6. Kapitel: Ungeplante Herausvorderungen


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Oceania » Australia » Western Australia » Mahogany Creek
November 30th 2012
Published: December 5th 2012
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Bereits nach 45 Km erreichen wir das verschlafene Mt. Barker, inmitten von Farmen und Wald. Nur ein weiteres Zentrum der in dieser Region typischen Landwirtschaftsindustrie. Rund um das kleine Städtchen verteilt liegen Farmen, Weingüter, Farmen, endlose Wälder, Farmen und das obligatorische Buschland. Wir machen kurz Rast und erfahren von dem beeindruckenden Porengorup Nationalpark mit seinen abstrakten Felsformationen etwa 20 Minuten entfernt von Mt. Barker. Also fahren wir das kleine Stück und wandern anschließend noch etwa ein ein-halb Stunden bis auf das Hochplateau. Ein toller Ausblick auf das umliegende Flachland das sich in schier endlose Weiten vor uns ausbreitet, erweitert unseren Horizont einmal mehr. Von hier oben eröffnet sich uns die Faszination dieses Landes in fast schon erschreckender Weise. Surreal, still, endlos, so sehen wir unserer Umwelt. Wie soll man sich als Winzling nur hier zurecht finden?

Es braucht etwas Zeit um die Augen an den Blick zu gewöhnen und je länger wir in die Ferne schauen um so trüber werden unsere Gedanken. Die Weite Australiens ist erschreckend.
Wortlos wandern wir ins Tal und fahren zurück in die Stadt um uns nach einer Dusche um zu sehen. Obwohl es mir erst ein bisschen peinlich ist überredet mich Carmen dann doch im örtlichen Touristenbüro danach zu fragen. Wer kann schon ahnen, das sich dadurch der weitere Verlauf unserer Reise komplett neu gestaltet.
In dem typischen, mit Broschüren, Karten und Krims Krams voll gestellten Büro erwartet mich, so scheint es, die freundliche Charlin um mir geradeaus zu sagen das ich aussehe als ob ich einen Job suche. Lachend stimme ich dem zu und kurz darauf ist sie auch schon am Telefon um ihrem Mann, einem Farmer in der Region, zu berichten das sie endlich jemanden gefunden hat der bereit wäre auf ihrer Farm zu arbeiten. Alles geht ziemlich schnell. Wir verabreden uns für den Nachmittag um mit ihr gemeinsam auf die Farm zu fahren und mit ihrem Mann und ihrem Sohn das Weitere zu besprechen.
Freudestrahlend kehre ich zu Carmen zurück, auch wenn ich immer noch nicht weiß wo man hier duschen kann, so hab ich doch gute Nachrichten.
Am Nachmittag treffen wir uns mit Charlin und fahren die 45 km hinaus aus dem Ort auf ihre Schaffarm. Ein gewaltiges Anwesen mit mehreren Häusern und rings herum nur Farmland soweit das Auge reicht. Ihr Mann begrüßt uns freundlich und wir werden direkt eingeladen mit ihnen zu Abend zu essen und in ihrem Gästezimmer zu schlafen. Später kommt ihr Sohn, der eigentliche Farmer, um uns zu begrüßen. Dean ist ein quirliger, drahtiger Mann Ende 40, mit lichtem Haar und tiefen Furchen im braun gebrannten Gesicht. Er sieht aus als bestünde sein gesamtes Leben aus schwerer körperlicher Arbeit und herben seelischen Rückschlägen und so wie ich das in den nächsten Wochen und Monaten erkennen kann, ist das auch so.
Wiedereinmal beginnt dieser neue Abschnitt unserer Reise zaghaft und sanft. Die Trotters nehmen uns herzlich auf. Wir bekommen ein eigenes, altes Haus etwas entfernt von ihrem Wohnhaus, auf dem Farmgelände. Man organisiert für uns eine eigene Waschmaschine und ein neues Bett. In dem Haus hat schon eine ganze Weile niemand mehr gewohnt. Ein muffiger Geruch aus Staub, alten Fußbodendielen und Mauskot liegt in der Luft. Wie ich später erfahre hat hier der Urgroßvater der Trotterfamilie, leidend an Blasenkrebs, seine letzten Jahre verbracht. Nach seinem Tod wurde er dennoch einige male von der nächsten Bewohnerin, der Mutter von Charlin, gesichtet. Bis heute weiß niemand, ob für die angeblichen Erscheinungen der Wind und die Mäuse in den Wänden, oder vielleicht doch der Scotch verantwortlich waren.
Zum Kennenlernen lädt uns Dean, zusammen mit seiner Frau Denise und seinen beiden Kindern, zum Wasserski fahren an einen nahen See ein. Das scheint auch das einzige zu sein, neben der Arbeit natürlich, was man in dieser Gegend machen kann. Seine 10 jährige Tochter fährt das Speedboot als hätte sie nie etwas anderes gemacht und wir lernen Wasserski und Wakeboard fahren. Denise ist in Perth aufgewachsen und eine richtige Stadtfrau, die sichtlich Probleme mit dem Landleben hat. Noch dazu ist sie so peinlich sauber, das ein Ausflug an den Strand ihr ernsthaft zu schaffen macht. Sie hat es sich zur Aufgabe gemacht jeden Krümel Sand oder Staub oder Dreck mit größtmöglicher Genauigkeit aus ihrem Lebensumfeld fern zu halten. Was gerade auf einer Farm ein 24 Stunden Job ist. Vielleicht auch das ein Grund warum sie regelmäßige starke Migräneattacken bekommt, die sie mir ausführlich beschreibt.
Auch ich bekomme etwas Kopfschmerzen und ein seltsames Gefühl beschleicht mich am Ende dieses Tages. Irgendwie hab ich das Gefühl das mich diese Arbeit vor ungeahnte Herausforderungen stellen wird. Nicht zuletzt als mich Charlin, am Abend vor meinem ersten Arbeitstag, ernsthaft fragt, ob ich bereit bin zu arbeiten wie ein Sklave.
Am nächsten Morgen um 7.30 Uhr treffe ich mich mit Dean und seinem Vater, dem anderen Arbeiter Bob und einer ganzen Horde unterschiedlicher Hunde, die bellend und schnuppernd auf mich zu gerannt kommen, an der großen Scheune wo alle Arbeitsfahrzeuge, die Traktoren und alten Trucks und eine große Werkstatt untergebracht sind. Auf den ersten Moment sieht alles aus wie ein riesiger Schrottplatz. Überall liegt Holz und Metall, einige Traktoren sind stark verrostet, ein Haufen gebrauchter Fahrzeugbatterien wird schon langsam vom Gras überwuchert und der alte Trotter macht erst einmal ein Mülltonnenfeuer mit all dem anfallenden Plastik den ein Haushalt so produziert.
Dean und ich verbringen den Tag mit dem Reparieren des alten Hauses. Wir ersetzen ein Fenster, schließen die Wasserpumpe und die Waschmaschine an, besorgen eine neue Matratze und erledigen viele kleinere Sachen. Dean ist ein echter Handwerker der wohl alles reparieren kann. Ohne Ausnahme. Schnell merke ich, das meine Fähigkeiten was das angeht eher beschränkt sind. Nichts desto trotz ist es schön etwas zu tun zu haben. Nach dem eintönigen Weintrauben ernten ist diese Arbeit eine echte Abwechslung.
Die Woche vergeht im Fluge. Bob und ich arbeiten meist Allein. Wir reisen kilometerlange alte Zäune nieder um sie durch neue zu ersetzen. Es dauert Stunden den alten Draht ein zu rollen und die halb verrotteten Holzpfosten ein zu sammeln. Manchmal sind wir weit draußen auf der Farm und genießen die Ruhe des Buschlandes. Trotzdem, Bob hasst seinen momentanen Job. Eigentlich ist er Lackierer und tut dem alten Trotter nur einen Gefallen, weil der nach einer Knieoperation nicht mehr so viel arbeiten kann und möchte. Der alte Trotter hingegen findet das Bob viel zu langsam arbeitet und würde lieber alles selbst erledigen, das verbietet ihm aber seine Frau. Am Abend gehe ich oft zu ihm um etwas an seinem Knie zu arbeiten, was mir einen kleinen Bonus verschafft, so denke ich, bevor auch ich seinen wahren Charakter kennen lerne.
In der zweiten Woche findet auch Carmen einen Job in der näheren Umgebung. Sie pflückt ab da Erdbeeren auf einer etwa 20 Km entfernten Plantage. Ein wahrhaft rückenbrechender Job. Aber sie ist froh etwas zu tun zu haben und natürlich gibt es auch mehr Geld für uns.
So ziehen sich die Wochen und wir erliegen einem Alltagstrott wie wir ihn schon lange nicht mehr hatten. Die Arbeit auf der Farm, die in etwa zwanzigtausend Schafe beherbergt wird zunehmend härter. Der Umgangston rauer. Der alte Trotter ist ein Choleriker und rastet regelmäßig aus. Dean ist sehr pedantisch und genau bei allem was er tut. Und Bob der langsam arbeitende Lackierer und ich der Physio mit den zwei linken Händen sind das perfekte Team um Chaos zu stiften. Es vergeht kaum ein Tag an dem wir uns nicht wegen irgend etwas eine Standpauke anhören müssen. Genau so wie kaum ein Tag vergeht an dem wir nicht irgendetwas kaputt machen. Mal verhakt sich der Bohrer für die Zaunpfähle im steinigen Boden und Dean muss extra 20 Minuten zu uns aufs Feld fahren um dann in 2 Minuten das Problem zu lösen. Mal reist Bob mit dem Traktor eine neue Dachrinne herunter, mal wird die schnurgerade Zaunlinie zum Slalomkurs ausgebaut und mal sind wir einfach nur zu blöd für Alles. Ich arbeite 50 Stunden pro Woche. Steige Morgens bei Sonnenaufgang steif wie ein Rentner aus dem Bett in welches ich am Abend spätestens um 9 wieder hinein krieche. Ich hätte diese Zeit auf der Farm wohl nicht so durchgehalten, wenn nicht Carmen sich rührend um mich gekümmert hätte. Und das neben ihrer eigenen Arbeit, die ja auch nicht gerade entspannt war.
Wir fühlen uns seltsam, irgendwie glücklich eine Arbeit zu haben und dieses Leben zu führen wie es eben gerade ist, irgendwie aber auch unglücklich. So isoliert vom Rest der Welt waren wir noch nie. Die Abende füllen wir mit Fernschauen und Erdbeeren mit Vanille Jogurt als Nachtisch. Zwar freuen wir uns jedes mal auf die Wochenenden, sind sie dann aber da, wissen wir nichts mit ihnen an zu fangen. Keine Freunde in der Nähe, kein Strand, keine Ausflugsziele in den nächsten 100 km in allen Richtungen. Wir vergessen allmählich worum es eigentlich geht. Die Sehnsucht nach „Leben“ wird mit jeder Woche auf der Farm größer.
Allmählich zieht auch der Herbst in den Süden West Australiens ein. Morgens wird es bitterkalt, bis an den Gefrierpunkt. Tagsüber gibt es immer wieder Regenschauer und kalten Wind, was das Arbeiten nicht einfacher macht. Bob meint, er arbeitet nicht wenn es regnet, und verabschiedet sich meist schon um die Mittagszeit. Somit werden Dean und ich mehr und mehr ein Team und so allmählich traue ich und auch er mir immer mehr zu. Oft lässt er mich allein Arbeiten. Ich verbringe teilweise den ganzen Tag irgendwo im Wald und schneide und hacke Holz für den nahenden Winter. Diese Tage, so hart diese körperlich auch sind, erfüllen mich auf eine nie gekannt Art und Weise. Der Geruch des Waldes, die endlose weite des Buschlandes, ein paar Vögel singen in den Bäumen und hin und wieder kommt eine Herde Schafe vorbei. Irgendwie, es ist seltsam, aber auch unbeschreiblich Frei.
An irgendeinem Montag, kommt Bob einfach nicht mehr zur Arbeit. Er ruft nicht an und sagt auch niemandem Bescheid. Dean meint nur, das sei typisch für die australische Arbeitsmoral. Aber nun heißt es, nur wir beide, gegen 20000 Schafe. In diesem zweiten Monat auf der Trotterfarm lerne ich das meiste. Der „Welpenschutz“ ist nun endgültig vorbei und es gibt auch keinen Bob mehr, der die Schuld ab bekommen könnte, wenn etwas schief geht. Der alte Trotter lässt keine Minute aus um mir deutlich zu machen wer hier der Boss ist. Nur Dean stellt sich nun immer öfter schützend vor mich. Ich erlebe wie alte Familienrivalitäten zum Vorschein kommen. Jahrelange, jähzornige Unterdrückung, welche Dean erleiden musste, kommen in heftigen Streitereien zum Vorschein. Angefacht wird das lodernde Feuer noch dazu vom plötzlichen Erscheinen von Dean´s Bruder, der seit sage und schreibe, 17 Jahren(!) nicht mehr daheim war. Frust und Depression, Intrigen, Unterdrückung und Unausgesprochenes, sind die Faktoren welche ein Leben auf einer isolierten Farm, für eine ganze Familie, unerträglich machen können. Umgeben von unvorstellbarer Freiheit, kann man sich gefangener Fühlen als in jedem Großstadt- Betonblock- Appartement.
Rotwein, Butterscotch und etliche Folgen diverser Serien sind unsere treuen Begleiter und bringen uns souverän durch diese schwierige Zeit. Jeder Tag ist eine Herausforderung für Körper und Nerven. Und das ersehnte Ende, scheint mehr und mehr zu einer wahren Erlösung heran zu wachsen.
So beginnt auch der vorerst letzte Arbeitstag nach ziemlich genau zwei Monaten wie jeder andere Tag auch, elendig kalt. Man mag es kaum glauben. Von Reif bedeckte Wiesen und Bäume und gefrorene Tautropfen an den Drahtzäunen. Ein letztes mal sehen wir den Nebel verhangenen Sonnenaufgang hinter den Hügeln. Ein letztes Mal fahre ich raus in die endlosen Weiten der Trotter Farm. Repariere Zäune, baue neue Tore ein, setze Zaunpfähle. An diesem Tag sehe ich Dean nur selten. Er hat mir in den vergangenen Wochen immer mehr Vertrauen geschenkt und ich hab es zu schätzen gewusst. Auch der alte Trotter konnte keinen Grund mehr finden mich zu schikanieren. Plötzlich ist es so, als ob es nie anders war. Ich bewege mich wie im Film, genieße die Landschaft und die Stille um mich herum.
Setze einen Fuß vor den anderen und du wirst irgendwann dein Ziel erreichen.
Am Ende des Tages erlebe ich noch ein wahres Highlight. Das erste mal in der gesamten Zeit auf der Farm höre ich Dean etwas positives über meine Arbeit sagen. Ein kleines Schmunzeln auf seinem Gesicht, ein krampfhaftes Verziehen des Mundwinkels in eine lächelnde Position, ein Hauch von einem Nicken und ein, „nicht Schlecht gemacht!“, reichen mir um die Strapazen zu vergessen.

Freiheit, ist manchmal auch etwas was man sich teuer erkaufen muss.



by Patrick Bauer



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