Ankunft in Kyoto - zwischen Tradition und Moderne


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Japan's flag
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March 13th 2015
Published: March 13th 2015
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Meine leckere Lunch-BoxMeine leckere Lunch-BoxMeine leckere Lunch-Box

...käsekuchen rechts oben ( jaaa, im gleichen fach mit der gegrillten Muschel)
Nach einem recht anstrengenden Nachtflug, meiner ersten echten Gepäckkontrolle am Zoll und einer Stunde S-Bahn-Fahrt ins Zentrum von Tokio, besteige ich nach einigen orientierungsproblemen am Bahnhof endlich den berühmten Shinkansen: Japans schicke, immer pünktliche, fast lautlose Hochsgeschwindigkeitszüge. Drinnen sieht es allerdings fast aus wie in der deutschen Bahn, außer dass man drei mal so viel Beinfreiheit hat. Die Passagiere scheinen sich hier wie zu Hause zu fühlen: jeder futtert eine Lunchbox, eine Suppe oder sonst irgendein wohlriechendes, für den Laien wie mich allerdings undefinierbares Zeug. Zum Glück hab ich mir auch am Bahnhof noch eine Lunchbox gekauft und fühle mich so gleich zugehörig, was hier im kollektiven Japan ja sehr erstrebenswert ist - bloß nicht aus der Reihe tanzen und nichts essen. Für knapp 8€ habe ich mir bei einem der zahllosen Verkaufsständen, die sich alle mit kunstvoll angerichteten "Bento Boxen" überbieten, eine wunderschöne bunte Kiste ausgesucht, die mir 30 verschiedene "items" für eine ausgewogene Ernährung angepriesen hat. Geschmacklich hält die Box, was sie optisch verspricht, auch wenn ich keine Ahnung habe, was genau ich alles esse und mit geübten Griff als erstes den Nachtisch, eine Art süßen Käsekuchen den ich für ein Omelett halte, erwische. Falls jemand raten möchte, was
Mount Fuji Mount Fuji Mount Fuji

... Drive-by-Sightseeing aus dem Zug heraus
ich so gegessen habe und was davon der Käsekuchen war: natürlich hab ich meine Box fotografiert!

Draussen fliegt die Landschaft nur so vorbei und leider habe ich auch keinen Fensterplatz erwischt, sodass ich nachdem wir den Mount Fuji bei strahlendem Sonnenschein passiert haben, nochmal versuche ein bisschen zu schlafen. Nach -wie angekündigt- auf die Minute genau 2:45 h haben wir die knapp 460 km nach Kyoto zurückgelegt wo ich jetzt eine ganze Woche bleiben werde. Mit 17 Unesco-Welterbe-Stätten, mehr als 1600 buddhistischen Tempeln, über 400 Shinto-Schreinen und wunderschönen Zen-Gärten ist die alte Kaiserstadt Kyoto mit Sicherheit eine der kulturell reichsten Städte der Welt und von Anfang der Reiseplanung an mein heimliches Highlight.

Da ich erst um 16 Uhr ins Hostel kann muss ich mich gezwungenermaßen noch 1,5 h in der Touristeninformation herumtreiben aber so habe ich jetzt wenigstens alle Infos, die man sich so vorstellen kann. Mein Hostel liegt in der Bahnhofsgegend und eigentlich hatte ich extra einen Schlafsaal gebucht, um vielleicht ein paar andere Reisende kennenzulernen aber so wie es aussieht habe ich den Schlafsaal erstmal für mich alleine. Das Hostel ist sehr einfach aber sauber und zwei japanische Besonderheiten gibt es auch hier: die Schuhe werden
Kyoto von obenKyoto von obenKyoto von oben

Kyoto Tower
im Foyer ausgezogen und man bekommt ein paar Hausschuhe und auf der Toilette gibt es sowohl einen beheizten Klositz als auch eine dieser Hightech-Popo-Säuberungs-Sprüher ( ich weiß echt nicht wie ich es besser beschreiben soll aber man kriegt von der Toilette den Popo sauber gewaschen und das in 5 verschiedenen Temperaturstufen und 2 Härtegraden!!! ). Und noch was tolles: es gibt eine Gemeinschafts-Badewanne, die werde ich gleich heute Abend mal ausprobieren denn leider wird im ganzen Hostel nicht geheizt und ich muss die Klimaanlage in meinem Zimmer erstmal anheizen.

Bevor es dunkel wird schaffe ich nur noch die Aussicht vom nahegelegenen Kyoto-Tower abzuhaken, einem nicht besonders hübschen, 100 m hohen Stahlkonstrukt, von dem man bei gutem Wetter bis nach Osaka sehen kann. Da gerade Regen aufzieht, kann man das heute natürlich nicht aber dafür habe ich dank meines super Rabatt-Coupons aus der Touristeninformation auch fast 50 Cent gespart. Von hier oben sieht man ganz toll die Kessellage von Kyoto, das völlig flach zwischen einer Hügelkette eingebettet liegt. Mit den extrem starken Ferngläsern sehe ich mir schon mal ein paar der potentiell zu besichtigenden Tempel aus der Vogelperspektive an und bleibe oben bis es dunkel ist und die ganze Stadt
NachtaufnahmeNachtaufnahmeNachtaufnahme

Kyoto Tower
mir glitzernd zu Füßen liegt.

Ich bin totmüde und nach einem leckeren Menu in einem kleinen Restaurant mit Sushi, eingelegtem Gemüse, Tempura, Salat und Suppe sinke ich nach einer heissen Badewanne dann schon gegen 21 Uhr ins Bett. Übrigens: wenn man in Japan alleine essen geht wird man an eine Art Tresen platziert, von dem aus man in die Küche kucken kann, damit einem nicht langweilig wird.

Am nächsten Morgen will ich halbwegs früh aufstehen um vor den Touristenmassen ( Lonely-Planet-Besserwisser-Wissen: Kyoto empfängt etwa 50 Millionen in- und ausländische Gäste im Jahr!!!) am Fushimi-Inari-Schrein zu sein. Das ist ein im Ausland unter diesem Namen wahrscheinlich nicht so bekannter Schrein, der Inari, dem Gott der Reisernte, gewidmet ist. Aber jeder, der schonmal Bilder von Japan gesehen hat kennt den Aufstieg auf den Inari-Berg, der von tausenden orangenen torii gesäumt ist. Leider klappt es nicht ganz mit meinen early-bird- Bemühungen und dann verpasse ich auch noch den Bus, weil dieser- eigentlich hätte ich es wissen müssen -auf die Minute pünktlich fährt und ich mir noch einen klebrigen Teigbollen mit Bohnenpaste und einen Tee zum Frühstück kaufe. Es ist wunderschönes Wetter und ich befürchte schon, dass es am Schrein völlig überfüllt sein wird, aber wie sich herausstellen sollte, reicht 9 Uhr völlig aus um den Großteil der Touristen noch hinter mir zu lassen. Und selbst die japanische Schulklasse, die mit mir aussteigt, bleibt glücklicherweise direkt unten am Hauptschrein, einer aus meiner Sicht nicht sonderlich spektakulären Anlage aus vielen orangenen Gebäuden, stehen. Also laufe ich erstmal los und durchquere die ersten noch kleineren toriii, die sich eng aneinandergereiht den ganzen Berg hochschlängeln. Auf einer Länge von 4 km stehen sie fast dicht an dicht und werden nur durch einige Grabstätten, Miniatur-Schreine und Teehäuser unterbrochen. Die Farben sind faszinierend, das grelle orange, dazu die lackschwarzen Sockel, Dächer und. Inschriften auf den Toren, umgeben von einem Märchenwald aus Moosböden und Nadelbäumen. Genau so schön habe ich es mir vorgestellt, und nicht mal nach einer Stunde Aufstieg werden mir die irgendwie ja doch immer gleichen Tore langweilig. Je höher man wandert um so weniger Menschen trifft man und ich kann in Ruhe fotografieren. Ganz oben auf dem Gipfel steht dann nochmal ein kleinerer Komplex aus Opferstätten und überall stehen kleine orangene Holz-torii davor, auf die man seinen Wunsch oder sein Gebet schreiben kann.

Leider gibt es durch den dichten Wald ringsherum keine Aussicht aber etwa auf Halber Höhe kann man ein bisschen über die Dächer von Kyoto kucken. Völlig geschafft erscheine ich nach einer 3 Stunden- Tour diesmal pünktlich an der Bushaltestelle. Und da passiert das Unfassbare. Der Bus kommt einfach nicht, und so warte ich mit einer inzwischen etwa 150 m langen, brav hintereinander aufgestellten Menschenschlange schließlich 40 Minuten auf den nächsten, der dann natürlich heillos voll ist. Die Japaner sind zwar super diszipliniert aber total nervös, drehen sich dauernd nach der Straße um und checken den Busfahrplan mehrfach. Dass ein Bus nicht kommt, das ist man hier nicht gewöhnt. Naja, es wird schon seinen Grund haben, es ist ja schließlich Freitag der 13te.

Nachdem ich mir eine leckere Bentobox mit gebackenen Shrimps und Reis gekauft habe und mich damit in der Hostelküche ein wenig aufgewärmt habe, fahre ich noch mal mit dem Bus durch die halbe Stadt um mir den Daitoku-Ji-Tempelkomplex anzusehen. Der ist eher für seine wunderschönen Zengärten als für die Tempel bekannt, und Gärten kucken bietet sich bei dem Traumwetter ja an. In der Tat sind es weniger die Tempel, die mich hier beeindrucken, sondern die Ruhe und die friedliche Atmosphäre in diesem 1319 erbauten Tempelkomplex, der mit seinen schön gepflasterten Wegen, den kleinen Moos- und Steingärten und unzähligen Tempeln und Subtempeln wie eine kleine Stadt in der Stadt wirkt. Da man für jeden Tempel einzeln ein Eintrittsgeld bezahlen muss, wenn man reingehen will, beschränke ich mich darauf, mir alles von außen anzusehen und fahr dann wieder zurück "downtown", wo ich um 17 Uhr an einer traditionellen Teezeremonie teilnehme. Nein, ganz traditionell ist sie nicht, erklärt uns Naoko, unsere Zeremonienmeisterin im grünen Kimono. Die richtige formelle Teezeremonie dauert nämlich drei bis vier Stunden und beinhaltet unter Anderem einen so starken Tee, dass ihn kaum ein nicht-japanischer Magen verträgt. Unsere Zeremonie dauert mit vielen interessanten Erklärungen, einer Teeprobe und einem kleinen Selbstversuch insgesamt eine Stunde. Wir sind nur zu dritt und sitzen in einem wunderschönen kleinen Raum auf Tatami-Matten auf dem Boden und während uns Naoko erklärt, dass es hier nicht nur um heisses Wasser und kleingeriebene Teeblätter geht, sondern um die vier Elemente Ruhe, Harmonie, Respekt und Reinheit, entspanne ich tatsächlich sehr. Der Tee, den sie uns als den "leichten Matcha" ( Matcha ist der grüne Tee, der nicht aufgebrüht wird, sondern aus jungen zerstoßenen Teeblättern angerührt wird) ist für uns drei europäischen Mädels immernoch ziemlich bitter aber als
Kleine PauseKleine PauseKleine Pause

Fushimi-Inari-Schrein, Kyoto
ich meinen eigenen mache, bekomme ich ihn ganz nach meinem Geschmack hin: giftgrün, schaumig und leicht herb. perfekt.

Danach schaffe ich es gerade noch in ein Schnellrestaurant, wo ich eine köstliche Schüssel Tunfisch-Sashimi mit Reis und Algengemüse verdrücke, bevor mich wieder recht früh der Schlaf übermannt. Irgendwie hängt mir der Jetlag noch hinterher und so einen ganzen Tag an der frischen Luft bin ich auch nicht mehr gewöhnt.



Ein paar erste Beobachtungen zu Japan:

Sich verbeugen - zur Begrüßung, als Dankeschön, zum Abschied, wann auch immer, ist ziemlich cool!

Busfahrer reden mit einem kleinen headset ausgestattet während der Fahrt ununterbrochen - ja, alle Busfahrer. Und wenn 20 Leute gleichzeitig aussteigen sagt der Busfahrer 20 mal "arrigato", das einzige Wort das ich verstehe. Anstrengend für mich nur: Er redet auch während die englische Ansage der nächsten Haltestelle kommt einfach parallel dazu weiter.

Rosane Lack-Pantoletten mit Plateau sind der letzte Schrei. Auf der Straße.

In Japan ist niemand fett.

Hier muss es viele Blinde geben, oder man ist sehr blindenfreundlich - auf jedem Gehweg, auf dem ich bisher gelaufen bin gibt es diese "Blindenhubbel"- also Spuren, denen man mit dem Gehstock folgen kann. Jede Bushaltestelle, jede Kreuzung, jeder Ampelüberweg ist so gesondert "ausgeschildert" und ausnahmslos jede Ampel macht Geräusche. Und zwar eine Art Vogelgezwitscher wenn sie rot ist und eine Art Kuckucksruf wenn sie grün ist. Tierlieb ist man also auch...



Ich liebe Japan.


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On  top of the hillOn  top of the hill
On top of the hill

....zwischen lauter Mini-Torii
Tee ZeremonieTee Zeremonie
Tee Zeremonie

...mein Selbstversuch
RestaurationRestauration
Restauration

Fushimi-Inari-Schrein, Kyoto
Teil des Haupttempels am Fuße des Berges Teil des Haupttempels am Fuße des Berges
Teil des Haupttempels am Fuße des Berges

Fushimi-Inari-Schrein, Kyoto
Daitoku-Ji-TempelDaitoku-Ji-Tempel
Daitoku-Ji-Tempel

Haupttempel (glaube ich)


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