Part IX: Rakiura Encounter


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Published: May 11th 2014
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Da ich die letzte Geschichte ja mit diesem so furchtbar unerträglichen Cliffhangar beendet habe, kann ich durchaus verstehen,
dass ihr in der Zwischenzeit möglicherweise unruhig geschlafen habt, von gelegentlichen Schweißausbrüchen heimgesucht
worden seid oder beunruhigendes, wenn nicht gar epileptisches Herzrasen bekommen habt. Da steht er nun, der Backpacker,
und man ist sich ungewiss, ob sich sein Pfad dort in der Pampa Neuseelands nun doch noch mit einer barmherzigen Seele
kreuzt, die ganz zufälligerweise einen Platz im Auto, in der Kutsche oder auf dem Traktor an ihn entbähren kann. Nun zu
unserem Protagonisten:
Nach einigem Bangen und einer quälenden Ungewissheit hält ein Auto mit zwei deutschen Touristen an und sagen in
wackeligem Englisch, dass ich armes Würstchen hier im Nirgendwo doch verrotten würde und nehmen mich deshalb
freundlich in ihrem Auto auf und riskieren sogar eine Geldstrafe, denn ich kann mich nicht anschnallen und die
neuseeländische Polizei kennt da wirklich kein Pardon. Die Fahrt über die Southern Scenic Route ist ein schönes Stück
Straße, die fast gar nicht befahren wird. An vielen Stellen schlängelt sich der Highway nur wenige Meter von der Küste
entfernt durch die Landschaft. Man kann auch Stewart Island sehen, die drittgrößte und südlichste Insel Neuseelands. An
einem Aussichtspunkt finden wir einen Zettel, der über einen gratis Zeltplatz in Orepuki informiert. Als Reisender auf
niedrigstem Budget ist mir das natürlich mehr als Recht, also werde ich dann in Orepuki, welches aus einem Pub und fünf
Häusern besteht, abgesetzt. Der Zeltplatz befindet sich auf einem Schafsacker hinter dem Pub und ich baue dann dort mein
Zelt auf. Der Pubbesitzer scheint mir eine merkwürdige Person zu sein. Einen Pub in einem nicht einmal 100-Seelen-Dorf zu
eröffnen ist in meinen Augen zu jeweils 50% dumm und raffiniert. Dumm, weil nicht genug Kundschaft da sein kann um nicht
bankrott zu gehen und gleichzeitig raffiniert, denn wenn es sich bei der Kundschaft um totale Suffköppe handelt, das
Geschäft des Lebens ruft. In Orepuki handelt es sich um die zweite Variante. Das weiß ich, weil ich später mit jemandem
spreche, der den Wirt kennt und mir verrät, dass es einen Kunden gibt, der abendlich mehr als 200 Dollar versäuft. Na gut,
ganz geht die Rechnung nicht auf. Der Wirt muss dann vermutlich von dem Verdienst aus den anderen Kunden leben. Naja,
ist auch egal, denn der Wirt ist ein Vollidiot. Denn ich darf nirgendwo kochen und mich waschen darf ich auch nicht. Denn er
sagt, dass er ja nur einen Zeltstellplatz anbietet und kein Hotel sei. Gut, aber wenn man sowas anbietet, soll man meiner
Meinung auch darauf vorbereitet sein, dass die Gäste ihre Grundbedürfnisse befriedigen möchten. Ich habe zwar meinen
Gaskocher, aber es ist permanent so windig, dass das nicht geht und als ich mich in den Windschatten des Schafsschuppen
setze, kommt nach einiger Zeit der Wirt angerannt und schreit, ich solle das lassen, sonst brenne alles ab. Ja, vermutlich das
ganze Dorf, weil der Wind die Flammen schön verteilt. Grummel.
Am nächsten Morgen haue ich ganz schnell ab und versuche weiter in Richtung Invercargill zu trampen. Ein Traktor hält und
sagt, ich solle zu einem Haus in Orepuki gehen und klopfen, weil die Mädels, die dort wwoofen, bald losfahren würden. Ich
gehe rüber, klopfe und werde von vier Mädchen mit sehr starkem süddeutschen Akzent begrüßt. "Grüsele! Wie goahts?" Im
Bett liegt eine weitere Person mit gebrochener Rippe. Irgendwie kommt sie mir bekannt vor, doch ich kann mich einfach
nicht entsinnen, nicht einmal als ich iihren Namen erfahre. Eine der vier bringt mich dann nach Colac Bay, ihre Endstation.
Plötzlich macht es Klick und ich weiß wieder, wer das Mädchen mit der gebrochenen Rippe ist! Chrissi aus Freiburg (nicht zu
verwechseln mit Chrissy aus Dresden, die ich in Garston wiedergetroffen habe), die ich aus Blenheim kenne. Achja, kleines
Land. Colac Bay ist so tot wie Orepuki, hat aber mehr Häuser, von denen 95% Feriendomizile sind. Abends treffe ich auf dem
Campingplatz Choong aus Penang, Malaysia, der mich am darauffolgenden Morgen mit nach Bluff nimmt. Mit ihm verstehe
ich mich super! Ein wirklich cooler Typ! In Bluff machen wir zusammen eine Wanderung auf den Hügel, von dem man einen
guten Blick über die Stadt hat und auch Stewart Island sehen kann. Von Bluff legen die Fähren dorthin ab, ansonsten will
man höchstens wegen des Wegweisers am Ozean dorthin, denn er ist das Äquivalent zu dem Wegweiser bei Cape Reinga.
Wirklich witzig ist, dass jemand auf den Wegweiser nach London einen Aufkleber von der Kultuhauptstadt Görlitz geklebt
hat. Bei Cape Reinga ist es ja ein 1.FC Nürnberg-Aufkleber gewesen. Ja, die Deutschland. Ich finds lustig. Und ich bin damit
nicht allein, denn mindestens die Person, die es gemacht hat, findet das auch. Nach einer Nacht auf dem Campingplatz in
Bluff legt am nächsten Morgen meine Fähre nach Stewart Island ab. Es ist windig und so ist es eine sehr, sehr, sehr, sehr, sehr
wackelige und überlerregende einstündige Überfahrt mit dem Katamaran. Ab und zu heben wir sogar soweit ab, dass das
ganze Boot in der Luft ist. Ich bin wirklich froh, als ich wieder festen Boden unter den Füßen habe. Eine Nacht im Hostel und
dann geht es für mich schon auf den Rakiura-Track. Rakiura ist der Maori-Name Stewart Islands. Der Track dauert über drei
Tage und ich schlafe in Hütten auf dem Weg. Insgesamt sind es 32 km zu laufen in drei Tage. Das ist sehr gut machbar, selbst
mit Rucksack und so geht es am ersten Tag an lieblicher Küstenlandschaft entlang bis zum Port William. Auf halber Strecke
liegt am Strand etwas, was aus der Ferne wie ein riesiger Brocken Gestein aussieht. Als ich näher komme stellt sich heraus,
dass es das nicht ist. Nein, ein Seelöwe von wuchtiger Gestalt döst da so vor sich hin. Ab und zu schnarcht er ohrenbetäubend
laut. Auch ein paar Fischgräten finden sich in unmittelbarer Umgebung. Leider ist das auch der Moment, an dem meine
Kamera den Geist aufgibt. Es scheint als sei ein bisschen Sand ins Objektiv gekommen. In der ersten Hütte angekommen stelle
ich die Kamera auf einen Stuhl in einiger Entfernung zum Feuer um dem Wasserschaden, falls einer vorliegt (es hat nämlich
geregnet), so gut wie entgegenzuwirken. Dann will ich sie aufnehmen und dabei fällt sie mir auf den Boden. Als ich sie
aufhebe, funktioniert wieder alles wieder. Ich sage zu der einen Rangerin: "Sometimes a little smack is all you need." Sie: "I
bet that's what your mother said, too." Seit dem mag ich sie nicht mehr. Ich mein , ich erzähle ihr doch auch nicht, das ihre
Mutter sie nur dazu ermutigt hat Rangerin zu werden, damit sie immer in Nationalparks feststeckt und keinen Empfang hat,
sich also nicht melden kann und ihre Mutter endlich mal Ruhe hat.
Auch auf der Hütte ist auch Natascha aus Frankreich und zusammen machen wir noch einen kurzen Sidetrack zur Küste auf
dessen Rückweg wir uns fast verlaufen. In der Dunkelheit im Wald? Uaahh. Nein, danke. Aber selbst wenn, der Vorteil an
Neuseeland ist einfach, dass es keine gefährlichen Tiere gibt. Das schlimmste, was einem passieren kann, sind Spinnen, die
aber auch nicht töten können. Natascha begleite ich auch auf dem nächsten Teil des Tracks am nächsten Tag, der ohne
Gesprächspartner echt langweilig gewesen wäre, denn es geht durch den Wald, ohne Aussichtspunkte, für 6 Stunden. Und so
schnell ändert sich Neuseelands Landschaft dann auch nicht. Nach der nächsten Nacht in der North Arm Hut, machen ich
mich wieder allein auf den letzten Abschnitt, weil ich schon früh wach bin und nicht warten will. Dort stehe ich dann
kurzzeitig am südlichsten Punkt meines Lebens. Weiter südlich sind nur die Stewart Island vorgelagerten Atolle, Chile und
die Antarktis. Insgesamt ist die Landschaft von Stewart Island schon toll, naturbelassener Wald und ein Vogelparadies. Wir
sehen einen Fantail, kleine Pfauen sozusagen (siehe Bilder).
Am letzten Abend spazieren eine Chinesin, und zwei weitere Deutsche noch mit zum Hafen, wo wir Pinguine sehen und
anschließend zum Traill Park um unser Glück mit den Kiwis zu versuchen. Die Chance, Kiwis in freier Wildbahn zu treffen, ist
auf Stewart Island am höchsten, weil die Unterart hier schon in der Dämmerung aktiv wird. Die Arten auf der Nord- und
Südinsel fangen ab totalem Dunkelheitsanbruch an, herumzutapsen. Wir sehen zwar keinen, der Nationalvögel Neuseelands,
aber ich höre einen im Gebüsche herumtapsen. Immerhin. Das ist so ein leises Tapsen gewesen, dass es kein Opossum gewesen
sein kann, abgesehen davon, dass die auch in Bäumen hängen.
Das ist ein gebührender Abschluss für meinen Kurzaufenthalt auf Rakiura. Am nächsten Morgen nehmen mich die Chinesin
und eine Deutsche nach überraschend ruhiger Fährüberfahrt mit nach Invercargill, von wo ich es am gleichen Tag noch bis
Dunedin, ins Glasgow of the South, schaffe. Dich davon handelt die nächste Geschichte.

Danke fürs Lesen und bis bald,

Euer Jan


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