.

Advertisement



Tot: 2.713s; Tpl: 0.217s; cc: 10; qc: 50; dbt: 0.8168s; 1; m:saturn w:www (104.131.125.221); sld: 22; ; mem: 1.4mb