Chebika Tag eins: wo die Herzlichkeit zuhause ist, aus Julikas Sicht


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Africa » Tunisia » Tozeur
April 10th 2013
Published: April 28th 2013EDIT THIS ENTRY

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Chebika



Der Blick aus dem Autofenster in Richtung Berg

Aufbruch ins Ungewisse



Das Frühstück in Tozeur verbrachten wir mit einem echten deutschen Touristenpärchen fortgeschritteneren Alters im ansonsten leeren Frühstückssaal. Dann ging es auf zur Place de Louages, wo unser Freund vom Vortag uns schon erwartete und uns eine Louage zuwies, in der bereits ein paar Tunesier und tatsächlich auch zwei Backpacker saßen. Aber auch eine alte Bekannte war mit dabei: die FahrerIN musste dieselbe sein, von der Viktor erst am Abend zuvor aus seinem Tagebuch vorgelesen hatte: Die „Schwarze Furie“. So viele mit Nikhab verschleierte Fahrerinnen konnte es auf genau dieser Strecke nicht geben. Sie spracht kein Französisch, schnatterte dafür umso lauter auf arabisch in ihr Handy und störte auch sonst durch ihr äußerst selbstbewusstes Verhalten das deutsche Bild der unterdrückten Schleierfrau.

Mit einem jungen Spanier und einem jungen Franzosen saßen wir hinten im Minibus und hatten auf der einstündigen Fahrt ausreichend Zeit, Reiseerlebnisse auszutauschen. Sie wollten nicht wie wir nach Chebika, sondern auf die andere Seite des Bergs nach Mides und ließen sich von Viktor fachmännisch auf seinen mitgeschleppten Satellitenkarten die Wandermöglichkeiten vor Ort erklären. Gegen Ende der Fahrt wurde Viktor jedoch immer ruhiger, fotografierte und filmte aus dem Fenster, wie wir „seinem“ Berg immer näher kamen

Viktor wird wiedererkannt
und war schrecklich aufgeregt. Schließlich hatten wir ja gar keine Ahnung, was sich in den letzten sieben Jahren getan hatte, an dem Ort, an dem so viele gute Erinnerungen hingen. Ob noch die selben Leute dort waren? Ob der mangelnde Tourismus für massive Probleme gesorgt hatte? Ob sie seine per Post geschickten Fotos erhalten hatten? Ob sich überhaupt noch jemand an ihn erinnerte?


Ankunft eines alten Bekannten



Die Louage spuckte uns unten im „neuen Dorf“ aus. Wir hievten unsere Rucksäcke auf den Rücken und liefen die gerade Straße hoch, in Richtung „Café l'Oasis“, wo wir hofften, die nächsten zwei Nächte eine Ecke für unsere Isomatten zu finden und Viktors alte Bekannte aufzustöbern.

Kaum waren wir ein paar Schritte gelaufen, guckten schon zwei junge Männer, die uns entgegen kamen: „Je te connais, toi!“ Sofort hatten sie Viktor erkannt. Auf englisch und französisch fanden wir heraus, dass es genau die zwei Jungs waren, von denen Viktor auch im Tagebuch geschrieben hatte. Gemeinsam waren sie von einem Festival auf der Ladefläche eines Pritschenwagens nach Chebika zurückgetrampt und Viktor musste sich damals bei einer Polizeikontrolle unsichtbar machen, damit der Fahrer keine Probleme bekam. Wir erfuhren auch gleich, dass noch alle

Allein auf dem Mars
da waren – bis auf Viktors engsten Freund, Boujema, der inzwischen in Moskau (!) lebte. Aber dazu später mehr. Die zwei Jungs läuteten ein, was danach kein Ende nehmen wollte: Natürlich erinnerten sich alle in aller Ausführlichkeit an Viktor. Im Café angekommen, wurde er umarmt, geherzt und geküsst. Der dicke Stapel Fotos, die Karten und Auszüge seiner Diplomarbeit, die er extra mitgeschleppt hatte, machten sich mehr als bezahlt. Wir waren mit unserer Ankunft genau in der touristenarmen Mittagspause gelandet. Nach und nach scharten sich die Touristenführer, die Caféchefs und andere alte Bekannte um den Tisch und wir wurden mit Tee und Café versorgt. Es wurden immer und immer wieder die Fotos rumgereicht, sich genauestens an Momente erinnert und ich musste abwechselnd Viktor übersetzen, wie sehr er vermisst wurde und den Chebikanern übersetzen, wie sehr Viktor sie vermisst hatte. Die Oasenbewohner betonen immer wieder, wie gut sich Viktor in die Gemeinschaft eingefügt hatte und wie groß seine Liebe zum Dorf und zum Berg gewesen war. Nach diesen ausgiebigen und rührenden Momenten der Herzlichkeit, mussten alle wieder an die Arbeit (neue Touristen wurden angekarrt), und Viktor zog es in den Berg. Wir bekamen den Schlüssel zur Abstellkammer, wo wir unser Gepäck unterbringen

Die Touristentreppe
konnten und machten uns in der Mittagshitze auf den Weg.


Der Berg



Schon wenn man sich dieser Gesteinsmasse näherte, merkte man, dass es sich um etwas besonderes handelte. Die geologischen Schichten hatten sich hier auf spektakuläre Weise aufgestellt und die Erosion gab ihnen ein wirklich surreales Aussehen. Als wir dann ein paar Hindernisse überwunden hatten und uns in gewisser Weise „im Berg“ befanden (in den Wadis umgeben einen die aufgestellten Schichten so, dass man nicht mehr in die Ebene blicken kann) war mir dann völlig klar, warum diese Gebirgsmasse so eine Anziehungskraft auf Viktor ausgeübt hatte. Es war absolut still, man hörte weder Mensch, noch Tier, noch Motoren, noch Pflanzen im Wind – nur die eigenen Schritte. Und das in einer Landschaft aus schroffem, bröseligem roten Stein, der sich zu allen Seiten mit unterschiedlichster Oberflächenbeschaffenheit auftürmte. Das Wort „Marslandschaft“ drängte sich auf.

Sehr weit liefen wir nicht. Wir sammelten Fossilien und andere interessante Steine, Viktor fotografierte ausgiebig und ich lief vor Hitze und Anstrengung rot an. Für den Rückweg hatte sich Viktor eine kleine Felsakrobatik vor Touristenpublikum ausgedacht: Wir kletterten umständlich über Felszacken hinunter zur Oasenquelle, die von Besuchergruppen über die gegenüberliegende Treppe besichtigt wurde. Mohammed,

An der Quelle
der Guide, winkte uns zu. Vielleicht erzählte er den Touristen sogar etwas über den deutschen Geographen, der einst ihren Berg erforschte und jetzt in weiblicher Begleitung über die Zacken turnte. Ich fühlte mich ein bisschen berühmt.


Die Quelle



Unten an der Quelle verstand ich dann auch, was diese ganzen Reisegruppen aus aller Herren Länder nach Chebika lockte. Perfekter konnte das Bild einer Oase nicht sein. Inmitten verödeter Halbwüste sprudelte warmes Wasser aus einem Felsspalt in einen türkisfarbenen, klaren Teich. Frösche quakten und guckten einen lieblich an und am Ufer entlang wuchsen Dattelpalmen. Um noch einen drauf zu setzen, und weil das ganze Wasser ja auch irgendwo hin muss, gurgelte vom Teich aus ein Bächlein zwischen den Felsen hindurch, das sich zwischendurch in einem Wasserfall in ein weiteres türkis-grünes Becken ergoss. Wäre es nicht real – man müsste schnellstens die Kitsch-Polizei alarmieren. Minimal getrübt wurde die Idylle von Kindern, die zu jung waren um den Geographen zu kennen, und die uns beharrlich Steine verkaufen wollten.


Abendstimmung



Zurück im Café hatte Mabrouk, einer der drei Chefs (und wohl auch Ortsvorstand), bereits alle Fotos feinsäuberlich nach abgebildeten Personen sortiert, in Umschläge gesteckt, mit Namen versehen und entsprechend

Feierabend für die Guides
verteilt. Inzwischen herrschte ruhige Feierabendstimmung und wir setzten uns zu den Guides vors Café. Ich übersetzte wieder Lobeshymnen, freundliche Worte und Erinnerungen hin und her und mir wurde eingebläut, dass ich mir da einen ganz besonderen Mann geangelt hatte und gefälligst gut auf ihn aufpassen solle. Sie selbst hatten inzwischen alle geheiratet und Familien gegründet. Ich fühlte mich ein klein wenig unter Druck gesetzt :-)

Wir begleiteten einen der Guides durch die Oasengärten nach Hause. Es war schon erstaunlich, was dort dank der Quelle und trotz drei Jahren ohne Regen alles wuchs. Das Quellwasser wird durch Bewässerungskanäle in den Dattelpalmenhain geleitet, in dem jeder Dorfbewohner seine Gartenparzelle hat. Leider mussten wir die Einladung zum Tee ausschlagen, um zum Café zurückzukehren und unsere Übernachtungssituation genauer zu regeln. Begleitet wurden wir wiederum von einem alten Bekannten: Amar. Viktor hatte mir von dem seltsamen Jungen erzählt, dem er auf seinen Wanderungen begegnet war und der aus einem unerfindlichen Grund mehrere umständlich zusammengebundene, lebendige Echsen dabei hatte. Inzwischen war aus ihm ein sehr freundlicher und recht anhänglicher junger Mann geworden, mit dem man sich leidlich auf französisch verständigen konnte. Auf dem Rückweg zum Café zog er dann auch tatsächlich eine recht große Echse

Shakira!
aus der Tasche: „Shakira!“ Er hatte sie die ganze Zeit mit sich getragen. Shakira war angeblich schon zehn Jahre in Amars Obhut und war definitiv das lethargischste und gleichgültigste Tier, das ich je in der Hand halten durfte.

Das Café war inzwischen menschenleer, bis auf Mabrouk und den Nachtwächter, die vor dem Flachbildfernseher Platz genommen hatten und nach unserem Eintreffen erfolglos ein deutsches Programm suchten. Nachdem wir uns die linke hintere Ecke als Schlafplatz auserkoren hatten, tauchten aus der abendlichen Dunkelheit zwei Herren der Garde National auf, denen wir unsere Reisepässe vorzeigen mussten, die gründlich studiert wurden, damit auch alles seine Ordnung hatte.

(In Tunesien muss jeder Aufenthaltsort von Touristen feinsäuberlich registriert sein. Auch jede Privatperson muss Gäste aus dem Ausland offiziell anmelden. Die Sicherheit der Touristen hat oberste Priorität. Es könnte natürlich auch damit zusammen hängen, dass die vielen Posten der Garde Nationale auch Arbeitsplätze darstellen und Menschen in Uniform ihre Autorität natürlich ein wenig genießen. Aber das ist nur eine Vermutung.)

Dann saßen Viktor und ich zunächst mal in Weile zu zweit im Dunkeln vor dem National Geographic Channel Abu Dhabi und fragten uns, was als nächstes geschehen würde. Wir hatten den Tag über verschiedene

Der Blick in die Ebene: Palmengärten und Dorfruine des alten Dorfes - links der Mitte das Café
Einladungen erhalten und Mabrouk höchstpersönlich hatte etwas von einer großen Portion Nudeln erzählt. So richtig geklärt war aber nichts. Wir hatten noch etwas Proviant dabei und beschlossen noch ein wenig zu warten und dann eventuell von unseren Keksen zu naschen. Und tatsächlich: Aus dem Dunkel tauchte, engelsgleich und ganz in Weiß gekleidet, die zuckersüße jüngste Tochter von Mabrouk auf (aufgemuntert von ihrem Vater, der sich im Hintergrund hielt) und servierte uns schüchtern zwei riesige Portionen Spaghetti mit Huhn und Fladenbrot. Wir bedankten uns überschwänglich und machten uns hungrig und glücklich in Gesellschaft des Flachbildschirms über unser Abendessen her. Als wir uns gerade sagten, dass wir uns trotz vollem Magen vielleicht noch ein paar Kekse zum Nachtisch gönnen könnten, tauchte aus der Dunkelheit ein weiterer Dorfbewohner mit drei Joghurt-Drinks auf, um uns Gesellschaft zu leisten.


Internationale Beziehungen



Nachdem wir eine Weile gemeinsam fern gesehen und uns rudimentär über Wildschweine und den großen Regen unterhalten hatten, der sintflutartig über die Oase kam als Viktor das letzte Mal da war – ein Ereignis das allen Einwohnern noch sehr eindrücklich in Erinnerung war – kam die Sprache auf eine deutsche Frau, die anscheinend schon seit sieben Monaten im Dorf lebte. Sie

Das menschenleere Café in der Dämmerung
spreche weder französisch noch arabisch und sei gekommen um mit ihrem tunesischen Freund zusammen zu leben. Per Handy wurden sie und ihr Freund ins Café einbestellt und wir wurden bekannt gemacht. Es war eine sehr seltsame Begegnung. Wir unterhielten uns darüber, wie schön das Dorf war und erfuhren, dass sie nach ihrer Scheidung und dem Verlust des Sorgerechts über ihre Tochter den Tunesier im Internet gefunden hatte. Bei vielen anderen Internetbekanntschaften sei es nur um die Papiere gegangen, sie aber habe von Anfang an vor gehabt, nach Tunesien zu ziehen, anstatt ihn nach Deutschland zu holen. Nachdem sie im Internet gesehen hatte, wie schön es in Chebika war, hatte sie kurz entschlossen ein Flugticket gebucht und sei im Dorf eingezogen. Das Touristenvisum ist inzwischen ausgelaufen und sie hofft, dass sie irgendwie schon keiner kommen wird, um sie des Landes zu verweisen. Ihr Freund saß derweil jung, schön, top gestylt und gelangweilt auf der Bank und schaute sich die arabisch synchronisierte türkische Schnulzserie an, die sich in unsere abendliche Runde eingeladen hatte.

So ging unser erster Tag in Chebika zu Ende und nachdem sich die Runde aufgelöst hatte, schlüpften wir in unsere Schlafsäcke.


Additional photos below
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Der Wasserfall aus frischem Quellwasser


Aufgestellte geologische Schichten


Bizarre Felsformationen


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