4. Kapitel, Die Früchte der Frustration


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Oceania » Australia » Western Australia
November 9th 2012
Published: November 27th 2012
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Niemand hatte behauptet das der Start in Australien leicht sein würde, allerdings hatte auch niemand das Gegenteil gesagt. Je mehr wir unsere Erfahrungen mit Anderen Backpackern teilen, umso mehr wird klar, es geht Allen gleich. Und bei All den Widrigkeiten die uns in den letzten Wochen entgegen geschlagen sind dürfen wir nicht vergessen, es könnte wesentlich schlimmer sein. Die meisten Work-and-Traveller sind schließlich gezwungen in Hostels zu nächtigen, in stickigen Mehrbettzimmern wo jeden Morgen dutzende Telefone zu unterschiedlichen Zeiten klingeln. Wir haben Horrorgeschichten von überteuerten Bruchbuden gehört wo sich neben den Gästen auch das Ungeziefer die Klinke in die Hand gibt, Anekdoten über Betrunkene die erst am frühen Morgen ihren Weg ins Bett stolpern und nicht zuletzt von Diebstählen, unter den Backpackern selbst, die wohl größte Sauerei überhaupt. Somit stehen wir doch recht gut da im Moment. Unser Joschka kann sich soweit sehen lassen, Jeff zählt die Tage bis zu unserem Auszug, welchem wir ebenfalls sehnlichst entgegen-fiebern und die nächste Hürde des ersten Jobs in Australien steht uns kurz bevor.



Und dieser zaghafte Anflug von Euphorie das endlich, nach gut einem Monat den wir schon in Perth sind, etwas Bewegung in das Spiel kommt wird noch bestärkt durch eine kurze SMS die ich von einem gewissen Liam erhalte, als wir beim Abendessen sitzen. Liam ist Weinmacher bei einem Weingut im Swan Valley, etwa 20 Minuten entfernt von Jeff´s Haus. Tatsächlich ist es also wieder geschehen. Eine meiner eMails wurde erhört. Liam fragt uns höflichst, ob wir nicht Lust haben am frühen Morgen auf sein Weingut zu kommen um beim Pflücken zu helfen. Ich rufe ihn sofort zurück und sage zu. Er meint sogar das in den kommenden Wochen noch mehr Arbeit möglich ist. Somit hat uns das Los der meisten Backpacker in Australien eingeholt, wir werden, ob wir wollen oder nicht, aber im Moment wollen wir das mehr als irgendetwas Anderes, zu unter-bezahlten Erntehelfern. Das muss gefeiert werden!



Der nächste Tag kommt jedoch schneller als gedacht. Arbeitsbeginn ist um 6 Uhr, damit so viele Trauben wie Möglich noch in der Kühle des Morgens geerntet werden können. Als wir auf der Farm eintreffen, ist noch ein weiteres Pärchen gerade dabei sich für die Arbeit vor zu bereiten. Liane und Luis kommen aus Wales und sind uns auf Anhieb sympathisch. Die beiden arbeiten schon seit ein paar Monaten auf diversen Farmen und haben uns einiges an Routine voraus. Nachdem die einfachen Handgriffe der Weintraubenernte erklärt wurden, heißt es für uns so schnell wie Möglich die Körbe zu füllen. Wir werden pro Korb mit 2.50$ Cash entlohnt. Kein Australier würde für dieses Geld arbeiten gehen. Aber wir fühlen uns wie Könige. Endlich können wir etwas anpacken und zu Geld machen. Endlich können wir unseren Eifer, unsere Fitness und unseren eisernen Willen zu Arbeiten unter Beweis stellen und Endlich, hat die Weinerntesaison begonnen!



Noch an diesem Morgen erhalte ich weitere Anrufe und Anfragen von Weingütern die Pflücker suchen. Es kommt sogar ein mit Liam befreundeter Weinbauer zu uns auf das Feld und bittet uns, ob wir nicht am Sonntag für ihn arbeiten könnten. Freudig sagen wir zu, genau wie Liane und Luis. Wir werden keine Gelegenheit auslassen diese kurze Erntezeit für uns zu nutzen. Bei all den vielen Erntejobs die es in Australien so zu erleben gibt, ist das Pflücken von Weintrauben noch eine der Einfachsten. Die Trauben hängen in einer bequemen Höhe, die Reben bieten teilweise sogar etwas Schatten und wenn der Reifegrad perfekt ist, dann bekommt man innerhalb von 10 Minuten einen Korb voll. Doch leider ist das in der Regel eher die Ausnahme.



Als die Sonne ihren höchsten Punkt erreicht hat, neigt sich unser erster, richtiger Arbeitstag nach etwa 5 Monaten Reise dem Ende zu. Unsere Kleidung ist völlig verschwitzt und klebrig vom Traubensaft, doch wir erhalten von Liam unsere ersten, erarbeiteten 80$. Und für jeden von uns noch eine Flasche des Hausweins. Stolz auf uns selbst, müde und kaputt von den Stunden unter der prallen Sonne, gehen wir zurück zum Auto um postwendend gleich wieder die nächste Überraschung zu kassieren, denn unser Joschka gibt keinen Mux von sich. Nicht einmal ein kleines Lichtlein scheint auf bei drehen des Zündschlüssels. Ich möchte nicht meinen Gesichtsausdruck in dieser Sekunde sehen, aber ich kann ihn wohl als äußerst niedergeschlagen beschreiben. Auch die freundlichen Versuche von Liam und Luis den Wagen an zu schieben oder durch Starthilfe an zu bekommen helfen nichts. Wir vermuten bereits das Schlimmste. Da wir noch kein Geld und keine Zeit hatten uns in einem Automobilclub an zu melden, bleibt uns nur der teure Abschleppdienst, oder wir betteln damit Liane von ihrem Feierabend zurück kommt und uns mit ihrem Jeep Abschleppt. Wir versuchen es mit Betteln und haben Erfolg. Liane kommt wieder und nimmt uns in Schlepptau. Die nächsten 2 Stunden irren wir über die verschiedenen Highways und Seitenstraßen, die in ihrem veraltetem Navi leider noch nicht angezeigt werden bis wir es am Ende mit gemeinsamen Kräften, der Verzweiflung nahe, schaffen in einer Werkstatt zu landen. Wir Bedanken uns tausend mal und wollen ihr etwas Geld geben, was sie aber entschieden ablehnt. Ich sehe solche Situationen als eine Art Karma an, eine Bestätigung darin, das wenn du Gutes gibst, auch Gutes zurück bekommst. Manchmal auf seltsamen Wegen und mit etwas Zeitverzögerung.



In der Werkstatt dauert es noch etwas, darum nutzen wir die Zeit um in einem nahen Supermarkt etwas zu Essen zu kaufen. Immerhin ist es schon gegen 5 Uhr am Nachmittag und wir haben seit einem schnellen Frühstück vor etwa 12 Stunden noch nichts wieder zu uns genommen. Tausend Gedanken schwirren uns im Kopf herum. Was wenn der Autokauf ein Fehler war? Was wenn der Wagen eine Schrottkiste ist? Was wenn jetzt eine viel zu teure Reparatur auf uns zu kommt oder wir uns sogar ein neues Auto kaufen müssten? Mir wird schlecht bei dem Gedanken. Wir versuchen nicht an so ein Szenario zu denken. Es wäre wahrscheinlich das Ende dieser Reise, bevor das Abenteuer Australien überhaupt so richtig los gegangen wäre. Wir stellen uns der Diagnose.



Mit zittriger Stimme und weichen Knien frage ich den Mechaniker ob er schon etwas gefunden habe. Worauf dieser nur mit einem Schmunzeln meint, „Ja, die Batterie ist leer, ihr habt das Licht brennen lassen. In einer halben Stunde sollten wir sie wieder geladen haben, das ist Alles.“ Ein Fels löst sich in mir, nein ein ganzes Gebirge. Am Ende sind die Jungs von der Werkstatt noch so nett uns nicht einmal etwas für das Aufladen zu berechnen. Und wir nutzen den Rückenwind und fahren zurück zu Jeff, um die vorletzte Nacht unter seinem Dach zu verbringen.



Ein langer Tag geht glücklich zu Ende und ein neuer Tag, mit neuen Herausforderungen beginnt. Unser Stresshormon-Spiegel bleibt auf konstant hohem Niveau. Am heutigen Freitag haben wir unsere erste Schicht im Clousester Park, der Pferderennbahn im Osten Perth´s. Gut das wir beide ein paar schwarze Hosen und Schuhe dabei haben. Diese schreibt die Kleiderordnung vor. Gespannt was da kommen möge, frisch gestylt und parfümiert, auf Alles zwischen Kellnern und Barkeepen eingestellt betreten wir das Büro von „Red Pepper Catering“. Man empfängt uns mit einem knappen Blick und schickt uns gleich zu unserer Abteilungsleiterin Rachel ins Fast Food Restaurant. Wir bekommen T-Shirts und Mützen und eine kurze Einweisung in den Arbeitsbereich. Carmen ist bei den Hot Dogs eingeteilt und ich werde den Abend an den 5 Fritteusen verbringen und im Akkord Fritten, Backfisch, Chickenburger und noch anderen Tiefkühlfraß frittieren. Unsere Kollegen die nach und nach eintreffen, sind alle noch Teenager, selbst Rachel, die die Abteilung leitet, ist erst Anfang 20. Doch als nach einigen Stunden das Rennen in vollem Gang ist und die Leute Schlange stehen vor unserem kleinen Imbiss um sich mit diesem lieblosen Fraß voll zu stopfen, da funktionieren wir plötzlich einfach nur noch, ganz automatisch, wie ein Uhrwerk, ein Motor, jeder Weiß genau was er zu tun hat, die Maschine der Systemgastronomie.



Nach gut 5 Stunden schickt Rachel mich für eine halbe Stunde in die Pause, raus aus der brutzelnden Hölle von heißem Speiseöl. Ich nutze die Zeit und schaue mir ein wenig das Stadion an. Ein großes Oval, im Zentrum die Aschenbahn für die Pferderennen. Die gesamte westliche Flanke steht voller Leute, Familien sitzen auf Decken auf den saftigen Grünflächen links und rechts der Restaurants und Bars. Frauen in eleganten Kleidern und schwitzende Männer in Anzügen, dann wieder kurze Hosen und Hawaii-Hemd. Wildes Geschrei ertönt wenn die Jockeys ihre Pferde in die Finale Gerade peitschen und dann lachende Gesichter der Gewinner und wütendes Unverständnis der Verlierer sowohl auf, als auch neben der Rennbahn. Hier geht es um Geld, viel Geld. Was für eine Welt, denke ich mir. Die Jahre der Ausbildung, die harten Prüfungen, die Bewährungsproben, die vielen Weiterbildungen, 5 Jahre Berufserfahrung, bei Carmen sind es gar schon 10 Jahre, ich denke an die vielen Opfer die wir bringen mussten um nun hier zu sein, hier zu sitzen, im perfekten Rasen, um Fritten zu braten und Hot Dogs zu rollen, doch in all den Jahren, hat keiner von uns, in keinem deutschsprachigen Land Europas, auch nur annähernd 20.50$ pro Stunde verdient. Mit neuer Kraft und einem guten Gefühl der Zufriedenheit gehe ich entspannt zurück zu meinen stinkenden Fritteusen, bereit für den nächsten, heißen Tanz.



So gegen 10 Uhr am Abend hat unsere Kleidung den widerlichen Geruch von verdunstendem Fett mit jeder Faser aufgenommen. Es Zeit ist nach Hause zu fahren. Und ein letztes Mal nehmen wir den Weg in Richtung Vorstadt, in Richtung Eden Hill, zu Jeffs Haus, wo eine warme Dusche auf uns wartet. Noch einmal schlafen wir in einem Zimmer, auf einem richtigen Bett, wann wird es wohl das nächste Mal dazu kommen?



Am nächsten Tag nehmen wir Abschied. Die Erleichterung beruht auf Gegenseitigkeit und auch wenn uns Jeff immer wieder beteuert, das es absolut kein Problem war so lang zu bleiben und seine Gastfreundschaft zu nutzen, fühlen wir uns doch Schuldig und eigenartig peinlich berührt von der Situation in den vergangenen 4 Wochen. Wir können nicht mehr als Danke sagen und das wir auf lange Zeit in seiner Schuld stehen, dafür das er uns beim Start in dieser seltsamen Welt so geduldig wie möglich zur Seite stand.



Wir steigen ins Auto und sind frei.



Für die nächsten 30 Minuten durchzieht uns eine Mischung aus Sturm, Drang und Nervenkitzel. Die Vorstadthäuser und rechtwinklig angeordneten Seitenstraßen, penibel angeordnet und von endlosen Paraden von ständig roten Ampeln unterbrochen, säumen uns den Weg zum Strand wo wir ab diesem Tag einen kleinen Parkplatz am Trigg Beach unser neues zu Hause nennen werden. Hier hat sich zwischen dem Highway und dem Meer eine kleine Kolonie von Backpackervans eingefunden. Eine sich ständig verändernde Siedlung von Reisenden, Glücksrittern und seltsamen Gestalten die in unregelmäßigen Abständen auftauchen, wieder verschwinden oder einfach bleiben. Der Parkplatz am Trigg Beach, liegt etwas am Rand der Stadt in einem der günstigeren Vierteln. Der Trigg ist auch der einzige Surfstrand in Perth und zieht daher vor allem am Wochenende Massenweise Wellenreiter an. Es gibt eine schmuddelige Toilette, eine Dusche die ebenso wenig ansprechend ist, eine kleine Parkanlage mit überdachten Sitzbänken und im Durchschnitt etwa 2 Mal pro Woche einen Haialarm.



Wenn man sich aber einmal an die Einfachheit gewöhnt hat, dann verschwimmt plötzlich der Gedanke daran, das man sich auf einem Parkplatz befindet und man sieht die Dinge in einem anderen, angenehmeren Licht. Im Prinzip ist es dann einer der schönsten Plätze die man sich überhaupt vorstellen kann. Jeden Abend genießen wir die spektakulären Sonnenuntergänge und Morgens starten wir den Tag mit Schwimmen, Surfen oder joggen am Strand entlang und jeden Freitag versorgt uns ein Freiwilliger von der Kirche mit Brot vom Vortag, welches bei den Bäckereien übrig geblieben ist. Nach und nach lernen wir auch unsere Nachbarn kennen. Einige sind nur für kurze Zeit da, einige stehen schon seit Monaten hier, andere kommen nur an den Wochenenden und wieder andere sind gezwungen hier zu sein. In der Mitte das Platzes stehen 3, manchmal 4 Van´s von einer Gruppe Franzosen, die sich wie in einer WG zusammen gefunden und häuslich niedergelassen haben. Der Van der den Mittelpunkt bildet hat einen ernsthaften Getriebeschaden und die Besitzer kein Geld um das zu reparieren. Also stehen und bleiben sie. Jeden Abend sitzen sie zusammen an einem großen Tisch beim Essen. Weiter am Rand des Platzes steht, etwas Abseits, der Van von Raul. Raul ist Australier, etwa Ende 40 und hat sicher ein schweres Leben. Er ist groß, glatzköpfig und versucht durch fernöstliche Trainingsmethoden und ausgedehnte Spaziergänge seine Aggressionen in den Griff zu bekommen. Meist funktioniert das auch ganz gut, es sei denn er sperrt sich selbst aus seinem Wagen aus. Was in diesem Fall wieder unangenehm für seinen Nachbarn, ebenfalls Australier, aus New South Wales, wird, der in seinem alten Holden Kombi aus den Frühen Siebzigern lebt und durch die ganze Aktion mit Raul nun sehr verstört und eingeschüchtert wirkt. Auch Romain und Estalle, die wir bereits aus Jeffs Haus kennen, haben ihr Quartier am Trigg aufgeschlagen. Irgendwie gibt diese Gemeinschaft eine gewisse Sicherheit, von der alle hier Profitieren. Zu den Exoten unter den Bewohnern zählt ein junger Mann der allein mit seinem Hund in einem Truck mit Ladefläche hin und wieder auftaucht und für ein paar Tage bleibt. Da auf der Ladefläche neben einem großzügigen Käfig für den Hund auch einiges Gerümpel, Möbel und Kanister stehen und es im Fahrerhaus wohl doch etwas zu eng ist, verbringt er die Nächte einfach auf einer Isomatte liegend unter seinem Truck. Irgendwann taucht dann auch der „seltsame Typ im roten Auto“, wie ihn hier alle nennen, auf. Ein Mann etwa mittleren Alters, mit dichtem, schwarzen Haar das seinen gesamten Schädel zu überwuchern scheint und fließend in den wallenden Bart übergeht. Er trägt praktisch nie mehr als eine schwarze Hose und verbringt die meiste Zeit des Tages, auch die brütend heißen Mittagsstunden, in seinem kleinen, alten PKW. Die wenigen Male wenn wir ihn außerhalb seines Wagens sehen ist er auf dem Weg zur Toilette von der er nach kurzer Zeit mit einer vollen Flasche Wasser wiederkommt. Wir sehen ihn nie Essen. Er spricht mit keinem und Grüßt nicht. Vielleicht einer der angenehmsten Nachbarn überhaupt, vielleicht aber auch ein skrupelloser Serienkiller. Wer weiß das schon so genau.



Ein ständiges kommen und gehen, kennenlernen und verabschieden. Jeder hat das gleiche Ziel, Arbeit finden und um den Kontinent reisen.



Unsere Karriere als Pflücker steckt noch in den Kinderschuhen. Ich konnte uns zwar für jeden 2. Tag der Woche Arbeit organisieren, doch bei der geringen Entlohnung reicht das gerade einmal um die Kosten zu decken. Wir brauchen etwas Festes, mit Stundenlohn, ganztägig am Besten. Und als ob es so sein müsste, ruft mich am Samstag Nachmittag Stue von den „Peel Estade Wines“ an und bietet uns Arbeit für mehrere Wochen zu einem 19$ Stundenlohn. Läuft. Am Dienstag können wir anfangen. Zuvor steht aber noch ein Job am Sonntag an, auf einem Weingut etwa 1 Stunde nördlich von Perth. Der nette, ältere Mann dem das Weingut gehört hat uns eine Entschädigung für die Anreise eingeräumt. Das lassen wir uns nicht nehmen. Also heißt es am Sonntag Morgen gegen 4 Uhr aufstehen. Bereits nach kurzer Zeit lassen wir die Vorstädte Perths hinter uns und sehen zum ersten mal die rote Erde des australischen Buschlandes. Das Weingut liegt versteckt in sanften Hügeln eingebettet in einer der zahllosen, trostlosen Farmerstädte die sich hier im Hinterland angesiedelt haben. Man begrüßt uns freundlich. Liane und Luis, die beiden Waliser die wir bereits von unserem ersten Erntejob kennen sind schon da und am pflücken. Als die Sonne langsam hinter den Hügeln hervor kommt und ihr intensives Morgenlicht auf die Reben wirft starten auch wir mit der Arbeit. Es soll ein langer Tag werden.



Unsere Vorgabe lautet 150 Körbe zu pflücken. Zu viert. Denn die beiden Anderen Pflücker die noch mit helfen sollten sind noch nicht da. Also geben wir Gas um die kühlen Morgenstunden aus zu nutzen. Doch am Ende arbeiten wir insgesamt 11 Stunden. Ohne größere Pausen. Unter der prallen Sonne. Der gute Travor, dem die Farm gehört, fühlt sich deshalb Schuldig und lädt uns ein noch auf ein Bier oder zwei zu bleiben. Ich glaube das dünne, australische Bier hat uns noch nie so gut geschmeckt wie in diesem Moment. Etwas beschwipst und euphorisch von der Leistung des Tages sagen wir überschwänglich gleich zu als er uns für in 14 Tagen wieder zu sich bestellt. Im Moment ist einfach jeder Dollar verdammt wertvoll.



Australien, da liegt das Geld Buchstäblich auf dem Boden. Ob nun in Form von Weintrauben oder Äpfeln, jegliches Gemüse, alle erdenklichen Obstsorten wachsen und gedeihen hier prächtig. Es gibt riesige Rinder-und Schaffarmen und um diese Menge an Vieh zu versorgen auch endlos weite Weizenfelder. Rohstoffe wie Öl, Gas, Gold, Kohle und Eisen liegen meist nur wenige Meter unter der Erdoberfläche und können in enormen Tagebau Bergwerken abgetragen werden. Der Stundenlohn eines Bergarbeiters liegt bei 53$ und mehr. Selbst als normaler Handwerker in der Stadt verdient ein Australier nicht weniger als 25$ in der Stunde. Lange Tage, harte Arbeit und die extremen äußeren Bedingungen können sich also tatsächlich für einen einfachen, gesunden Menschen lohnen, auch ohne Universitätsabschluss oder den richtigen Beziehungen.



Bei uns, geht es jetzt erst richtig los. In den kommenden Wochen pendeln wir zwischen dem Peel Estade Weingut bei Rockingham, etwa 1 Stunde südlich von Perth, verschiedenen Weingütern im Swan Valley, im Hinterland von Perth, dem Fast Food Restaurant im Clousester Park und dem Trigg Beach hin und her. Kaum ein Tag an dem wir nicht Pflücken, Fritten brutzeln oder Hot Dogs Rollen. Wir schlafen ausschließlich auf Parkplätzen, duschen in den öffentlichen Duschen am Meer, Kochen in unserm Joschka oder an den vielen freien BBQ Plätzen in Top Lagen. Es kommt vor das wir an manchen Tagen um 5 Uhr Morgens mit pflücken anfangen, bis etwa 3 oder 4 Uhr Nachmittags, dann uns schnell in der nächsten Supermarkttoilette frisch machen und um ziehen um pünktlich zum nächsten Job ins Restaurant zu kommen wo weitere 5 oder 6 Stunden Arbeit und Hitze auf uns warten. Doch am Ende lohnt es sich und wir können uns eine Woche frei gönnen. Wir laden Lianne und Luis zum Trigg ein, ein paar Tage mit uns zu verbringen. Wir Frühstücken gemeinsam zwischen den parkenden Fahrzeugen, grillen und genießen die guten Weine die wir von fast jedem Weingut als Dankeschön erhalten haben. Wir erkennen, das diese Gelassenheit nur etwas wert ist, weil wir hart dafür gearbeitet haben.



Am Ende der Woche verabschieden wir uns von den Beiden Walisern, die in ein paar Tagen den Heimflug antreten werden. Wiedereinmal heißt es Abschied nehmen, bevor wir überhaupt die Chance hatten uns richtig an zu Freunden. Winkend, inmitten von parkenden Fahrzeugen, auf dem tristen, grauen Beton „unseres“ Parkplatzes, dem wir schon bald den Rücken kehren werden.



Es ziehen Wolken auf. Keine Regenwolken, es hat seit Monaten keinen Regen mehr gegeben in diesem Teil von Western Australia. Eher ein Nebel oder Dunst, bis hin zu schwarzen Rauchwolken, genährt von den Buschbränden im Süden. Doch das ist es nicht, was uns die Laune verdirbt. An einem beliebigen Nachmittag tauchen sie auf, Männer mit Hemd und Schlips und Namensschild, im Auftrag der „City of Stirling“ zu der dieser Strandabschnitt und auch der Parkplatz gehören. Und es kommt, was kommen musste und was jeder hier schon längst vermutet hat und was auch nur eine Frage der Zeit war. Man bittet uns, mit australischer Höflichkeit, bis zu einem festgelegten Datum, den Parkplatz nicht weiterhin als einen Campingplatz zu nutzen. Andernfalls wird ein Bußgeld von mehreren hundert Dollar erhoben oder das Fahrzeug abgeschleppt. Der Trigg Beach, einer der letzten Strandabschnitte seiner Art, an dem sich Backpacker aus aller Welt, sowie einheimische Reisenden, vermischen und somit ein multikulturelles Flair in das Viertel Bringen, fällt den steigenden Immobilienpreisen in und um Perth zum Opfer. Ohne Umschweife erklärt man uns, das niemand ein 1 Millionen Dollar Appartement kaufen will, wo sich nebenan eine Wohnwagensiedlung befindet. Leider ist es aber nicht nur das, was Landesweit zum Aussterben der freien „Campingplätze“ am Strand führt. Backpacker, sind die Punks in Down Under. Meistens völlig abgebrannt, ungepflegt, unrasiert, mit langen Bärten und Haaren, fremde Sprachen sprechend und gezeichnet von einem Leben im Auto, zwischen der Straße, Parkplätzen und öffentlichen Duschen dieses zermürbenden Kontinents, immer auf der Suche nach günstigem Essen, einem kostenlosen Stehplatz für die Nacht und natürlich, irgendeiner Arbeit. Auch wir machen da keine Ausnahme. Nur haben sich einige dazu entschlossen die offene Herzlichkeit und Toleranz der Einheimischen ganz und gar bis auf den letzten Rest aus zu nutzen und damit über kurz oder lang den Ruf eines jeden Rucksacktouristen in Australien zu beschmutzen. Leider sind es meistens unsere französischen Nachbarn, die mit ihrem arroganten Auftreten ihr eigenes Schicksal besiegeln. So ist es in zwischen für Franzosen mindestens doppelt so schwierig einen Job, erst recht einen einigermaßen gut bezahlten, zu finden. Schlechte Arbeitsmoral, fehlendes Sprachverständnis, oder einfach nur nicht zur Arbeit kommen, macht sich schlecht bei den Chefs. Viele Farmer fragen daher direkt nach der Nationalität beim Vorstellen. Hostels und Campingplätze haben oft keine freien Plätze mehr, wenn Franzosen anrufen und Gerüchte das es inzwischen eine Website gibt wo sich Reisende aus Frankreich austauschen wie sie am geschicktesten das australische Justizsystem ausnutzen können, ohne wirklich mit Strafen rechnen zu müssen, schüren nur das Feuer. Wir erleben selbst, wie 4 Typen in einem normalen Kombi reisen und auch allesamt in diesem Wagen schlafen, wie auch immer man das schlafen nennen soll, und daher in der Nacht ihr gesamtes Gepäck auf dem Platz um ihr Auto herum zur Verwahrung stapeln. So bleibt viel Müll überall da liegen wo diese Art von Backpackern auftritt. Vandalismus, Diebstähle, Schlägereien, all das was in Europa Spaß macht, sorgt auch in Australien für Schlagzeilen. Man kann es daher den vorsichtigen und oft verängstigten Australiern, die in ihrem täglichen Fernsehprogramm fast stündlich mit Nachrichten überreizt werden, also kaum verübeln.



Aber noch haben wir etwa 2 Wochen Schonfrist. Eigentlich sind wir ganz froh darüber vom Trigg weg zu müssen. Immerhin ein Grund mehr endlich los zu Fahren und endlich etwas zu sehen und endlich das zu tun weshalb wir eigentlich hier her gekommen sind, nur was war das noch gleich? Die Anderen am Beach haben da schon größere Schwierigkeiten damit von dort weg zu müssen. Ein Pärchen die zu den „netten Franzosen“ gehören, haben gerade einen full Time Job bei Mc Donalds ergattert und nun wird ihnen ihre Lebensgrundlage entzogen. Der äußerst unentspannte Raul hat sich sogar vorgenommen offiziell gegen diesen Beschluss der Stadt vor zu gehen und will sich darauf berufen, das dieses Land ja eigentlich den Aborigines gehöre und das er, wenn er wirklich von hier weg gehen soll, das doch bitte aus dem Mund eines Stammesältesten hören möchte.



Schwierige Zeiten also und wir pflücken Wein und arbeiten als Fast Food Gehilfen, bis sich unsere Konten an einen Punkt bewegen an dem sie wirklich von Nutzen sind. Denn nichts was sich zu haben lohnt, fällt einem in den Schoß.











by Patrick Bauer







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