Hoch hinaus


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18.5.

Die Fahrt nach Coban im Westen Guatemalas ist unspektakulär, das Spannendste ist die Überquerung eines Flusses mit der Fähre. Während der letzten Stunde geht es dann steil bergauf, die Frauen tragen plötzlich weite Röcke und unifarbene Oberteile aus Spitze. Wir werden am Stadtrand ausgeladen, wir sind die einzigen, die hier aussteigen wollen. Der Taxifahrer schmunzelt, als wir seinen Preis zum Hotel akzeptieren – uns erschien er mit knapp drei Franken durchaus angemessen.

Nach einer kurzen Ruhepause machen wir uns auf den Weg zu einer Agentur, die, wie wir im Reiseführer gelesen haben, Aufenthalte bei Mayafamilien in der Umgebung vermittelt. Guatemalas Bevölkerung besteht zu 60% aus Mestizos (Nachkommen aus der Verbindung von spanischen Eroberern und Mayafrauen) und zu 40% aus Maya. Diese wurden lange Zeit stark unterdrückt und verfolgt und sind auch heute noch oft benachteiligt. Sie unterteilen sich in 21 unterschiedliche Ethnien mit jeweils eigener Sprache und Kultur. Eine davon möchten wir nun gerne etwas näher kennen lernen. Als wir jedoch nach langer Suche (die Strassennummerierung ist ziemlich kompliziert) die richtige Adresse finden gibt es die Agentur nicht mehr. Da immer weniger Touristen in Coban halt machen würden hätten alle andern zumachen müssen, erklärt uns später der Herr des einzig übriggebliebenen Reiseveranstalters. Er kann uns bezüglich Mayafamilie leider nicht helfen, verkauft uns aber gerne eine Tagestour zur grossen Sehenswürdigkeit der Region für den nächsten Tag.

Das kleine aber feine Beizli, das im Reiseführer empfohlen wird, gibt es zum Glück noch, und es stehen Weingläser auf den Tischen. Davon machen wir gerne Gebrauch, und auch das Essen schmeckt vorzüglich.

19.5

Mit einer Handvoll anderen Touris fahren wir nach Semun Champey, einer Reihe natürlicher Pools. Das letzte Drittel der Strasse ist völlig ausgewaschen und erodiert, es geht nur im Schritttempo vorwärts. Völlig durchgerüttelt (gratis Massage, nennt es Charlie, der Fahrer) erreichen wir endlich den Parkplatz und machen uns auf zum Mirador, dem Aussichtspunkt hoch über dem Fluss. Es ist heiss und feucht und steil, Eva meint sie hätte noch nie in ihrem Leben so stark geschwitzt. Marco tropft es von den Ellenbogen, als er eine Foto macht. Geschäftstüchtige Frauen verkaufen oben Wasser und Früchte.

Nach dem Abstieg gibt es kein Halten, das glasklare Wasser in den Pools lockt zu sehr. Als wir eine Weile bis zum Bauchnabel unter Wasser auf einem Felsen sitzen, nähern sich kleine durchsichtige Fische und knabbern an unseren Füssen – die berühmte Fisch-Spa-Pedicure! Nur ungern lassen wir uns von Charlie weglocken, der hat aber noch eine Pool-Tour für uns auf Lager. Schwimmend, watend und auf Po und Bauch rutschend begeben wir uns durch die sieben Pools und durch eine Tropfsteinhöhle mit 30cm Luftraum - da darf man keine Platzangst haben…

Es folgt noch ein kurzer Besuch einer grossen Höhle, deren Stalagtiten jedoch durch elektrisches Licht und Russ völlig geschwärzt, durch Besucher abgebrochen und eingeritzt und so völlig ruiniert sind.

Auf der Holperfahrt zurück nach Coban kommt es wie es kommen musste… es scheppert plötzlich und der Bus steht still. Es ist mittlerweile schon fast dunkel, und so leuchten wir Charlie mit unsern Taschenlampen, als er den Schaden unter dem Auto begutachtet. Eine Schraube hat sich gelöst und die Kurbelwelle schleift am Boden. Für Charlie kein Problem, aus einer Schachtel voller Schrauben und Muttern klaubt er das passende Teil und behebt den Schaden.

Ein schnelles Znacht im nächsten Comedor («Essplatz» bei Privatleuten, hier im Hinterhof. Es gibt keine Karte, es wird in einem Höllentempo heruntergeleiert was heute gerade im Angebot ist und wir bestellen einfach das, was wir verstanden haben. Klappt prima), danach wollen wir uns noch vom Consièrge ein Taxi zum Busterminal am nächsten Morgen organisieren lassen. Der Bus nach Nebaj fahre nicht vom Terminal aus, sondern vom nahegelegenen Platz aus, meint der. Hoffen wir das Beste.

20.5.

Happy Birthday Eva, singen wir um 5 Uhr. Der Bus fährt tatsächlich am Hauptplatz, zum Glück sind wir frühzeitig dort, er füllt sich bis auf den letzten Platz und darüber hinaus. Es hat noch kaum Verkehr als wir um 6 Uhr losfahren, dafür zu unserem Erstaunen viele Jogger auf der Strasse. Ebenfalls überrascht sind wir vom Zustand des Buses, der ist nämlich praktisch neu, und der Strassen, weitgehend asphaltiert. Dies verleitet allerdings den Fahrer zu unvernünftigem bis lebensgefährlichem Fahrverhalten... Nebaj liegt auf 2000m, die Landschaft verändert sich merklich je höher wir kommen. Die Häuser sind nun mehrheitlich gemauert und haben Ziegeldächer, Nadelbäume ersetzen Palmen, tiefe Schluchten und hochaufragende Felsen säumen die Strasse.

In Nebaj findet gerade eine Kundgebung statt als wir ankommen, der Bus muss auf dem Weg zum Terminal mehrmals umkehren und halten und büsst die durch Rasen gewonnene Zeit wieder ein. So sind wir schliesslich wie geplant fünf Stunden unterwegs. Wir quartieren uns im einzigen Hotel ein und essen Zmittag im Café Descanso («Pause»), dessen Kellner sofort die guatemaltekische Geburtstagsmusik abspielt, als ich ihm erkläre, warum wir zum Dessert ein Stück Schoggitorte bestellen. Wir organisieren ein dreitägiges Trekking durch das Hochland (mit unseren f(r)isch geschliffenen Füssen sollte einem ungetrübten Wandervergnügen schliesslich nichts mehr im Wege stehen) und installieren uns dann an einem foto-strategisch günstigen Platz vor der Kirche. Die Frauen von Nebaj haben eine andere Tracht als die von Coban, hier trägt Frau einen rotgestreiften Wickelrock mit buntbestickter Bluse und ins Haar eingeflochtenen Quasten, die eine Art Plattform ergeben zum Transportieren von Körben, Taschen und Bündeln. Junge Frauen kombinieren den Rock gerne auch mit Lederjacke und Stöckelschuhen. Die Männer sind meist in Jeans und Hemd gekleidet, mit einem Strohhut als einzigem traditionellen Teil. Schuhputz-Kinder und Bettler sprechen uns an, Eva erregt allseits grosse Aufmerksamkeit – wir sind weit und breit die einzigen Weissen.

Caspar, ein mittelalterlicher Herr, möchte uns gerne Maya-Grabstätten am Stadtrand zeigen, er wisse viel über Geschichte und Kultur der Region, versichert er uns. Eigentlich haben wir keine Lust, aber er ist so offensichtlich auf das kleine Löhnli angewiesen, dass wir uns überreden lassen. Als er uns dann einfach auf den Friedhof führt sind wir allerdings enttäuscht – da waren wir wohl wieder mal zu gutgläubig (oder in dubio pro reo: ich habe ihn einfach falsch verstanden und er hat gar nie etwas anderes versprochen - hier sind schliesslich Maya begraben). Er erzählt uns dann dafür seine eigene Geschichte: Im Krieg der Achtzigerjahre, als die Maya der Region von Regierungstruppen regelrecht abgeschlachtet wurden, konnte er als Elfjähriger mit einer Gruppe anderer Waisen flüchten. In einem siebenmonatigen Fussmarsch durchquerten sie die Berge und schlugen sich bis zur mexikanischen Grenze durch. Beim durchschwimmen des Grenzflusses ertranken vier Kinder der Gruppe. In Mexiko gelangte er schliesslich in ein Flüchtlingslager, wo er fünf Jahre lebte und spanisch lernte. Danach kehrte er nach Nebaj zurück, wo er sich seither mit Gelegenheitsjobs und als Guide (ha,ha) über Wasser hält.

21.5.

Wir packen um – unsere beiden grossen Rucksäcke werden an den Zielort unseres Trekkings transportiert (das heisst wir bezahlen jemanden, sie im Bus dorthin zu bringen, rund 10 Stunden hin und zurück) und wir tragen nur «Hüttengepäck» mit. Um 9 Uhr treffen wir Asinto, unseren Guide – auch er hat im Krieg seinen Vater verloren. Er ist allerdings weit weniger gesprächig als Caspar, auf der Busfahrt, die uns zum Startpunkt bringt, verschanzt er sich sogleich hinter seinen Handy-Stöpseln. Die Fahrt ist auch so unterhaltsam: wir zählen 26 Erwachsene, 4 Kinder und ein Dutzend Hühner im 14-plätzigen Minibus, dazu eine Unmenge an Bündeln, Kisten, Taschen und Körben auf dem Dach. Die Frauen und Mädchen sind ausnahmslos traditionell gekleidet, es herrscht eine ohrenbetäubende Kakofonie aus Musik aus den Lautsprechern, Schwatzen, Kichern, Kinderweinen und Gackern. Plötzlich hält der Bus, wir sehen Polizei und Militär und vermuten eine Fahrzeugkontrolle. Viele steigen aus, rennen hin und her, zücken ihre Handykameras. Schliesslich erfahren wir: es gab einen Unfall, wir halten nur an, weil man gaffen will – wohl ein weltweites Phänomen…

An einer Abzweigung mitten im Nirgendwo steigen wir aus und beginnen unsere Wanderung. Wir befinden uns auf 1700m. Es ist 11 Uhr und bereits ziemlich heiss, der Pfad steigt steil hinauf. Asinto läuft voraus und wartet etwa jede Viertelstunde kurz auf uns um zu fragen, ob alles ok sei. Nach zwei Stunden machen wir Mittagsrast bei einer Familie. Die Küche besteht aus einer kleinen Holzhütte mit gestampftem Erdboden, in einer Ecke steht ein Holzherd, in der anderen ein unebener Tisch mit Plastikhockern. Die Frauen bereiten uns eine feine Suppe aus Spinat, Tomaten, Zwiebeln und ein paar Teigwaren zu - Minestrone, genau das Richtige! Dazu gibt es die obligaten Tortillas, die direkt auf der Herdplatte gebacken werden.

Weiter geht es in anstrengendem rauf und runter, mit wunderbaren Ausblicken von den Bergkämmen und kühlenden Bächen in den Talsohlen. Wir begegnen Frauen mit Ziegen, Frauen mit Schafen, Männern mit schwerbeladenen Maultieren, Kindern mit Schweinen. Plötzlich donnert es, es beginnt zu tröpfeln, und kurz darauf giesst es in Strömen. Wir montieren unsere Regenjacken, aber die haben keine Chance - nach 90 Minuten Marsch im Regen sind wir bis auf die Haut durchnässt.

Um 17 Uhr erreichen wir unsere Gastfamilie für die Nacht, das Dorf liegt auf 2700m, aber wir haben heute bestimmt rund 2000 Höhenmeter bewältigt. Es gibt einen Gästeraum mit ein paar durchgelegenen Betten und einem Tisch, aber weder Strom noch ein Feuer. Zum Plumpsklo muss man 100m durch den Regen laufen. Die allgemeine Stimmung ist nicht gerade euphorisch, aber was soll's. Wir ziehen trockene Kleider an, wickeln uns in Wolldecken und warten auf das Znacht. Dieses ist wiederum lecker (diesmal ist noch Huhn in der Suppe) und heiss, und beim Mahl im Kerzenschein kommt doch noch so etwas wie Hüttenromantik auf. Danach verzieht sich Asinto ins Bett und hört sich am Handy guatemaltekischen Fussball an, während wir eine Runde würfeln - die Jasskarten sind leider nass.

22.5.

Wir haben alle schlecht geschlafen - die Höhe macht uns wohl zu schaffen, dazu weckten uns immer wieder kämpfende Hunde vor der Tür, der Regen auf dem Dach oder Bushupen in Schiffshornqualität, die so ab 3 Uhr immer wieder ihre Abfahrt ankündigten. Als wir um 6 Uhr den Kopf vor die Tür strecken ist allerdings strahlend blauer Himmel zu sehen, und nach einem Frühstück aus Bohnen mit Rührei steigen wir guten Mutes in die feuchten Kleider und nassen Schuhe. Die ersten zwei Stunden geht es wieder steil bergauf, zeitweise sind die Bäume moosbehangen und Farne säumen den Weg - die Wolken hangen hier wohl oft fest. Plötzlich sind wir auf dem Gipfel (3200m), der Wald hört auf und vor uns liegt eine Hochebene mit grasenden Schafen, Felsbrocken und vereinzelten Nadelbäumen - es sieht fast ein wenig aus wie in den Alpen!

Später kommen wir an kleinen Dörfern vorbei, rund herum Mais- und Kartoffelacker, aber auch Kohl und Zwiebeln werden angebaut. Wir wundern uns über die stattlichen gemauerten Häuser, die ab und an zwischen den Holzhütten stehen, und fragen Asinto: diese Familien haben alle Verwandte, die als illegale Einwanderer in den USA leben und Geld nach Hause schicken. Gezielte Fragen beantwortet Asinto übrigens bereitwillig aber knapp: Ja, er hat Familie. Zwei Kinder. 2 und 6 Jahre alt. Nein, der Bevölkerung geht es nicht so gut. Das durchschnittliche Tageseinkommen beträgt 40 Quetzales (rund 6 Franken). Nein, sein Geschäft als Guide läuft nicht gut. Diesen Monat sind wir seine ersten Kunden. Anfang Juni hat er aber eine grosse Gruppe (er wird pro Person bezahlt), das reicht dann wieder für eine Weile.

Nach sechsstündigem Marsch und wiederum Mittagsrast bei einer Familie (hier tummeln sich in der winzigen Küche 4 Hunde und 6 Katzen, die alle auf eine milde Gabe hoffen) warten wir an einer Strassenkreuzung auf den Bus. Eva verkürzt sich die Zeit mit dem Verzieren ihres Wanderstockes. Der Bus bringt uns zu unserer nächsten Unterkunft bei einer Familie in einem Dorf auf 3000m. Dort sind die Betten noch schlimmer und es hat weder Tisch noch Sitzgelegenheiten, dafür dürfen wir den Temescal benützen, die Sauna. So hocken wir zu dritt nackt auf zwei Quadratmetern Erdboden in einem Raum, der ca 1.2 Meter hoch ist in totaler Dunkelheit, 30 cm neben uns ein Kohlenfeuer, und schwitzen. Danach spülen wir uns mit kaltem Wasser ab. Und fühlen uns wie neu geboren.

Nach dem Znacht (Huhn mit Reis) jassen wir auf einem Bett, da wir ja keinen Tisch haben zum Würfeln, und da die Karten wieder trocken sind. Um 20 Uhr ist wiederum Nachtruhe.

23.5.

Die zweite Nacht war nicht viel besser, wir leiden unter Kopfschmerzen und latenter Übelkeit, und auch hier sind die Hunde nachtaktiv. Aber es ist wiederum schönes Wetter, als wir um 7 Uhr in zusätzlicher Begleitung von Dorotheo, einem lokalen Guide, und seinem Hund Poz loslaufen. Dorotheo führt uns auf den Gipfel El Torre auf 3837m, oben hätte man Aussicht auf sieben Vulkane, heute leider alle hinter Wolken versteckt. Der Ausblick ist trotzdem atemberaubend und Lohn für die Strapatzen. Nun steht noch der ebenso steile Abstieg bevor bis auf 2600m, danach haben wir es geschafft! Jetzt sind wir fit für die Wandersaison 2017, sagen wir. Das WAR die Wandersaison 2017, sagt Eva.

An einer Strassenkreuzung steigt Dorotheo in den Bus und lässt Poz einfach stehen. Der findet schon heim, sagt Asinto. Wir nehmen den Bus in die andere Richtung, ins Dorf Todos Santos. Dort warten bereits unsere grossen Rucksäcke und wir verabschieden uns von Asinto, der noch zurück nach Nebaj fahren will. Wenn auch wenig kommunikativ, so war er doch nett und hat uns heil ans Ziel gebracht.

Nach einer heissen Dusche und einer Ruhepause wollen wir eigentlich auf Foto-Tour ins Dorf, doch da regnet es wieder. So möchte Eva wieder einmal Flöte spielen - die Noten finden wir nach langer Suche im Rückenfach des Rucksacks, den Marco beim Trekking getragen hat...

Im "Comedor Evelyn" bittet uns die Bedienung um Erlaubnis, eine Foto von Eva machen zu dürfen. Am Fernseher läuft Monster AG. Und die Fajitas sind lecker.


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