Mal wieder Indien - 4 Wochen Karnataka & Tamil Nadu im April 2014


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Asia
May 13th 2014
Published: August 10th 2014
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Südindien 2014


Indien zum Dritten.
Indien lässt uns nicht los und zieht uns immer wieder an. Es ist so riesig, dass wir auch nach 3 Reisen nur einen Bruchteil gesehen haben und dass es noch so viel mehr zu entdecken gibt. Und kaum wieder daheim, planen wir auch jetzt schon wieder.

Indien zum Dritten.
Nach Kerala in 2010 und Rajasthan in 2013 diesmal wieder in den Süden, nach Karnataka und Tamil Nadu. Wieder individuell mit Auto und Fahrer und ohne viel feste Planung. Ein paar Muss-Ziele im Hinterkopf (Gokarna, Hampi, Pondicherry), einige feste Programmpunkte auf dem Wunschzettel (mit dem "Toy Train" nach Ooty und eine erste "echte" Zugfahrt) und viel Neugier auf mehr. Und vor allem viel köstliches Streetfood und viele interessante Begegnungen mit den herzlichen Menschen hier.

Seit gewarnt, hier folgt jetzt viel Text mit vielen Bildern. Letztere kann mit sich nach KLICK auch in groß ansehen und wer noch mehr Bilder will, der findet hier die komplette Ladung: http://abload.de/gallery.php?key=cGhvBbvX

Anreise

Von Köln nach Frankfurt per Zug, dann mit Air India nach Delhi und weiter nach Bangalore. Zeitlich ist alles diesmal etwas enger getaktet, aber 1,5 h zum Umsteigen in Delhi werden ja wohl reichen. Immerhin müssen wir auf diese Art nicht irgendwo zu lange warten. Letztlich wird es doch um einiges knapper als gedacht. In Frankfurt beim Einchecken sind wir nicht ganz auf Zack und realisieren nicht, dass man unser Gepäck (und uns) nur bis Delhi und nicht gleich nach Bangalore durchcheckt. Sonst hätten wir doch was gesagt...

Stattdessen müssen wir nach der Landung in Delhi erst unser Gepäck in Empfang nehmen, quer durch den Flughafen hetzen (und der ist ziemlich groß), bei dem domestic flights wieder einchecken und in den nächsten Flieger steigen. Stimmt schon, warten müssen wir jedenfalls nirgends und es gibt auch ausreichend Bewegung nach den 8 entspannten Stunden beim ersten Flug. Keine 15 Minuten vor dem Abflug spazierten wir endlich in den zweiten Flieger, schon sehnlichst erwartet, wie die Blicke der anderen Passagiere vermuten lassen. Kurz nach uns eilen noch 7 andere Personen herbei. Zack, Tür zu. Zack, Abflug. Nein, warten müssen wir diesmal wirklich nicht. Beim nächsten mal darf es gern wieder etwas mehr Zeit sein. Und von den folgenden Gepäck-Komplikationen ahnen wir ja noch nicht mal etwas.

Die Flüge sind angenehm ereignislos. Keine Turbulenzen. Keine haarsträubenden Landungen. So mag ich das. Der Dreamliner ist ein wirklich angenehmer Langstrecken-Flieger. Sehr leise und mit ausreichend Platz. Das Bordprogramm richtet sich eindeutig an die indische Mehrheit der Fluggäste, es gibt sehr viele Filme auf Hindi und Bollywoodmusik und nur wenig Auswahl für die Westler. Uns stört das nicht, aber manche der Europäer zappen etwas ratlos durch das Angebot.
Viele typische Reisegruppen-Reisende an Bord, ältere Herrschaften in neuer Tropenkleidung, die sich angesichts des erfreulich authentischen Schärfegrades beim Bordessen gegenseitig Warnungen aussprechen und nur zaghaft zugreifen. Wir lassen es uns schmecken, freuen wir uns nicht zuletzt auch auf 4 Wochen köstliches Essen.

Wir kommen gut in Bangalore an und sind neugierig auf unseren Driver. Da wir diesmal in einer ganz anderen Ecke des Landes unterwegs sind, können wir leider nicht auf unseren wunderbaren Ajay zurückgreifen, mit dem wir 2013 für 5 Wochen durch Rajasthan getourt sind. Aber eine lokale Agentur, Kamu Voyage, hat uns Parthiban vermittelt, kurz Deepan genannt. Er wartet hoffentlich draußen schon auf uns.

Aber erstmal warten wir drinnen noch eine ganze Weile - auf unser Gepäck. Die Halle leert sich mehr und mehr und zum Teil kommen doch seltsame Gepäckstücke vorbei gefahren. Ein knallgelbes Kinderrad dreht einige Runden auf dem Gepäckband. Warum nicht. Mir wären allerdings zwei schwarze Trollys mit gelbem Kofferband lieber. Es kommt aber nur einer. Wie jetzt? Nur einer? Wir haben in Delhi doch beide in Richtung Bangalore eingecheckt. Da muss doch noch einer kommen. Kommt aber nicht. Irgendwann sind wir die letzten Personen in der Halle und es ist klar, ein Koffer ist nicht mitgekommen.

Das hatten wir noch nie. Aber no problem, this is India. In der Praxis heißt das, es funktioniert immer alles, allerdings nur selten so, wie geplant. Verlustmeldung aufgegeben und guter Dinge durchgestartet. Es kommen heute noch einige Flüge aus Delhi an und einer wird schon unseren Koffer mitbringen. Bis Morgen sind wir noch in Bangalore, da ist noch reichlich Zeit, das wird schon passen.


Es geht auch ohne Klamotten


Zum Glück ist nur der Klamotten-Koffer weg und der (wichtigere) Nicht-Klamotten-Koffer ist da. Wir haben also Medikamente und Moskitonetz, Reiseführer und Karten, Sandalen und Sonnenschutz, aber halt keine Wechselklamotten. Kein Problem für ein, zwei Tage. Wir sind endlich wieder in Indien und lassen uns das nicht vermiesen. Bevor es nach Mysore weitergeht, haben wir uns für eine Nacht in einem kleinen Guesthouse in Bangalore eingemietet. Nichts besonderes, aber günstig gelegen um sich in das Gassengewirr zu stürzen.

Erfreut stellen wir fest: Bei der 3ten Reise brauchen wir keine Zeit zur Akklimatisierung an indische Verhältnisse mehr. Wie selbstverständlich stürzen wir uns in den ganz normalen Verkehrswahnsinn, fließen im Strom der Passanten mit und auch die allgegenwärtigen Stolperfallen irritieren uns nicht im geringsten. Scheinbar ist es mit Indien wie mit Fahrradfahren, wenn das "wie" erst mal im Hirn verankert ist, vergisst man es nie wieder. Beim letzten Besuch brauchten wir noch ein paar Tage, um so richtig anzukommen und z.B. das allgegenwärtige Hupen mit der nötigen Gelassenheit zu ertragen.

Wir strolchen durch die Gassen, genießen die Enge und die vielen Menschen. Naschen zuckersüße Wassermelonen als Erfrischung, betrachten erste Streetfood Stände. Freundlich lächelnde Menschen überall. Man mustert uns neugierig und erstaunt, hier kommen wohl nicht sehr viele Westler vorbei. Bald stinkt es zum Himmel, ein Abwasserkanal führt quer durch das Viertel. Grauschwarze Brühe mit Plastiktüten-Treibgut, milchig von den Waschmittelresten unzähliger Haushalte. Für unsere Nasen kaum auszuhalten scheinen die anderen Passanten den Geruch nicht wahrzunehmen.

Dann ist plötzlich vor uns die Straßen komplett weg. Stattdessen eine tiefe Baugrube, die knöchelhoch unter Wasser steht. Draußen werden Stahlstreben zusammengeschweißt und mit vereinten Kräften abgesenkt und eingebaut. Nur ein gelber Bagger, sonst gibt es keine Maschinen, dafür aber viel Manpower. Die Arbeiter stehen tief im dreckigen Wasser und nicht alle haben Schuhe. Funktionierende Abwehrkräfte sind angesichts der trüben Brühe ganz sicher gefragt.

Um die nächste Ecke erwartet uns ein muslimischer Bazar mit den üblichen Fleisch-Ständen. Es gibt gerupfte Hühnchen und Lammhälften an rostigen Haken. Puh, optisch und geruchlich eine arge Herausforderung. Bei über 30 Grad ist "frisch" eine sehr vergängliche Angelegenheit und manches was hier noch zum Verkauf angeboten wird, ist in meinen Augen schon eine ganze Weile nicht mehr frisch.

An einer Stelle liegen sechs abgezogene mumifizierte Schaf- oder Ziegenköpfe und starren uns aus trüben Augen an, während in Plastikschüsseln daneben undefinierbare Leichenteile liegen? Ich glaube, ich mag über Herkunft und weitere Verwendung nicht nachdenken. Für uns verdorbener Abfall, hier aber noch Handelsware. Es wimmelt von Fliegen, nicht nur auf dem Fleisch, sondern selbst auf dem Gemüse in den umliegenden Marktgassen. Ich glaube, ich habe noch nie so viele Fliegen gesehen. Selbst die Tomaten und die getrockneten Hülsenfrüchte sind dicht mit dicken schwarzen Brummern bedeckt. Zwiebeln, Kartoffeln und Knoblauch ebenso. Seit wann mögen Fliegen das? Oder machen die hier nur Pause? Hier kaufen wir jedenfalls besser nicht ein.

Zurück im Guesthouse. Koffer? Fehlanzeige. Nachfrage beim Airport. Zum Glück haben wir unseren Fahrer als fähigen Dolmetscher. Das ändert zwar nichts an den trüben Nachrichten, übermittelt sie aber zumindest für alle Seiten verständlich. Der Koffer ist noch nicht gefunden, also wohl noch in Delhi. Also plan B: wir werden einfach unserem Reiseplan weiter folgen, nach Mysore umziehen und hoffen, dass uns unser Gepäck irgendwann doch noch einholt. Vielleicht sollten wir doch mal das ein oder andere einkaufen...

Auf dem Weg nach Mysore halten wir an einem Ort namens Mu Kural an, übersetzt heißt das "3 joining", also 3facher Zusammenfluss. Hier kommen zwei Flüsse zusammen und fließen gemeinsam als 3ter Strom weiter. Ein heiliger Ort mit einem Schrein, Götterfiguren, Räucherstäbchen und vielen Besuchern. Breite Wasserarme mit dicken Felsen drin, hohe Kokospalmen und viel Grün. Die allgegenwärtigen schwarzen Krähen sitzen in den Bäumen und kommentieren die Szenerie lautstark.

Eine Gruppe heiliger Männer vollführt ein Ritual mit viel Gemurmel und Glockenklang, die Besucher beten zunächst am Schrein und baden dann im Fluss, während ein kleiner Junge auf dem Zaun am Schrein herumturnt. Ein älterer Herr kommt vorbei uns erzählt uns ein wenig über den Ort. Als Westler muss man in Indien nie lange auf Kontakt warten. Stets findet sich schnell jemand, der zumindest so viel Englisch spricht, dass eine einfache Unterhaltung möglich wird. Wie heißen wir? Wo kommen wir her? Wo wollen wir hin? Wie gefällt uns Indien? Die Fragen wiederholen sich. Aber man erfährt im Gegenzug auch immer allerhand.

Man übergibt hier die Asche der Verstorbenen dem Fluss, weil das Wasser heilig ist und dann badet man im Wasser, eben auch weil es heilig ist. Der Gedanke an ein Bad in diesem Wasser ist für uns trotz der grandiosen Flusslandschaft abstoßend, denn das was da vorbeifließt ist sehr dreckig und überall verrotten Opfergaben, z.B. Bananen und Kokosnüsse, es riecht vergoren und alles andere als gut. Plastiktüten treiben vorbei und ein Mann fischt im knietiefen Wasser mit einem Rechen nach Verwertbarem. Es werden wohl auch Münzen ins Wasser geworfen. Wir setzen uns eine Weile auf die Stufen und beobachten das Treiben um uns herum, während wir wiederum neugierig von allen anderen beobachtet werden. Den Weg zurück zum Parkplatz säumen Stände an denen allerlei religiöser Krimskrams verkauft wird. Räucherwerk und Ganesh Figuren, Gebetsketten, Opfergaben. Uns lassen die Händler unbehelligt. Hier sind wir mal nicht Zielgruppe.

Mysore Zoo

Da es uns weniger zu den typischen und viel besuchten Touristenzielen zieht, lassen wir den berühmten Maharadschapalast von Mysore links liegen und planen unseren Besuch auch nicht nach dessen allsonntaglicher Lightshow. Auch die St. Philomena's Church, eine der größten Kirchen Indiens, geht leer aus. Stattdessen steht der Zoo von Mysore auf unserem Programm.

Zoos in Indien sind oft eine furchtbar trostlose Angelegenheit, wie wir bei unserer ersten Reise in Kerala feststellen mussten. Winzige Betonkäfige, Dreck und rostige Gitter, von artgerechter Haltung keine Spur. Abgestumpfte Tiere, die blind vor sich Hinstarren. Laute Besuchermassen, die die Tiere ärgern und mit allerlei Mist füttern, überall Lärm und Müll. Der Zoo von Mysore soll eine rühmliche Ausnahme sein, sagt man. Sehr neugierig starten wir also unseren Besuch und werden nicht enttäuscht.

Große Gehege und Käfige mit sehr viel Grün. Büsche und große Bäume in den Gehegen, ausreichend Abstand zwischen Besuchern und Tieren. Überall lehrreiche Schilder, die viel Wissenswertes über die Tiere, ihre Lebensräume und ihr Verhalten vermitteln (in Englisch und in Kannada, der lokalen Sprache, mit Nudelschrift).

Dazu eingängige Hinweistafeln im Comicstil, die Besucher auf die Gefahren und fatalen Konsequenzen falschen Handelns hinweisen. Da werden Vögel mit schlechtem Futter gefüttert und fallen einfach tot um. Jemand steckt seinen Finger durch die Gitter in einen Raubvogelkäfig und endet mit abgebissenem Finger und heftig blutender Wunde. Ein anderer klettert in das Gehege des Gaur, wird erst von den riesigen Rindern übel zugerichtet und dann von der Polizei verhaftet und abgeführt. Und ins Elefantengehege zu fallen endet auch sehr ungesund. Amüsante Schilder, deren Botschaft ganz sicher ankommt.

Auffallend - hey, wir sind in Indien - sind auch die zahlreichen Mülltonnen. Normalerweise wirft jeder alles einfach in die Landschaft, aber hier gibt es nicht nur Mülltonnen, sondern auch viel Personal, das für Sauberkeit sorgt und ein Auge auf hyperaktive Besuchergruppen hat. Kein Geschrei, kein Herumalbern, aber begeistertes Fotografieren überall. Mit Handys und Kameras knipst man alles, sich selbst und die Tiere in allen denkbaren Kombinationen. Inder sind fotoverrückt.

Ein eindeutig ausgeschilderter Rundweg leitet die Besucher in geordnete Bahnen und überall wachen Angestellte darüber, dass niemand aus der Reihe tanzt. Funktioniert recht gut. Viele große Bäume sorgen für Schatten, sehr angenehm bei den herrschenden Temperaturen und der knalligen Sonne.
Am Anfang spaziert man vorbei an riesigen Vogelvolieren. Es gibt viele Pfauen, darunter sogar einige weiße, farbenfrohe Nashornvögel (boah sind die riesig) und verschiedene Papageien, goldgelbe Fasane und sogar einen großen Schwarm Wellensittiche. Nach diesem eher unspektakulären Anfang (sorry, ich finde Vögel etwas fad) jagt ein Highlight das andere, Raubkatzen, Elefanten, massige Gaur Rinder, diverse Antilopenarten, verschiedene Affen, darunter ein riesiger Gorillamann.

1892 gegründet ist der Zoo von Mysore einer der ältesten Zoos der Welt. Eine der Hinweistafeln informiert, dass alle Tiere hier keine Wildfänge sondern in Gefangenschaft geboren sind und viele wurden aus schlechter Privathaltung befreit. Vielleicht ist das die Erklärung, warum es hier so viele Raubkatzen gibt. Als Schmusekätzchen angeschaffte Statussymbole und dann eine Nummer zu groß geworden. Mindestens 8 Tiger, darunter ein weißer, viele Löwen und etwa 7 Leoparden. Wunderschön anzusehen. Eine Löwendame schläft, sehr katzenlike, mit bequem auf die Pfote gebetteten Kopf im Schatten, ein Leopard gurrt laut und schubbert sich an den Bäumen in seinem Gehege. Erinnert alles sehr an unsere beiden Fellnasen daheim, nur halt in XXXL.

Leider hatten wir uns schon nach 1,5 Stunden wieder mit unserem Fahrer verabredet und mussten daher ziemlich Gas geben. Wer ahnt auch, dass es hier so viel zu bestaunen gibt? Oder vielleicht hätte ich auch nicht gar so viel Zeit mit dem Fotografieren der Tiger verbringen sollen? Nach unserer tigerlosen Tigersafari in Rajasthan bekommen wir diese wunderschönen Katzen hier in perfektem Fotoabstand vor die Kamera und ich kann mich kaum losreißen.

Der Zoo von Mysore ist wirklich ein lohnendes Ziel und es ist schade, dass so wenig westliche Besucher den Weg hierher finden. Außer uns war hier doch tatsächlich niemand nicht-indisches unterwegs.

Chamundi Hill

Nach der kühlen Ruhe im schattigen Zoo stürzen wir uns wieder ins laute indische Leben. Unser nächstes Ziel ist der Chamundi Hill mit seinen Tempeln, den vielen Pilgern und Gläubigen und seiner grandiosen Aussicht. Von letzterer sehen wir leider nicht viel, da es zum Nachmittag hin doch recht diesig wird. Wir blicken auf eine weite milchige Ebene hinab ohne Details zu erkennen. Also bleiben Tempel, Gläubige und die typischen Begleiterscheinungen jeder heiligen Stätte überall auf der Welt, Bettler und zahlreiche Buden die Kitsch und Snacks verkaufen. Hier kommen dann noch Affen und heilige Kühe dazu.

Auf dem über 1.000 m hohen Chamundi Hill liegt seit dem 12. Jh. ein bedeutendes Pilgerziel mit einem 7stöckigen, 40m hohen, 300 Jahre alten Tempel. Es herrscht reges Kommen und Gehen und viele Gläubige finden sich zum Gebet im Tempel ein, während auf dem sonnenbeschienenen Tempelturm ein paar Hanuman Languren herumturnen. Kein Touristenziel, sondern ein Ort alltäglicher Religiösität.

Uns führt ein selbsternannter Möchtegern-Guide herum. Daran, uns nicht zu leichtfertig auf irgendwelche Leute einzulassen, die erst nur Plaudern und einen etwas herumführen wollen und später Geld für ihre Dienste fordern, müssen wir uns erst wieder gewöhnen. Ist wohl nicht so fest abgespeichert wie das Verhalten im indischen Straßenverkehr.

Aber der Typ ist ganz nett, erzählt uns eine Menge, führt uns zielsicher herum, versorgt uns mit rotem und gelbem Farbpulver und leitet uns an, wie wir das über welche Statuen streuen sollen. Ich lasse ein Tütchen fallen und stäube statt der Statue Thorstens Fuß ein. Macht nix, sagt er, bringt Glück. Ok, Glück für Thorsten, ein neues Tütchen für mich. Andernorts bekommen wir ein paar Blumengirlanden in die Hand gedrückt, die wir über Statuen verteilen sollen, während er Fotos für uns macht. Ahja, auf sowas stehen normale Touristen also?

Wir erfahren, dass drinnen im Tempel eine goldene Shiva Statue steht, hinter der eine 7-köpfige Kobra aufragt und auf deren Stirn ein riesiger Rubin prangt. den hat der lokale Maharadscha dem Tempel gespendet hat. Sehen tut man nichts außer einem goldenen Klecks in einem ganz mit Silber ausgekleideten Raum. Am Ende spenden für den Tempel, aber die geforderten 100 Rupien für seine "Dienste" bekommt der Herr nicht. Vorher nicht erwähnt und abgemacht, also Pech gehabt. Aufgrund der "Spende" aber ein Patt und beide Seiten wahren ihr Gesicht.

Hinter einer Mauer liegt die örtliche Müllkippe. Alles wird einfach über die Mauer geworfen und gelegentlich angezündet. Aus den Augen aus dem Sinn. Eine kleine Herde Wasserbüffel und ein paar Schweine stöbern zwischen den schwelenden Resten nach Verwertbarem. Auf dem Parkplatz steht eine große quietschbunte grimmig schauende Statue des Dämons Mahishasura. Der Legende nach hat die Göttin Durga ihn nach zehntägigem Kampf getötet. Ganz schön zäh, diese Götter und Dämonen.

Eine Pilgergruppe belädt gerade ihren Minibus mit Vorräten. Sie sind wohl, so Deepan, auf dem Weg zu einem Tempel auf einem heiligen Berg in Kerala. Früher ging man die ganze Strecke zu Fuß, aber heute greift man doch gerne auf motorisierte Unterstützung zurück und fährt mit dem Bus bis zum Anfang des Berges. Start einer modernen Pilgerfahrt. Während die in orangene Lunghis gekleideten Herrn nebst brennender Feuerschale ins Auto steigen und ihre Frauen in hübschen Saris sie verabschieden, macht sich eine der herumstreunenden Kühe über den Blumenschmuck des Wagens her. Heilig hin oder her, das geht mal gar nicht. Mit ein paar gut gezielten Schlägen wird die Kuh überredet weiterzuziehen. Merke: auch wenn Du heilig bist, kannst Du Prügel beziehen, wenn Du die falschen Dinge vernaschen willst. Aber ihr Beispiel macht Schule. An anderer Stelle mampft eine Artgenossin in aller Seelenruhe die Blumengirlande von einem unbewachten geparkten Auto.

Noch einen köstlichen Tee am Parkplatz, dann geht es die kurvige Straße wieder hinab. Unser nächstes Ziel liegt nur ein paar Serpentinen weiter unten: ein riesiger Nandi aus Stein. Statuen solcher ruhender Stiere, dem Reittier von Shiva, begegnet man immer wieder, aber so riesige sieht man nur selten. Geschlagen aus einem einzigen Felsen, 5 m hoch und wohl 350 Jahre alt ist er angeblich einer der größten Indiens. Die glänzend schwarze Farbe kommt von der regelmäßigen Politur mit Kokosöl. Gelbe und weiße Blumenketten schmücken ihn. Sehr fotogen.

Unser Koffer? Noch immer verschollen. Also kaufen wir ein... ein paar T-Shirts und Hosen, Unterwäsche, Zahnputz Zeug und noch so dies und das. Irgendwie hat das ganze ja auch Vorteile. Mit nur einem Koffer hat man deutlich weniger zu Schleppen, wenn es ans Umziehen und Hotelwechseln geht, und das machen wir schließlich fast täglich.

Bei den Fahrten über Land werden wir mehrfach an Straßensperren kontrolliert. Indien steckt derzeit mitten in den Wahlen und man sucht nach Schmiergeld. Und da die Rupie selbst als größter Schein nicht wirklich viel Wert hat, brauch man schon einen Kofferraum voller Papiergeld, um vernünftig Schmiergeld zahlen zu können. Danach wird also gesucht. Immer wieder heißt es anhalten, Handschuhfach auf (wieso? da passt doch kaum was rein?), Kofferraum auf (lohnt sich schon eher) und bei den ganz genauen Kontrolleuren sogar Koffer auf (geht schnell, haben ja derzeit nur einen). Dann noch ein freundliches Lächeln für uns, ein paar gemurmelte Worte für Mister Driver und wir dürfen weiter fahren.

Toy Train

Von Mysore aus fahren wir nach Mettupalayam. Diese kleine Stadt mit dem Zungenbrechernamen an sich ist nicht sehenswert, aber sie ist der Startpunkt zu einer ganz besonderen Zugfahrt. Hier startet eine kleine blaue Eisenbahn zu einer weiteren Stadt mit unaussprechlichem Namen: Udagamandalam, auch Ooty genannt.

Eine Schmalspurbahn mit einigen wenigen knallblauen Waggons, die Nilgiri Mountain Railway, eine der ältesten Bergbahnen Indiens. Fertiggestellt 1899 ist sie heute eine der wenigen Bahnen, auf denen noch Dampflokomotiven im Einsatz sind. Und sie ist steil, sehr steil, weshalb die Dampflok nicht zieht, sondern schiebt. Auf einem Teil der Strecke reicht auch das nicht aus so dass Zahnrad-Unterstützung bemüht werden muss. Von bis zu 120% Steigung spricht Wikipedia. Wir haben nicht nachgemessen, aber es geht schon gut bergauf.

Ihren Namen "Toy Train" trägt sie jedenfalls zu Recht, sie könnte wirklich einer Spielzeugeisenbahn entsprungen sein. Schon seit ich vor Jahren mal einen Bericht über diese und andere der indischen Bergbahnen im Fernsehen gesehen habe, wollte ich hierher und diese ungewöhnliche Fahrt unternehmen.

Den Abend vor der Abfahrt nutzen wir noch, und sehen uns in Mettu* um. Schnell noch ein paar Ersatz Klamotten kaufen und köstliches Thali zu essen. Schön, durch so einen no name Ort zu spazieren und den ganz normalen Alltag zu betrachten. Schule ist gerade aus und schmunzelnd beobachten wir, wie sich etwa 12 Kids in ein Tuk Tuk zwängen. So wird das Fahrgeld für den Einzelnen weniger und man muss nicht zu Fuß nach Hause laufen. Mit körperlicher Nähe darf man hier kein Problem haben. Aber es gibt nicht nur diese 12. In den Straßen wuselt und wimmelt es von Kindern in Schuluniform und eine ganze Weile lange begleiten sie uns auf unserem Spaziergang.

Ein paar Gassen weiter riecht es plötzlich atemberaubend nach Knoblauch. Der Grund wird bald klar, in großen Hallen trocknen die hiesigen Garlic Export Firmen gigantische Mengen der kleinen weißen Knollen. Ich habe noch nie derartige Massen gesehen, nicht mal beim Knoblauchfest im Südfranzösischen Uzés, und selbst für mich Knoblauchfan ist der Geruch überwältigend. Vampire haben in Ooty keine Chance!

Leider ist die Strecke gefragt bei Anwohnern und Touristen aus Indien und der ganzen Welt und so hat es mit der Platzreservierung nicht geklappt. Stattdessen stehen wir nur auf der Warteliste. Das ist der Grund, weshalb wir um 5:30 früh auf dem Bahnhof von Mettu* erscheinen. Es ist noch dunkel, aber wer einen guten Platz in der Warteschlange ergattern möchte, muss früh auf der Beinen sein. Aus der wird dann ein Waggon unreservierte Plätze gefüllt. Was genau unser Deepan da am Rande des Geschehens mit wem bespricht und wem er da letztlich einige Rupien in die Hand drückt, durchschauen wir nicht ganz, aber das Ergebnis passt. Um 6:25 sitzen wir im Zug, wenn auch nicht direkt am Fenster. Da waren zwei indische Jungs aus Mumbai schneller. Aber immerhin, wir haben Plätze, man kann gut Rausgucken und die restliche Gesellschaft in unserem 8er Abteil scheint auch nett zu sein.

Irgendwann kurz nach 7 geht es endlich los und wir zockeln gemütlich in den nächsten 5 Stunden über die 45 km Strecke. Etwa jede Stunde gibt es einen Stop, denn dann braucht unsere Dampflok neues Wasser. "Nilgiri Queen" heißt die Dame, nicht Emma, aber dennoch fühlen wir uns sehr an Jim Knopf und die Wilde 13 erinnert. Während sie in 15 Minuten nachgetankt wird und unser Lokführer in bester Lukas-der-Lokomotivführer-Manier die Gestänge an den Rädern ölt, steigen die Passagiere aus, wandern herum, fotografieren die Landschaft, sich und den Zug und sich vor dem Zug. Ein WC gibt es im Zug übrigens nicht, weshalb bei den Stopps sich auch immer ein ganzer Trupp Männer zum Pinkeln in die Landschaft stellt. Die Kerle haben es da leicht, die Mädels müssen warten. Zum Glück wusste ich vorher, dass mir 5 WC lose Stunden bevorstehen und ich habe mal lieber auf zu viel Tee und andere Getränke verzichtet.

An einem Stopps gibt es einen Kiosk der Getränke und Snacks wie Pakoras verkauft. Großer Andrang, zufrieden mampfende Passagiere. Dann pfeift der Zugchef und alle steigen schnell wieder ein. Weiter geht's. Nächster Stop in etwa einer Stunde.

Der Teil der Fahrt bei dem uns die Dampflok schiebt ist wirklich ungewöhnlich. Später übernimmt eine Diesellok, aber vorher gibt es richtig nostalgisches Fahrgefühl. Wie man sich das vorstellt mit lautem Stampfen, viel Tschuk-Tschuk und Geruckel, lautem Pfeifen und dampfumtosten Tunneldurchfahrten. Das kannte ich noch nicht und ist sehr nett, auch wenn man ganz schön durchgeschüttelt wird.

Höher und höher geht es, während draußen grandiose Landschaft vorbeizieht. Brücken führen über tiefe Schluchten, in denen Bäche über riesige Felsen fließen. Jetzt, in der Trockenzeit, gibt es nur wenig Wasser, aber die blank geschliffenen Felsen lassen erahnen, dass es hier in der Regenzeit ganz anders zugeht. Hohe Bäume mit knallig violetten Blüten, tiefgrünes Laub, umherturnende Affen und später dann ausgedehnte Teegärten. Letztere sind sehr fotogen, wie sie sich im Schatten einzelner hoher Bäume die Hänge hinaufziehen. Hin und wieder erhascht man auch einen Ausblick auf die Straße, die sich ebenfalls nach Ooty hinauf windet. Ein enges Asphaltband mit vielen, vielen Serpentinen, manche davon extrem enge Haarnadelkurven. Da müssen wir morgen dann wieder runter. Das wird sicher auch eine ganz besondere Fahrt.

Mit uns im Abteil sitzen neben den beiden Jungs aus Mumbai auch ein etwa dreijähriges Mädchen nebst ihrer Familie. Auch ohne gemeinsame Sprache verstehen wir uns gut, wobei nicht zuletzt auch unsere Smarties und der süße Naschkram der Familie helfen. Später pennen die beiden Jungs auf ihren Fensterplätzen ein, was mich doch etwas ärgert, schließlich würde ich da gerne sitzen und aus dem Zug fotografieren. Aber anderseits sind die Schnarchnasen auch ganz amüsant anzusehen, erst recht als sich Thorsten ihnen anschließt und bald das halbe Abteil seelig schlummert.

Nach 5 Stunden erreichen wir Ooty, eine kühle Hillstation umgeben von Teefeldern und eindeutig eher ein Touristenziel. Schon spricht einen wieder jeder Taxi- und TukTuk-Fahrer an. Auf uns aber wartet unser eigener Driver. Ooty ist keine schöne Stadt, eher ein grauer, lauter, langgestreckter Moloch. Aber auch hier findet sich Interessantes und nettes, wie der große Bazar mit seinen engen verwinkelten Wegen und dem breiten Angebot von Obst, Gemüse, Fleisch, Kleidung, Gewürzen, Kochgeschirr, Haarschmuck mit Teebuden und Snackständen. Aufgespannte Planen sorgen für Schatten und Regenschutz, denn es fängt doch tatsächlich an zu regnen.

Eine Herausforderung für uns Westler ist wieder die Metzger-Ecke. Die Nachfrage gerade nach Hühnchen ist groß und so muss für stetigen Nachschub gesorgt werden. In enge Käfige gepfercht warten Dutzende Hühner auf ihr Ende, während über ihnen ihre bereits toten Vorgänger baumeln. Kommt ein Kunde, geht es ganz schnell. Ein Huhn aus dem Käfig nehmen, ihm ohne viel Aufhebens den Hals durchschneiden und es dann zum Ausbluten in eine Plastikwanne werfen. Wenn es in der Wanne nicht mehr rumpelt, kann man weitermachen und das Opfer abziehen. Interessanterweise wird hier nämlich nicht gerupft sondern dem Huhn die Haut nebst Federn abgezogen. Ungewöhnlich. Aber auch hier riecht es in den Metzgergassen nicht sehr angenehm, was die Fliegen wieder freut und uns abschreckt. Wir fliehen schnell wieder in die vegetarischen Bereiche des Bazars.

Säcke voller knallroter Chilis, Reis und Hülsenfrüchte, aber auch eher unbekanntes, wie diese seltsamen grauweißen flauschigen Bohnen, die sich als Baumwollsamen entpuppen. An einem Stand mit Haarschmuck und Mädels-Kram kaufe ich mir einen Kamm und ein paar Spangen. Unser Koffer ist ja noch immer verschollen und so langsam wäre gescheites Haare kämmen dringend angesagt.

Pause an einem der Snack-und Tee-Stände. 4 x Tee, 1 x Kaffee und 2 köstliche Vada (ein Snack in Donutform) für 56 Rupien, also etwa 75 Cent. Der Budeninhaber freut sich über uns ungewöhnliche Gäste und wir genießen es hier zu sitzen die vorbeiziehenden Marktbesucher zu betrachten und dem Teemeister zuzusehen, wie er mit Schwung den Tee in seinen Gefäßen hin und her gießt, um für den nötigen Schaum zu sorgen.

Schnell noch ein Stop in einer Apotheke. Thorsten muss derzeit Antibiotika nehmen, aber die stecken dummerweise auch im verschollenen Koffer. Also im Internet den Wirkstoff und den indischen Handelsnamen herausgefunden und einen Versuch in einer Apotheke gestartet. Problemlos bekommen wir die Medikamente. 30 Tabletten für umgerechnet 3,50 € und niemand fragt nach einem Rezept. Schon unheimlich, wie leicht man hier selbst an heftigste Arzneimittel kommt, auch wenn es für uns gerade recht praktisch ist.



Madikeri

Wo man rauf ist, muss man irgendwann auch wieder runter. Für uns heißt das 36 haarsträubende Serpentinen auf einer engen Straße, hinab durch dichten Wald, dem es in der derzeitigen Trockenzeit etwas an Laub und grüner Farbe fehlt. Keine Ablenkung also und viel Gelegenheit, sich auf die herausfordernde Straße zu konzentrieren. Manche der Haarnadelkurven sind wirklich nichts für schwache europäische Nerven, und auch die allgegenwärtigen Warnschilder in den Kurven machen das Fahren nicht entspannter. "Don't drink and drive" steht da. Auf anderen wird gewarnt, zu schnell zu fahren, Motorradfahrer werden auf ihren Helm hingewiesen und Autofahrer an ihren Sicherheitsgurt erinnert. Zur Krönung listet eine große Tafel dann noch die Unfall- und Opferstatistik der letzten Jahre auf. 2010 war ein recht harmloses Jahr, nur 1 Unfall mit 5 Verletzten und keinem Todesopfer. Aber 2008 gab es gleich 10 Unfälle mit 17 Toten und 16 Verletzten. Uffz! Sieht also nicht nur gefährlich aus.

Während wir uns langsam nach unten arbeiten, kommen uns zahlreiche Fahrradfahrer entgehen. Fahrradfahrer? Hier? Es gibt schon seltsame Arten, den Urlaub zu verbringen... Da strampeln sich doch glatt zwei Dutzend westliche Touristen auf ihren Mountainbikes ab, um sich diese Serpentinen nach oben zu quälen, während ihnen der übliche lebensbedrohliche indische Verkehr entgegen kommt. Ein Glück, dass auf dieser Straße LKW verboten sind und daher das Größte, was einen in den Abgrund schubsen kann, ein Trecker oder Transit ist. Schwacher Trost, denn das Ergebnis dürfte dasselbe sein. Manche der Radler sind schon müde und schieben lieber. Wie gut, dass sie nicht ahnen, dass sie noch mehr als die Hälfte vor sich haben. Kopfschüttelnd fahren wir weiter.

Endlich haben wir die Serpentinen geschafft. Man wird ja seekrank von dem ganzen hin und her. Auf dem Weg zu unserer nächsten Station in Madikeri durchqueren wir zwei Naturschutzgebiete, die Tholpetti - und das Brahmagiri Wildlife Sanctuaries. Die Straße führt einfach quer hindurch und wir sind erstaunt, dass wir im lichten Buschwald rechts und links der Straße fast mehr Tiere sehen als 2013 auf Safari im Ranthambore Nationalpark. Wilde Elefanten, Spotted Deer, verschiedenste Affen, Schakale.

Auf der schmalen Piste herrscht erstaunlich viel Verkehr und für indische Verhältnisse ist es hier absolut müllfrei. Die vielen Schilder, die für einen plastikfreien Park werben, scheinen zu wirken. Große Teile des trockenen Buschlandes sind frisch abgebrannt. Bei der derzeitigen Trockenheit reicht der kleinste Funke aus, ein Feuer zu entfachen. Schon bei der Fahrt mit dem Toy Train waren uns immer wieder verbrannte Hänge und Böschungen längs der Strecke aufgefallen.

Für die nächsten 2 Tage mieten wir uns in einem netten Guesthouse auf einer Kaffeeplantage ein. Im Little Jungle Homestay http://coorglittlejungle.com/ ist man herrlich abgeschieden in der Natur. Wir haben viel Zeit mal ganz ohne Verkehrschaos und Lärm zu relaxen und zu Lesen und die ersten Reisetage Revue passieren zu lassen. Mit dem Besitzer der Anlage spazieren wir durch die Kaffeeplantagen und erfahren viel Interessantes über den angebauten Kaffee und Pfeffer. Das Gelände ist von Elektrozäunen eingezäunt, um die nachts herumstreunenden Elefanten abzuhalten. Die sind hinter den riesigen, süßen Früchten der Jackfruit Bäume her und trampeln auf der Suche danach alles andere nieder.

Eigentlich wollten wir ja 2 Tage zur Safari in den Nagarhole Nationalpark, aber ein Blick auf die Preisvorstellungen der dortigen Lodges lässt uns schnell unsere Pläne ändern. Umgerechnet 250 € Pro Nacht??? Zwar mit Vollpension uns Safari Programm, aber das ist dennoch irre! Jetzt zahlen wir etwas über 40 € (die teuerste Unterkunft dieser Reise) und sind ebenfalls mitten in der Natur. Und ob wir in Nagarhole mehr Tiere gesehen hätten, als auf der Fahrt hierher, ist fraglich.

Das Verrückteste aber ist: Air India hat angerufen und doch tatsächlich unseren Koffer gefunden. Der steht immer noch irgendwo am Delhi Airport. Nun müssen sie es nur noch schaffen, ihn erst nach Bangalore zu fliegen und uns dann an einem unserer nächsten Stopps zu treffen. Mal sehen, wie lange das noch dauert.

Eigentlich wollen wir uns auch das nahe gelegene Madikeri ansehen, was ein hübscher Ort sein soll, aber unser Fahrer ist nach der kalten Nach in Ooty (er schläft ja fast immer im Auto) nicht ganz fit und therapiert sich mich Hochprozentigem. Wir erklären ihn für nicht fahrtauglich und streichen den Ausflug nach Madikeri. Eine ziemliche Standpauke ist ihm sicher und ich denke, er war ganz schön erschrocken, wie energisch die nette deutsche Ma'am werden kann.

Goldener Temple, Bylakuppe

Wir machen einen Abstecher nach Tibet. Naja, nicht wirklich. Wir schauen bloß im Namdroling Kloster vorbei. Dieses auch "Golden Temple" genannte tibetanische Kloster in der Nähe des Ortes Bylakuppe ist ein eindrucksvoller, fotogener Ort. In Bylakuppe leben in zwei Siedlungen mehr als 10.000 Exil-Tibeter, und es ist schon etwas so, als sei man plötzlich nach Tibet versetzt worden. Immerhin ist das hier wohl die zweitgrößte tibetanische Siedlung außerhalb von Tibet. Die Gesichter und Kleidung der Menschen, die Tempel, die Gebete, die goldenen Statuen, die mit detailreichen Bildern verzierten Wände der Tempel, alles ist so ganz anders als in Indien.

Zahlreiche Mönche in den typischen orange-roten Gewändern gehen ihrem Tagesgeschäft nach. Auf einer Wiese übt sich eine große Gruppe im Debattieren, andere sitzen in einem der zahlreichen Tempel und rezitieren Mantras, während wieder andere gerade ihre frisch gewaschene Wäsche aufhängen und von den Balkonen ihres Wohnheimes über die Anlage blicken. Ungewöhnliches Trompetentöne schallen über das Gelände. Eine Weile suchen wir die Urheber dieser schrägen Musik, aber sie schwebt über dem ganzen weitläufigen Gelände und kommt wohl nur vom Band.

Wir erkunden die verschiedenen Tempel und bestaunen die blendende Pracht. So viel Gold. So viele Verzierungen und Wandbilder mit winzigsten Details. Epische Schlachten, Monster und Dämonen, Helden und Sagengestalten. Eine ganz andere Welt. Inzwischen können wir ja schon den ein oder anderen Hindu Gott identifizieren und kennen einige der hinduistischen Sagen, aber all das hier sagt uns nichts. Eine Herausforderung für Augen und Ohren. Als Besucher darf man ganz ungehindert herumstreifen, nur die Wohnbereiche sind tabu und die Tempel in denen gerade Zeremonien stattfinden.

Draußen auf dem Parkplatz sind wir schlagartig wieder in Indien. Der Ort zieht viele Touristen an und damit natürlich auch allerlei fliegende Händler, Bettler, Lärm. Ein paar Läden verkaufen Plastik-Kitsch made in China. Ich hätte ja gerne ein paar nette tibetanische Gebetsfahnen, aber leider Fehlanzeige.

Bislang sind wir verwöhnt von den Straßenverhältnissen. Sieht man vom normalen indischen Verkehrswahnsinn ab, kommen wir wirklich gut voran. und verglichen mit dem letzten Trip in Rajasthan gibt es erfreulich wenig tierische Verkehrsteilnehmer und bislang noch kein einziges Verkehrsopfer. Nach einer Woche in Rajasthan hatten wir schon diverse toten Hunde sehen und riechen müssen, hier noch keinen einzigen.

Was die Straßenverhältnisse angeht, entspricht die heutige Strecke von Madikeri zu unserem nächsten Übernachtungsort Hassan endlich mal voll und ganz den erwarteten Klischees. Aber was heißt hier Straße? Piste ist wohl die passende Formulierung für diese staubige Abfolge von Schlaglöchern und Schotter. Teilweise hatten wir selbst in Schrittgeschwindigkeit noch Angst um unser Auto, Wir kriechen und schleichen dahin, immer auf der Suche nach der besten Route durch die ganzen Abgründe, dabei immer auf der Hut vor LKW und Bussen. Die sind nämlich der reine Wahnsinn. Aufgrund der vielen großen Reifen können sie die Löcher zumeist einfach durchfahren. Kombiniert mit einem Fahrer unter Zeitdruck gibt das ein wirklich bedrohliches Geschoss, das in eine Staubwolke gehüllt vorbeidonnert.


Shravanabelagoda


Als nächstes steht etwas ganz großes auf dem Programm. Oder besser gesagt jemand ganz großes. Im Ort Shravanabelagoda besuchen wir einen 18m hohen nackten Mann auf einem Berg, den Jain Asketen Gomateshwara. Der hat so lange mit Blick in die Ferne stehend meditiert, dass ihm die Ranken junger Bäume die Beine hoch wachsen und sich große Ameisenhügel zu seinen Füßen aufhäufen. Um 980 n. Chr hat man ihn aus einem einzigen Felsblock geschlagen und noch heute ist er mit den umgebenden Tempeln ein wichtiges Jain Pilgerzentrum.

Wir sind zwar keine Jain, aber die Lage des Herren bringt es mit sich, dass man sich ihm ganz automatisch langsam und in bester Pilgermanier nährt. Bevor man den großen Nackten sehen kann, muss man nämlich erst die etwa 620 Stufen erklimmen, die auf den Berg hinauf führen. Eine ganz schön schweißtreibende Angelegenheit, so ganz ohne Schatten und auf nackten Füßen. Zum Glück ist es heute bedeckt und der dunkelgraue Fels hat sich nicht so sehr aufgeheizt wie an einem sonnigen Tag. Aber auch so ist die Kraxelei ganz schön anstrengend. Wie viele Stufen es genau sind, da sind sich alle Reiseführer nicht einig. Uns wir schnell klar, warum. Manche sind keinen halben Zentimeter hoch, dass man sie leicht übersieht, andere bringen es auf eher 15cm und machen unsere Bergwanderung noch anstrengender.

Alle paar Höhenmeter machen wir Pause, genießen die Aussicht und kommen mit anderen Auf- und Absteigenden ins Gespräch. Manche sind unglaublich sportlich und joggen fast die Stufen hinauf, besonders die jungen indischen Männer sind kaum zu bremsen, andere lassen es ruhig angehen. Natürlich müssen wir auch wieder für das ein oder andere Foto Portrait stehen und die üblichen Fragen beantworten. Für die ganz Fußlahmen gibt es unten einen geflochtenen Rattan-Stuhl mit vier Trägern, die einen gegen Bezahlung auch nach oben tragen. So schlapp sind wir dann doch noch nicht. Außerdem machte gerade einer der Träger selbst ein Nickerchen in besagtem Stuhl, als wir unseren Aufstieg begannen.

Irgendwann haben wir es geschafft, der steile Berg wird flacher, die ersten Gebäude und Tempel tauchen auf und ein riesiger Felsblock, der fotogen in der Landschaft liegt. Fotopause, dann weiter. Ohje, noch mehr Stufen. Noch höher hinauf. Puh, warum sind heilige Orte immer an möglichst unerreichbaren Stellen? Hier hat man sich jedenfalls den größten aller Felshügel in der Umgebung ausgesucht und sich da drauf ausgetobt. Wie gut, dass es keinen höheren Berg in der Gegend gab.

Dann endlich oben. Noch mehr Gebäude und dann steht er da, riesig und nackt. Holla! Schon eindrucksvolle Ausmaße. Gläubige beten zu seinen Füßen oder spazieren an den riesigen Zehen vorbei und alle werden von einem Priester gesegnet. Manche stehen, wie wir, einfach nur staunend da und machen Fotos. Später merken wir dann, der Rundweg um die Statue herum führt zwangsläufig da unten beim Priester vom Dienst vorbei und so spenden auch wir ein paar Rupien und werden mit ein gemurmelten Worten und ein paar Wassersprengseln auf dem Kopf bedacht.

Allabendlich werden die Füße der Statue mit Milch gebadet und alle 12 Jahre findet hier ein großes Fest statt. Man errichtet ein riesiges hölzernes Gerüst und dann wird die gesamte riesige Statue mit Milch, Honig, Ghee, Joghurt, Blüten und wohl auch mit Münzen überschüttet. Als Atheisten entlockt es uns einmal mehr erstauntes Kopfschütteln, aber letztlich ist das hier für uns auch nicht mehr oder weniger schräg als ein Besuch in Lourdes oder im Rattentempel von Deshnoke.

Unser Koffer? Sollte uns angeblich an der nächsten Station endlich wieder erreichen. Na, wir sind gespannt.


Belur


Noch mehr Tempel gibt es an unserer nächsten Station, diesmal allerdings keine tibetanischen sondern ziemlich alte hinduistische. Aber so genau kann ich all die alten Steine nicht auseinander halten und Geschichte war noch nie meine Stärke. Da greife ich lieber auf die einfache Unterscheidung gefällt mir/gefällt mir nicht zurück. Und die alten Steine in Bellur gefallen mir sehr, was aber nicht zuletzt auch daran liegt, dass in den alten Steinen noch ziemlich aktuelles Leben stattfindet. Statt zu verlassenen, aufgegebenen Tempelanlagen zu kommen, erreichen wir Belur rechtzeitig zu einem großen Tempelfest. Es wimmelt vor Menschen, und die ganze Szenerie ist sehr sehenswert. Wir kommen uns vor wie in einer Doku auf dem Discovery Channel.

Schon der Weg zur Tempelanlage ist ein Erlebnis. Bude reiht sich an Bude, kulinarische Köstlichkeiten und heiliger Kitsch, Plastikspielzeug made in China für die Kids und glitzernde Armbänder für die Mädels, aber es gibt auch Alltagsgegenstände von der Machete bis zum Mörser und das leuchtend bunte Farbpulver, für jeden ist was dabei.

Für uns amüsant, aber für die Kinder der Hit ist der Miniatur Rummelplatz: Ein muskelkraftbetriebenes hölzernes blaues Riesen(?)rad, vier kleine hölzerne Kabinen an einem kaum 2,5 m hohen Rad, und ein ebenso winziges gelbes Kettenkarussell. Beide werden von jungen Männern von Hand gedreht und erfreuen sich großer Beliebtheit.

Dann erreichen wir den Tempel, geben artig unsere Schuhe am Eingang ab und treten ein. Der ganze Komplex ist voll mit Menschen, alle Besucher fein herausgeputzt, mit Kind und Kegel und voller Leben. In einer langen Schlange wartet man artig auf die Gelegenheit, in das Allerheiligste des Haupttempels zu kommen, es wird gebetet und geopfert und natürlich fotografiert. Die Inder sind unglaublich fotoverrückt, und da jeder mindestens ein Handy zur Hand hat, klickt es immer und überall.

Wir sind mal wieder die einzigen Westler weit und breit und ziehen folglich wieder entsprechendes Interesse auf uns. Keine Ahnung auf wie vielen Fotos wir landen und wie oft man sich vor unseren Kameras aufbaut. Aber wie immer sind alle unglaublich freundlich und herzlich, plaudern und scherzen mit und über uns.

Es herrscht ein kunterbuntes Gewusel. Nicht nur, dass alle Frauen und Mädchen ihre feinsten Saris und Salwars in leuchtenden Farben angelegt haben, auf dem riesigen Platz im Inneren der Anlage trocken unzählige Stoffbahnen, frischgewaschene Saris. Fotogener Kontrast - diese knalligen Farben auf dem schwarzgrauen Stein. Wieso und wo man sie hier wäscht, erschließt sich uns nicht.

Mit nackten Füßen auf dem dunklen Stein, eine arge Herausforderung für unsere zarten Füße. Heute ist es sonnig ohne eine einzige Wolke am knallblauen Himmel und so heizt sich der Boden extrem auf. Uns fehlt die dicke Hornschicht, die scheinbar jeder Inder hat. Da wo wir auf dem brennend heißen Stein tänzeln und schnell den nächsten Schattenfleck suchen, stehen sie entspannt auf der Stelle und verziehen keine Mine. Nur wo sich die Schlange zum Haupttempel staut und die Menschen später den Tempel langsam umrunden hat man geflochtene Bastmatten gegen die Hitze auf dem Boden ausgelegt. Da würden wohl selbst indische Füße ankokeln.

Die Tempel selbst sind grandios. Über und über mit feinsten Schnitzereien bedeckt, Götterstatuen, tanzende Frauen, reihenweise Elefanten, kleinste Details überall. Sehr eindrucksvoll. Erbaut im 12 Jh von König Vishnuvardhana, 1327 bei muslimischen Angriffen zerstört und 1397 von den Vijayanagara Königen wieder aufgebaut. Nicht, dass ich plötzlich doch Sinn für Geschichte habe, diese Informationen sind aus dem Netz geklaut und wer mehr wissen möchte, sollte nach Hoysala-Kultur googeln, so heißt diese Art Tempel wohl. Ich finde es einfach beeindruckend, dass man vor so langer Zeit derart feine Skulpturen geschaffen hat und eigentlich noch erstaunlicher ist, dass sie bis heute überdauert haben.

Neben dem Haupttempel, vor dem die Besucher geduldig in einer langen Schlange in der prallen Sonne anstehen, finden sich auch an vielen anderen Stellen auf dem weitläufigen Gelände Gläubige zum Gebet ein. Man muss nur schauen, wo sich besonders viele Menschen versammeln, da gibt es was zu sehen.

Ein Ganesh, von zahllosen Berührungen blank poliert, über und über bestreut mit rotem und gelbem Farbpulver. Vor einer niedrigen steinernen Säule finden sich vornehmlich Frauen und Mädchen ein und verharren mit aufgelegten Händen im Gebet. Bitten um Fruchtbarkeit? Ein steinerner Fußabdruck zieht viele Besucher an. Kugeln aus brennbarem Material werden angezündet, orangefarbene Flammen lodern auf. Hände werden erst über die Flammen und dann zum Gesicht geführt, Gebete gesprochen. Auf das Anstehen verzichten wir, um uns keinen Hitzschlag zu holen und so kann ich nicht berichten, was es drinnen zu sehen gibt.

Eigentlich viel zu früh verlassen wir die Anlage wieder und machen uns wieder auf zu unserem Auto. Gerne wären wir noch eine Weile länger umhergestreift aber Deepan hatte uns gebeten, nicht allzu lange unterwegs zu sein. Er fürchtet, dass es aufgrund des Tempelfestes zu verstärkten Polizeikontrollen kommt und dummerweise haben wir derzeit noch keine "Permit" für den Staat Karnataka.

In Indien muss man für Touristenfahrzeuge, wenn ich das richtig verstehe, je Bundesstaat Steuern zahlen, um eine Fahrerlaubnis zu bekommen. Diese gibt es für unterschiedliche Zeiträume, wobei man uns bei der Einreise nach Karnataka keine 7-Tage Erlaubnis verkaufen wollte, sondern nur eine deutlich teurere Monatspermit. Nun besorgt Deepans Agentur in Chennai uns die richtige Erlaubnis. Aber bis wir diese hoffentlich morgen erhalten, sind wir halt ohne unterwegs und sollten uns besser nicht erwischen lassen.

Ein Blick auf den eindrucksvollen Tempelwagen vor der Anlage muss aber noch sein. Diese Ratha genannten mehrstöckigen hölzernen Wagen spielen als Götterfahrzeuge eine wichtige Rolle. Einmal im Jahr wird die jeweilige lokale Götterfigur aus dem Tempel geholt und in diesem Wagen durch die Stadt gezogen.

Die Ausmaße dieser Gefährte sind gigantisch. Aus geöltem schwarzen Holz erbaut ragen sie 7 oder 8 Etagen in die Höhe, feine Figuren und Schnitzereien verzieren in vielen Reihen die Wände. Die Wagen sind behängt mit Blumengirlanden und die oberen Etagen mit bunten Fahnen geschmückt. Die knallbunten Farben vor dem tiefschwarzen Holz, sehr fotogen. Die riesigen Holzräder sind mehr als mannshoch, die Achsen und Naben triefen vor Fett und armdicke Hanfseile warten darauf, dass dutzende oder eher hunderte Menschen mit Ihnen dieses tonnenschwere Gebilde durch die Straßen ziehen.

Von allen Seiten strömen Besucher mit Bananen als Opfergaben herbei und versuchen diese so zu werfen, dass sie möglichst weit oben zu liegen kommen. Später sehen wir unterwegs noch weitere Rathas, u.a. in Gokarna und Hampi, aber dieser hier war der erste und umso eindrucksvoller.
Inzwischen ist es Mittag und unglaublich heiß. Ein Traktor zieht einen Wassertank hinter sich her und setzt den Vorplatz unter Wasser. Großer Kühleffekt mit einfachen Mitteln. Zwar steigt die Luftfeuchte ordentlich an und es wird fast tropisch, aber es wird merklich kühler. Nicht nur Kinder halten begeistert die nackten Füße unter den Wasserauslass.

Am Treffpunkt sehen wir noch ein ungewöhnliches Haus. Ob hier ein Pilot wohnt? Statt des üblichen grauen oder schwarzen Wassertanks parkt hier ein kleines Flugzeug auf dem Dach. Sehr amüsant.

Halebid

Nach dem Besuch in Belur schauen wir noch in Halebid vorbei.
Auch hier gibt es eindrucksvoll geschnitzte Tempel, aber ohne das lebendige Spektakel, das wir dank des Tempelfestes erleben durften, hat der Besuch eher was von Freilichtmuseum. Vielleicht bin ich auch nur so knurrig, weil ich mich immer noch über den dreisten Schuhwächter dort ärgere. Gut, 50 statt 20 Rupien sind vom Wert her für uns kein Problem, aber dass er uns, während er vor dem "20 Rupies" Schild steht, mit einem arroganten Grinsten und dem Wort "touristprice" mehr abnimmt, ist dennoch nicht nett. Eine nette Indische Lady neben uns verschluckt sich prustend, als er die Nummer durchzieht und wirft uns einen mitleidigen Blick zu. Nächstes Mal stecke ich meine Schuhe einfach in den Rucksack...

Wichtigstes Utensil hier in Halebid: Tempelsocken! Nein, man muss die Füße nicht wärmen, aber man muss verhindern, dass man Brandblasen bekommt.

Die Steine hier sind nämlich tiefschwarz statt grau und heizen sich so extrem auf, dass unsereiner nicht mal schnellen Schrittes drüber gehen kann, ohne sich zu verbrennen. Zum Glück habe ich davon vorher gelesen und wir sind vorbereitet. Aber selbst das Anziehen der Socken ist eine wahrlich heiße Sache. Wir drücken uns in einen winzigen Schattenfleck und ziehen sie uns so schnell wie möglich über die Füße. Etwas isoliert kann es dann los gehen. Noch immer dringt die Hitze zu den Fußsohlen durch, jetzt aber deutlich langsamer. So lange man nicht stehen bleibt, geht es ganz gut aber jeder Fotostop wird zur Herausforderung.

Die Schnitzereien in Halebid sind noch eindrucksvoller als die in Belur, ganze Geschichten werden auf den Wänden erzählt. Da reißen Dämonen ihren Opfern die Därme aus dem Körper, Helden kämpfen mit Ungeheuern, jemand reitet auf einem Monster, das sich scheinbar übergibt, vollbusige Tänzerinnen ziehen Blicke auf sich. Es gibt kämpfende Elefanten und welche, die einen sitzenden Menschen zerdrücken, erotische Darstellungen, reich verzierte Götter und Herrscher, einen dicken Nandi mit blank poliertem Hintern und einen kugelrunden Ganescha, der auf die Besucher herab blickt. Je länger man auf die Wände schaut, desto mehr Details findet man, wenn man doch nur lange genug stehen bleiben und die Bilder ausgiebig betrachten könnte. Hier bekommt der Ausdruck "da qualmen einem die Socken" eine ganz neue Bedeutung.

Neben uns sind viele indische Touristen unterwegs, darunter ein Haufen gleichaltrige Jungs und Mädels. Schulklasse? Da läuft die indische Foto-Begeisterung zu neuen Höchstleistungen auf. Unter viel Gekicher und Gejohle drückt man sich für Gruppenbilder zusammen und fotografiert sich in allen denkbaren Kombinationen. Natürlich sind auch wir wieder fällig, aber aufgrund des heißen Bodens halten wir nicht so lange durch. Wie machen diese Kids das nur? Sie haben keine Socken an und stehen doch so lange auf einem Fleck. Uns zieht es zurück zum klimatisierten Auto. Ein Streifenhörnchen huscht im Schatten der Figuren vorbei und schaut uns aus neugierigen Knopfaugen nach.

Hassan und Koffer

Am Abend holt uns in Hassan endlich unser zweiter Koffer ein. Air India hat ihn in dicke Plastikfolie verpackt und die Reißverschlüsse mit Kabelbinder verschlossen. Herausfallen kann da nichts und auch unberechtigter Zugriff ist nicht so einfach möglich.

Zur Sicherheit wickle ich ihn dennoch im Beisein des Kuriers aus all diesem Zeug aus und prüfe, ob denn auch wirklich noch alles drin ist. Neben unseren Klamotten warten wir seit Tagen auf unser Samsung Pad, die Ladegeräte für Handy und Akkus, einige Medikamente, etwas Naschkram und noch so dies und das. Alles ist noch da, nur die Packung Hanuta fehlt. Wo mag die auf der Strecke geblieben sein? Egal, gemessen mit dem restlichen Inhalt ist das ein kleiner Verlust und nach einer Woche im heißen hiesigen Klima wären die Dinger wohl eh nicht mehr genießbar.

Eigentlich wollten wir ja in Belur nächtigen, aber aufgrund des Tempelfestes sind da alle Hotels belegt und wegen unserer fehlenden Karnataka-Lizenz ist es unserem Driver lieber, wir nächtigen im anonymen Hassan. Für uns ist das ok. Und auch in großen, staubigen Durchgangsorten wie Hassan gibt es für uns genug zu sehen. Aber in Belur wäre es sicher netter und vor allem wäre da derzeit einiges los gewesen.

Wir fahren mit dem Tuk Tuk ins Zentrum, bummeln durch Shops und plündern mal wieder eine Apotheke - ich brauche Voltaren, weil mich schon seit Deutschland Rückenschmerzen nerven.

Vor der Apotheke randaliert ein riesiger Bulle. Neben den allgegenwärtigen eher zierlichen Kühen, die einem hier auf den Straßen begegnen, trifft man hin und wieder auch auf die richtig großen Gesellen. Ein massiger, schwarzer Bulle schlendert die Straße entlang und alle Fußgänger und selbst die Tuk Tuk- und Moped Fahrer machen einen großen Bogen um ihn herum. Er ist der Chef. Und das weiß er anscheinend auch. Und wenn dem Chef nach einem Sandbad ist, dann nimmt er sich eines. Für Bauarbeiten neben der Apotheke hat man einen großen Sandhaufen aufgeschüttet, den nimmt er sich vor, zerwühlt ihn mit seinen Hörnern, lässt den Sand in alle Richtungen fliegen. Die Passanten weichen aus, ein paar Kinder machen sich kreischend davon. Der Bulle hat Spaß.

Abendimbiss. In einem Verschlag neben der Straße werden Ziegen geschlachtet. Das ist jetzt mal richtig frisches Frischfleisch, aber wir bleiben bei der vegetarischen Kost. Überall gibt es wieder köstliches Streetfood und wir entscheiden uns für Pakoras . Für einen erfolgreichen Straßenstand braucht man nichts weiter als eine Gasflasche, zwei Holzbänke, eine große Schale mit brodelndem Frittierfett sowie ein gute Rezepte für Pakorateig und grüne Soße. Teller braucht man nicht - Zeitungspapier tut's auch, Teller und Serviette in einem und auch noch biologisch abbaubar, also Kuh-verzehr-tauglich. WOW, diese Pakoras sind klasse und die grüne Soße aus Knoblauch, Koriander, Chili und Gewürzen ist der Hammer. Köstlich!

Morgen steht uns ein ziemlicher Fahr-Tag bevor, denn als nächstes geht es in Richtung Westküste und vorher wollen wir noch bei den vielgepriesenen Jog Falls vorbei.

Jog Falls? Nein, Joke Falls!

Wikipedia weiß zu erzählen, dass die Jog Falls mit 335 m die zweithöchsten Wasserfälle Indiens sind, und wir hatten sie auf unseren Reiseplan gesetzt, nachdem mehrere Reiseführer behaupteten, sie seien auch außerhalb der Monsunzeit einen Besuch wert. Nun wissen wir, das stimmt NICHT!

Zugegeben, die Anfahrt hierher ist schon eindrucksvoll, wenn man davon absieht, dass das erste Teilstück unserer Strecke von Hassan über Halebid nach Banavar wieder jedem Klischee über schlechte indische Straßen gerecht wird. Manche Abschnitte sind nicht mehr als eine Staubpiste mit Kratern und ich ich mag mir gar nicht vorstellen, in was für eine Schlammpiste sie sich während des Monsuns verwandeln. Unser armer Deepan fürchtete mehr als einmal um unser armes Auto. Er ist ja nur der Fahrer, d.h. für Schäden am Auto würde er haftbar gemacht. Daheim in Tamil Nadu seien die Straßen aber deutlich besser, versichert er uns ein ums andere mal. In Banavar erreichen wir endlich den Highway und ab da geht es zügig voran. Noch ahnen weder wir noch Deepan, wie lange wir heute fahren werden, und stellen uns "nur" auf 200 km, also etwa 6 Stunden, ein.

Je näher wir den Jog Falls kommen, desto wilder und ursprünglicher wird die Landschaft. Wir fahren wieder durch ein Schutzgebiet, weshalb es es wenig Verkehr und keine Siedlungen gibt, dafür aber eine enge kurvige Straße, dichten Wald und viele Steigungen und Gefälle. An den Wasserfällen gibt es nichts weiter außer ein paar Hotels. Ich einem davon wollen wir, mit Blick auf die Falls, die Nacht verbringen. Aber erst mal Eintritt zahlen für das Gelände, damit wir überhaupt hinfahren dürfen. Kaum wird es irgendwo touristisch, treibt der Geschäftssinn üble Blüten...

Aber was ist das? Wo ist das Wasser? Statt verschiedener eindrucksvoller Wassersäulen gibt es nur einen zarten Wasserfaden, der auf halber Strecke zum Boden vom Winde verweht wird. Lohnt sich auch außerhalb des Monsuns? Nix da! Oberhalb der Fälle gibt es nämlich einen Staudamm, da wird der größte Teil des Wassers aufgehalten. Hier kommt nix an. Und so sieht man statt eindrucksvoll hoher Wasser umtoster Felsen mit grüner wilder Natur drum herum nur weitgehend trockene Felsen (ok, immer noch eindrucksvoll hoch) mit Grün drumrum. Aber um diese Zeit sind die Fälle ein Witz! Der korrekte Name wäre wohl eher Joke Falls!

Wir spazieren zu einem Aussichtspunkt etwas die Steinwand hinab. Theoretisch kann man irgendwo bis zum Fuß der Schlucht herabsteigen. Das war eigentlich der Plan, aber angesichts der kläglichen grünen Tümpel da unten verlässt uns die Lust. Eine Menge anderer Touristen sind auch da, darunter ein paar weitere Weiße. Polen? Russen? Der Sprache und der Optik nach kommen sie irgendwo aus Osteuropa. Jedenfalls sind sehr leicht bekleidete Mädels darunter, die das Interesse einer Gruppe Soldaten auf sich ziehen. Alle wollen mit ihnen aufs Foto, ein wildes Posen und Knipsen beginnt. Wie praktisch für uns, die ganze Aufmerksamkeit konzentriert sich auf die halb nackten Mädels, und so können wir uns in Ruhe umsehen. Nur, dass es eigentlich nichts zu sehen gibt.

Eine Horde Affen bewohnt das Areal. Wie an allen Orten mit vielen Besuchern lauern Dutzende von Rhesusaffen darauf, dass etwas für sie abfällt. Nur dass die meisten Besucher nach einen kurzen Fotostopp wieder zu den Autos strömen und wieder davon fahren. Die Affen schauen drein, als würden auch sie das ganze hier für einen schlechten (!) Witz halten.

Wir grübeln... Hier bleiben? Aber hier ist doch nix. Die Hotels sehen kläglich und heruntergekommen aus, und der ganze Platz ist düster und verbreitet depressive Stimmung. Aber unser Driver hat gerade 7 Stunden Fahrt hinter sich gebracht, denn so lange haben wir letztlich für die Strecke von Hassan hierher gebraucht. Und 7 Stunden Fahrt in indischen Verkehrsverhältnissen sind nicht zu vergleichen mit der gleichen Fahrtdauer hier in Europa. Aber letztlich kommt Deepan selbst mit der Frage, ob wir wirklich hier bleiben wollen, oder ob wir nicht doch noch etwas weiter fahren sollten. In "nur" 30 oder 40 Kilometern liegt ein weiterer größerer Ort, in dem sich hoffentlich ein brauchbares Hotel finden sollten. Na und ob wir wollen! Auch wenn es bis zu unserem nächsten geplanten Stop in Gokarna zu weit ist, alles ist besser als das hier.

Honava

Also wieder rein ins Auto und wieder ab auf die enge Straße. Es folgen noch mal viele Kilometer in denen es pausenlos auf und ab geht. Kein gerades, ebenes Stück, auf dem man mal entspannen kann. Uns tut Deepan leid. Nach den vielen Stunden hinterm Steuer ist er sicher nicht weniger fertig und müde wie wir, aber im Gegensatz zu uns muss er aufpassen. Denn einfach so Fahren und vor sich hin träumen, das ist in Indien nicht drin.

Endlich erreichen wir einen der typischen hier-gibt-es-alles Kioske und er kann zumindest seinen Vorrat an Zigaretten auffüllen. Alle etwa 2 Stunden macht er nämlich artig Pause mit Zigarette und Tee. Ich vermute zwar, dass die Nikotin Zufuhr wichtiger ist, als die Erholung, aber uns soll es recht sein, weshalb er Pause macht, Hauptsache er macht eine. Indischen Verkehr geht man besser nicht an, wenn das Hirn nicht wach und bei der Sache ist.

Irgendwann landen wir dann in Honava. Es gibt zwar kein WLAN im Hotel, aber ein Internetcafé, also ist der Kontakt zum Rest der Welt gesichert und vor allem können wir mit dem netten Homestay Kontakt aufnehmen, in dem wir in Gokarna die nächsten 3 Tage verbringen wollen.

Honava ist einer dieser staubigen Durchgangs-Orte ohne besondere Kennzeichen. Und trotzdem findet man beim Herumspazieren dennoch immer irgendetwas Interessantes. Am Straßenrand warten über ein Dutzend tief verschleierter Muslimas auf den Bus. Wie so oft, wenn wir auf dieser Reise durch muslimische Viertel spaziere, frage ich mich: wie halten die das nur aus? Es sind, obwohl schon später Nachmittag, noch über 30 Grad im Schatten bei heftiger Luftfeuchtigkeit und diese Ladies sind komplett mit schwarzem Stoff verhüllt, der nur einen schmalen Sehschlitz für die Augen frei lässt. In der Sonne müssen sie doch gleich einen Hitzschlag bekommen, und selbst hier im Schatten ist es sicher anstrengend.

Am lokalen Wine-and-beer-shop ist schon viel los. Anders als bei uns kauft man in Indien Alkohol nicht einfach so im Supermarkt oder normalen Laden, stattdessen gibt es spezielle Läden, an denen sich die Herren treffen. Einzige weibliche Ausnahmen sind Touristinnen, denn die indischen Frauen trinken in der Regel keinen oder nur sehr wenig Alkohol.

Endlich sehen wir hier auch mal einige der eindrucksvoll beladenen indischen Lastwagen, wie man sie aus Reportagen kennt. Mit Plastikplanen oder Sackleinen bedeckt ragt die Ladung nach oben, hinten und zu den Seiten bedrohlich über, während die Fahrer ohne unnötiges Bremsen dahin donnern. Die Hupe macht ihnen schon den Weg frei, denn alles und jeder macht, dass es weg kommt, wenn ein solches Ungetüm lärmend auf einen zu rast. Es ist also nicht verwunderlich, dass mir nur verwackelte Bilder gelingen.

Gokarna

Nach dem Vagabundenleben der letzten Tage bleiben wir mal 3 Tage an einem Ort. Etwas Erholung am Strand ist angesagt.

Man sagt, Gokarna sei wie Goa ohne Hippies. In Goa waren wir noch nicht, können also nicht vergleichen, aber Gokarna ist wirklich nett. Ein entspannter kleiner Küstenort mit Fischerbooten und einem breitem Sandstrand mit vielen Snackbuden. Zugleich aber auch ein beliebter Wallfahrtsort mit einigen viel besuchten Tempeln und Scharen von Pilgern und Sadhus. Dazu kommt eine bunte Mischung westlicher Besucher, zumeist Traveller, einige Aussteiger und Langzeit-Zivilisations-Flüchtlinge. Dazu die typischen Läden und Restaurants, die an allen Travellerorten entstehen. Das alles kombiniert auf kaum mehr als zwei Straßen. Das Ergebnis ist eine wirklich charmante Mischung.

Spaziert man zum Strand, muss man quer durch den Ort und zwangsläufig an den belebten Tempeln vorbei. Männer in weißen Dhotis und nacktem Oberkörper eilen mit ihren Opfergaben vorbei, alte Damen versuchen gegen eine Spende Schalen mit Blumenketten und Bananen an den Pilger zu bringen. Eine Reihe von Läden bietet religiösen Krimskrams an, Räucherwerk, Opferschalen, hölzerne Ketten, Heiligenbilder und Stauen aus Messing, Kalender und Wandbehänge. Über allem liegt das Gemurmel der Zeremonien und dichter Räucherstäbchenrauch. Ein riesiger schwarzer Lingam ragt blumengeschmückt unter einem kleinen Dach auf. Leider ist er mit Gittern umgeben.

Nachdem sich in der Vergangenheit vermehrt Touristen daneben benommen haben, ist in Gokarna inzwischen das Betreten der Tempel für Nicht-Hindus nicht mehr gestattet. Anders als sonst, wo man uns mit Gesten und Worten immer wieder aufgefordert wird, doch näher zu kommen und einzutreten bleiben uns hier die heiligen Orte verschlossen. Schade, aber auch so bekommt man von dem religiösen Treiben so allerhand mit.

Einen eher ungewöhnlichen Anblick bietet dabei ein Sadhu mit Fahrrad. Das übliche einfache Gewand aus verblichenem, einst orangefarbenem Stoff, dicke verfilzte Rastalocken in ein oranges Tuch verpackt, eine Wasserflasche, kleines Bündel mit seinen restlichen Habseligkeiten nebst dem obligatorischen Dreizack als Zeichen Shivas, so weit ein gewohnter Anblick. Aber er schiebt zusätzlich ein klappriges rostiges altes Fahrrad vor sich her. Besitzlosigkeit XL.

Auch in Gokarna steht wieder ein großer Tempelwagen, wenn auch kein so riesiges Exemplar wie in Belur. Das schwarze Holz glänzt ölig, die großen Räder sind mit dicken Klumpen Fett geschmiert und armdicken Zugseile warten auf ihren Einsatz. Reihen roter und weißer Fahnen bedecken die seine große zwiebelförmige Krone. Unter der knalligen Sonne riecht das Gebilde sehr streng, wie ein Mischung aus Tier, Teer und ranzigem Öl. Puh!

Näher zum Strand ändert sich das Bild, und die Läden richten sich mehr und mehr an die einheimischen und ausländischen Touristen. Man verkauft die üblichen knallbunten T-Shirts mit Shiva oder Ganesh als Aufdruck, flatternde Stoffhosen, Sonnenhüte, Ledertaschen, Sandalen, Klangschalen und Trommeln. Unterwegs gibt es ein paar kleine Internetcafés und Restaurants, dann überquert man einen stinkenden Abwasserkanal und erreicht den scheinbar endlos breiten Sandstrand.

Angesichts der heftigen Brandung und der auf einer Beton-Stele notierten Anzahl der Opfer der Badeunfällen in den letzten Jahren vergeht einem jeder Gedanke ans Schwimmen, aber auch so ist es hier am Meer wirklich nett. Die Snack Stände öffnen zwar erst am Abend, wenn es etwas abgekühlt ist, aber dann ist für das leibliche Wohl bestens gesorgt. Es gibt scharf gewürzten Mais, köstliches Bel Puri, Gobi Manchurian, gebratene Nudeln, Tee, Kokosnüsse und vieles mehr.

Die nächsten Nachmittage und Abende bringen wir größtenteils hier zu und beobachten das lebhafte Gewusel, es gibt so viel zu sehen. Ein nettes kleines Hundekind leistet uns fast jedes Mal Gesellschaft, zusammen mit seiner ebenso zutraulichen Mutter und diversen Kühen. Letztere wandern den ganzen Tag frei durch den Ort, fressen Abfall und Papier und sammeln sich am Abend hier am Strand. Irgendwann kommen dann ihre Besitzer vorbei und treiben sie für die Nach nach Hause.

Zumeist sitzen wir auf einer der Bänke unter einem mit Ton-Schindeln gedeckten Pavillon. Toll wie dieses Dach die Hitze abhält. So kann man es aushalten, den Ort genießen und schauen, wer so alles vorbeischaut. Wie immer in Indien dauert es nie lange, bis sich ein Gesprächspartner einfindet und nach ein paar Tagen erkennt man viele Leute wieder.

Wir plaudern mit einem Engländer, der für eine ganzes Jahr Indien bereist und schon seit 6 Wochen hier in einer einfachen Strandhütte wohnt. Als nächstes will er nach Ladakh in den Himalaya. Hier ist es zu heiß, da wird es zu kalt, meint er grinsend. Einmal setzt sich eine sehr dicke alte Indische Dame neben mich. Unverschämt, wie elegant selbst sie in einem Sari aussieht und auftritt. Da kann man neidisch werden. Zwei ältere indische Herren aus Mumbai schauen auf unserer Bank vorbei und erzähle, dass sie im Rahmen der 13 tägigen Totenfeierlichkeiten hier sind, die gerade zu Ehren des Vaters eines der Herren abgehalten werden. Gokarna sei ein heiliger Ort.

Ein großer Jeep hält auf dem kleinen Parkplatz direkt neben uns. Wir kommen aus dem Staunen nicht mehr heraus, als die Insassen aussteigen. Eine indische Großfamilie vom Kleinkind bis zur tattrigen Oma. Am Ende stehen 23 Personen vor einem Auto in dem wir vielleicht 10 oder 12 unterbringen würden und noch weitere 5 bleiben im Auto sitzen. Beeindruckend.

Kurz darauf geht ein Mann mit einem extremst geschwollenen Bein langsam an den Snackbuden vorbei. Er hat eindeutig Elephantiasis, diese grausliche Krankheit bei der die Extremitäten aufgrund chronischer Entzündungen und einem dadurch verursachtem Stau der Lymphflüssigkeit enorm und irreversibel anschwellen. Ein schauerlicher Anblick. Das ganze Bein ist von oben bis unten auf eine einheitliche Dicke angeschwollen, die Haut lederartig vernarbt. Man muss an einen Baumstamm denken oder eben an ein Elefantenbein, letzteres erklärt den Namen.

Ganz sicher gibt es in Gokarna auch hier und da auch verbotene Kräuter zu kaufen, allerdings werden sie nicht offen angeboten, denn auch wenn man es vielleicht anders erwartet, hier wird nicht an jeder Ecke Gras geraucht. Ganz im Gegenteil, die Polizei geht wohl sehr rabiat gegen Drogen- und Alkoholkonsum vor. Nur 2 Monate vor unserem Besuch gab es einen üblen Zwischenfall mit prügelnden Polizisten am benachbarten Om Beach, bei denen einige Touristen üble Prellungen davontrugen. Die dicken Bambus Schlagstöcke, die die Polizisten immer mit sich herumschleppen, sind wirksame Waffen.

Im Ort sehen wir auch die mit Abstand originellste Wahlwerbung der ganzen Reise: einen kleinen beige-braunen Stier bemalt mit einer Wahlempfehlung für die BJP, die Partei des späteren Wahlsiegers Modi. Aber nur auf einer Seite ist die Botschaft deutlich zu erkennen. Als auch die andere beschriftet werden sollte hatte die Plakatwand wohl keine Lust mehr und ist davonspaziert. Daher stehen dort nur 4 1/2 Buchstaben. Tücken des indischen Wahlkampfs :-)

Unsere aktuelle Unterkunft ist ein kleines Homestay namens Hari Priar Regency, das wir aufgrund seiner guten Empfehlungen bei Tripadvisor ausgewählt haben. Günstig und schön zentral gelegen bietet es eine Handvoll sehr sauberer Zimmer. Unseres hat sogar einen kleinen Balkon auf dem man am Abend prima sitzen und die laue Luft genießen kann. Das Auto ist sicher im Hof geparkt (ich hätte es nie geschafft, da einzuparken, denn die Straße ist schmal und von tiefen Abflussgräben gesäumt) und unserem Driver sponsern wir eine Unterkunft in einem einfachen Guesthouse. Denn eine Unterkunft für den Fahrer gibt es leider auch hier mal wieder nicht - ein Problem, das uns leider immer wieder begegnet.

Wandert man den Strand etwa zwei Kilometer nach Süden entlang, vorbei an den bunten Fischerbooten, erreicht man einen kleinen Shiva Tempel auf den Felsen. Dessen Attraktion ist eine heilige Quelle mit köstlichem sauberen klaren Wasser, das aus einem steinernen Kuhkopf plätschert. Pausenlos kommen Einheimische und Aussteiger mit Kanistern und großen Flaschen vorbei und füllen Ihre Vorräte auf.

Weiter unten fließt das überschüssige Wasser in eine weiteres Becken, einen Badeplatz. Bei unserem ersten Besuch duscht sich dort gerade ein Sadhu und fordert uns auf, es ihm gleich zu tun, schließlich sei es derzeit doch verdammt heiß. Thorsten steckt den Kopf unter den Wasserstrahl. Willkommene Abkühlung. Ich setze mich lieber auf eine Steinbank im Schatten und schaue den Herren zu. Hier pennt schon ein großer schwarzer Hund, der mich kurz freundlich anschaut und dann weiter schläft. Bei unserem zweiten Besuch am Tempel duscht und wäscht sich gerade eine Horde junger Männer am Badeplatz und auch ein Aussteiger wartet geduldig, bis er für sein Bad an der Reihe ist. Er muss etwas länger warten, denn erst wollen die Jungs ein Foto von sich.

Das Wasser ist köstlich und so kommen auch wir 2 mal zur Quelle und füllen jede verfügbare Flasche. Eine gute Abwechslung zu unserer normalen Versorgung mit Leitungswasser. Letzteres können wir dank unseres Steripens keimfrei machen und dieses Gerät ist wirklich DIE Empfehlung für alle Reisenden, die möglichst wenig Plastikmüll verursachen wollen. Dank hochdosierter UV Strahlen wird jedes Bakterium im Wasser verlässlich gekillt (so lange das Wasser klar ist). So haben wir auf all unseren drei Indienreisen fast nur Leitungswasser getrunken und keinerlei Probleme damit gehabt.

Am Strand treffen sich all die verschiedenen Besucher Gokarnas. Die Pilger wandern nach ihrem Besuch im Tempel zum Strand um ein rituelles Bad zu nehmen, sich also kurz in die Wellen zu stellen und unterzutauchen. Indische Familien spazieren bis zur Brandung und beobachten das Meer. Allenfalls mit den Füßen geht man ins Wasser, die Frauen voll bekleidet, Muslimas gar im Tschador, Männer und Kinder auch mal in Unter/Badehose. Nur ein paar unerschrockene Westler wagen sich tatsächlich zum Schwimmen hinein und das auch nur in den wenigen Momenten, wenn die Gezeiten so günstig stehen, dass die Wellen nicht gar so hoch sind.

Tagsüber ist es extrem heiß und die pralle Sonne heizt den Sand so sehr auf, dass selbst die Pilger, die nach ihrem Bad gesittet und betend zurück zur Strandpromenade schreiten, ihre Schritte mehr und mehr beschleunigen und irgendwann in ein hektisches Laufen verfallen. Selbst die Hornhaut an indischen Fußsohlen kommt mit dem glühenden Sand nicht klar.

Vielleicht war der heiße Sand auch der Grund für folgende Episode, die wir amüsiert auf dem Rückweg von der Quelle beobachten konnten, aber wahrscheinlich war es eher eine Kombination aus Faulheit und machohaftem Angeben. Ein junger Familienvater hatte die wenig schlaue Idee, mit seinem protzigen neuen Auto bis kurz vors Meer zu fahren, statt es auf dem festen Parkplatz abzustellen. Warum auch 500m über den Sand gehen, wenn man doch auch Fahren kann? Sollen doch die anderen laufen. Außerdem können so doch alle viel besser den schicken, sauberen, weißen Flitzer bewundern, den man sich geleistet hat. Geld hatte der Herr in jedem Fall, aber Hirn?

Der Hinweg war kein Problem gewesen, mit genug Schwung und bergab rollte er sicher ganz von selbst. Aber irgendwann wollte er wieder zurück. Rückwärts. Leicht bergauf. Im Sand. Großes Kino! Natürlich gruben sich die Reifen ein, bis der Fahrzeugboden auflag, dann gruben er und einige Helfer die Reifen wieder aus. Zum Glück sind Inder nicht nur neugierig, sondern auch hilfsbereit. Nächster Versuch. Alle schieben, er versucht rückwärts zu fahren. Die Reifen graben sich wieder ein. Das wiederholt sich mehrfach. Irgendwann gelingt es endlich, das Auto zu befreien und den etwas festeren Sand zu erreichen. Beschämt fährt der Kerl davon. Die Lektion hat er sicher gelernt.

Auch in Gokarna begegnen uns wieder polnische Touristen, wie schon an den Jog Falls. Diesmal die Sorte "leicht bekleideter Dolly Buster Verschnitt". Eine fällt besonders auf. Ihren XXL Busen hat sie in ein zu kleines Top gestopft das einen derart tiefen Ausschnitt hat, dass sie sogar im freizügigen Deutschland Aufsehen erregen würde. Ich mag mir gar nicht vorstellen, was sie mit den Hormonen der indischen Männer anstellt, die solche Anblicke nun wirklich nicht gewöhnt sind. Sie darf sich jedenfalls nicht wundern, wenn die Kerle anhänglicher werden, als ihr lieb ist.

Was mir in Gokarna wirklich negativ auffällt ist, wie überheblich und abweisend sich viele der Aussteiger, Sinnsucher und Hippies den Indern gegenüber verhalten. Billig in Strandhütten wohnen, für kleines Geld köstlich essen, träge in angenehmen Klima in den Tag hinein leben, ohne sich um Arbeit kümmern zu müssen, all das nehmen sie gerne in Anspruch und behandeln zugleich die Einheimischen so von oben herab, dass es schwer zu ertragen ist. Das billige Leben hier und die Drogen auf der Suche nach Erleuchtung nehmen sie für sich in Anspruch, aber von Wertschätzung den Menschen und der Kultur gegenüber keine Spur. Übelstes Kolonialherren Gehabe in zerschlissenen Klamotten und mit verfilzten Haaren. Manchmal muss man sich für seine westlichen Kulturgenossen wirklich schämen.

Eine Kuriosität aus Gokarna: Kuhdung Shampoo. Ein handgeschriebenes Plakat wirbt für dieses Produkt, aber auf einen Test verzichten wir. Kuhdung auf den Straßen reicht aus, auf dem Kopf brauche ich den nicht auch noch.

Nach drei erholsamen Tagen hier ziehen wir weiter. Hoffentlich bleibt Gokarna noch lange so charmant. Ich würde gerne noch mal wieder her kommen.

Badami

Unser nächstes Ziel sind die Höhlentempel von Badami, eine ausgedehnte Tempelanlage, die man im 8. Jahrhundert in den rotbraunen Sandstein geschlagen hat. Gegenüber einem künstlich angelegte See ist ein ganzer Berg mit diversen Tempeln durchlöchert. In den Fels gehauene Statuen, dunkle verästelte Räume, Kolonien von Fledermäusen und damit auch der typische atemberaubende Gestank und Stufen über Stufen über Stufen. Und Affen, Hunderte von Rhesusaffen.

Badami selbst ist ein langgestreckter Ort an einer furchtbar staubigen Durchgangsstraße, laut und dreckig. Auf den ersten Blick will man eigentlich nur weg und kurz fragen wir uns, ob es eine so gute Idee war, die ganze Strecke von Gokarna hierher zu fahren und uns für 2 Tage hier niederzulassen.

Die Fahrt ist mit über 270 km ziemlich lang und ermüdend. Zunächst geht es noch durch wilden, tiefgrünen Wald, aber bald geht dieser in eine flache staubige Ebene über, langweilig für die Augen, ermüdend für den Fahrer. Trockene Felder so weit das Auge reicht, auf manchen noch Reste von Baumwollplantagen, auf anderen nur noch verbrannter Boden und verdorrte Stängel.

Es gibt kaum noch Bäume. Früher müssen es sehr viel mehr gewesen sein, denn immer wieder sieht man entlang der Straße Stümpfe und Wurzeln aus dem Boden ragen. Nach und nach hat man jedoch die riesigen Banyams und Flamboyants immer mehr gestutzt, wohl um an Brennholz zu kommen, und nun sind sie fast vollständig verschwunden. Ganz selten steht noch mal ein Exemplar in einem Feld und fast immer drängen sich in seinem Schatten Mensch und Tier zusammen, um, etwas Schutz vor der Mittagssonne zu finden. Es ist extrem heiß, und ohne Klimaanlage würden wir im Auto gekocht. Bei jedem Stopp wird uns das schlagartig bewusst, so bald wir den Motor ausschalten oder gar die Türe öffnen. Nur den Ziegenherden und ihren Hirten scheint die Hitze nichts aus zu machen, sie ziehen auch jetzt noch gemächlich über die trockenen Felder dahin.

Die Fahrt schlaucht uns, aber vielleicht sind wir nach den entspannten Tagen in Gokarna auch einfach das Umziehen nicht mehr gewöhnt. Dabei gibt es zumindest zu Beginn noch allerlei Interessantes und Kurioses zu sehen. Ein toter Flughund, groß wie eine Katze, hängt mumifiziert an einem Strommast. Ein riesiger Nashornvogel thront auf einem Baum neben der Straße. In Mysore hatten wir seinesgleichen Im Zoo gesehen, aber in freier Natur ist er noch viel eindrucksvoller. Wann sieht man schon mal einen truthahngroßen Vogel mit einem bunten, riesigen Kopfschmuck direkt neben sich? Dazu hängen dutzende fußballgroße Wespennester in den Bäumen entlang der Straße, graue Papierkugeln, in denen gigantische Wespenvölker wohnen müssen. Und die Wespen selbst sind hier auch riesig, gut 1 1/2 mal so groß wie daheim. Immer wieder sieht man sie auf den Märkten, denn besonders Melonen scheinen sie zu mögen. Ein großer roter Fuchs huscht im Wald kurz hinter Gokarna über die Straße, und die hübschen schwarzgesichtigen Languren sieht man im Wald auch immer wieder. Wenn man Glück hat, begegnet einem unterwegs mehr Getier als auf Safari.

Unterwegs kommen wir durch Hubli, eine große laute Stadt mit chaotischem Verkehr, also alles ganz normal. Amüsante Abwechslung bieten die vielen Schilder, die die Fahrer zu vernünftigem Fahren erziehen sollen. Ergänzt werden sie mit aussagekräftigen Bildchen. "Don't drink and drive" heißt es auf einem - das Plakat zeigt einen Fahrer mit der Schnapspulle am Mund. "Don't overload your vehicle" steht auf einem anderen über einem für hiesige Verhältnisse ganz normal beladenen LKW. Und "fasten your seatbelt" werden die Fahrer erinnert, aber das tut außer uns eh keiner. Warum auch. Wenn es Dein Karma ist, in einem Unfall umzukommen, hilft Dir auch der Gurt nicht. Viel Glück im nächsten Leben. Der Indische Autufahrer zeichnet sich durch eine recht fatalistische Einstellung aus.

Dazu passt auch der erste Unfall, den wir unterwegs sehen. Ein Kleinwagen war wohl zu schnell und ist aus einer Kurve geschossen. Nach einigen Metern Flug ist er auf dem Dach gelandet. Nun liegt er mitten in einem Feld und die beiden Insassen sitzen unaufgeregt im Schatten eines Baumes. Glück gehabt, hier steht noch ein Baum, es gibt also Schatten. Alles gut.

So abweisend Badami auf den ersten Blick erscheint, so nett ist es, sobald man die furchtbare Hauptstraße hinter sich lässt und in das Gassengewirr der Altstadt eintaucht. Ein paar Meter von der Hauptstraße zurück und schon scheint man eine Zeitreise gemacht zu haben. Keine Autos und TukTuks passen durch die engen Straßen und bis auf gelegentlich vorbei lärmende Motorräder ist es erstaunlich still. Dafür Hunderte von Menschen, viele Kühe, unzählige Schweine, aber fast keine Hunde. Ein lebhafter Basar mit Ständen, vor denen sich Obst und Gemüse in appetitlichen Bergen stapeln. Ein Mann sitzt Zeitung lesend vor seinem kleinen Stand vor einer Wand von Eiern. Der Eiermann.

Wir spazieren quer durch den Ort bis hin zum Parkplatz unterhalb der Tempelanlage. Unglaublich viele Kinder gibt es in Badami und leider sind die, die uns unterwegs begegnen, nicht alle nett. Einige sind sogar extrem aufdringlich, und als wir der Bitte nach einem Foto mal nicht nachkommen sondern weitergehen, haut mir einer der Knirpse doch glatt mit einem Weidenzweig in den Rücken. Aua!

Die meisten sind allerdings so neugierig und nett wie immer, und es entstehen einige wirklich hübsche Fotos. Aber auch bei den Kleinsten ist die Rollenverteilung schon ganz klar, und so sehen wir ein kleines Mädchen, dass hochkonzentriert mit ein paar Stoffstücken das Wäsche waschen übt und eine andere erledigt den Abwasch. Die Jungs haben es da besser, die toben einfach unbefangen und frei herum. Auch fällt hier auf, wie sehr der Tourismus die Menschen verändert. Bei den Kindern merkt man das ganz besonders. Statt "nur" >one picture please10 Rupies / one pen / one Euro / one Bumbum (soll wohl Bonbon heißen) / Chocolate < und so einiges, was ich nicht verstehe.

Am Parkplatz ist unglaublich viel los. Es wimmelt von Autos, Menschen und Affen. Sehr, sehr vielen Affen, denn hier kommen viele Menschen vorbei, also fällt auch viel essbares ab. Schon gibt es eine große Affenkolonie mit unzähligen Jungtieren. Fast jedes Weibchen hat ein Kleines dabei und diese Winzlinge sind immer wieder amüsant anzusehen. Hier am Parkplatz lungern die meisten der Affen herum und warten auf ihre Chance, gefüttert zu werden oder einem unaufmerksamen Besucher eine Tüte Essbares zu entreißen. Und während sie warten, turnen sie auf Autos und Motorrädern herum und demontieren dabei auch schon mal einen Scheibenwischer und verbiegen Spiegel.

Sogar zu aggressiven Übergriffen soll es schon gekommen sein, aber zum Glück haben wir davon nur gelesen. Bei unserem Besuch sind sie friedlich und neugierig und bei weitem weniger aufdringlich und nervig als die zahllosen Kinder, die uns im Ort verfolgen. Allerdings ist es schon etwas unheimlich, wenn sie einen mit ihren wachen intelligenten Augen direkt ansehen. Man fragt sich ganz automatisch, was sie wohl gerade denken und aushecken. Wahrscheinlich hat es mit Essen zu tun. Besonders amüsant ist ein halbstarker Affe, der sich so viele Kekse in den Mund gestopft hat, dass er völlig deformiert aussieht und den Mund kaum noch zu bekommt. Das hindert ihn aber nicht daran, weiter nach Beute Ausschau zu halten.

Am Tag unseres Besuchs ist (warum eigentlich?) der Eintritt zum Tempel frei, und so ist es unfassbar voll. Hunderte indischer Besucher wuseln und lärmen über die Felsen und in den Tempeln und bald ist klar, wir sind mal wieder die Hauptattraktion. Wir kommen kaum voran, denn ständig möchte man ein Foto von oder mit uns und das kann dauern, denn natürlich möchte jedes Familienmitglied eines und indische Familien sind groß. Würden wir diese Begeisterung der Inder für Kontakt und Fotos mit ausländischen Besuchern nicht so langsam kennen, wir wären sehr verwundert. So sind wir amüsiert und spielen mit, so gut es geht. Die Fotobegeisterung erstreckt sich über alle Schichten und Religionen und sogar eine vergnügt kichernde Schar verschleierter Muslimas zückt die Kameras und Handys. Mit aufs Bild sollen allerdings nur die Männer und Kinder, aber ich schieße einfach aus der Hüfte zurück und bekomme so ein Bild der gut gelaunten Ladies.

Dass wir nicht dazu kommen, die Tempel zu erkunden, ist gar nicht so schlimm, denn drinnen ist es dunkel und stinkt nach Fledermauskacke. Und der Lärm der anderen Besucher hallt durch die Räume und tut in den Ohren weh. Außerdem ist der Ausblick auf den See und die vielen Menschen ohnehin viel schöner als dustere alte verwitterte Steine. Schmunzeln müssen wir allerdings über die Statue einer männlichen Person, bei der ganz genau ersichtlich ist, welche Stelle von besonderem Interesse ist. Sein bestes Stück ist vom jahrhundertelangen Betatschen schon ganz blank poliert.

Irgendwann haben wir genug von den steilen glatten Felsstufen und treten den Rückweg an. Noch mal quer durch die Anlage, noch mal ein Dutzend Fotostopps. Inzwischen ist allerdings eine Gruppe polnischer Touristen angekommen, die ziehen zumindest einen Teil der Aufmerksamkeit auf sich. Allerdings ist ihr eher distanziertes Touristengehabe scheinbar nicht so gefragt, und wir bleiben das beliebtere Motiv.

Zurück auf dem Parkplatz folgt der bisherige Höhepunkt des Fotowahns. Eine indische Großfamilie ist mit ihrem Mini-LKW angereist, 14 Personen und ein Kleinkind. Natürlich muss ein Gruppenbild mit Laster her, aber damit nicht genug. Auf das jüngste Familienmitglied, einen kleinen Jungen natürlich, ist man so stolz, dass der natürlich auch auf ein eigenes Bild mit der Madam muss. Also drückt man mir den Zwerg in die Arme, der vor lauter Schreck gar nicht weiß, wie ihm geschieht. Mir geht es ähnlich, denn mit kleinen Kindern hab ich es nicht so, und insgeheim frage ich mich, was wohl passiert, wenn ich den Junior fallen lasse. Thorsten macht schnell ein Bild, und erfreut betrachten alle anschließend das Foto auf dem Display unserer Kamera, denn eine eigene besitzen sie nicht.

Nach dem Besuch an der Felswand mit den Tempeln zieht es uns auf die andere Seite des Ortes, hin zu dem großen künstlichen See, den man von oben die ganze Zeit so schön im Blick hat. Hier gibt es noch mehr Tempel und Ruinen, aber vor allem - und das reizt uns mehr - kaum Touristen. Derzeit ist der Wasserstand des Sees sehr niedrig und das Wasser eher eine grün-braune Brühe. An manchen Stellen ist sogar schon der schlammige Boden trocken gefallen und frisches saftiges Gras wuchert. Eine kleine Herde von Wasserbüffeln macht sich begeistert darüber her.

Aber auch wenn das Wasser eher trübe ist, waschen die Frauen aus dem Ort hier ihre Wäsche und trocknen sie auf den breiten Treppen der Ghats. Eine Weile sehen wir ihnen zu. Bis zu den Knien stehen sie im Wasser, die Saris hoch gerafft, während sie die Wäschestücke mit viel Seife bearbeiten und den Dreck durch Schlagen gegen die steinernen Stufen lösen. Das Klatschen der Wäsche auf dem Stein hallt über den ganzen See. Harte körperliche Arbeit, und auch die kleinen Mädchen haben schon ihre Aufgabe.

So lernen wir Mutthu kennen, als sie die trockenen Wäschestücke neben uns zusammenräumt und faltet. Sie ist vielleicht 7 oder 8 Jahre alt und gewissenhaft bei der Sache, wobei sie immer ein Auge auf die Rhesusaffen in der Gegend hat. Vor denen hat sie ganz gehörigen Respekt. Warum sehen wir bald.

Wir teilen unsere Smarties mit ihr und kaum habe ich ihr ein paar davon in die Hand geschüttet, stürzt einer der Affen auf sie zu. Sie schreit auf, wirft die Smarties von sich und rennt weg. Aber nur ein Stück, während wir und andere Passanten den Affen mit Steinwürfen vertreiben. Das kennt der Kerl, denn kaum nimmt man einen Stein in die Hand, nimmt er Reißaus. Gut zu wissen. Später lernen wir, dass es meist schon ausreicht, sich zu bücken und so zu tun, als ob man einen Stein aufhebt und die Affen hauen ab.

Kaum ist der Dieb vertrieben, huscht Mutthu auf den Weg und sammelt die übrigen Smarties wieder ein. Wir stecken ihr noch etwas Nachschub zu, wobei wir alle sehr darauf achten, dass der Affe nix mit bekommt. Diesmal ist sie clever und versteckt ihren Schatz unter der zusammengelegten Wäsche. Was der Affe nicht sieht, das will er nicht. Später teilt sie ihre Beute selbstlos mit ihren Geschwistern. Besonders der kleine Bruder bekommt eine Menge ab.

Ganz besonders gefällt uns in Badami aber der Bazar. Indische Märkte haben es uns eh angetan und wir könnten stundenlang dort herum spazieren. Naja, eigentlich ist es genau das, was wir dann auch tun.

Um die allgegenwärtigen Kühe davon abzuhalten, sich über die verlockenden Gemüseberge her zu machen, hat man versetzt dicke Stahlpoller in den Boden betoniert, die nur einen schmalen Durchgang frei lassen. Hilft prima gegen Kühe, macht aber auch den Zugang für etwas moppelige Reisende schwer. Ich muss schon ganz genau gucken und peilen, wie ich mich da durchwinde, damit es nicht unnötig peinlich wird. Gegen die vielen schwarzen Schweine, die überall in Badami herumwimmeln, hilft diese Barriere übrigens nicht.

Deepan sagt, wenn es viele Schweine in einer Stadt gibt, dann ist das eine dreckige Stadt. Für uns ist Badami nicht mehr oder weniger dreckig als andere Orte, aber Schweine gibt es hier, wie in Köln Tauben. Mich nerven die Schweine weniger als der allgegenwärtige Staub, dem man jetzt in der trockenen Jahreszeit nicht entfliehen kann.

Wir schlendern über den Markt, kaufen Mangos (1 kg =4 Stück für 10 Rupies) und suchen uns dann ein Restaurant, denn der Magen knurrt. Kaum sitzen wir bei leckerem Essen und im Garten, bahnt sich der Weltuntergang an. Es wird dunkel und dunkler und heftiger Wind kommt auf, während wir schnell zu Ende essen. Wäre es nicht noch viel zu früh im Jahr, man könnte meinen der Monsun kommt. Scheinbar kann der Wettergott den Kalender nicht lesen, denn der Himmel öffnet alle Schleusen und die folgende halbe Stunde kann mit jedem Starkregen daheim mithalten.

Zusammen mit den anderen Restaurantbesuchern und vielen Wetterflüchtlingen stehen wir unterm Vordach, schauen raus und staunen. Draußen ist es nachtschwarz und der Regen fällt in dicken Strömen vom Himmel, als hätte Petrus die Dusche aufgedreht. Ein paar einzelne Autos und Radfahrer huschen vorbei und lassen riesige Fontänen aufspritzen. Die Straße steht Zentimeter hoch unter Wasser und zumindest Staub und Müll werden jetzt etwas weggewaschen. Vor dem Restaurant steht eine der für Badami typischen Pferdekutschen, Tonkas genannt. Der Fahrer ist unter unser Dach geflohen, das kleine Pferdchen lässt die Ohren hängen und den Regen über sich ergehen. Vielleicht ist es sogar froh um die Abkühlung. Nein, das Wetter sei nicht normal für die Jahreszeit, bestätigt man uns. Der Klimawandel, sagt man uns. Der Klimawandel!

Zum Glück ist unser Hotel nicht weit, denn es sieht nicht so aus, als ob der Regen bald aufhört. Also huschen wir raus und sind in kürzester Zeit völlig durchnässt. Egal, es ist warm und eigentlich fühlt sich der Regen ganz gut an. Ein bisschen kann ich jetzt verstehen, warum man hier den Beginn des Monsuns feiert und im Regen tanzt. Sehr erfrischend!

In der Nacht wird Thorsten krank. Die ganze Zeit haben wir uns erfolgreich gegen fiese Keime gewehrt und dann haut ihn das Lassi aus dem Restaurant aus den Schuhen. Das schmeckte schon ein wenig verdorben, aber hat es ja trotzdem getrunken. Männer! Ich hab mich an mein geliebtes Kingfisher Beer gehalten und bin fit. Aber ihm ist es richtig schlecht, er bekommt Fieber und Durchfall und ist einen Tag lang platt. Also streichen wir den Trip zu den Tempeln in Aihole und Pattakal, die eigentlich für den nächsten Tag geplant sind. Zum Glück ist das Schlimmste in ein paar Stunden ausgestanden. Gut so, denn mich zieht es wieder in den Bazar. Ich mag noch Fotos machen und Hunger hab ich auch.

An einem der Snackstände stärken wir uns. Kräftigen süßen Tee für Thorsten und köstliche Pakoras für mich. Die Betreiber, ein sympathisches Ehepaar, sind ganz begeistert von ihren ungewöhnlichen Gästen. So oft scheinen hier keine Westler zuzugreifen. Und dann auch noch beim Essen statt bloß beim Tee. Auch die anderen Kunden beobachten uns verstohlen. Ob sie denken, dass mir die Pakoras zu scharf sind? Nix da, die sind köstlich! Wir sollen alles probieren, und zumindest ich lasse es mir schmecken. Thorsten schwächelt noch immer etwas und kann den ganzen Köstlichkeiten nix abgewinnen. Aber immerhin ist er wieder so fit, dass wir morgen nach Hampi weiterziehen können.

Hampi

Einst war Hampi die Hauptstadt eines großen bedeutenden Reiches namens Vijayanagar, und noch heute zeugen gigantische Ruinenanlagen von dieser Zeit, selbst wenn der Ort selbst inzwischen kaum mehr als ein Dorf ist. Von den einst mehrere Hunderttausend Einwohnern sind gerade mal etwas mehr als 2.000 geblieben.

Schon bei der Planung dieser Reise war klar, wir müssen nach Hampi. Irgendwie schwärmen immer alle, die schon mal da waren, so sehr von diesem Ort und malen Bilder von einem Travellerparadies. Nette Unterkünfte, gutes und günstiges Essen, Shops und Bazare, eindrucksvolle Ruinen und dazu noch echtes Leben. Klingt gut, also hin. Und auch, wenn die Realität inzwischen etwas anders aussieht, war Hampi einer meiner liebsten Orte bei diesem Trip und ein angenehmer Kontrast zum staubigen Badami mit seinen zwei Gesichtern.

Es hat sich viel getan. Die weitläufigen Ruinenbezirke gibt es nach wie vor, aber einen Großteil der Shops und Bazare, Wohnungen und Teestuben, die sich in einem Teil der Ruinen angesiedelt hatten, wurden inzwischen abgerissen. Seit 1986 ist Hampi Weltkulturerbe, und schon lange schwebte die Drohung im Raum, all die "Neubauten" abzureißen, die zwischen den alten Gemäuern entstanden waren. Besonders die "Hampi Bazar" genannte Region war den Oberen ein Dorn im Auge. In 2013 machte man dann ernst und die Bagger rückten an. In kürzester Zeit wurde alles platt gemacht und heute zeugen nur noch Berge von Schutt und Mauerresten zwischen den "echten" Ruinen von den ehemaligen Behausungen und Läden. Man hat abgerissen, aber nicht weggeräumt. Ein sehr trostloser Anblick. Ob dasselbe Schicksal auch den verbleibenden Gebäuden in Hampi droht, ist zur Zeit noch immer ganz klar.

Tagsüber wird Hampi überschwemmt von Touristen, die nur der Ruinen wegen her kommen. Statt sich in einer der gar nicht so wenigen aber eher einfachen Unterkünfte in Ort einzumieten, wohnen diese Ausflügler irgendwo in großen Hotels im 12 km entfernten Hospet und kommen nur tagsüber für ein paar Stunden her. Dann hetzen sie von Sight zu Sight, werden von Händlern und Bettlern genervt und ziehen schließlich wieder ab. So ein Fehler. Denn so richtig charmant wird der Ort erst dann, wenn die Tagesausflügler endlich weg sind, also ganz früh am Tag oder am später am Abend. Dann merkt man, dass Hampi weit mehr ist als nur ein Touri-Ort. Hier wird ganz normal gelebt.

Morgens und abends treibt man Ziegenherden durch den Ort zum Fluss, damit die Tiere trinken können, Kühe schlendern entspannt vorbei und die Kinder spielen zufrieden im Dreck. Muttern muss keine Angst haben, dass ihr kleines Nackedei unter ein Auto kommt, denn Hampi selbst ist autofrei und entsprechend ruhig. Kein Hupen, keine Abgase, kein Verkehrslärm. Selbst TukTuks und Mopeds scheinen sich zurück zu halten.

Alle Autos müssen auf einem großen staubigen Parkplatz außerhalb abgestellt werden, und da unser Driver dort nicht nächtigen wollte, suchte er sich ebenfalls eine Unterkunft. Aber auch ihn zieht es nach Hospet, während wir zufrieden zurück blieben und unser Gepäck per Tuk Tuk ins Guesthouse schaffen. Vermutlich wollte Deepan nicht auf seinen abendlichen Drink verzichten, denn alkoholfrei und vegetarisch ist Hampi übrigens auch. Wobei sich diese Einschränkung wohl mühelos umgehen lässt, wenn man es drauf anlegt. Zumindest in Sachen Bier erreichte uns bald ein entsprechendes Angebot eines TukTuk Fahrers..."want some beer?" Und auf einer Restaurant Karte entdecken wir ein Special Curry, also "getarntes" Chicken (bitte einen Tag im voraus bestellen).

Fast jedes Haus vermietet ein paar Zimmer, und der ganze Ort ist voll und ganz auf Traveller eingerichtet, inklusive Booking-Agenturen, die einem Zugtickets und Fahrkarten für Überlandbusse organisieren. Zum Glück hatten wir die Empfehlung, uns eine Unterkunft im Ort zu suchen und nicht zu pendeln, früh genug bekommen und so enden wir in einem kleinen Guesthouse mitten im Ort, einfaches Zimmer, bequemes Bett, Moskitonetz, WLAN und kurze Wege. Was will man mehr? Ich muss sagen, das war die perfekte Entscheidung.

Wer bleibt, muss sich in der lokalen Police Station registrieren. Der Sinn dieser Aktion ist mir zwar nicht ganz klar, aber wir wandern artig in der Dämmerung durch den Ort bis zu der kleinen Wache, die ganz am Ende von Hampi Bazar liegt. Als die ganzen angeblich illegalen Läden noch nicht abgerissen waren, lag sie sicher in einer lebendigen Umgebung, jetzt ab er ist hier tote Hose. Ein dunkles Kabuff, ein wackliger Schreibtisch mit klobigem Telefon, Plastikstühle, Schiefertafeln an den Wänden und schiefe Regale voller Akten - für jedes Hotel und Guesthouse eine. Was da wohl drin steht? Leider sprach keiner der anwesenden Beamten auch nur ansatzweise genug Englisch, um unsere Frage danach zu verstehen. Also tragen wir nur schnell unsere Pass- und Visadaten in ein riesiges Buch ein und wandern wieder davon. In Indien treibt die Bürokratie zeitweise seltsame Blüten.

In den gemütlichen Restaurants gibt es neben indischer Kost auch (recht gute) Pizza und westliches Frühstück. Nach 2 Wochen auch mal eine willkommene Abwechslung. Und es gibt bequeme Matten und Liegelandschaften, auf denen man einfach abhängen und den Tag genießen kann. Eine Restaurant trägt den passenden Namen "Chill out". Und genau das ist es, was wir in den nächsten Tagen tun. Relaxen, Chillen und dazwischen ein wenig Kultur und viel Natur erkunden. Endlich komme ich mal dazu, mein Reisetagebuch aufzuarbeiten und nach dem ständigen Umziehen der letzten Wochen tun uns 3 Tage an einem Ort auch mal ganz gut. Und diese Ruhe... hier merkt man erst mal, wie alltäglich der ständige Verkehrslärm schon für uns geworden ist.

Was es in Hampi allerdings nicht gibt, sind Geldautomaten. Zwar kann man in den Booking-Agenturen Geld abheben, aber die berechnen 5% zusätzliche Gebühr. Also macht Thorsten mit Deepan einen Ausflug zum nächsten Geldautomaten und ich arbeite meine Notizen auf. Die Ruhe hier ist ja so entspannend! Für Aufregung sorgen allenfalls diebische Affen und die umherschlendernden Kühe oder vielmehr der gewaltige Bulle, dem all diese Mädels gehören. Ihm gehen alle aus dem Weg, selbst die sonst so selbstbewussten jungen indischen Kerle machen einen großen Bogen um ihn. Aber das ist auch kein Wunder bei seiner massigen schwarzen Erscheinung und wenn er beschließt, sich am Korb einer der Gemüsehändlerinnen zu bedienen ist es gar nicht einfach, ihn wieder los zu werden. Er ist hier der Chef und weiß das auch.

So ganz können wir die Ruinen natürlich nicht ignorieren und so mieten wir uns für einen halben Tag ein TukTuk und fahren herum. Der junge Driver spricht ganz passables Englisch und erzählt uns eine Menge über all das alte Zeug was wir da sehen, auch wenn ich mir all die Daten und längst vergangenen Könige eh nicht merken kann. Wir sehen viele kaputte Gebäude und eindrucksvolle Schnitzereien. Ganze Wände voller Elefanten, alle individuell gestaltet. Götter und Krieger, ganze Schlachten werden an den Wänden erzählt. Ganesh wacht über die Besucher und eine nackte Tänzerin mit gespreizten Beinen sorgt für den erotischen Part. Aber auch recht praktische Tipps hat unser Fahrer er auf Lager... so sollen wir besser nicht in den schön kühlen, schattigen Bereich einer besonders verlockenden Ruine wandern, denn da schläft King Kobra und der mag keine Besucher!

Die Dimensionen der Ruinenfelder sind beeindruckend, und die Liebhaber alter Steine kommen in Hampi voll und ganz auf ihre Kosten und das gleich doppelt. Denn einen ganz besonderen Reiz bekommen die alten Gemäuer durch die wilde Felslandschaft, in der sie liegen.

Als wäre es der Sandkasten oder die Spielburg eines Riesen liegen überall riesige runde Granitblöcke verstreut, manche in haarsträubenden Winkeln und Formationen, andere rund wie vergessene Murmeln. Ein Paradies für Kletterer. Eine bei Besuchern früher besonders beliebte Felskombination, "two sisters" genannt, ist allerdings inzwischen gesperrt. Erst riss einer der beiden Blöcke vor ein paar Jahren quer durch und dann platze im letzten Jahr auch noch ein weiteres riesiges Stück ab und fiel zu Boden. Zum Glück passierte das nachts, sonst hätte es sicher Tote gegeben. Das war dann selbst für das indische Sicherheitsgefühl zu viel - jetzt darf man da nicht mehr herumklettern und sogar ein ernsthafter Zaun umgibt das Gelände.

Zum Klettern und über Felsen wandern ist es uns eh zu heiß. Uns zieht es stattdessen zum Tungabhadra, dem Fluss, der gemächlich an Hampi vorbei fließt und den wir in wenigen Minuten von unserem Hotel aus erreichen. Auch hier liegen Felsblöcke und Ruinen verstreut, wild und fotogen. Vom Wasser umspülte Statuen und in Stein gehauene Nandis, ein kleiner schiefer Tempel auf einer Insel im Fluss. Frisch zerschlagene Kokosschalen zeigen, dass er noch immer im Gebrauch ist.

Auf den breiten Stufen, den Ghats, die zum Wasser führen, tummeln sich alt und jung. Die Einwohner zieht es zum Baden, sich Waschen und Abkühlen hierher und bald tun wir es ihnen gleich. Wenn man erst die richtige Stelle gefunden hat, gibt es sogar eine Furt, die zu der ruinenbestandenen Insel im Fluss führt, und so kommen wir mit trockener Kamera und Bauchtasche rüber und können unsere Wertsachen sicher deponieren. Dann sitzen wir ein paar Stunden im Wasser und sind damit mal wieder die Attraktion. Das traut sich kaum ein Weißer. Zum Leidwesen der jungen Kerle gehe ich allerdings ganz gesittet, weil voll bekleidet, ins Wasser. Hier ist es herrlich. So kann man es aushalten. Das Wasser ist recht sauber, fließt einigermaßen schnell, so dass sich nicht viel Plastikmüll ansammelt und es hat die perfekte Temperatur, um die Hitze abzuwehren, ohne dass es einem kalt wird.

Ein Stück weiter flussaufwärts fährt die Fähre, mit der man auf das andere Flussufer übersetzen kann, und so herrscht am Ufer ein stetes Kommen und Gehen und wir haben viel zu gucken. Dass es im Thungabhadra Krokodile gibt, habe ich zwar gelesen, aber die Menge der badenden Einheimischen lässt uns annehmen, dass es hier sicher ist. Außerdem sind die ruhigeren Flussabschnitte weiter außerhalb bestimmt für die Krokodile interessanter. Gesehen haben wir jedenfalls keins.

Eigentlich gäbe es hier in der Umgebung noch eine Menge mehr zu sehen, den Affentempel zum Beispiel. Aber wir können uns nicht zu viel Aktivität aufraffen, und nachdem es dort auf dem Weg zur tollen Aussicht einige Hundert Stufen zu bewältigen gilt, sind wir zu faul. Außerdem muss man ja noch Ziele haben, wenn man mal wieder kommt. Stattdessen erledigen wir ein paar Einkäufe, denn so ganz ohne touristische Mitbringsel geht es selbst bei uns nicht. Ausbeute: 1 Klangschale, 2 Gürtel und 1 Handtasche aus Kamelleder und noch ein wenig Schmuckzeugs. Inzwischen handeln wir zumindest akzeptabel, so dass wir meist ungefähr 1/3 vom Startpreis herunter kommen.

Die heiße Zeit des Tages verbringen wir im Fluss, und am Abend sitzen wir im Chill Out und trinken Lemon Soda. Da gibt es auch genug zu sehen, denn hier kommt jeder früher oder später vorbei. Amüsant ist ein Asiate, der so einen riesigen Kopf mit Glubschaugen hat, dass er wie eine Comicfigur aussieht. Er isst eine Pizza und schaut keinen Moment von seinem Smartphone auf. Eine Horde junger Inder hat eine kleine Schlange in einer durchsichtigen Flasche dabei. Sie spielen mit der Flasche herum und machen sich einen Spaß daraus, einige der Angestellten ständig damit zu erschrecken. Eine der männlichen Bedienungen bricht richtig in Panik aus. Das bleiftstiftlange, fingerdünne Tierchen scheint es in sich zu haben. Mir tut es allerdings nur leid, denn ich fürchte, dass es diese Tortur nicht lange überleben wird.

Außerdem lernen wir Gabi kennen, eine Stuttgarterin, die alleine für 2 Wochen in Goa ist. Ihr Mann hat nen neuen Job und daher keinen Urlaub, aber sie musste ihren Resturlaub los werden und fährt mal eben nach Indien. Cool, sowas mag ich. Andere wären allenfalls nach Mallorca gefahren. Als ich ihr von der Schlange erzähle, hat sie gleich eine passende Horrorstory zur Hand. Beim Warten auf dem Bus ist eine Schlange aus dem Baum über ihr auf sie herab gefallen. War aber gar nicht so schlimm, denn gleichzeitig hatte sie eine Ameise im Auge und deren Säure war Ablenkung genug. Ok, andere Leute erleben heftigere Abenteuer als wir.

Am letzten Abend spazieren wir durch den Ort und beobachten das Treiben im Virupaksha Tempel. Es ist schon dunkel, aber der Innenhof ist noch voller Menschen. Kinder toben herum, Familien sitzen auf dem Boden, Gläubige wandern in den Tempel hinein und heraus. Eine tolle entspannte Atmosphäre an einem lauen Abend mit Räucherstäbchenduft in der Luft. Ein junger Hund lässt sich begeistert von uns kraulen, während eine Horde Kinder staunend vor uns steht und uns betrachtet, wie eine Attraktion im Zoo. Der Tempelelefant wird zum abendlichen Tränken an der Wasserstelle im Hof geführt. Schade, dass wir ihn erst heute entdecken und es morgen schon weiter geht, sonst hätten wir ihn auch tagsüber besuchen und uns seinen Segen abholen können. So bleibt es bei einem Foto.

Chittradurga

Von Hampi müssen wir wieder nach Bangalore, um da den Zug nach Chennai zu erwischen. Ein Blick auf die Karte, puh, das ist aber weit. Haben wir wirklich Lust auf einen kompletten Fahrtag, wenn wir schon im Zug 6-8h sitzen werden? Nein, da legen wir lieber noch eine Zwischenübernachtung ein, auch wenn das heißt, dass wir schon nach 3 statt nach 4 Tagen aus Hampi weg müssen. So verschlägt es uns nach Chittradurga.

Unterwegs wird uns bald klar, das war die richtige Entscheidung, denn für indische Straßen muss man viel Zeit mitbringen, selbst wenn sie auf der Karte als dicker Highway eingezeichnet sind. Für 150 km von Hampi nach Chittradurga brauchen wir 5 Stunden, und dabei war der Highway in Teilen gar nicht so schlecht. Dummerweise sind massig LKW unterwegs, und die setzen der Piste ziemlich zu. Da tun sich auch gerne mal tiefe Krater mitten in der Straße auf, über die man mit dem Auto besser nicht mit viel Speed fahren sollte. Die LKW Fahrer nehmen nicht mal den Fuß vom Gas.

Auch wenn sich die Fahrt zieht, unterwegs gibt es immer viel zu sehen. Haarsträubend beladene LKW und schräge Transportmittel aller Art, Herden von Wasserbüffeln, mit Werbung bemalte Häuser. Der neuste Schrei sind aber riesengroße Werbetafeln entlang der Highways auf denen für Schmuck und edle Saris geworben wird. Ein heftiger Kontrast, wenn man gleichzeitig durch ärmliche Landschaften fährt, vorbei ein kleinen einfachen Hütten in denen die Bauernfamilien hausen. Indien, das Land der Kontraste. Immer und überall. Mir gefällt die alte Werbung deutlich besser.

Eigentlich halten wir in Chittradurga an, weil ich in den Reiseführern was von einem alten Fort über der Stadt gelesen habe, das nicht uninteressant sein soll. Dann geht es uns aber doch wieder wie so oft: das echte Indien ist viel interessanter als jede Ruine und so bringen wir lieber einen halben Tag in dieser lebhaften und so ganz und gar untouristischen Stadt zu, als durch das alte verlassene Gemäuer zu wandern.

Hier scheinen nicht viele Touristen vorbei zu kommen, denn wir lösen wieder viel Neugier aus, währen wir erste Einkäufe erledigen (Wunderbare scharfe rote Chilischoten, köstlicher schwarzer Tee (500g / 120 Rupies). In 1,5 Wochen geht es ja leider schon wieder heim, da muss ich langsam die Einkaufsliste in Angriff nehmen.

Der Bazar ist wieder eine fotogene Fundgrube. Berge von Obst und Gemüse, lachende Menschen, Kunden mit vollen Taschen. Eine Bananenverkäuferin hockt im Schatten eines großen Herrenschirms. Es riecht nach eine Mischung aus reifer Melone, grünen Chilis, Mango und nur ganz wenig nach Rauch und Müll. Letztere beiden Gerüche liegen in indischen Städten eigentlich immer in der Luft, mal stärker, mal schwächer. So wie die Pariser Metro einen eigenen speziellen Geruch hat, so hat den auch Indien.

Ein schmächtiger Träger belädt einen kleinen Laster mit riesigen weißen Plastiksäcken, jeder fast genau so groß und wohl auch schwer wie er selbst. Hier werden alte Eimer und Plastikdosen gesammelt und dann mit dem Laster zu irgendeiner Form von Recycling gefahren.

Dann stehen wir am Busbahnhof. Der hat was von einem überdachten Ameisenhaufen, Hunderte Menschen warten mit Kind und Kegel und viel Gepäck im Schatten eines hohen Wellblechdachs darauf, dass ihr Bus zum Einsteigen bereit ist. Rundherum Snackbuden, Teeverkäufer und Läden mit allem, was man für einen Tag im Bus so braucht. Etwa 15 Busse warten zu beiden Seiten der "Wartehalle" und es herrschte ein unglaubliches Gewusel. Alle Beschriftungen, die wir sehen, sind nur in einer dieser schönen schnörkeligen indischen Schriften verfasst, in der man sich nicht mal einzelne Worte merken, geschweige denn wiedererkennen kann. Puh, uns stehen also noch ein paar ziemliche Herausforderungen bevor, wenn wir beim nächsten Trip wirklich komplett solo, also ohne Auto und Driver reisen wollen.

Später kommen wir am Kino vorbei und aus dem Staunen nicht heraus. Dass die indische Filmindustrie produktiv und phantasievoll ist, wussten wir, aber das Plakat für den aktuellsten Katastrophenfilm übertrifft doch alle Vorstellungen. Da kombiniert man die Anschläge von 9/11, den Untergang der Titanic und das noch immer ungeklärte Verschwinden von Flug MH370 und baut irgendeine abstruse Geschichte daraus. "Airplane vs Vulcano - Based on the true story"

Die Sache mit dem verschwundenen Langstreckenflieger ist zu diesem Zeitpunkt gerade mal 6 Wochen her und bis heute, zum Schreiben dieses Berichtes (Juli 2014), ist sein Schicksal noch immer ungeklärt. Hätten wir mehr Zeit, hätte ich mir dieses Machwerk gerne mal angesehen! Kino scheint übrigens Männersache zu sein, denn es strömen zwar pausenlos Menschen in das Gebäude, aber ausnahmslos Männer.

Schön ist es in Chittradurga nicht, der Verkehr ist laut, die Straßen dreckig. Aber es ist lebendig und echt. An solchen Orten wünsche ich mir, ich hätte keinen Zeitplan im Nacken und könnte einfach so lange bleiben, bis ich nichts interessantes mehr entdecke und dann einfach an den nächsten spannenden Ort weiterziehen.

Ein alter knallroter Trecker mit einer Art Planwagen fällt uns auf. Fahrendes Volk? Bauern auf Ausflug in die Stadt? Schulausflug? Wir kommen nicht dahinter. Fakt ist, es sitzen mindestens 30 Leute (vielleicht auch 50) auf dem Planwagen - Männer, Frauen, Kinder. Junge Leute, alte Leute. Einige schlecken ein Eis, einige fotografieren uns und fast alle lächeln oder lachen uns fröhlich an. Einige gucken wohl ebenso erstaunt wie wir. Beide Seiten fragen sich wahrscheinlich, was in aller Welt die jeweils andere wohl gerade hier macht.

Und dann machen wir jemanden richtig glücklich. Oder vielmehr, Thorsten macht. Es ist wieder so weit, ich quengle schon seit Tagen, dass er dringend eine Rasur braucht und irgendwann findet er endlich einen Laden, der ihm zusagt. Ein kleiner Barbershop mit blinkendem Hanuman Bild und einem fröhlichen Barber mit Schnauzer und leuchtenden Augen.

Er bekommt fast einen Herzinfarkt, als wir plötzlich im Laden stehen und Thorsten seine ich-möchte-eine-Rasur-Pantomime aufführt. Ein Westler will eine Rasuer? In seinem kleinen Laden? Der Barber nickt wild, grinst breit, macht sich ans Werk. Bricht ab, greift zum Handy, macht ein Foto von Thorsten, wie der in seinem Stuhl hockt. Macht weiter, bricht wieder ab, telefoniert. Macht noch etwas weiter, dann kehrt er den Laden? Ich sitze amüsiert auf der Bank, betrachte das Spektakel und frage mich, was als nächstes kommt.

Es kommt ein Nachbar. Der besitzt eine richtige Kamera, und die Fotosession beginnt. Der Barber zieht sich sein feines Feierabend-Hemd an, kämmt sich das Haar und zelebriert dann aufwendig Thorstens 2te Rasur. Zwei Durchgänge sind zwar Standard, aber so ein Spektakel gibt es normalerweise nicht. Der Nachbar macht Foto um Foto, der Barber grinst und post. Ich fotografiere alle drei.

Der Nachbar hat eine Nikon, ich eine Canon. Die interessiert ihn, also wird sie und ihre Funktionen einer genauen Inspektion unterzogen. Worüber man sich nicht alles austauschen kann, auch wenn man keine gemeinsame Sprache zur Verfügung hat. Meine Bilder finden seine Zustimmung (Daumen hoch, Grinsen), die Kamera ist auch gut (Daumen hoch, Nicken), die Barbershop-Aktion gefällt ihm (Zeigen, wildes Nicken, Grinsen, Daumen hoch). Zwischenzeitlich ist die Rasur auch beendet. Thorsten zahlt seine 40 Rupies, der Barber bedankt sich überschwänglich und breit grinsend und wir ziehen zufrieden von dannen. Solche Erlebnisse kann man sich für kein Geld der Welt kaufen.

Zum Abschluss dieses netten Tages essen wir ein Thali in einer winzigkleinen Spelunke. 4 Bänke, wacklige dreckige Tische. Aber das Essen schmeckt gut, nur der Nachtisch scheint nicht mehr ganz taufrisch zu sein, den lassen wir nach der Lassi Erfahrung in Badami lieber bleiben. Wenn etwas nicht geheuer schmeckt, dann isst man es nicht!

An einer Kreuzung wird frisch gepresster Zuckerrohrsaft verkauft, eine beliebte Erfrischung, der ich so gar nichts abgewinnen kann. Ist mir einfach zu süß und schmeckt irgendwie nach Gras aber Thorsten genehmigt sich ein Glas. Ein lärmender Motor treibt die kleine Presse an. Schon spannend zuzusehen, wie das Zuckerrohr durch massive Zahnräder zermahlen und ausgepresst wird. Noch etwas Limette dazu (von der schmeck ich nix) und fertig ist das Gebräu. Ich bevorzuge dann doch Zuckerrohr in seiner vergorenen und gebrannten Form.

Im Wine and Beer Shop holen wir uns noch das obligatorische Kingfisher und stellen erfreut fest, das selbst das hier sehr günstig ist. Nur 110 Rs, d.h. es werden nur 15 Rs auf den offiziellen Verkaufspreis (der ist je Bundesland unterschiedlich und steht auf den Etiketten) drauf. Normalerweise sind es eher 40 oder 50 Rs Aufschlag und in Touristenhotels kostet die Flasche dann auch mal mehr als 300 Rs. Pöh! Wir kaufen einfach selbst ein.

Bangalore

Weiter geht es nach Bangalore. Nach ein paar Stunden Fahrt verlässt uns Deepan, um uns in 2 Tagen in Chennai wieder aufzunehmen. Wir hätten die Strecke also auch mit dem Auto bewältigen können, aber wir wollen unbedingt eine echte Zugfahrt machen, um herauszufinden, wie das in India funktioniert. Schließlich planen wir den nächsten Trip ganz klassisch mit Zug und Bus und komplett auf eigene Faust zu machen, und dafür wollen wir wissen, ob alles wirklich so einfach funktioniert, wie alle immer sagen. Praktischerweise können wir daher die Koffer im Auto lassen und nur leichtem Gepäck, also Tagesrucksack, unterwegs sein.

Am Stadtrand von Bangalore wechseln wir in ein Tuktuk, damit unser Driver sich nicht erst eine Stunde durch den Großstadtverkehr in die Stadt hinein quälen muss, nur um uns abzusetzen und dann wieder die gleiche Strecke zum Highway nach Chennai zurück zu fahren. So kommt er schneller zu Frau und Familie, und wir wahrscheinlich auch schneller zum Hotel.

Beim Einsteigen trauen wir unseren Augen nicht, die TukTuks in Bangalore haben ja Taxameter?! Für uns hat Deepan zwar einen Festpreis ausgehandelt, aber wir sind neugierig, ob hier alle TukTuks so ausgestattet sind und ob die Dinger auch mal eingeschaltet werden. Das müssen wir herausfinden. Aber erst genießen wir diese Fahrt. Ich liebe TukTuk fahren, man ist so richtig mitten drin im indischen Verkehr, mit allen positiven und negativen Effekten. Indien hautnah, aber nichts für schwache Nerven. Es geht flott voran mit wilden Spurwechseln und viel Gehupe. An den Ampeln werden die Abgase atemberaubend, aber wenn man fährt ist es toll. Hat was von Autoscooter...

Die Unterkunft, die wir eigentlich im Auge hatten, ist angeblich voll, auch wenn wir das der Dame an der Rezeption nicht glauben. Ich hab das Gefühl, sie wollte uns nicht da haben, warum auch immer. Also suchen wir in der Umgebung des Bahnhofs nach etwas anderem An Hotels mangelt es nicht, aber die Preisvorstellungen der meisten passen nicht zu unseren. Irgendwann treffen wir einen Hotelvermittler. Wir sind nicht die einzigen, die am Bahnhof nach einem Zimmer suchen und so gibt es auch Leute, die Ihr Geld damit verdienen, freie Zimmer und suchende Gäste zusammen zu bringen. Dafür kassieren sie Provision vom Hotel und vom Hotelgast. Letztlich finden wir so ein Zimmer, das uns zusagt, in einem Hotel, das noch eine halbe Baustelle ist. Für zwei Nächte geht das schon

Bevor es in den Zug geht haben wir noch ein Tag in Bangalore. Die Stadt ist zu groß, um sie wirklich in einem Tag anzusehen, also greifen wir uns Ziele heraus, die uns ganz sicher zusagen werden: Märkte & Gärten.

In der Nähe liegt die Markthalle, ein verwinkeltes mehrstöckiges Gebäude, das an ein Parkhaus erinnert. Drinnen ist es dunkel und einigermaßen kühl. Oben werden Räucherwerk und Tee, knallbuntes Farbpulver und allerlei Kurzwaren verkauft, unten im Souterrain im "Kühlen" ist der Obst- und Gemüsebereich. Es riecht stark nach Blumen, Chilis, Zwiebeln und Knoblauch und beim Umherwandern sehen wir auch warum.

Da gibt es den Blumenmarkt auf dem riesige Berge von Tagetes, Jasmin, Rosen und allerlei anderen Blüten verkauft werden. Was für ein Duft. Ein paar Ecken weiter werden dann die gerade gekauften Blumen weiterverarbeitet. Einzeln werden die Blüten aufgefädelt, festgeknotet. Hunderte. Tausende. Den ganzen Tag lang. Ein ganzes Arbeitsleben lang. Was für eine Mühe. Blumenketten in allen Formen entstehen. Wunderschön und vergänglich. Alles muss schnell gehen, die Blüten verwelken so schnell. Eine gewisse Hektik liegt über allem. Kein Stress wie bei uns, aber ein konzentriertes schnell-machen, ein Gewusel wir im Bienenstock. Jeden Tag werden Unmengen von Blumen gebraucht, verbraucht. Sie schmücken die Götter und die Frisuren der Frauen. Und jeden Morgen braucht man frische.

In anderen Bereichen des Marktes geht es deutlich geruhsamer zu. Kartoffeln, Zwiebeln und Knoblauch verderben nicht so schnell, also hocken die Händler entspannt neben ihren Waren, lesen Zeitung, trinken Tee, halten ein Schwätzchen. Auch bei den Mangos geht es locker zu. Junge Männer hocken inmitten großer Mangoberge auf dem Boden und verpacken die noch grünen Früchte in Kartons voller Papierschnipsel. Wo gehen die wohl hin?

Hier unten scheinen jedenfalls die Großhändler zu sitzen. Es gibt den Kräutermann (Puh, was ein Korianderduft), den Bananenmann, den Chilimann, den Weißkohlmann usw. Draußen vor der Markthalle werden dann die im Keller gekauften waren im Schatten aufgespannter Plastikplanen weiterverkauft. Alle lächeln uns freundlich an, freue sich über Fotos. Eine alte Frau trägt mühelos ein riesiges Bündel auf dem Kopf vorbei. Ihr Sohn (?) möchte unbedingt ein Bild von ihr, also posiert man breit grinsend vor unserer Kamera, die alte Dame lächelt. So eine große Last und scheinbar doch so leicht.

Unser nächstes Ziel ist der Lalbagh Garden. Eine große grüne Oase mitten in der Stadt. Für 10 Rs Eintritt (+50 RS für die Kamera) ein lohnendes Ziel. Mächtige uralte Bäume mit meterdicken Stämmen sorgen für Schatten, Springbrunnen und Teiche erfrischen die Luft, dazu farbenfrohe Blumen, feurig rot blühende Flamboyants und Frauen in kunterbunten Saris, sehr fotogen. Überall auf den Wiesen und Bänken sitzen und liegen Besucher im Schatten und genießen den Tag oder verschlafen ihre Mittagspause. Fliegende Händler versorgen sie mit Snacks, Getränken und Eis.

Daran sind natürlich auch die frechen Affen interessiert, die hier in großen Familiengruppen hausen. Manche bauen sich so selbstbewusst vor den Passanten auf und fordern mit ausgestrecktem Arm und nach oben offener Hand ihren Anteil ein, dass es unfassbar menschlich wirkt. Man hat Respekt vor den kleinen Kerlchen, denn die bettelnde Geste wird mit gebleckten Zähnen ergänzt, wenn die gewünschte Reaktion nicht sofort erfolgt. Meist aber werden Eis oder Saft ohne große Diskussion übergeben und der erfolgreiche Affe zieht sich zufrieden auf den nächsten Baum zurück um seine Beute zu genießen. Da wird dann das Eis vom Stiel geschleckt und der Saft aus dem Tetrapack geschlürft. Die besonders beliebten Bäume erkennt man übrigens leicht: unter ihnen häufen sich die Holzstäbchen vom Eis und leere Saftpackungen.

Die Snacks passen prima zum warmen Wetter: es gibt Bel Puri (eine Art Salat mit Puffreis), Melone mit Chat Masala, frisch gegrillte Maiskolben und grüne Mango mit scharfem Gewürz. Letztere sind, neben Bel Puri und gewürzter Melone, eine weitere Entdeckungen dieser Reise. Tolle Mischung aus süß, salzig und scharf. Und das alles für 20 oder 30 Rupien, also keine 50 Cent.

Es fällt auf, wie wenig Müll hier herum liegt. Das mag an den vielen Mülleimern liegen - alle paar Meter steht einer am Weg, viele hübsch bemalt - aber ich vermute, das viele Personal und die Wachleute, die überall herumspazieren, helfen auch. Es ist Mittagszeit und verdammt heiß. Da kann man nur im Schatten sitzen und dösen. Und selbst dann wird man fast gekocht. Thorsten versucht es mit einer anderen Abkühlung und stellt sich unter einen der Rasensprenger, die dafür sorgen, dass das Grün trotz der täglichen Hitze so üppig bleibt, wie es ist. Oh, das ist verboten! Mit energischen Trillerpfeifen pfeifen und wildem Drohen mit dem Bambusstock wird er von gleich mehreren der uniformierten Parkwächter vertrieben. Egal. Ziel erreicht, er ist nass bis auf die letzte Faser und für den Moment ausreichend abgekühlt. Amüsierte Blicke der anderen Passanten folgen ihm. Sowas machen die weißen Touristen doch normalerweise nicht.

Wir tun es den anderen Besuchern gleich, setzen uns an ein schattiges Plätzchen und genießen den Moment. Zu sehen gibt es wie immer genug. Neben uns sitzt ein junger Mann, lernt Mathe aus einem Buch mit Nudelschrift und ellenlangen Formeln, trinkt Cola und rülpst, dass fast die Blätter vom Baum fallen. Ausgedehntes Rülpsen ist hier kein Problem, aber z.B. Naseputzen im Restaurant geht gar nicht. Dafür geht man bitte auf die Toilette. Der Kerl rülpst jedenfalls in einer derart endlosen Folge, dass man meinen könnte, er würde eine Geschichte erzählen.

Amüsant sind auch die verschämten indischen Pärchen zu beobachten, die sich in irgendeine geschützte Ecke zurückziehen, nur um beieinander zu sitzen und scheu Händchen zu halten. So brav in unseren Augen und hier doch fast ein Skandal, denn es ist keine Anstandsperson dabei und ob der Gegenüber der von den Eltern ausgewählte Partner ist, ist auch fraglich.

Der Park ist an einigen Stellen von einer hohen Mauer umgeben und, wie jede Mauer in Indien, diese zieht scheinbar die Männer magisch an. Es gibt zwar Toiletten, aber viele Kerle scheinen lieber gegen Mauern zu pinkeln und so ist alle paar Meter ein Schriftzug aufgepinselt, der bittet, das doch zu lassen. In englisch, in Hindi, in Nudelschrift. Ob es hilft?

Mehrfach wechseln wir unsere Standort. Der Park ist riesig und vom Lärm der Großstadt dringt außer leisem Hupen nichts durch, dafür gibt es Grillenzirpen und Vogelgesang. So entspannend! Ganz ohne Fotostopps geht es auch diesmal nicht, aber zumeist knipst man uns dezent per Handy und meint, wir merken es nicht. Nur eine achtköpfige Gruppe besteht auf einem klassischen Gruppenbild mit mir in der Mitte. Nette Leute von denen niemand Englisch spricht. Wir sollten wirklich Hindi lernen...

Neben den Affen gibt es in Lalbagh Garden die übliche Population an Streunerhunden und viele Krähen und Tauben. Letztere locken Raubvögel an, die über dem Park ihre Runden ziehen. Die vielen Blüten ziehen Massen von Schmetterlingen und Bienen an, überall summt es. Eine winzig kleine Gottesanbeterin landet auf meinem Arm. Boah ist die klein. Vielleicht 1 cm lang, aber komplett mit langen dünnen Beinchen, aufgewölbtem Hinterleib, dreieckigem Kopf und gefährlichen Fangarmen. Hätte nie gedacht, dass ich eine Gottesanbeterin niedlich finden kann.

Von den Hunden sind erstaunlich viele kastriert. Wie auch in Europa oft üblich, kennzeichnet man kastrierte Tiere dadurch, dass man ihnen eine oder beide Ohrspitzen kappt. So verhindert man, dass dasselbe Tier erneut eingefangen wird. Bangalore ist ohnehin recht weit vorne in Sachen Tierschutz und damit eine riesige Ausnahme in Indien. Neben einigen Organisationen, die sich um die Kastration der Streuner kümmert, gibt es auch eine Art Streuner-Nothilfe, The-Voice-of-Stray-dogs (http://www.vosd.in ). Schon eine Weile verfolge ich diese Organisation auf Facebook (https://www.facebook.com/strays.in ) und bin immer wieder erschrocken über viele der Notfälle, über die sie berichten und um die sie sich kümmern. In Sachen Tierschutz hat Indien noch einen weiten Weg vor sich.

Zu einem Ausflug in die Vergangenheit wird der Kauf von Briefmarken. In einem winzigen Postamt zähle ich 11 (!) Personen, davon aber nur zwei an den Schaltern. Alle anderen sitzen wichtig an windschiefen uralten Schreibtischen auf abgewetztem Linoleumboden vor Kontorbüchern und Karteikästen. Was all diese Menschen machen, was sie arbeiten, das erschließt sich auch auf den zweiten Blick nicht. Bürokratie life, wie bei der Deutschen Bundespost zu ihren besten Zeiten. Ich darf das sagen, ich arbeite bei dem Verein.

Zum Abschluss unseres Tages in Bangalore spazieren wir noch zum Bull Temple. Auch der liegt wieder bei einem kleinen Park, aber hier gibt es keine so gemütlichen Sitzplätze. Der Grund dafür sind die aberhundert Flughunde, die hier in den Bäumen hausen. Überall ist der Boden mit ihren Hinterlassenschaften bedeckt. Puh, was für ein Gestank. Und einen Lärm machen die, irre. Ein ständiges Meckern und Zetern. Die möchte ich nicht in meiner Nachbarschaft haben.

Im Tempel wird wieder eine der massigen, aus einem Steinblock geschlagenen Nandi Figuren verehrt. Wir schauen nur von draußen rein, denn drinnen "lauert" schon der Priester auf uns, der uns zu einer Puja herein bitten will. Nach dem langen heißen Tag fehlt uns heute die nötige Geduld für eine solche Zeremonie. Wir sind einfach zu geschafft. Morgen früh müssen wir um 6 raus und zum Zug erreichen und eigentlich wollen wir nur noch ins Bett. Also nehmen wir ein TukTuk zurück zum Hotel und siehe da, auf unsere Bitte hin wird sogar das Taxameter eingeschaltet.

Zum Abschluss des Tages noch einen vegetarischen Burger für mich. Nahe unserem Hotel verkauft ein kleiner Straßenstand ziemlich gute Paneer-Burger. Da waren wir am Mittag schon, aber ich mag noch einen. Unterwegs sprechen mich drei tief verschleierte muslimische Frauen an. Meine hellen Haare und meine helle Haut fasziniert sie. Sie murmeln "so light. so beuatiful" und streicheln mir über den Arm und die Haare. Meinen Hinweis, dass ihre dunkle Haut viel schöner sein, lassen sie nicht gelten.

In Bangalore entstehen auch einige Fotos, die ganz gut ein Klischee wiedergeben, dass man immer wieder hört und liest und das ich ich inzwischen auch immer mal wieder anbringe, weil irgendwie schon was dran ist: Inder können immer und überall schlafen. Eines zeigt einen jungen Mann in einer schmalen Gasse. Den Hintern auf seinem Motorrad liegend, die Beine ausgestreckt, die Füße an die eine Wand gestützt, den Rücken an die andere Wand gelehnt schlummert er tief und fest. Der Kopf ist ihm auf die Brust gesunken und er ist ganz weit weg im Land der Träume.

Ein anderes zeigt einen Tagelöhner in seinem Lastkarren pennend, die Beine locker über den Rand des Karrens gelehnt hält er seinen Mittagsschlaf. Im Schatten unter dem Karren pennt entspannt ein Hund, während drumherum die Passanten vorbei hetzen und die beiden keines Blickes würdigen.

Mit dem Zug von Bangalore nach Chennai

Unser Zug geht erst um 8 aber zur Sicherheit stellen wir den Wecker auf 6 und brechen um halb 7 auf. Das ist unsere erste richtige Zugfahrt in Indien, wenn man den Toy Train nicht zählt, und wer weiß, wie kompliziert das alles wird. Wir machen uns völlig unnötig Sorgen, denn in nur 10 Minuten sind wir mit dem TukTuk am Bahnhof.

Unglaubliche Menschenmassen sind rund um den Bahnhof und auf den Bahnsteigen unterwegs. Ein stetes Kommen und Gehen von TukTuks und Taxis, die Schwärme von Reisenden ausspucken. Man merkt, welche Bedeutung die Bahn als Verkehrsmittel in Indien hat. Wir folgen dem Strom der Massen und klettern, wie alle anderen auch, über das Schuttfeld, das sich derzeit am Zugang zum Bahnhof erstreckt. Hier gibt es gerade Bau- bzw Abrissarbeiten und den Schutt hat man noch nicht weggeräumt. Absperrungen? Umleitungen? Ach was! Da hilft nur klettern und aufpassen, dass man sich nicht die Knöchel verstaucht. Wie gut, dass wir keine Koffer dabei haben. Mitte im ganzen Chaos liegt eine tote Ratte. Keiner nimmt Notiz von ihr.

10 Min nach der Ankunft am Bahnhof stehen wir schon auf dem richtigen Bahnsteig vor unserem Zug und unserem Waggon. Natürlich hat unsere Reservierung geklappt. Natürlich stehen unsere Namen auf dem Ausdruck, der neben der Waggontür klebt. Wir hätten also ausschlafen können. Nun haben wir Zeit zum Beobachten und Tee trinken.

Trotz der Menschenmassen geht es sehr organisiert zu. Jeder weiß, wo er hin muss und so fließt ein steter Menschenstrom vorbei. Geschäftsleute mit Aktentaschen, einzelne Reisende und vielköpfige Familien mit Unmengen von Taschen, Kartons, Bündeln und Gepäck aller Art. Eine Vielzahl von Trägern steht gegen ein paar Rupien den Reisenden zu Diensten und es ist unglaublich, welche Lasten sie sich aufladen. Zwei Reisetaschen auf den Kopf, eine in jede Hand und dann noch etwas unter den Arm geklemmt. Die tragen sicher mindestens ihr eigenes Körpergewicht und gehen doch schneller als wir. Zeit ist Geld! Wir haben jeder nur einen kleinen Rucksack, kommen also ohne sie klar.

Die Züge sind extrem lang und reichen die kompletten Bahnsteige entlang. Wir staunen. Doppelt so lang wie daheim? Bestimmt! Wir haben nicht nachgemessen, aber sie erscheinen uns endlos. Aber das ist kein Wunder angesichts der Menschenmassen, die hier transportiert werden müssen. Da braucht man schon die passenden Kapazitäten. Manchmal hat Indien was von einem Ameisenhaufen und hier wird das gerade wieder besonders deutlich.

Zugfahren in Indien ist so ganz anders als bei uns. Natürlich gibt es, wie in jedem Bahnhof, Imbissbuden in denen man sich Verpflegung kaufen kann. Das ist aber gar nicht nötig, denn die ganze Fahrt über kann man im Zug alles bekommen, wonach einem der Sinn steht. Und nicht nur irgendwelches abgepacktes altes Zeug, ganz im Gegenteil. Es gibt einen richtigen Küchenwagen in dem laufend frische Sachen zubereitet werden. Von Tee über Snacks bis hin zu kompletten Mahlzeiten, alles tragen Händler im Zug vorbei und für wenige Rupien kann man sich nach Herzenslust verpflegen. Samosas, Pakoras, Vegetable Cutles (hmmmm, köstlich, 30 Rs für 2 Stück), indisches Frühstück mit Idli und Sosse (nicht so unser Ding), es gibt sogar ein recht gutes Biryani mit Challas (Joghurt mit Zwiebeln, Chili und Gewürzen / 40 Rs die Portion). Bis die Bestellungen fürs Mittagessen entgegen genommen werden sind wir leider schon satt. Schade.

Gekühlte Getränke? Oder lieber Kaffee oder Tee ? Kein Problem. Für letzteren berechnet man uns zwischen 5 und 8 Rupien. Auch Spielzeug, Malbücher und Stifte für die Kinder gibt es, Zeitschriften, Gürtel und Sonnenbrillen. Hin und wieder steigen ein paar Bauersfrauen zu mit einigen Tüten voller Gemüse. Die sind schnell verkauft und an der nächsten Station steigen sie wieder aus.

Wir sitzen in der 2ten Klasse ohne Klimaanlage, denn nur so hat man Fenster, die man öffnen kann, um heraus zu sehen und zu fotografieren. Und dank Fahrtwind und riesiger Ventilatoren an der Waggondecke ist die Hitze auch auszuhalten. Nur in den Bahnhöfen wird es sehr schnell verdammt heiß. Die gepolsterten Bänke sind recht bequem und sehen Platz für 3 Fahrgäste vor. 3 indische Fahrgäste mit schmalen Popöchen wohlgemerkt. Mein eher breites Hinterteil passt da nicht so ganz ins Konzept und so wird es doch kuschlig eng, wenn wirklich 3 Personen hier sitzen. Und alle Plätze sind reserviert. Das kann ja heiter werden.

Die Plätze vor uns belegt eine muslimische Familie, drei komplett verschleierte Frauen (zwei Mädels und eine alte Madame) sowie ein alter bärtiger Patriarch. Eigentlich ist der dritte Platz in unserer Bank für eine der Frauen reserviert, aber statt neben einem netten jungen Mädel sitzt Thorsten die meiste Zeit neben dem alten Herren. Der wacht mit Argusaugen über seine Familie und darauf, dass die Mädchen nicht zu viel herumscherzen. Die beiden jungen Frauen behandeln ihn mit auffallend viel Respekt. Jeder Snack, jeder Imbiss, jedes Getränk das die Mädels erwerben wird erst ihm angeboten und dann seiner Frau.

Schräg gegenüber sitzt eine junge Frau, die sich in Bangalore von ihrem Freund verabschiedet. Ganz scheu wird geturtelt, allenfalls gibt es eine flüchtige Berührung. Ansonsten nur Worte und Blicke und bei ihr ein paar Tränen in den Augen. Ein Küßchen? Undenkbar! Sie fährt mit uns die 6h bis Chennai, er bleibt in Bangalore zurück.

Auch für Bordunterhaltung ist gesorgt. An der Decke hängen vier Flachbild-Fernseher auf denen im Wechsel eine Fantasy-Horror-Geschichte und die indische Version von Verstehen-Sie-Spaß läuft. Dazu gibt es gelegentlich noch Musikvideos aus Bollywoodfilmen und amüsante Werbespots - mal mit, mal ohne Ton. Die meisten Fahrgäste starren gebannt auf die Bildschirme.

Das Zugfahren ist nicht nur spannend und gut organisiert, sondern auch unfassbar günstig. Für unsere 6 stündige Fahrt zahlen wir gerade mal 300 Rupien, also um die 3,50 €. Wirklich! Und das waren nicht die billigsten Tickets. Wir sind zwar mit 30 Minuten Verspätung losfahren, kommen aber pünktlich an. Und schneller als mit dem Auto ist man allemal, denn es gibt nicht viel, was den Zug aufhält oder ausbremst.

Und wenn sich doch mal eine Kuh auf die Schienen verirrt und der Zug sie erwischt? Das ist natürlich schlechtes Karma für den Zugführer, aber immerhin wird ihn keiner verprügeln, wie es einem ähnlich glücklosen Autofahrer schnell passieren kann. Ernstzunehmende Gegner sind allenfalls LKW und Elefanten, aber Crashs mit denen sind zum Glück selten.

In Chennai wartet Deepan auf uns. Den müssen wir auf dem Bahnsteig nur erstmal finden, denn gerade sind zwei Züge gleichzeitig angekommen, für die hier Endstation ist. Das Menschengewimmel ist unglaublich. Platzangst darf man nicht haben. Und was die alle an Gepäck dabei haben? Wo hatten die das nur verstaut?

Wir hatten vorher einen Treffpunkt ausgemacht und finden uns recht schnell. Er führt uns aus dem Gewusel heraus auf den Parkplatz und wir lernen, hier gibt es dieselben Probleme wie an heimischen Bahnhöfen: zu wenig Parkplätze! Man sucht ewig bis man einen findet und dann sind die Parkgebühren unverschämt teuer. Und mit Falschparkern versteht man auch keinen Spaß. Wir kommen doch tatsächlich an einem Auto vorbei, dem man eine Parkkralle verpasst hat.

Alles in allem war unsere erste Zugfahrt ein voller Erfolg und wir fühlen uns für "Indien 4 - diesmal solo" mehr als gerüstet. Ein paar Tage später bekommt unsere Begeisterung allerdings einen leichten Dämpfer. Da explodieren in einem Zug, der gerade im Bahnhof von Chennai ste,t zwei Bomben die wohl irgendwelche verirrten Idioten im Zusammenhang mit den bevorstehenden Wahlen gezündet haben. Eine junge Studentin stirbt, einige andere Fahrgäste werden verletzt. Grausliche Sache! Ob man die Verantwortlichen je findet?

Tempel in Tirukkalikundram

Nun sind wir also in Tamil Nadu unterwegs. Und bevor es ins eher touristische Mamallapuram geht, stoppen wir noch kurz in Tirukkalikundram. Hier möchte Deepan einen besonders prächtigen Tempel zeigen, der wohl typisch für seinen Heimatstaat ist. Ursprünglich stand auch Kanchipuram mit seinen vielen Tempeln auf unserer Streckenplanung, aber da wir das gestrichen haben (zu viel Tempel überfordern uns, wie wir seit Belur und Halebid wissen), sollten wir zumindest den einen hier sehen, meint er.

Und zugegeben, der Komplex ist schon eindrucksvoll, besonders der Hauptturm, der über und über mit Figuren bedeckt ist. Alle bonbonfarben kunterbunt und frisch gestrichen, denn der Tempel wird gerade renoviert. Daher liegt auch mehr Lösemittel als Räucherwerk in der Luft und die Baugerüste stören das Gesamtbild. In einem Baum im Tempelbezirk hängen "Wünsche". Kleine hölzerne Wiegen und männliche Figürchen zeigen, worum hier gebeten wird. Der ganze Baum hängt voll. Ob es hilft?

Vor dem Tempel liegt ein See mit Badeghats. Ein paar Stände verkaufen die üblichen religiösen Devotionalien und unter einer noch nicht frisch gestrichenen Ganesh Staue pennt ein Streunerhund. Hier hat er seine Ruhe, niemand wird ihn vertreiben.

In den letzten Tagen ist es immer heißer geworden und bei der hohen Luftfeuchtigkeit macht uns das langsam arg zu schaffen. Uns fehlt es uns an Energie, um uns allzu lange auf dem Tempelgelände herumzutreiben, zumal die frische Farbe in der Lunge beißt und ich mich fast schon frage, ob all die bunten Farben echt sind oder es vielleicht einfach zu viele Lösemittel sind. Schnell wieder ins klimatisierte Auto und durchatmen.

Mamallapuram

Jetzt sind wir wieder in touristischen Gefilden unterwegs. Einige bekannte Tempel und Ruinen locken die Besucher hierher und natürlich Krishna's Butterball. Diese riesige Granitkugel liegt auf einem steilen Abhang und scheint allen Gesetzen der Schwerkraft zu trotzen. Man kennt sie von allerlei Fotos, aber ich hatte immer gedacht, er läge hoch auf einem Berg. Stattdessen liegt er auf einem kleinen Granithügel, keine 3 Meter über der Wiese in einem kleinen Park mitten im Ort.

Gleich am ersten Abend spazieren wir hierher und sind sofort verzaubert. Klar kommen auch westliche Besucher her, aber die meisten Leute sind Inder und indische Touristen verbreiten eine ganz eigene Stimmung. Eine Mischung aus Picknick, Betriebsausflug und Familientag im Zoo mit einem Hauch Spiritualiität und ganz viel Lebensfreude, Lachen und Lärm. Vergiss die Ruinen, das hier gefällt uns.

So bringen wir bei diversen Besuchen in den kommenden zwei Tagen einige Stunden hier zu, sitzen einfach im Schatten des Felsen und amüsieren uns über das Treiben. Direkt unterhalb des Felsens liegt eine natürliche Rutschbahn. Unzählige Hintern haben den Granit hier spiegelblank poliert und eine endlose Reihe von kleinen und großen Spielkindern rutscht unter lautem Lachen und Lärmen die paar Meter hinab. Dann schnell wieder rauf klettern und sich wieder anstellen. Gleich nochmal rutschen. Und nochmal. Und nochmal. Auch einige Touristen reihen sich ein. Spaß auf allen Seiten. An der Landestelle ist schon eine richtige Kuhle in den Boden geschlagen.

Irgendwann macht ein Knirps eine geniale Entdeckung. Setzt man sich auf eine plattgedrückte Plastikflasche (an denen herrscht ja leider kein Mangel), so kann man die Rutschgeschwindigkeit enorm steigern. Sein Beispiel macht Schule und einige halsbrecherische Rutschaktionen sind die Folgen. Da knallt man auch mal auf den vorherigen Rutscher, wenn der nicht schnell genug aus der Bahn kommt. Die Eltern schauen amüsiert zu, greifen aber weder tadelnd noch mäßigend ein, sondern lassen die Kinder ihre eigenen Erfahrungen machen. Auch wenn einige Landungen ziemlich schmerzhaft aussehen, Verletzungen bleiben aus und außer Lachen und fröhlichem Kreischen ist nichts zu hören.

Überhaupt höre ich in den vier Wochen der Reise nur sehr selten indische Kinder weinen oder quengeln. Vielleicht insgesamt drei mal? Dagegen dauert es bei den wenigen ausländischen Familien die wir treffen meist nicht lange bis entweder Gezeter oder Geheul bei Nachwuchs ausbricht. Keine Ahnung, woran das liegt, aber es fällt mir mehrfach auf, sowohl beim geschniegelten Touristennachwuchs als auch bei zotteligen Hippikindern in Gokarna. Auch während wir hier sitzen haben wir reichlich Gelegenheit für passende Beobachtungen.

Der riesige Felsklotz schirmt auch recht gut die Hitze ab und so ist unter ihm nicht nur schattig sondern auch einigermaßen kühl. Das wissen nicht nur wir Menschen zu schätzen und so sitzt für eine ganze Weile auch ganz selbstverständlich eine der Ziegen, die hier im Park herumstreunen, neben uns. Puh, gut riechen tut sie nicht, aber in Indien sind unsere Nasen schlimmeres gewohnt und so teilen wir den Schatten gerne.

Den Anblick von Krishna's Butterball kennt man von unzähligen Fotos in Reiseführern und Reiseberichten. Man glaubt ganz genau zu wissen, wie er aussieht. Wie erstaunt bin ich, als ich ihn von seiner Rückseite her betrachte und mir auffällt, dass er eigentlich nur ein halber Felsen ist. Eine eindeutige Bruchkante zeigt, dass ein ziemlich großes Stück fehlt. Wo mag das abgeblieben sein? Ob es einer der Felsen ist, die gegenüber in der Wiese liegen? Jedenfalls ein unerwarteter Anblick.

Inder sind große Fans von "stell-dich-mal-dahin" Bildern und unterhalb des dicken Felsens ist natürlich der beliebteste Fotospot. Hier posieren Groß und Klein und das beliebteste Motiv ist natürlich das des starken Helden, der den Felsen am Herunterrollen hindert. Ok, ich gebe es zu, auch wir können es nicht lassen...

Ein fliegender Händler kommt vorbei und will uns irgendwelche geschnitzte Anhänger andrehen, aber er sieht schnell ein, dass wir keine brauchbaren Kunden sind. Also lässt er uns in Ruhe und auch sonst will uns keiner mehr was aufschwatzen. Irgendwann schlafen die Beine ein, Bewegung tut not und wir spazieren etwas herum. Ein richtiger Felsengarten ist das hier. Es gibt einige Höhlentempel und Skulpturen und sogar einen Leuchtturm, den man erklimmen kann und von dem aus man angeblich einen tollen Blick hat. Leider hat der grad Mittagspause.

Es ist Sonntag und das ganze Areal wimmel von indischen Familien. Picknick Stimmung. Eine andere Felsformation gegenüber des Leuchtturms bietet auch einen guten Rundblick, aber inzwischen ist es mir einfach zu heiß und so lasse ich Thorsten alleine hinaufsteigen. Ich sitze lieber im Schatten, arbeite meine Reisenotizen auf und knüpfe viele sprachlose Kontakte mit den indischen Familien rundherum. Lächeln, Winken, Nicken überall. Mich anzusprechen traut sich niemand, sogar die Gruppen junger Männer nicht. So viel mal wieder zu den Gefahren, die angeblich auf westliche Frauen lauern, die sich hier alleine unter Menschen wagen. Die einzige Gefahr hier ist ein Krampf in den Wangenmuskeln vor lauter Lächeln und Grinsen.

Manchmal ist eines der Kinder ganz mutig. Wenn seine Familie schon fast an mir vorbei ist, sagt es "hello, how are you", grinst und geht schnell weiter. Auch wenn ich antworte ist es schon viel zu weit weg, um meine Antwort zu hören. Aber ich glaube, eine Antwort wird eh nicht erwartet.

Gleicher Park, andere Ecke. Ein Wahrsager mit kleinen grünen Papagei zieht viele Kunden an. Inder sind sehr abergläubig. Für ein paar Rupien tappst der Papagei aus seinem winzigen Käfig und zieht eine Karte aus einer Box mit vielen vielen Karten. Das Bild interpretiert dann der Wahrsager und alle sind zufrieden. Naja, alle bis auf den Papagei. Das arme Viech in seinem winzigen Käfig tut mir leid.

Unterhalb des Felsengartens mit Krishna's Butterball liegt ein wunderbar detailreiches Flachrelief, angeblich eines der größten der Welt. Aus einer 12m hohen und 33m breiten Felswand hat man im 7. Jh n Chr ein Gewirr von Figuren herausgearbeitet, darunter auch zwei fast lebensgroße Elefanten. Was genau dargestellt wird, erschließt sich mir nicht, aber auf Wikipedia ist folgendes zu lesen:

>> Das Relief wird meist als Darstellung der Herabkunft der Göttin Ganga (den personifizierten Fluss Ganges) gedeutet. Nach der hinduistischen Mythologie ließ der König Bhagiratha den Ganges vom Himmel fließen, um die Seelen seiner Vorfahren zu reinigen. Aber die Dinge geschahen nicht wie geplant und der König bemerkte, dass der Fluss die ganze Erde überschwemmen würde. Daher tat er Buße mit dem Ziel, Hilfe von Shiva zu erhalten, um die zu erwartende Katastrophe abzuwenden. So stieg der Gott zur Erde hinab und bezwang den Ganges, indem er ihn durch sein Haar fließen ließ. Dieses Wunder lockte eine Menge Wesen an, die kamen, um es zu beobachten. <<

Wie dem auch sei, es ist schön anzusehen und offenbart einige nette Details, wie z.B. die Katze, die auf den Hinterbeinen stehend mit über den Kopf erhobenen "Armen" für eine Horde vor ihr stehender Mäuse zu tanzen scheint. Früher gab es einen Wassertank oben auf dem Felsen von dem aus man während religiöser Feste Wasser über das Relief hinab laufen ließ. Heute liegt das Sammelbecken unter dem Relief trocken da und auch oben auf dem Felsen kann man nur noch erahnen, wo einst das Wasser lang geflossen ist. Aber auch hier kann man nett sitzen und das Treiben unten vorm Relief beobachten, allerdings stören die vielen Ziegenköttel bzw ihr Duft doch etwas den Genuss.

Jede indische Familie braucht natürlich auch ein Erinnerungsfoto vor dem Relief. Da aber längst nicht jede Familie eine eigene Kamera hat, sorgen junge Männer für Abhilfe. Eine Kamera um den Hals und eine große Tasche auf der Schulter sind sie mir schon oben an Krishna's Butterball aufgefallen. Erst wird mit der Digitalkamera ein passendes Foto gemacht. Hat der Familienchef es abgenickt (und Muttern natürlich auch, denn in den meisten Fällen schaut Vattern fragend zu Muttern bevor er nickt), wird mit dem in der Umhängetasche steckenden Drucker, die gewünschte Zahl an Abzügen ausgedruckt.

Auch Snackbuden und Stände mit Tourie-Kitsch reihen sich am Relief eng aneinander. Zuckerwatte Verkäufer wandern umher und rufen mit einer furchtbar schrillen Glocke Kunden herbei. Die Zuckerwatte baumelt in Tüten an einem langen Stock und hat eine derart unnatürlich pinke Farbe, dass man gleich an >made by BASF< denken muss. Steinmetze haben ihre Werke aufgebaut und verkaufen alles, vom kleinen Ganesh über Mörser in allen Größen bis hin zu riesigen Götterstatuen. Wie soll man letztere nur von A nach B bekommen? Die Steinmetze von heute sitzen allerdings nicht mehr mit Hammer und Meißel vor ihren Werken. Stattdessen heulen überall elektrische Fräsen und Trennscheiben und feiner Steinstaub schwebt in der Luft.

Es gibt in Mamallapuram noch viel mehr zu sehen, z.B. einen Strandtempel und einen berühmten Tempelkomplex mit den sogenannten fünf Rathas. Das sind monolithische Tempel, die den Tempelwagen nachempfunden sind, die wir unterwegs schon gelegentlich sahen. Wir können uns angesichts der Hitze allerdings nicht zu viel Aktivität aufraffen und so besuchen wir diese Sehenswürdigkeiten nicht. Hier im Park ist es einfach zu nett.

Überhaupt, die Hitze. In den letzten Wochen ist es kontinuierlich heißer geworden und das wird auch noch für ein paar Monate so weiter gehen, bis endlich der Monsun kommt und für Abkühlung sorgt. So gerne ich Hitze und Sonne habe, so langsam wird es unangenehm. Wenn es schon morgens um halb 9 um die 30 °C hat, verspricht es ein anstrengender Tag zu werden.

Wenn wir nicht durch den Park streifen oder im Schatten des Felsens sitzen, spazieren wir durch den Ort. Auch wenn man hier sehr auf die vielen Besucher eingestellt ist, geht es doch recht beschaulich zu, so bald man die Gegend um die Sehenswürdigkeiten etwas hinter sich lässt. Es gibt viele Restaurants und einige Shops mit allerlei Souvenirs, aber auch ruhige Ecken, in die sich kaum jemand verirrt. Reine Wohngebiete mit Statuen und kleinen Hausaltären und im Schatten schlafenden Hunden. Mamallapuram gefällt mir ziemlich gut. Vielleicht nicht so nett wie Gokarna oder Hampi aber auch ein sehr angenehmer Ort. Wir müssen weiter. So langsam wird uns die Zeit knapp und wir wollen noch nach Pondicherry, bevor es in ein paar Tagen leider schon wieder heim geht.

Unterwegs nach Pondicherry

Hier in Tamil Nadu sind die Straßen deutlich besser als in Karnataka. So langsam verstehen wir, warum sich Deepan immer wieder über die Straßenverhältnisse in den ersten Wochen aufgeregt hat. Wir ziehen von Mamallapuram nach Pondicherry und kommen flott voran.

Für ein ganze Stück führt sie Straße auf einem Damm parallel an Salinen vorbei. Flache Becken mit trübem Wasser und blendend weiße Salzberge bis zum Horizont. Die Sonne brennt vom Himmel, kein Fleckchen Schatten weit und breit. Wir steigen für ein paar Fotos aus und prallen fast vor der Hitze zurück. Was ist unser klimatisiertes Auto doch ein Wunderwerk der Technik.

Ein paar Dutzend Menschen arbeiten in der Saline und trotzen der Hitze. Frauen schleppen das Salz in Körben, die sie auf ihrem Kopf balancieren, zu einem Sammelpunkt. Dort beladen Männer einen LKW. Die Luft flimmert über dem Wasser und ich fliehe bald wieder ins kühle Auto.

Nächster Stop: Auroville.
Tja, was ist das hier eigentlich. Eine internationales Wohnprojekt? Eine Kolonie von Aussteigern? Eine Idee eines Gurus? Auch der Wikipedia-Beitrag http://de.wikipedia.org/wiki/Auroville hilft mir nicht so recht weiter. Es ist eine Art Lebensentwurf der besonderen Art, eine weitgehend autarke Kolonie von Bewohnern aus diversen Ländern, die sich hier ihre eigene kleine Welt geschaffen haben, Frieden und Harmonie inklusive. Eine utopische Stadt? Stadtutopie?

Man kann die Stadt aber nicht besichtigen, nur ein Besucherzentrum in dem man sich einen (für meine Begriffe reichlich esoterischen) Film ansehen kann. Drumherum gibt es einen Garten und einige Läden, die Produkte der Gemeinschaft, Erfrischungen und Snacks verkaufen. Nach dem Film darf man ein oder zwei Kilometer weit zu einem Aussichtspunkt wandern und von Ferne einen Blick auf den Matrimandir werfen, den "Tempel" oder das Zentralgebäude der Gemeinschaft. Eine Art riesigen goldenen Golfballs. der innen wohl komplett weiß eingerichtet ist und in dem die Bewohner Aurovilles meditieren. Rein darf man nicht.

Hm, nach dem Film ist mir das hier alles erst recht zu abstrus. Ich verzichte auf den Spaziergang und setze mich lieber an einen der Picknicktische und arbeite meine Notizen auf, während Thorsten zum Aussichtspunkt wandert. So entgeht mir zwar der eindrucksvolle riesige Banyam-Tree, den es unterwegs zu sehen gibt, aber ansonsten verpasse ich wohl nichts. Wir fahren bald weiter.

Von den Zerstörungen die der Tsunami von 2001 auch hier angerichtet hat, sieht man nichts mehr, allerdings fallen uns auf dem Weg nach Pondi viele krumme Palmen auf, die alle in dieselbe Richtung weisen. Nein, mit denen hat der Tsunami nichts zu tun, erzählt Deepan, die hat ein Wirbelsturm abgeknickt, der hier vor ein paar Jahren tobte. Deepan war damals mit 8 französischen Gästen unterwegs, die seine Warnung und Bitte, die Stadt zu verlassen in den Wind (wie wahr) schlugen und unbedingt bleiben wollten. Sie bekamen das Abenteuer ihres Lebens. Kein Fenster, keine Tür blieb heil. Diverse Bäume stürzten um, davon je einer vor und hinter ihrem Kleinbus, so dass sie für ein paar Tage in Pondicherry gestrandet waren.

Pondicherry

In Pondicherry mieten wir uns einem Homestay ein, das uns bei Tripadvisor durch seine guten Kritiken aufgefallen war: Swades Guesthouse. Nett zurechtgemachte Zimmer und so günstig gelegen, dass wir alle interessanten Ecken zu Fuß erreichen und unserem Fahrer ein paar Tage frei geben können. Leider hat die Sache mindestens einen Schönheitsfehler, eher zwei, vielleicht sogar drei...

Problem eins: direkt nebenan ist die Moschee, d.h. morgens um 5 wird uns der Muezzin mit seinem Ruf aus dem Bett werfen, getreu dem Motto - muss nicht schön sein, Hauptsache LAUT. Das Problem kennen wir aber schon und sind vorbereitet: wir haben Ohrstöpsel, uns wird das nicht stören.

Problem zwei: es gibt nur noch ein ziemlich kleines Zimmer ohne Klimaanlage. Egal, denken wir uns, wird schon gehen, schließlich hat es einen leistungsstarken Ventilator und es ist ansonsten sehr hübsch mit bunten Glasscheiben und farbenfrohen Wänden. Und auch sonst ist es wirklich nett hier. Es gibt eine Gemeinschaftsküche nebst Kühlschrank (endlich kann man mal ein Kingfisher kaufen und muss es nicht sofort runterstürzen, bevor es warm wird), einen schattigen Sitz-und Eßbereich und ein ausbautes Rooftop mit bequemen Liegen. Hier kann man sicher toll sitzen und in der abendlichen Kühle lesen oder mit den anderen Gästern plaudern. Die sind, wen wundert's, Franzosen und machen einen ganz netten Eindruck.
Wir bleiben...

... und machen kein Auge zu. Trotz vollster Ventilatorleistung ist die Hitze nicht auszuhalten. Auch kalt abduschen hilft nur für wenige Minuten, denn die Luftfeuchte ist so hoch, dass keine Flüssigkeit verdunstet und man letztlich entweder in Wasser oder im eigenen Schweiß gart. Mücken gibt es auch noch, aber die hält der Ventilatorwind einigermaßen auf Abstand. Trotzdem geht das gar nicht. Wir beschließen schon in der Nacht, am Morgen umzuziehen.

Problem 3 zeigt sich am nächsten Morgen. Entweder haben alle Mücken des Viertels in der letzten Nacht auf meinem rechten Arm die Party des Jahrhunderts gefeiert oder aber ich wurde beim abendlichen Lesen auf den Liegen oben auf dem Dach von bedbugs heimgesucht. Bettwanzen, fiese blutsaugende Gesellen, deren Stiche gerne zu mehreren in einer Reihe liegen und deswegen ganz gut zu erkennen sind. Genau so sieht mein Arm aus. 32 (!) Stiche... und keine Spur von meiner sonst üblichen Insektenallergie. Nein, das waren ganz sicher keine normalen Mücken! Und da Thorsten keine Stiche hat, können Sie eigentlich nicht im Bett lauern, oder? Egal! Wo immer sie lauern, jetzt reicht es, wir ziehen um!

Zum Glück findet sich ganz in der Nähe ein brauchbares Hotel, recht neu mit großen sauberen Zimmern und leistungsstarker Klimaanlage. Der Parton des Guesthouses ist zwar nicht begeistert von unserer Flucht, aber nachdem wir gestern gleich gesagt hatten, dass wir es mal eine Nacht ohne Klima probieren und ggf umziehen, kann er nicht sagen, wir hätten ihn überrascht. Unser Gepäck ist schnell per TukTuk ins neue Zimmer geschafft und dann erholen wir uns erstmal in der Kühle des Zimmers.

Was ist das heiß in Pondicherry. Schon morgens um 9 viel hefitiger, als alles was man von daheim kennt, inklusive einem heißen Hochsommer Tag zur Mittagszeit bei Gewitterluft. Man ist in Schweiß gebadet, kaum dass man sein Zimmer verlassen hat. Überhaupt kann ich mich nicht erinnern, je außerhalb einer Sauna dermaßen geschwitzt zu haben.

Wir versuchen trotzdem, uns in Pondi umzusehen. Schließlich haben wir schon viel von dieser Stadt gehört. Ganz anders soll sie sein. Sehr französisch (war mal französische Kolonie) und gar nicht so sehr indisch. Baguette soll es geben und Croissants und französisch anmutende Häuser. Das mit den Baguette und Croissants stimmt schon mal voll und ganz. Die Crew von unserem Hotel empfiehlt uns eine gute Adresse für französisches Frühstück und so schlemmen wir erst mal in einem herrlich klimatisierten Café und verwöhnen uns mit Tartes, Croissants und gutem Milchkaffee. Wow, nach über 3 Wochen ohne nennenswertes Frühstück ein unglaublicher Genuss. So sehr wir das indische Essen lieben, die hiesigen Frühstücksgewohnheiten sind uns ein Graus. Idli mit Sosse, Vadas oder anderes herzhaftes Zeug, das geht so früh am Tag doch irgendwie gar nicht.

Pondicherry heißt seit 2006 wieder offiziell Puducherry. Nach und nach hat man in Indien die abgewandelten Namen aus der Kolonialzeit wieder zu den ursprünglichen Namen zurück geändert. Deswegen ist Bombay heute auch wieder Mumbai oder Madras wieder Chennai. 1673 kam die Gegend unter französische Herrschaft und bis 1954 war Pondi die Hauptstadt französisch Indiens - was man nicht alles bei Wikipedia lernt. http://de.wikipedia.org/wiki/Pondicherry. Das erklärt jedenfalls den französischen Touch, den das Stadtbild noch immer hat.

Die Häuser im französischen Viertel sehen wirklich etwas anders aus. Manche der repräsentativen Bauten könnten so auch in Marseille oder Nizza stehen und die pastellfarbenen oder gelb gestrichenen Wände erinnern sehr ans Midi. Straßenschilder kommen zweisprachig daher, in französisch und in der lokalen Schrift und manche Verkehrszeichen könnten aus dem Frankreich der 50er Jahre stammen. Die Uniform der Polizisten würde auch den Gendarmen von St. Tropez perfekt stehen, sehr französisch inklusive der charakteristischen Kopfbedeckung! Die dicke Katholische Kirche erinnert mich irgendwie an die Karibik, frz. Antillen. Weiter geht die französischen Optik dann aber auch nicht. Die Häuser sind zum größten Teil genau so dreckig, bröcklig und heruntergekommen wie alle anderen Gebäude in einer indischen Stadt. Das Klima tut sein übriges und die Hitze gibt ihnen (und mir) den Rest. Nein, gegen meine Favoriten dieser Reise, Hampi und Gokarna, kommt Pondi nicht an.

Wir fliehen in den Bharati-Park. Bisher war es immer eine gute Idee, es den Indern gleich zu tun und die ärgste Mittagshitze im Schatten eines Parks auszusitzen. Aber weit gefehlt. Hier bringt das keinerlei Erleichterung. Dabei ist das hier ist ein netter Park mit Wiesen und großen Schatten spendenden Bäumen, aber leider wird man im Schatten genau so gekocht wie in der Sonne.

Überall sitzen und liegen apathische Leute herum, auf allen Marmorbänken im Schatten haben sich Männer zum Ruhen oder Schlafen ausgestreckt. Selbst die Streunerhunde, die sonst begeistert jeden Westler anbetteln (da sind die Erfolgsaussichten höher als bei den Indern), lassen uns in Ruhe. Einer sucht zwar unsere Nähe, kratzt sich dann aber schnell eine kühlende Kuhle in den Boden und lässt sich ebenfalls zum Schlafen nieder. Aber Hitze hin oder her, wer schön sein will, muss leiden. Auch hier. Trotz der Temperaturen stolzieren manche der jungen Männer in langen schwarzen Jeans und mit langärmligem dunklen Hemd vorbei.

Auch im Park ist es nicht auszuhalten. Die Luft ist einfach zu heiß und zu feucht. Eine Weile versuchen wir es, dann fliehen wir wieder zu unserer Klimaanlage. Ob man sich je an die Hitze gewöhnt. Die Hotelangestellten bestätigen, es ist viel zu heiß für die Jahreszeit. So heiß sollte es eigentlich erst in ein paar Wochen sein. Und es wird ja noch ür 1 bis 1,5 Monate kontinuierlich heißer, bis endlich der Monsun kommt. Der Klimawandel...

So bringen wir dann unsere komplette Zeit in Pondi zu. Mehr oder weniger lange Ausflüge nach draußen, bis wir die Hitze nicht mehr aushalten, dann wieder zurück ins Zimmer zum Auskühlen. Oder alternativ in ein Restaurant. Die sind hier auch alle gut klimatisiert, so dass man beim Reinkommen meint, in einen Kühlschrank zu fallen. Irre, dass 25 Grad so eiskalt sein können.

Trotzdem bekommen wir das ein oder andere zu sehen und erledigen nebenbei noch ein paar Tee- und Gewürzeinkäufe in einem kleinen Supermarkt. Wieder stauen wir, wie viel Personal überall beschäftigt ist. Allein für das Kassieren braucht man 5 (!) Personen. Eine nimmt die Waren entgegen und sagt die Preise einer zweiten Person an. Diese tippt sie in eine Rechenmaschine ein und drückt einem einen einen Beleg in die Hand. Mit dem geht man zu einer alten Dame vor einem großen Kontorbuch die dann, sehr sorgsam und scheinbar in Zeitlupe, die Daten in das Buch einträgt. Dann darf man endlich bezahlen (bei einer weiteren Person) und bekommt eine Quittung. Mit der geht man dann wieder zum Anfang des Kassentresens und gibt ihn dort ab. Dort werden (von noch jemand anderem) alle Positionen nochmal gründlich mit den Waren im Einkaufskorb abgeglichen. Dann erst wird alles in eine Tüte gepackt, zugetackert und an uns überreicht. Eine 6te Person, ein wichtig dreinblickender alter Herr, überwacht den ganzen Vorgang. 10 Minuten Kassier-Vorgang für 3 Minuten Einkauf.

Am Abend spazieren wir zusammen mit Hunderten Indern die Strandpromenade entlang. Vom Meer weht ein etwas kühlerer Wind, der macht den Aufenthalt draußen endlich erträglich. Aus klapprigen Karren werden gegrillte Maiskolben, Bel Purri und Zuckerwatte verkauft und wenn man nicht auf den Müll übersäten Boden sondern aufs Meer hinaus schaut, ist es hier richtig nett. An Baden ist allerdings nicht zu denken, zu wild sind die Wellen und die Steinbrocken der Promenade sind mehr Wellenbrecher als Zierde. Ein großes Warnschild erinnert zweisprachig und mit grinsendem Totenkopf daran, dass man besser nicht baden sollte.

Von einem riesigen Werbeplakat, das für Sonnenblumenöl wirbt, strahlt uns Jürgen von der Lippe an ?! Schon seltsam, wie das Gehirn bekannte Gesichter aus dem Hut zaubert, wenn es meint, dass sie irgendwie zu dem passen, was man gerade sieht. Das passiert mir witziger weise in Indien immer wieder, besonders auf den Plakaten, mit denen Gurus für sich werben. Da starteten auch schon Bud Spencer und Luciano Pavarotti eine zweite Karriere.

In Pondi gibt es, wie in jeder größeren indischen Stadt, viele Juweliere. Hier sind es gut und gerne 70, alle so riesengroß wie daheim ein Kaufhof und mit eigenem bewaffneten Wachmann an der Tür. Wir staunen immer wieder über die Dimensionen, die Schmuckgeschäfte hier annehmen. Unmengen an Goldschmuck glitzern in den Auslagen, ein Fenster in die Zeiten von Tausendundeiner Nacht. Schneider gibt es hier sicher ebenso viele, aber einen Barbershop suchen wir vergeblich.

Thorsten ist mal wieder "fällig" und normalerweise reicht es aus, eine Weile umher zu wandern und schon findet man irgendwo schon einen Barber. Mal in Form kleiner Einzimmer Läden, mal auch nur ein Stuhl unter freiem Himmel mit einem an einen Baum genagelten Spiegel. Nicht so in Pondicherry. Erst versuchen wir es alleine, dann fragen wir die Hotelcrew. Die gibt zwar ein paar Richtungshinweise aber wir haben immernoch kein Erfolg. Also mieten wir uns ein TukTuk und bitten den Fahrer, uns zum nächsten Barbershop zu bringen. Es folgt eine halbstündige Odyssee durch die verwinkelten Gassen, viele interessante Ausblicke, aber kein Barber. Der Fahrer fragt gelegentlich mal nach und irgendwann ist er sich sicher, hier muss einer sein. Nur, dass da kein Barber ist. Wir kapitulieren. Erst einen Tag später, als wir nochmal durch denselben Altstadtbereich wandern, haben wir Erfolg. Der winzige Shop war am Abend einfach schon geschlossen, oder wir haben ihn übersehen. Das ist aber auch der kleinste Barbershop dieser Reise. Diesmal muss ich vor der Türe warten, denn mit rein passe ich nicht. Aber so schlimm ist das nicht, auch draußen gibt es genug zu sehen. In der winzigen Werkstatt nebenan werden Ventilatoren repariert und zur Rechten werden irgendwelche Ersatzteile verkauft. Kugellager? Filter? Ölverschmierte Teile jedenfalls.

Ein Warn-/Hinweisschild fällt mir auf: " eaveteasing is a crime". Auch wenn ich bei unseren bisherigen drei Indienreisen selbst noch keine negativen Erfahrungen in diese Richtung gemacht habe, ist das Problem wie Männer Frauen behandeln durchaus existent. In der "harmlosen" Form nennt man dies "Eve teasing", also die-Eva-necken. Da wird scheinbar zufällig Körperkontakt gesucht oder gezielt an Brust oder Hintern gegriffen, am Sari oder an der Dupatta (= das Tuch das zum Salwar gehört) gezupft oder die Frau auch "nur" verbal bedrängt. Aber leider geht es auch viel schlimmer. Regelmäßig liest man hier in den lokalen Zeitungen von Vergewaltigungen und Übergriffen und auch das machohafte Auftreten der jungen Kerle verheißt oft nichts gutes. Immerhin ist das Problem in der öffentlichen Wahrnehmung angekommen und ein langsames Umdenken setzt ein. Ein Anzeichen ist, dass auch das vermeindlich harmlose Eve teasing nun unter Strafe steht.

In drei Tagen geht es heim. Morgen fahren wir zurück nach Chennai. Da haben wir dann noch einen Tag zum Shoppen und Bummeln, bevor es wieder mit Air India in die Luft geht, erst nach Delhi, dann nach Frankfurt.

Chennai

So langsam heißt es, Koffer packen. Wie schnell doch 4 Wochen vergehen. Uns bleiben nur noch zwei Tage um durch Chennai zu bummeln und uns für diesmal von Indien zu verabschieden. Schon jetzt ist uns klar, wir haben noch nicht genug. Wir wollen, wir müssen wiederkommen.

Auf dem Weg nach Chennai legen wir noch einen kurzen Stop in Kanchipuram ein. Noch ein berühmter Tempel, beliebt beim üblichen Touristen aber nicht so recht unser Fall. Wir stehen eher auf Tempel im Zuckerbäckerstil voller kunterbunter Figuren, als hätte man sich im Phantasialand verirrt. Der hier ist eher schlicht, sandsteinbraun und unscheinbar, aber sehr alt und heilig. Optisch schon mal nicht sehr reizvoll.

Erschwerend kommt noch hinzu, dass die Böden unsagbar aufgeheizt sind, denn die Sonne brennt senkrecht vom Himmel und die Luft flirrt vor Hitze. Wir huschen, natürlich barfuß, von Schattenfleck zu Schattenfleck und an stehenbleiben ist nicht zu denken- trotz Tempelsocken. Was haben die Gläubigen um uns nur für Fußsohlen? Viele stehen ganz unberührt und im Gebet versunken auf den heißen Steinen. Aber zumindest manche sind nicht so abgehärtet und spurten so rasch wie wir über den Boden. Nur die Priester scheinen wirklich Fußsolen aus Leder zu haben. Sie verziehen keine Miene, wenn sie über die Steine schreiten.

Wir bummeln nur kurz vorbei und stehen viel schneller wieder am Auto als Deepan uns zurück erwartet. Der typische tempelbegeisterte Tourist bringt hier eher ein paar Stunden zu. Nein, wir sind keine normalen Touristen, das sieht er so langsam ein. Auch die Seidenweberei, die er uns noch zeigen will, kann uns nicht lange fesseln. Wir brauchen weder Saris noch seidene Bettwäsche, auch wenn die schimmernde Pracht schon interessant anzusehen ist. Kein Geschäft für den Händler und keine Provision für den Driver.

In Chennai tauchen wir noch mal so richtig ein in das pralle indische Leben. Unser Hotel liegt ganz in der Nähe eines großen Einkaufsviertels und es ist Feiertag. Am 1. Mai haben auch in Indien viele Leute frei, aber im Gegensatz zu Deutschland sind hier die meisten Geschäfte geöffnet und alle Welt geht shoppen. Nur staatliche Geschäfte und die Behörden haben geschlossen.

Also ist es voll. Sehr voll! Unglaublich voll! Was für Menschenmassen! Ich werde nie wieder behaupten, dass in der Kölner City zwei Tage vor Weihnachten viel los ist. Da sieht man ja noch den Boden und kann selbständig gehen und stehen, ohne nur der Macht der Masse zu folgen. Hier hilft nur, gelassen bleiben und den Dingen ihren Lauf lassen. Platzangst sollte man keine haben.

Die Stadt ist herausgeputzt. Glänzende Statuen berühmter Leute sind mit Blumengirlanden geschmückt und stehen blinkend an breiten Straßen oder mitten im Kreisverkehr. Wer immer das sein mag. Die Namen sagen uns nichts und die Erläuterungen sind in einer Schrift, die wir nicht kennen. Aber die Blumen sind frisch und der Straßenstaub wird mit dem Wasserschlauch abgespült. Die Eingänge der Kaufhäuser und Juweliere erstrahlen in Glanz von Lichterketten, Lautsprecher beschallen das Viertel.

Wir fließen im Strom mit. Nach einer Weile hat man raus, wie man sich hier dennoch zielgerichtet bewegen kann und bald schaffen wir es auch, mal anzuhalten oder Läden unserer Wahl zu entern.

Juwelen, Handys und Kinderspielzeug brauchen wir nicht, auch keine Handtaschen, Kopftücher und Armbanduhren. Aber einen Warmhaltetopf für Chapatis kaufen wir gerne. In einem Haushaltswarenladen hängt der Himmel voller silberfarbener Kochtöpfe. Unseren Plan, auch noch einen Schnellkochtopf mitzunehmen vertagen wir auf den nächsten Trip. Zwar sind entsprechende Töpfe hier günstig und gut und in allerlei Ausführung zu haben, aber die Koffer sind schon einfach zu voll mit all dem Tee, den Gewürzen, den Klamotten, einer Klangschale und all dem anderen Kram, den wir in den letzten Wochen erstanden haben. Noch ein Grund, wiederzukommen.

In einem Kaufhaus können wir dann doch nicht widerstehen und kaufen noch ein paar Tops, ein T-Shirt und Shorts. Auf das Hemd mit Swastikas und Om Symbolen verzichten wir lieber. Das möchte ich weder einem deutschen Zöllner noch sonst jemandem daheim erklären müssen. Hier mag die Symbolik Glück verheißen, daheim wären die Assoziationen wohl andere. Selbst so banale Dinge wie ein Kaufhaus Einkauf sind in Indien interessant. Wie viel Personal hier doch überall beschäftigt ist. Da gibt es u.a. Personen, die die Umkleiden bewachen, den Ankleidenden ggf zur Hand gehen oder auch mal energisch gegen die Türe hauen, wenn man sich zu viel Zeit lässt. An jeder Kasse sind mindestens zwei oft aber auch drei Verkäufer beschäftigt. Der eine kassiert und ein bis zwei packen die Waren ein und tackern die Einkaufstüten fest zu, damit man ja nichts mehr versehentlich hineinfallen lassen kann.

Der Besuch auf dem WC dieses Kaufhauses ist auch ein Erlebnis. Wir sind nicht zimperlich und haben auf unseren Reisen schon allerlei nur bedingt hygienische WCs erlebt und ich muss sagen, die dreckigsten bisher sah ich nicht in Indien sondern in Südfrankreich. Aber das hier ist dennoch ein Fall für sich - es steht ca 1 cm hoch unter Wasser und während ich noch über dessen Ursprung grüble sorgt ein Aushang an der Klotür für Heiterkeit. Da hängt eine Anleitung für die Benutzung von Wester Style Toiletten und u.a. wird darauf hin gewiesen, dass man doch bitte nicht die Füße in der Toilette waschen soll.

Inmitten des Menschenstroms haben Imbissverkäufer und Händler ihre Stände aufgebaut. Neben einem Tempel werden Opfergaben und Devotionalien verkauft und ein steter Strom von Gläubigen fließt in das Gebäude hinein. Nach Gebet und Zeremonie strömen die Besucher glücklich lächelnd wieder hinaus und stürzen sich wieder ins Getümmel.

Im Bazar geht das Leben auch am Feiertag seinen gewohnten Gang. Es mag etwas voller sein, aber einen Feiertag können sich die Leute hier nicht erlauben. Die Händler sitzen im Schatten ihrer Plastikplanen vor ihren Waren. Abfall und welke Blätter werfen sie einfach vor sich auf den Weg. Kühe spazieren vorbei und kümmern sich um die Entsorgung. Es riecht nach Obst und Gemüse, aber auch nach Kuhfladen und vergorenem Grünzeug. Über allem liegt der Duft von Jasmin, denn an der nächsten Straßenecke sitzt ein Blumenverkäufer vor einem Berg aus Jasminblüten, lose und aneinander geknüpft. Mitten im Bazar steht ein kleiner LKW von dem gerade riesige Säcke mit Waren abgeladen werden. Die Träger sind kleine hagere Männlein, die unglaubliche Gewichte schleppen. Harter Job.

Am Tag drauf spazieren wir durch das gleiche Viertel. Der große Ansturm ist vorbei und es bummelt sich wieder ganz entspannt und mit viel Platz. Am Ganesh Tempel direkt neben dem Hotel herrscht der übliche Betrieb, der Tee am Stand daneben schmeckt prima, wie eh und je. Wir sind ganz und gar angekommen und wollen gar nicht heim. Zumal es immernoch so viel überall zu sehen gibt und uns manche Sachen echt staunen lassen - der Parkscheinautomat in Chennai z.B. Damit hatte ich echt nicht gerechnet.

An einer Straßenecke finden wir die verbogenen verrosteten Reste zweier Unfallfahrzeuge. Das sieht nicht gut aus, scheint aber schon sehr lange her zu sein. Bei dem Anblick fällt mir ein/auf, dass wir tatsächlich während der ganzen Reise nur einen einzigen Unfall sahen und nur zwei überfahrene Tiere auf den Straßen. Erstaunlich. In Rajasthan war das eher die Ausbeute eines ganz normalen Vormittags.

Natürlich suchen wir uns auch in Chennai einen Park zum relaxen und chillen. Genau der richtige Kontrast nach dem Gewusel in den Einkaufsstraßen. Zum Glück ist es hier deutlich weniger heiß als in Pondicherry und so sitzen um uns herum nicht nur die üblichen Hitzeflüchtlinge und Mittagspausenschläfer.

Einige Großstädter treiben sogar Sport! Der Park ist zwar klein, aber groß genug, dass man immer im Kreis joggen kann. Joggen? Und das in Indien, wo zu Fuß gehen mit arm sein assoziiert wird. Wer es sich leisten kann, der fährt von A nach B. Das erklärt auch die unverständigen Blicke, die wir oft ernten, wenn wir lieber gehen statt ein TukTuk zu nehmen. Andere machen Gymnastik oder Tai Chi und ein älterer Herr fällt besonders auf. Er steht mit nacktem Oberkörper in der prallen Sonne und macht Leibesübungen. Er wedelt mit den Armen, schwingt die Hüften, kreist mit dem Kopf. Lange sitzen wir da. Aus einem Lautsprecher plätschert angenehme Musik, der Straßenlärm klingt nur verhalten herbei. Viel lauter ist das Rufen von zwei kleinen Raubvögeln im Baum über uns. Ein guter Ausklang einer tollen Reise.

Heim

Bevor es heim geht, hat Deepan noch sein Versprechen vom Anfang der Tour wahr gemacht und uns eine indische SIM Karte besorgt. Früher war das ganz einfach. Man ging, auch als Tourist, in einen Telefonladen und hatte kurze Zeit später eine SIM Karte und damit die Möglichkeit für vergleichsweise wenig Geld (Europäische Sicht natürlich) zu telefonieren oder zu surfen. Heutzutage, in Zeiten von Terrorismus der ständigen Sorge vor Anschlägen, ist so ein Unterfangen eine Odyssee. Man braucht ein Foto, eine indische Adresse, seinen Pass, diverse Kopien und viel viel Zeit. Oder aber einen indischen Kumpel, der einem die SIM auf seinen Namen besorgt.

Nun haben wir jedenfalls eine indische Handynummer. Unerlässlich, wenn wir den nächsten Trip ohne Fahrer selbst organisieren wollen, denn jetzt können wir mit selbst mit den Hotels telefonieren etc. . Dummerweise deaktiviert sich die Karte, wenn man sie nicht mindestens alle 6 Wochen nutzt, also senden wir Deepan jetzt, bis auf weiteres, regelmäßig Grüße per SMS.

Deepan wirft uns am Flughafen raus, viel Zeit für Verabschiedungen bleibt nicht. Der Rückweg nach Köln verläuft angenehm ereignislos. Wir fliegen nach Delhi. Diesmal wird unser Gepäck gleich nach Frankfurt durchgecheckt und wir sparen uns das durch den Flughafen hetzen und wieder neu einchecken.

Am Flughafen fällt uns eine Gruppe deutscher Kulturreisenden unangenehm auf - ständiges Gemecker und Genöle. Sie haben keine Lust zu wartenund außerdem wollen sie unbedingt die Plätze tauschen, damit sie alle beieinander hocken. Schließlich mosern sie über die Sicherheitschecks und dass das alles viel zu lange dauert. Wobei, mit den Checks haben sie fast recht, denn auf dem Weg vom Schalter bis zum Sitzplatz prüfen sage und schreibe 4 Personen das Ticket und den Pass auf Übereinstimmung. Im Flieger sitzt die ganze Truppe dann zum Glück in einer anderen Ecke und stört uns nicht weiter. Bei uns sitzen nette französische Wanderer, die gerade aus Ladakh zurück sind.

Der Flug nach Frankfurt ist pünktlich und verläuft ruhigt. Kurz vor der Ankunft sorgt allerdings die eingeblendete Karte mit dem Reisefortschritt noch mal für Heiterkeit. Air India hat das Südchinesische Meer kurzerhand westlich von Bonn platziert. Gut, wenn sie meinen. Hauptsache sie wissen, wo Frankfurt ist.

Mit dem ICE zurück nach Köln und da sind wir wieder. Mit einem Berg von Mitbringseln auf dem Tisch, 800 Fotos in den Kameras und unvergesslichen Bildern im Kopf. Und Plänen. Vielen, vielen Plänen für die nächste Reise.

India lässt uns nicht los. Wir planen schon wieder...


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