Regenzeit


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Published: June 13th 2017
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7.6.

Vor der Rückfahrt nach La Ceiba im «Vomit Comet» haben wir uns unnötig gefürchtet: sie dauert nur 60 Minuten und verläuft absolut ruhig, es kommt keine einzige Tüte zum Einsatz.

Wir haben den einfachen Weg gewählt für unsere Fahrt durch Honduras und haben einen Touristen-Bus gebucht. Allerdings - entgegen der allgemeinen Empfehlungen, Honduras gilt immer noch als unsicheres Reiseland – die zweitägige Variante mit kurzen Ausflügen. Unser «Fahrer/Guide/Freund», wie er sich vorstellt, beruhigt uns jedoch, seit zwei Jahren sei die politische Lage stabil und es gäbe keine Schiessereien mehr. Leider habe sich aber der Tourismus noch nicht erholt und die meisten Leute würden nach wie vor so schnell wie möglich das Land durchqueren.

Nach vierstündiger Fahrt erreichen wir den Wasserfall Pulhapanzak. Ein lokaler Führer bringt uns mit abenteuerlichem Klettern, Klippenspringen und Schwimmen in eine Höhle hinter dem Wasserfall. Dort ist es erstaunlich friedlich und wir erholen uns kurz vom tosenden Lärm und den prasselnden Wassermassen, bevor wir uns nochmals tapfer ins Getöse stürzen für den Rückweg. Erst als wir schon fast wieder beim Auto zurück sind bemerken wir, dass das Wasser, das immer noch auf uns hinabtropft, vom Himmel fällt – es hat zu regnen begonnen.

Zur Unterkunft in der «DD Brewery» ist es nicht mehr weit, und diese hat auch ein Regenprogramm zu bieten: Bier degustieren. Sie brauen dort sechs ausgefallene Sorten wie Himbeer- oder Kaffee-Bier, die nach kurzer Angewöhnungsphase tatsächlich durchaus interessant schmecken. So sitzen wir gemütlich am Trockenen, trinken Bier und würfeln eine Runde, während um uns herum ein tropischer Wolkenbruch niedergeht.

8.6.

Trotz ohrenbetäubendem Prasseln auf dem Blechdach und Froschkonzert haben wir wunderbar geschlafen – der Regen hat ein angenehm kühles Klima geschaffen. Am Morgen scheint wieder die Sonne, und wir fahren in den nahen Nationalpark. Dort wandern wir zum Mirador, von wo aus man einen wunderbaren Ausblick hat über den Wald und die umliegenden Hügel zum See Yojoa. Unterwegs sehen wir Kolibris und andere bunte Vögel, Atlas-Schmetterlinge und Eichhörnchen. Es ist bereits wieder schwül und wir sind dankbar, als wir uns bei einem weiteren, kleinen Wasserfall mit einem Schwumm abkühlen können.

Nächster Halt ist die Höhle von Taulabe. Ein gut befestigter und beleuchteter Pfad führt durch hohe Gewölbe einen Kilometer weit in das Berginnere, vorbei an imposanten Tropfstein-Formationen. Nun fahren wir ans Ufer des Sees, den wir vorher bereits in der Ferne gesehen haben, und essen frittierten Fisch mit Bananen und Kabis.

Von hier aus geht die Fahrt direkt nach Leon in Nicaragua – 10 Stunden, mit einer mühsamen, nicht nachvollziehbaren Pause an der Grenze: uns wird die Temperatur gemessen (jemand murmelt etwas von Zika-Virus), danach werden unsere Pässe eingesammelt und wir werden ohne weitere Erklärung stehen gelassen. Nach fast zwei Stunden erhalten wir unsere Pässe zurück, bezahlen eine Einreisegebühr und dürfen endlich weiterreisen. So ist es bereits nach Mitternacht, als wir endlich in Leon eintreffen.

9.6.

Wir schlafen aus, frühstücken im gemütlichen Innenhof unseres Hostels und machen danach einen ausgedehnten Stadtspaziergang. Leon war die Hauptstadt der Revolution in den 70er Jahren, Helden-Statuen, Gedenktafeln, Ruinen und etliche Veteranen mit fehlenden Gliedmassen zeugen noch davon. Ansonsten macht Leon einen gelassenen, gutgelaunten Eindruck: Pferdekarren und Velotaxis gondeln durch die schmalen Gassen, Strassenhändler sitzen auf dem Trottoir und preisen laut rufend ihre Waren an. In einem Restaurant am Platz vor der Kirche trinken wir einen «cafe nicaragüense» und beobachten das bunte Treiben.

Als es zu regnen beginnt platzieren wir uns wieder im schönen Innenhof zum Lernen, Schreiben, Lesen und Spielen. Die Regenpausen, die nun täglich früher oder später eintreten, entschleunigen unsere Reise nochmals, wir geniessen es.

10.6.

Die grosse Attraktion von Leon ist das sogenannte «volcano boarding»: in Vollmontur mit Overall, Skibrille, Mundschutz und Handschuhen sitzt man auf ein Brett und rutscht die 45°-Neigung des Cerro Negros hinunter. Beim letzten Ausbruch 1999 floss die Lava gegen den starken Westwind an, was zur Folge hatte, dass der feine Sand und die Asche vom Wind auf die Ostseite getragen wurden und dort eine glatte Oberfläche bildeten, die nun eben zum Rodeln geeignet ist. Es braucht schon etwas Mut, am steilen Hang aufs Brett zu sitzen und loszufahren, aber wie sich herausstellt kann man recht gut bremsen und auch einigermassen steuern. Wir kommen jedenfalls alle heil unten an, mit einem gefühlten Kilo Kies in den Schuhen.

Bereits auf der Rückfahrt nach Leon beginnt es zu regnen – der Nachmittag verläuft ähnlich wie gestern…

11.6.

20km südlich von Leon befindet sich die Pazifikküste. Im lokalen Bus, eingepfercht zwischen einheimischen Familien, die offenbar ebenfalls einen Sonntagsausflug an den Strand unternehmen, dauert dies rund eine Stunde. Der Strand ist hübsch, allerdings ist es hier im Gegensatz zur glatten, friedlichen karibischen See laut, windig, und hat hohe Wellen. Nichts für mich, ich verziehe mich mit meinem Buch in ein Beizli und bestelle einen Jugo. Marco und Eva jedoch sind im Element, die beiden reiten jede Welle, die sie kriegen können. Stundenlang. Und überraschen mich mit einer Änderung des Reiseplans: Hochland streichen («dort regnet es eh nur die ganze Zeit») und dafür zwei Tage am Pazifik verbringen und surfen lernen.

12.6.

Vorerst reisen wir aber nach Granada. Die malerische Stadt am Ufer des Nicaragua-Sees und am Fuss des Vulkans Mombacho wurde 1524 vom spanischen Eroberer Cordoba (nach dem auch die nicaraguanische Währung benannt ist) gegründet und brüstet sich mit einer prächtigen Kathedrale (mit neuen, unsagbar kitschigen Fresken), mehreren Kirchen und stolzen Bauten im Kolonialstil. Durch den See und den Rio San Juan mit der Karibik verbunden war die Stadt einst wichtiger Handelshafen Mittelamerikas, und diese Weltoffenheit und Multikulturalität hat sich im Ambiente erhalten. Zudem ist die Flaniermeile verkehrsfrei und dadurch äusserst attraktiv. Da es ausnahmsweise nachmittags nicht regnet spazieren wir durch die Gassen (in der Mangobaum-Allee fallen uns die reifen Früchte vor die Füsse) und besteigen Kirchtürme bis wir nicht mehr laufen mögen, danach lässt sich Marco für Fr. 3.- die Haare schneiden. In einer Seitengasse bestaunen wir einen Spektakel der besonderen Art: eine Art Guggenmusik mit Bläsern, Perkussionisten und Trommlern sowie einigen Tänzerinnen übt offensichtlich für einen Auftritt. Es sind alles Kinder und Jugendliche, aber die Präzision ist grossartig und die Latino-Rhythmen lassen uns begeistert mitwippen (extrem peinlich, findet Eva).



Unser Hotel am Stadtrand heisst «el jardin» und ist auch ein solcher, mit Kakao-, Kaffe- und Bananenstauden und Blumen überall. Es gibt auch einen hübschen Pool mit Pool-Bar, und da sitzen wir gerade gemütlich bei einem Apéro, als sich uns Michi aus der Ostschweiz vorstellt, der Hotelbesitzer. Vor zwei Jahren hat er seinen Job bei der Grenzwacht aufgegeben und ist mit seiner guatemaltekischen Frau und den beiden Söhnen hierher ausgewandert, um das Hotel zu eröffnen. Anfangs sei es schwierig gewesen, sagt er, man hätte es ihnen nicht leichtgemacht, aber nun sei es angelaufen und er sehe eine Zukunft hier für sich und seine Familie. Wir werden das Hotel jedenfalls weiterempfehlen.


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