Kolkata liegt am Hooghly


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September 20th 2010
Published: September 20th 2010
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Fotos gibt es spaeter, da ich hier nicht mit dem Laptop ins Internet kann.

Kalkutta liegt nicht am Ganges, sondern am Hooghly, seit 2001 heisst sie auch nicht mehr Kalkutta, sondern Kolkata.

Vor dem Verlassen des Flugzeugs wird der gesamte Passagierraum mit Desinfektionsspray eingesprueht, eine Vorschrift der Flughafenleitung. Willkommen in Indien!

Gelbe Taxis, Modell Ambassador, sehen aus wie aus den 60er Jahren und wurden vermutlich genauso lange nicht auf ihre Sicherheit hin ueberprueft. Gurte? Fehlanzeige. Die Fahrt zum Budget-Traveller-Ghetto Sudder Street gleicht einer Achterbahnfahrt.

Kaum angekommen wird man von Schleppern umringt. Sie beherrschen perfekt englisch - mit Ausnahme eines Wortes: "No". Ich lasse mir in einem der Billighotels der Sudderstreet die Zimmer zeigen. 2 bzw. 3 Betten, mit schmutzigen, durchloecherten Laken bezogen. Die duennen Matratzen liegen nur auf einem Brett im Bettrahmen. Der Putz blaettert von den Waenden ab, aber die Decken sind hoch und die Ventilatoren kraeftig. Das Bad ist sauber und das Wasser hat genuegend Druck. Der Eigentuemer will 300 bzw. 400 Rupien (ca. 5 bzw 6,66 Euro). Der Preis ist eigentlich zu hoch. Ich bin mir sicher, dass er die Komission fuer den Schlepper miteingerechnet hat, der mir bis hierher gefolgt ist, aber er laesst nicht mit sich handeln.

An der Rezeption treffe ich vollkommen unerwartet auf einen sehr schlanken Thailaender und seine israelische Freundin. Die beiden leben in Pai und waren ein, zwei Wochen lang meine Nachbarn in der Bambushuette auf Koh Pha Ngan. Nach ihren Berichten von den anderen Hotels in der Umgebung entscheide ich mich, doch hier zu bleiben. Ich nehme das teurere Zimmer, da es groesser und luftiger ist, und auch zum ruhigeren Innenhof oeffnet, anstatt zur lauten Strasse.

Auf der Strasse herscht totales Chaos, zum Brechen gefuellte Busse und Strassenbahnen, die aussehen, wie aus dem vorigen Jahrhundert, schrottreife Autos, Motorrad-, Fahrrad- und handbetriebene Rickschas, Fussgaenger, streunende Hunde und Katzen, Haustiere, alle dicht and dicht, zwischen den Fahrzeugen nur wenige Milimeter Platz, ohrenbetaeubender Laerm. Das Ueberqueren der Strasse ist lebensgefaehrlich, der Verkehr nimmt keine Gefangenen. Gebremst wid nicht. Du haeltst den Verkehr in Bangkok, Saigon oder Phnom Penh fuer extrem? Ein Spaziergang ist das verglichen mit Kalkutta.

Auf einer Buehne in der Sudder Street steht die Statue einer Gottheit. Bei Einbruch der Dunkelheit droehnt aus den Lautsprechern Hindimusik. Rickscha- und Taxifahrer ruhen sich auf der Buehne aus. Ploetzlich ertoenen Trommeln. Ein Minilaster mit einer weiteren Gottheit auf der Ladeflaeche schiebt sich langsam durch die Strasse. Davor tanzen Menschen wie wild umher...

Nach wenigen Minuten auf der Strasse sind die Fuesse mit Schmutz ueberzogen. Es herrscht immer noch Monsun und auch wenn der Regen nachgelassen hat, muss man regelmaessig durch tiefe Pfuetzen waten. Ueberall gibt es Schmutz, Elend, Menshen, die auf der Strasse schlafen, essen, sich waschen, ihre Notdurft verrichten. Handbetriebene Wasserpumpen, aehnlich Hydranten liefern das Wasser fuer die Obdachlosen. Auch der Begriff "oeffentliche Toilette" bekommt hier eine ganz andere Dimension. Mitten auf dem Gehweg stehen Urinale, die lediglich durch brusthohe Waende von drei Seiten Sichtschutz gewaehren, keine Ahnung, wo die Frauen hingehen. Armut sah ich auch in anderen Laendern, aber hier ist es eine ganz andere Dimension. Hier sieht man oft Armut und Reichtum direkt nebeneinander, eine Edel-Boutique neben einem zerfallenem Haus, Bettler auf der Strasse, dazwischen laufen gut gekleidete Mitglieder der Mittelschicht.

Oft wird man angesprochen, beispielsweise von Bettlerinnen in der Sudderstreet, einige moechten, dass man ihnen eine Beutel Milch kauft, wobei nicht immer klar ist, ob sie ihn wie behauptet fuer ihre Kinder zum Essen brauchen oder fuer Geld weiterverkaufen wollen. Strassenkinder folgen einem manchmal mehrere Blocks und schauen einen dabei mit grossen Augen an. Eine Frau freute sich darueber, dass ich ihr das Wechselgeld vom Kauf meiner Wasserflasche gab. Es waren gerade mal 2 Rupien, nur wenig mehr als 3 Cent. Es mark hart klingen, aber man kann nicht allen helfen und man waere schnell sein ganzes Geld los, wuerde man es versuchen. Besser ist es, Geld an eine anerkannte Organisation vor Ort zu spenden oder sich zur Freiwilligenarbeit zu melden, beispielsweise bei den Missionarinnen der Naechstenliebe (der Orden Mutter Teresas), die vor Ort unter anderem ein Hospiz und ein Waisenhaus leiten.

Andere, die einen ansprechen, wollen etwas verkaufen (Reisebuerobesitzer, Rickscha- und Taxifahrer) oder sind haeufig nur neugierig. Im Victoria-Memorial, einem Prachtbau aus der Kolonialzeit, spricht mich eine Familie an. Nur der Sohn spricht ausreichend englisch. Woher ich kaeme, wie lange ich in Indien bleibe, was ich arbeite, was meine Religion sei, ob ich verheiratet sei... Dies gehoert zu den ganz normalen Fragen. Andere moechten einfach nur ein Foto mit dem Auslaender.

Ein Inder spricht mich an mit den ueblichen Fragen. Er heisst Shafiq (oder so aehnlich) und stellt sich als Reisebuerobesitzer heraus. Sein Buero liegt etwa eine halbe Stunde Fussmarsch entfernt in einer untouristischen Gegend ohne Laufkundschaft. Er laedt mich zuerst zu einem Glas Chai (indischem Tee) bei einem Strassenhaendler ein und danach zu sich nach Hause. Seine Wohnung besteht lediglich aus einem kastenartigen Zimmer, ungefaehr so breit wie ein Doppelbett und nur wenig laenger. Es hat kein Fenster und die Tuer ist nur ein mannshohes mit einem Vorhang bedecktes Loch Richtung Innenhof. Neben dem Bett, das gleichzeitig als Sitzflaeche dient, befindet sich in dem Raum ein Fernsehgeraet, ein Laptop, eine Kochplatte und ein kleines Regal mit diversem Kram darauf. Shafiq leb dort mit seiner 4-koepfigen Familie. Alle schlafen in einem Bett. Die Familie besitzt auch ein etwas groesseres Zimmer, das frueher als Buero diente. Da die Geschaefte seit der Finanzkrise schlecht gehen und sich nur langsam wieder bessern, hat Shafiq dieses an eine andere Familie vermietet. Shafiq und seine Familie gehoeren nicht zu den Aermsten. Er hat immerhin ein eigenes Geschaeft, seine Kinder sind gesund und tragen saubere Kleidung und er kann sich leisten zur Sudderstreet ein Gemeinschaftstuktuk zu nehmen. Trotzdem bekomme ich ein seltsames Gefuehle, wenn ich daran denke, dass das abgewohnte billige Zimmer, in dem ich in Kalkutta wohne fuer ihn wohl eine Luxuswohnung in bester Lage darstellen wuerde.


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20th September 2010

OMG, das ist ja mal ein Bericht. Aber ich hatte sowas schon vorher so gehört. Wie lange bleibst du denn dort?
21st September 2010

Moechte eigentlich nicht mehr so lange hierbleiben. Evtl. hoere ich mich mal um, ob die auch kurzfristig Voluntaere fuer ein, zwei Tage annehmen, vielleicht mach ich auch noch einen Trip in ein Tigerreservat, danach geht es weiter.

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