Grimmig-finstere Gestalten


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Asia » Indonesia » Papua
September 12th 2014
Published: September 14th 2014
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Der Reise vierter Teil


Eine andere Welt, voller schniefender, rotzender, hustender Menschen - kennen die keine Taschentücher? Domestic Departures in Bali, da ist gar nichts, und ich musste drei Stunden überbrücken. Und pünktlich war der Flug auch nicht. Fragte nach einem window seat emergency exit und bekam ihn auch, konnte so wenigstens etwas schlafen, bis man mir um vier Uhr früh ein Frühstück servieren wollte. Aaarrgh!!

Zwischenlandung in Timika, kann im Flieger bleiben, dann noch 50 Minuten bis Jayapura. Ist das nicht die Hauptstadt von Papua? (Nein, nur der Provinz, aber trotzdem.) Und dann so ein Flughafen? Wo gibts eigentlich das Gepäck und ist hier keiner, wie sonst, mit einem Schild, auf dem mein Name steht? Irgendein sehr dunkelhäutiger, in meiner Wahrnehmung grimmig blickender Einheimischer spricht mich an und fragt, wo ich herkomme. Ich lasse ihn stehn und suche nach der Toilette, an der aber eine lange Schlange ist. Dann spricht mich noch jemand an, der kennt aber wenigstens meinen Namen. Ist wohl der Herr von der Agentur. Und der andere von vorher, gehörte anscheinend zu ihm. Er nimmt mir meinen Gepäckschein ab. Okaayyy? Gehe dann doch noch aufs Klo und als ich zurück komme, kann ich keinen von beiden wiederfinden. Irgendwann kommt aber der eine mit meiner Tasche und schließlich ist der andere auch wieder da. Mit meinem Ticket. Wir gehen dann zu einem, nicht wirklich als solcher erkennbaren, Schalter, um den sich lauter Einheimische drängen. Die schauen alle ziemlich finster aus, ich erkenne die melanesischen Gesichtszüge aus Papua New Guinea wieder. Ganz vorne ist einer der mit offenem Mund Betel kaut, sein ganzer Mund ist voll roter Spucke. Sieht aus wie Blut.

Ich bekomme meinen Boardingpass, kein persönliches Erscheinen, keine Passbilder, keine Kopie des Visums nötig. Gehe durch zu den Gates und sitze und warte. Und warte. Etwa eine halbe Stunde nachdem wir eigentlich hätten starten sollen, landet das Flugzeug aus Wamena. Eine Dreiviertel Stunde später geht es dann zum Boarden. Alles drängt und schuppst zum Ausgang. Wird denn jemand nicht mitgenommen? Ich lasse mich mitschieben, quetsche mich in einen Kleinbus und lasse mich zu der Maschine von Trigana Air - steht auf der schwarzen Liste - bringen. Man darf nur 15 Kilo aufgeben, deswegen wird alles andere als Handgepäck mitgenommen. Und was für Teile. Riesige verschnürte Pappkartons, Kartoffelsäcke, vollgeproppfte verschlissene Rucksäcke. Oft schleppt eine Person drei oder vier Teile an Bord.

Diesmal bin ich die einzige Weiße im ganzen Flugzeug. Ich fliege nach Wamena, (man kommt auch nur so dahin), dem zentralen Ort im Baliem Tal, in dem die Dani wohnen, die erst 1938 im Zuge einer Expedition entdeckt wurden. Auch wenn die Dani heute im wesentlichen Christen sind und einige Annehmlichkeiten des modernen Lebens übernommen haben, leben sie doch noch sehr traditionell. 30 Minuten dauert der Flug. Angekommen weiß ich nicht wirklich wohin. Man steigt noch auf der Landebahn aus, überall laufen Leute herum, oder fahren sogar mit dem Moped über die Landebahn, sitzen am Rand, ein Abfertigungsgebäude ist nicht zu sehen. Nur eine offene Halle mit einem Wellblechdach drüber. Wie bekomme ich mein Gepäck? Und wie finde ich denjenigen, der mich abholt? Wieder spricht mich ein Einheimischer an, in einer türkisgrünen Jogginghose, schwarzem Sweatshirt, lila Trainingsjacke, schwarzer Wollmütze auf dem Kopf und einem zerfransten schwarzen Rucksack, an dem lose der orangene Regenschutz baumelt. Ich verstehe ihn kaum. Aber er ist wohl mein Guide für die nächsten Tage und heißt Jesaja, was man aber wahrscheinlich anders schreibt. Das Gepäck bekommt man in einem mit Maschendraht geschützten Verhau gegen Vorlage des Gepäckscheins ausgehändigt. Ich gebe Jesaja meinen Schein, auch wenn ich mir wieder nicht ganz sicher bin, ob ich ihn bzw. mein Gepäck wiedersehen werde. Während ich warte, starren mich weitere grimmig dreinblickende Gestalten an.

Wir fahren als erstes zum Markt von Wamena. Sehr eindrucksvoll. Zwischendurch läuft auch immer mal wieder ein nackter Mann ins Bild, nur mit einer Koteka, dem traditionellen Penisköcher bekleidet. Wäre gerne noch länger geblieben, kann aber nicht wirklich mit Jesaja kommunizieren. Auch seine Erklärungen zu dem dekorativ ausgelegten lokalen Obst und Gemüse verstehe ich nur äußerst bedingt. (Hatte ich mal geschrieben, unser Guide in Sulawesi wäre schlecht zu verstehen gewesen? Kein Vergleich. Jesaja ist auch mit viel Phantasie kaum zu folgen. Inzwischen weiß ich, dass der Manager der Lodge auf Bali ist, die anderen Angestellten auch nur rudimentäres Englisch sprechen und somit keiner da ist, den ich mal irgendwas fragen kann. War schon manchmal ein bisschen einsam.)

Schließlich fahren wir zum Baliem Valley Resort, etwa 20km oberhalb von Wamena, wo ich der allereinzigste Gast bin. Die Straße ist eine rückenzermürbende Katastrophe, die Landschaft entschädigt dafür.

Meine Hütte, Nr. 8, ist gemütlich und hat einen sehr schönen Blick, auch das überdachte aber zum Tal hin offene Restaurant liegt traumhaft. Und ruhig ist es hier! Das Restaurant ist fast ein Museum mit sehr vielen Holzskulpturen hauptsächlich aus der Asmat Region. Genaueres weiß ich nicht, denn wie gesagt, ich kann ja keinen fragen. Kriege aber raus, wann es die Mahlzeiten gibt.

Frühstück: das Highlight der Toast, ohne Rinde, dafür grasgrün!! (Das Essen war aber ansonsten immer sehr lecker, ganz besonders die Suppen.)

Und dann kam der Walk. Eigentlich wollte ich ja alleine gehen, mich nur auf dem Gelände etwas umsehen, aber nichts da. Jesaja deutete an, dass er mitkommt und ob ich auch genug Wasser dabei hätte. Sollte doch nur ein kurzer Spaziergang sein, oder? Von wegen. Das war wohl mit das Härteste, was ich jemals gemacht habe. Es war rutschig, holprig, nass, glitschig, matschig, steil, ein Fehltritt und schon nach den ersten 100 Metern steckte ich knöcheltief im Schlamm, - wie kann man denn mit zitternden Beinen auf einem Aststück über einen Bach balancieren? -, zweimal habe ich mich komplett hingelegt und gefühlte 734 mal musste ich anhalten, da ich keine Puste mehr hatte. Ich dachte, mir wird schlecht. Und das war nur der Weg nach oben. Okay, runter zu ging es wesentlich besser, aber immer wenn der Pfad dann doch noch mal etwas anstieg hätte ich heulen können. Am Ende das Gefühl, etwas geleistet zu haben? Nein, nicht wirklich. Habe mich nur alt gefühlt. (Ha! Erst zwei Tage später ist mir aufgefallen, dass ich mich ja auf über 2000 Metern befinde. Da ist es doch wohl in Ordnung, dass ich am ersten Tag so außer Atem war.)

Klar war jedenfalls, dass der Abstecher zu der Salzquelle, der für den nächsten Tag auf dem Programm stand, entfallen würde. Denn der Weg soll genauso steil, glitschig, matschig .... sein, nur etwa viermal so lang. Ohne mich. ( In dieser Quelle weichen die Dani Frauen Stücke des Bananenbaums ein, trocknen und verbrennen diese dann und verwenden die verbleibende Asche als Salz.)

Stattdessen sind wir gleich nach Jiwika gefahren, einem der vier "Dörfer", wie Jesaja immer sagt, (eigentlich sind es Gehöfte, in denen jeweils eine Großfamilie zusammenlebt), in denen es eine Mumie zu bestaunen gibt. Diese hier, Wimontok Mabel, soll 260 Jahre alt sein und war mal ein mächtiger Häuptling in dieser Gegend. Er ist in Hockstellung im Rauch einer Feuerstelle langsam ausgetrocknet worden und soll als Mumie dem Dorf heute noch Macht geben.

In Jiwika ist man auf Touristen eingestellt. Während alle anderen Höfe leer waren - man ist im
Old woman's handOld woman's handOld woman's hand

When someone in the family died women used to cut off the top of one of her fingers with a stone axe. The law forbids this now.
Wald, auf dem Feld oder oft viele Kilometer zum Markt gewandert - war hier die ganze Familie präsent, traditionell gekleidet. Und wollte gegen Geld fotografiert werden. Ein Foto mit Mumie, gehalten von einem Mann mit Kopf-, Nasen- und Penisschmuck kostet 10.000 Rupiah. (Das sind allerdings nur etwa 70 Cent.) Dazu vielleicht noch eine Zigarette. Die hatten wir extra unterwegs in einem kleinen Laden am Straßenrand gekauft. (Hier rauchen alle wie verrückt. Und auf den Zigarettenschachteln steht nicht nur, dass Rauchen tödlich sein kann, sondern es sind Fotos von Raucherlungen und Kehlkopf-OPs abgebildet.)

Habe mich mit dem Fotografieren ziemlich zurückgehalten, denn eine Frau auszusuchen und sie dann irgendwo hinzustellen, wie Jesaja vorschlug, war mir dann doch zu peinlich. Ein unauffälliges Foto, wie alle nur irgendwie so rumstanden, ist mir zwar, okay nicht wirklich, gelungen, aber ich hab eins. Auch die zwei alten Frauen, die kaum noch komplette Finger haben, da sie sich, immer wenn ein Familienmitglied stirbt, ein Fingerglied abhacken, mit einer Steinaxt(!) - seit 5 Jahren ist das allerdings gesetzlich verboten, die Kirche hat sich dafür eingesetzt - , habe ich fotografiert, aber so unkonzentriert, dass die Fingerspitzen fehlen. No pun intended.

Im Anschluss hieß es wieder wandern, vorbei an weiteren Höfen und Feldern, auf denen vor allem Süßkartoffeln angepflanzt werden, im Hintergrund immer die umliegenden hohen Berge. Ein Hof ist immer von einem Zaun aus angespitzten Holzlatten umgeben, die von oben mit Buschwerk als Regenschutz abgedeckt werden. Dem Eingangstor gegenüber liegt das Männerhaus, links sind die Hütten der Frauen und der Schweinestall, rechts die langgestreckte Kochhütte, in der jede Frau - ein Dani Mann kann, je nachdem wieviele Schweine er besitzt, bis zu fünf oder noch mehr Frauen haben - ihre eigene Kochstelle hat.

Es fing an zu regnen. Jesaja hat wie gestern auch schon versucht, den Regen weg zu singen (rain, rain, go away, come again some other day - oder so ähnlich), was ihm diesmal aber nicht so gelungen ist. Wir waren dann noch in einer Tropfsteinhöhle mit Fledermäusen, lunchten im Auto weil es weiter regnete, machten dann noch einen kurzen Spaziergang zu einer sehr viel Balance erfordernden Holzbrücke über einen größeren Fluss und fuhren dann zurück. Noch ein kurzer Abstecher zum Markt und dann "nach Hause". Pancake und Kaffee auf der Terrasse, dann zum Zimmer und mal wieder die Treckinghose gewaschen. Die Schuhe aber diesmal nicht schon wieder.

Dritter Tag: Trecking im südlichen Baliem Tal steht auf dem Programm. Nach einem weiteren kurzen Besuch eines Marktes im Süden Wamenas, fuhren wir Richtung Kurima, bis eine durch Hochwasser eingestürzte Brücke ein Weiterkommen unmöglich machte. Der Wagen blieb stehen und Jesaja und ich marschierten zu Fuß weiter. Sehr angenehm auf der Straße. Dann ging es aber wieder recht steil nach unten, auf wackligen Steinen über einen kleinen Fluss und dann zum reißenden Kali Baliem, dem Baliem Strom, über den an dieser Stelle eine löcherige Hängebrücke führte. Einmal rüber und zurück, dann wieder den Berg hinauf. Uff! Auf dem Rückweg haben wir an einer Stelle, wo der Fluss breiter ist und daher ruhiger fließt, unser Picknicklunch eingenommen.

Sicher ein Highlight war das "Schweinefest" am nächsten Tag. Der Veranstalter kauft auf dem Markt ein Schweinchen, bringt es zu einem der teilnehmenden Höfe, die suchen aus der Umgegend Frauen und Männer zusammen, die Zeit haben und sich "verkleiden" mögen und dann gehts los. Natürlich ist das Ganze inszeniert, aber es ist trotzdem toll, einen Eindruck in die Traditionen zu bekommen. Bei "echten" Festen wird auch immer noch so gekocht, und die Scheinkämpfe der Männer mit Speeren und viel Geschrei, sowie die Tänze und Gesänge von Männern und Frauen werden auch zu anderen Gelegenheiten zelebriert. Nur dass es, als ich da war, hauptsächlich alte Männer waren, die sich da "bekämpft" haben und die waren doch schnell aus der Puste und mussten ziemlich husten. Aber Spaß haben sie gehabt. Überhaupt war es sehr schön zu beobachten, wie unkompliziert und respektvoll alle miteinander umgegangen sind, wie liebevoll sich alle um die vielen Kinder gekümmert haben, wie entspannt die Stimmung im räucherigen Kochhaus war, und wie interessiert alle an mir waren, obwohl wir uns nicht wirklich verständigen konnten und doch sicher häufiger Touristen herkommen.

Dass arme Schweinchen wurde übrigens vor meinen Augen getötet, ausgenommen, zerlegt und im Erdofen mit viel Grünzeug, Farnen und Ähnlichem, gegart. Geschmeckt hat es etwas fad, da überhaupt keine Gewürze verwendet wurden. Als es komplett verspeist war, wobei Männer und Frauen getrennt sitzen, war der ganze Spuk auch sehr schnell vorbei. Alle, die nicht zur unmittelbaren Familie gehörten, zogen sich irgendwo wieder die "Alltagsklamotten" an und verschwanden dann in alle Himmelsrichtungen. Der ganze Hof war wieder leer, nur irgendwo grunzte noch ein Schweinchen, was nochmal davon gekommen war.



Am nächsten Tag ging es sehr früh zum Flughafen, um den ersten Flug zurück mach Jayapura zu erwischen. Dort, bzw. am Sentani See - die Umgegend von Jayapura ist für eine Landebahn zu hügelig - machte ich noch eine Bootsfahrt zu zwei Dörfern auf kleinen Inseln im See, aß viel frischen Fisch und schwitzte mal wieder so leise vor mich hin. Das war oben in den Bergen doch viel angenehmer gewesen. Noch eine letzte Nacht in Indonesien und dann gehts über Bali weiter nach Australien.


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