Wir schlafen im Dschungel oder die Kapitulation vor dem Besuch von oben


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North America » Mexico » Yucatán » Uxmal
February 6th 2020
Published: February 10th 2020
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Wir erreichen „The Lodge at Uxmal“ am frühen Nachmittag und genießen die schöne Anlage mit zwei Pools und den zwar etwas in die Jahre gekommenen aber schick ausgestatteten Reetdachbungalows ein paar Stunden lang fast für uns alleine. Wir sind hier dann doch wieder mitten im Dschungel, wenn auch nicht ganz so „ab vom Schuss“ wie wir es in Calakmul gewesen wären. Aber sowohl auf Handyempfang als auch auf Wlan müssen wir heute wohl verzichten. Vorsichtshalber klären wir mal ab, wo das nächste Krankenhaus wäre. Das wäre 35 Minuten entfernt, klingt nicht so ermutigend. Wir hoffen also einfach dass unser Baby gut auf die fiebersenkenden Maßnahmen reagiert und wir kein weiteres Krankenhaus benötigen werden. Außer ein paar hochpreisigen Hotels und den Ruinen der Maya-Stadt Uxmal (man spricht es Usch-mal) ist hier draußen nicht viel. Dafür ist man am nächsten Morgen nach dem Frühstück nur einen Steinwurf vom Eingang der Ausgrabungsstätte entfernt. Wir verbringen den Nachmittag am Pool und entspannen. Mats schläft viel, was hoffentlich ein gutes Zeichen ist und wir plantschen ein bisschen und gehen dann abends – mangels Alternativen- im Restaurant der Lodge essen. Es schmeckt wirklich gut aber ist auch das teuerste Essen unserer Reise und leider ist der Service nicht dem Niveau angemessen. Wenn man der einzige Gast im Restaurant ist, sollte man meinen, dass bei 20-25 Euro pro Hauptgericht zumindest alle drei Gerichte auch so kommen wie sie bestellt werden. Es wird die bislang kälteste Nacht unserer Reise hier im Dschungel und unter den dünnen Laken frieren wir tatsächlich ein wenig, auch wenn neben uns leider wieder ein fiebrig glühendes Kind liegt. Wir stellen uns den Wecker, um ihm nachts seine Fiebersenker zu geben und so wird leider auch diese teure Nacht insgesamt eher unbequem und wenig erholsam. Das Frühstück am nächsten Morgen ist dafür grandios und reichhaltig und um kurz nach Acht stehen wir vor den gerade öffnenden Kasse zur Ausgrabungsstätte. Uxmal war einst eine wichtige Stadt mit großem Einfluss und etwa 25.000 Einwohnern. Der Name Uxmal bedeutet „drei mal gebaut“, und bezieht sich auf die verschiedenen Baustile, die im Laufe der Zeit hier Anwendung fanden, insgesamt sind allerdings sogar Relikte aus fünf „Baustil-Zeitaltern“ der Maya vorhanden. Die Stadt wurde bereits 600 n Chr. besiedelt. Dank der technischen Fähigkeiten der Maya florierte die Landwirtschaft in Uxmal, obwohl die Stadt in einer Gegend ohne permanentem Zugang zu Frischwasser gebaut wurde. Sie legten eine Reihe Wasserbecken und unterirdischer Zisternen an und versorgten so die gesamte Stadt. Uxmal ist längst nicht so bekannt wie die Ausgrabungsstätten in Chichen Itza und dadurch auch völlig frei von fliegenden Händlern und wir haben genau eine größere Reisegruppe getroffen. Fast unbehelligt besichtigen wir die wunderschön im Dschungel liegenden Überreste der großen Tempel und Palastbauten. Das schöne ist, dass man hier sogar einige der Ruinen noch besteigen darf, und dank der immer noch recht angenehmen Temperaturen ist das auch nicht ganz so schweißtreibend, wie es von unten aussieht. Alles ist mehr oder weniger ungesichert und auch unbeschildert aber so macht man sich eben sein eigenes Bild von dieser einst so bedeutenden Stadt. Wunderschöne Säulengänge und in Stein gehauene Figuren, Schlangenköpfe, Schildkröten und verzierende Ornamente schmücken die Überreste der Gebäude und in einige kann man sogar reingehen. Besonders sticht die Pyramide des Zauberers (Pirámide del Adivinio) heraus, die ich sogar noch beeindruckender als die große Pyramide von Chichen Itza finde. Neben dem Gouverneurspalast mit dem darauf befindlichen „Haus der Schildkröten“ gibt es noch die große Pyramide mit einer unfassbar steilen Fassade, die man erklimmen kann und von der man einen atemberaubenden Blick hat. Entgegen aller Proteste, bleibt Marlene hier aber unten, denn schon für uns Erwachsene ist der Abstieg nur seitlich und sehr langsam machbar. Marlene findet es aber generell super, dass man hier überall klettern und balancieren darf. Und wir genießen dann eben mal getrennt von einander die Stille und die wundervolle Aussicht über die gesamte Ausgrabungsstätte und den umgebenden Dschungel, den man von oben hat. Mats schläft fast den gesamten Ausflug über in der Trage, zum Glück ist es recht kühl und es gibt überall schattige Wege. Gegen halb zehn kommen dann doch ein paar mehr Leute und so langsam auch die Mittagshitze, sodass wir zurück in Richtung Hotel und dort nochmal ein Stündchen an den kühlen Pool gehen, bis wir weiterfahren. Fast drei Stunden fahren wir heute über Land zu unserer nächsten, kurzfristig eingeschobenen Station bei der Stadt mit dem schönen Namen Chuhuhub. Die Unterkunft hatten wir eigentlich nur auf Grund ihrer Lage entlang der Strecke gewählt, waren dann aber immer begeisterter als wir mehr darüber gelesen haben. Es scheint eine Art Umweltprojekt einer ortsansässigen Maya-Familie zu sein, die ein paar einfache Hütten im Dschungel vermieten, ein kleines Outdoor-Restaurant betreiben und durch ihre eigene Landwirtschaft fast völlig autark sind, ihr eigenes Obst und Gemüse verarbeiten, eigene Hühner halten und sehr auf den Umweltschutz bedacht sind. Die Fahrt dorthin sind eigentlich nur 170 km aber unsere App zeigt uns drei Stunden Fahrtzeit an und bald wissen wir warum. Wir durchqueren auf einer kaum zweispurig ausgebauten Landstraße etliche kleine Dörfer und Kleinstädte, die uns zwar einen tollen Einblick in das echte Leben hier abseits der Touristenattraktionen geben, die uns aber auch immer wieder zum runter bremsen zwingen. Sei es weil sich auf der „Hauptstraße“ der Verkehr staut oder weil die Straße voller Schlaglöcher und sonstiger Verkehrshindernisse ist. In jedem Ort gibt es einen kleinen Markt, eine schattige Plaza und eine schöne kleine Kirche mit einem bunten Friedhof. Es sind einfache aber gepflegte Ortschaften und zumindest ich als Beifahrer genieße die Einblicke in das mexikanische Alltagsleben. Als wir bei unserer Unterkunft ankommen sind wir am Verhungern und essen erst mal in dem kleinen Restaurant. Das Angebot ist überschaubar und wir bestellen „was es gibt“. Es schmeckt aber sehr lecker und frisch. Unsere Hütte ist ein einfaches schilfgedecktes Häuschen mit einem sehr rustikalen Bad aber blütenweißen frisch gestärkten Bettlaken. Die Hütten stehen in einem kleinen, halb gezähmten Dschungel voll Zitronenbäumen, Palmen und wildem Grünzeug, durch kleine Sandpfade verbunden. Eine sehr idyllische Anlage aber als wir nach dem Essen in unsere Hütte zurückkehren und dort auspacken wollen, schlängelt sich Dennis im „Bad“ eine kleine weiße Schlange aus dem Reetdach entgegen, die dann sofort wieder unter dem Schilf verschwindet. Mein absoluter Albtraum. Als Dennis dann unseren Gastgebern mit Händen und Füßen vermittelt, wer da zu Besuch bei uns im Bad war und diese erklären, dass es sich vermutlich um ein gefährliches Exemplar handelt, das während des Tages sein Gift produziert und nachts dann giftig ist, spielt mein Kopf verrückt. Auf die Frage, ob dieses Gift denn für die Kinder tödlich sein könnte sind sie sich dann uneinig und ich glaube spätestens jetzt ist es unnötig zu erklären, dass ich danach auch nicht mehr in eine andere Hütte umziehen will. Mit zwei Kleinkindern, von denen eines sowieso noch fiebert, und meiner Schlangenphobie würde ich in dieser Nacht hier kein Auge zutun und es fällt mir zwar schwer, aber es ist wohl die Zeit gekommen, auch mal vor der Wildnis zu kapitulieren. Ich habe zwar schon in Klapperschlangegebiet gezeltet und in der indischen Wüste unter freiem Himmel geschlafen aber so lange kein Tier zu sehen war, hatte ich nie Probleme meine Angst zu kontrollieren. Aber heute und hier habe ich ein mieses Gefühl. Es ist mir ein bisschen peinlich aber zum Glück übersetzt eine chilenische Freiwilligenhelferin ein wenig für uns und alle sind sehr verständnisvoll und nett. Total unkompliziert bucht man uns kurzerhand im örtlichen Hotel ein und versichert, dass das Dach dort aus Beton sei. Es ist ein einfaches aber sauberes mexikanisches Hotel, komplett gefliest und mit schöner Neonbeleuchtung und vermutlich sind wir die einzigen Ausländer die jemals dort geschlafen haben, aber es ist uns für diese Nacht völlig ausreichend. Mitten im Dorf wecken uns am nächsten Morgen die Hähne der Nachbarschaft und der beißende Geruch nach verbrennendem Plastik, der in unser Zimmer zieht und so sind wir früh wach und fahren zum Frühstück wieder raus in „unsere“ Dschungelunterkunft. Jetzt bei Tageslicht komme ich mir schon wieder doof vor, weil irgendwie alles bei Tag immer weniger dramatisch aussieht aber ich hoffe inständig, dass keiner es mir krumm nimmt, dass wir umgezogen sind. Wir haben nämlich für nach dem Frühstück noch eine „Maya Koch Experience“ ausgemacht und wollen lernen, wie die Leute hier auf traditionelle Weise Tamales, ein traditionell im Holzfeuer gegartes Gericht im Maisteig, zubereiten. Dennis wird zunächst zusammen mit dem 79-jährigen aber sehr rüstigen, Familienoberhaupt zum Palmholzhacken geschickt. Dann bauen wir einen Erdofen in einer flachen Kuhle auf dem Gelände und schichten das Holz hinein. Wir schneiden große Bananenblätter ab und rösten diese kurz über dem Feuer in der Küche, sodass sie flexibel und sauber werden. Dann werden in diesen mit dem bereits vorbereiteten Maisteig kleine Taschen geformt und mit klein gezupftem Hühnchenfleisch, Gemüse und einer Masse aus gestocktem Hühnerfett mit Kräutern gefüllt. Für Marlene, die ja schon zuhause gerne beim Kochen zuguckt und hier total fasziniert von Allem ist, macht die Köchin ebenfalls ein kleines Päckchen, alle werden dann wie Geschenke gut verschnürt für etwa 90 Minuten in das nun heruntergebrannte Feuer gelegt und mit Palmenblättern und Erde bedeckt. So schmoren sie vor sich hin und Marlene ist ganz aufgeregt und kann es kaum erwarten, ihr Geschenk wieder zu öffnen. Während das Essen gart, bekommen wir noch eine kleine Führung durch den „Garten“, in dem für unser westliches Auge ziemlich unkontrollierter Dschungel herrscht, bei genauerem Hinsehen jedoch wahnsinnig viel essbares wächst. Sternfrüchte und Limetten, Zitronen, Papaya, Zimt und Zuckerrohr. Wir pressen dann an einer riesigen manuellen hölzernen Zuckerrohrpresse den Saft aus einigen Stängeln Zuckerrohr und mischen den so gewonnenen Saft mit gecrushten Limetten, Minze und Sprudel zu einem köstlichen (alkoholfreien) „Mojito“. Ich trinke drei Stück davon, so gut und erfrischend schmecken sie und außerdem war das Pressen wirklich harte körperliche Arbeit und inzwischen ist es Mittag und mal wieder unfassbar heiß geworden. Mats hat die meiste Zeit im Schatten des Restaurants in seiner Babyschale oder bei mir in der Trage geschlafen, wird jetzt aber natürlich pünktlich zum Essen wach. Alle Angestellten sind allerdings so vernarrt in ihn, dass wir trotzdem in Ruhe essen können, weil ihn immer jemand ein bisschen herum schaukelt und bespaßt. Leider schmecken uns unsere „Geschenke“ irgendwie nicht so gut wie erwartet, es ist erstaunlich wenig geschmacksintensiv, trotz der Würzpaste, die wir in den Teig geknetet haben und mit der die Hühnerbrühe versetzt war. Dennoch war es eine tolle Erfahrung und da ich bisher aus keinem meiner Urlaubs-Kochkurse (immerhin ja schon fünf oder sechs) etwas zuhause nachgekocht habe, sondern es mehr um die Erfahrung vor Ort geht, ist das auch halb so wild. Selbst wenn wir gewollt hätten, hätten wir dieses Gericht, allein auf Grund des Aufwandes und des Mangels an Bananenblättern in dieser Form sowieso nie zuhause nachkochen können. Ich freue mich also, dass ich es mal wieder geschafft habe, meine Kochkurs-Tradition fortzusetzen und dass es auch mit den Kindern so gut funktioniert und Spaß gemacht hat. Insgesamt bezahlen wir dann für Abendessen und Kochkurs gerade 600 Pesos (30 Euro) für uns beide und Marlenes Abendessen, und dass obwohl man uns ja wirklich mit sehr viel Aufwand insgesamt vier Stunden „bespaßt“ hat. Wir hätten ja schon genug bezahlt, dafür dass wir dann „nur“ in dem Stadthotel geschlafen haben. Mir ist das ein wenig unangenehm, aber ich habe keine Chance mehr zu bezahlen, man besteht darauf. Aber da ich am Vorabend gesehen habe, dass der Hotelier unserer Bleibe nur 400 Pesos von den insgesamt 50 Euro bekommen hat, die wir für die Übernachtung mit Frühstück eigentlich bezahlt hatten, hoffe ich dass dann doch ein bisschen was für diese wahnsinnig nette Familie und ihr tolles Projekt hängen geblieben ist. Auch wenn wir letztlich nicht dort geschlafen haben, war es ein wundervoller Ort und der Vormittag dort hat sehr viel Spaß gemacht. Wir machen uns also gegen Mittag auf den Weg zu unserer nächsten Bleibe an de wunderschönen Lagune von Bacalar, etwa zwei Autostunden entfernt. Insgesamt war diese Planänderung eine großartige Alternative zu unserem ursprünglichen Plan und wir sind ganz froh, dass wie die beschwerliche Fahrt nach Calakmul so gut ersetzt haben. Ab jetzt ist entspanntes Strandleben angesagt. Hoffentlich mit zwei gesunden Kindern.



Mexiko-Besserwisser-Wissen Teil 4







Die Mexikaner sind besessen von „Topes“ – mal riesigen hohen, mal kleinen runden Betonhubbeln, die jede Ampel, jeden Kreisverkehr und jeden Geschwindigkeitsblitzer ersetzen. Vor allen großen Kreuzungen, sei es in der Stadt oder bei Überlandfahrten, bei jeder Ortsdurchfahrt und auch an jeder Schule oder jeder sonstigen öffentlichen Einrichtung sind sie als Geschwindigkeitsdrossel auf der Straße angebracht. Mal wird schon 500 Meter vorher mit etlichen Schildern davor gewarnt, mal sind sie völlig sinnfrei und hinterhältig nur kurz hinter einem „80-km/h“- Schild versteckt. Bislang hat unser Unterboden sie uns immer verziehen aber unsere Bandscheiben sind da nicht ganz so tolerant…


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