Verschwindien nach Indien - 5 Wochen Rajasthan im Januar 2013


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February 27th 2013
Published: March 27th 2013
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5 Wochen... das klingt so unglaublich lange, wenn man daheim auf gepackten Koffern sitzt und ist doch ratzfatz vorbei, wenn man erst mal ein so fesselndes, faszinierendes und magisches Land wie Indien bereist. Und kaum hat man sich so richtig aufs Reisen eingestellt, ist man schon wieder daheim, den Kopf voller toller Erlebnisse und die Speicherkarte(n) der Kamera(s) voller Bilder.
Warum ich das hier erwähne? Um Euch zu warnen... das hier wird verdammt lang und verdammt bilderreich werden. Wer eher auf kurze knackige Berichte mit Zahlen-Daten-Fakten steht, hat JETZT die Gelegenheit, abzubrechen (oder alternativ seine Fragen per Mail an mich auf den Weg zu bringen) dem Rest viel Spaß :-)

Eckdaten

Reisedauer: 31.12.2012 - 02.02.2013
Route: Mandawa - Bikaner - Jaisalmer - Jodhpur - Ranakpur - Udaipur - Bundi - Ranthambore - Jaipur - Agra - Delhi
Fortbewegung: Auto + Fahrer /Guide - nach vielen Empfehlungen im Netz hatten wir uns für Ajay Pal
http://www.touristdriverindia.com/ entschieden und wurden nicht enttäuscht. Details zu ihm später, hier nur der Hinweis, dass er die absolut richtige Wahl war und uns sicher und gut in seinem Toyota Innova durch das indische Verkehrsabenteuer fuhr.
Unsere Art zu Reisen: individuell und möglichst abseits der typischen Tourierouten und -ziele, lieber authentische Straßenimbisse statt entschärftem Hotelfutter und möglichst viel Kontakt zu Land und Leuten.


Anreise


Wir fliegen Dreamliner. Cool, so ein ganz neuer Vogel, das muss doch toll werden. Von den ganzen Problemen, die später dazu führen sollten, dass die Dreamliner fürs erste aus dem Verkehr gezogen wurde, wussten wir zum Glück noch nichts. Also voller Vorfreude in Frankfurt in den Flieger. Schick, alles so schön neu hier. Macht schon was her. Die Beinfreiheit in der Economy ist ok (wenn auch nicht grandios), das Unterhaltungsprogramm etwas überschaubar und recht Hindi-lastig, aber gut, wir fliegen mit Air India, da passt das schon. Alle Durchsagen sind erst auf Hindi, das klingt nett und ist eine schöne Einstimmung auf den Urlaub. Das Essen ebenfalls ok und die Crew wirklich nett. Wir hatten ja im Netz die ein oder andere haarsträubende Kritik gelesen und wussten nicht recht, was uns erwartete.

Wirklich ungewöhnlich sind die individuell dimmbaren Fenster, nur hat man da eher weniger von, wenn man, wie wir, über Nacht fliegt. Dafür hat man, wenn man über die Sylvesternacht fliegt, einen interessanten Ausblick von oben auf das Feuerwerk. Wir fliegen zum Jahreswechsel gerade über der Ukraine und wissen jetzt: Feuerwerk von oben ist längst nicht so eindrucksvoll wie Feuerwerk vom Boden aus betrachtet. Sieht eher aus wie Blitzlichtgewitter in Ameisenformat. Dafür ist ein Flieger voller Inder zum Jahreswechsel schon eher interessanter. Alle zücken ihre Smartphones und fotografieren und filmen wie wild - sich, das Feuerwerk, den Flieger, die Nachbarn, andere Smartphones und und und. Ein Vorgeschmack darauf, wie handyverrückt die Inder sind...

Leichte Zweifel am Kartenmaterial der Air India kommen auf, als auf den Bildschirmen der Arktische Ozean zwischen Bonn und Brüssel angezeigt wird. Hoffentlich landen wir trotzdem in Delhi und nicht am Polarkreis oder sonstwo. Wenn wir wüssten...

Der Flug verläuft angenehm ereignislos. Das ist wichtig, denn ich leide unter Flugangst (oder besser Start- und Landeangst, denn bin ich erst oben, geht es mir (meistens) gut, zumindest wenn es nicht zu sehr wackelt), weshalb ich schon in Frankfurt den ein oder anderen Piccolo getankt habe. Dummerweise ist deren Wirkung schon wieder verflogen, als es dann doch noch spannend wird.

Wir nähern uns Delhi. Nur noch schnell landen, dann raus und ab in unser, Auto um uns ins Abenteuer zu stürzen. So weit der Plan. Dummerweise herrscht im Januar in Delhi ein ziemlich trübes Klima mit viel Nebel und wenig Sicht und so verkündet unser Pilot 1/2 Stunde vor der geplanten Landung, dass er jetzt erstmal etwas kreisen wird, denn derzeit sei unten "zero visability". Wenn das nicht bald aufklart, muss er leider nach Mumbai ausweichen. Wir schauen uns an "Mumbai???" Also kreisen wir und kreisen und kreisen und drehen dann letztlich doch ab. Statt Landung noch 2 Stunden Flug. Die Stimmung ist etwas gedrückt, ausser bei den Passagieren, die eh nach Goa und anderen südindischen Zielen weiterwollen. Die hoffen, dass man sie in Mumbai aussteigen lässt, dann hätten sie Zeit gespart.

Was in Mumbai folgt ist definitiv die schlechteste Landung, die ich je erlebt habe und ich bleibe dabei, das war ein Beinahe-Crash! Beim Bremsen greifen scheinbar zunächst nur die Bremsen auf einer Seite was dazu führt, dass wir, rasend schnell wie wir noch sind, eine sehr enge Linkskurve fahren. Eines der Dreamliner Probleme mit dem Bremscomputer oder wollte der Pilot nur Slalom fahren? Es geht zum Glück gut und statt uns zu überschlagen kommen wir heil zum Stehen. Und wir stehen und stehen und stehen...

...über 2 Stunden lang, während nach und nach alle Passagiere ausgeladen werden, die man irgendwie von Mumbai aus weiterverteilen kann. Manche läd man erst aus, schickt sie dann wieder rein, um sie leztlich wieder aus zu bitten. Als das Passagierroulett endlich abgeschlossen ist, steigen ein Haufen Air India Piloten und Stewardessen ein um mit uns nach Delhi weiterzufliegen. Sie nutzen die gewonnene (?) Zeit für ein Nickerchen.

Wir fragen uns währenddessen, ob denn wohl unser Fahrer und Guide Ajay, den wir bisher nur virtuell kennen, auch wirklich in Delhi auf uns warten wird. Insbesondere, wo wir letztlich mit einer kleinen Verspätung von 6 Stunden ankommen. Was, wenn es ihn gar nicht gibt? Oder er keine Lust hatte auf uns zu warten? Oder ihn unsere SMS nicht erreicht hat? Völlig unnötige Sorgen, denn als wir später endlich ankommen, wartet er natürlich auf uns und hängt uns zur Begrüßung erst mal ein paar Leis um (Ihr wisst schon, diese Blumenkränze), und zum ersten Mal hören wir sein "no problem!", das uns die nächsten 5 Wochen begleiten wird.

Eigentlich wollten wir gleich nach der Landung (um 9 Uhr) nach Mandawa weiter (6 Std Fahrt), aber dafür ist es jetzt (16 Uhr) definitiv zu spät und so bleiben wir über Nacht in Delhi. Statt sanfter Akklimatisierung und Delhi zum Schluss der Reise nun Schocktherapie und Abendessen mitten im Trubel. War zwar anders geplant, aber funktioniert erstaunlich gut. No Problem, this is India!


02.01.13 - 04.01.13 / Mandawa / Hotel Mandawa Haveli


Holla, das indische Verkehrschaos stellt unseren europäischen Geist vor ziemliche Herausforderungen. Wie viele Fahrzeuge man doch auf nur 2 Fahrbahnen unterbringen kann. Oder besser: wie viele Verkehrsteilnehmer aller Art, denn neben Autos, LKW, Bussen und Mopeds tummeln sich auch unzählige Fußgänger. Fahrräder, Kühe und Hunde sind ebenfalls fester Bestandteil des ganz normalen Straßenwahnsinns. Später werden sich noch Kamelkarren und Ziegen, Esel, Wasserbüffel und Lastenträger dazugesellen. Und dann fahren die hier auch noch auf der falschen Seite, was das ganze nicht einfacher macht.

Aber alle westlichen Sicherheitsbedenken wirft man eh am Besten gleich über Bord und vertraut ganz und gar auf sein Karma. Das fällt natürlich dem Durchschnittsinder leichter als uns, zumindst wenn er Hindu ist, denn wenn das mit der Verkehrssicherheit in diesem Leben schief geht, hat man bestimmt im nächsten mehr Glück. Wir Atheisten haben aber nur das eine Leben, da muß man schon ganz anders planen.

Jedefalls begegnen einem in Indien andauernd Vehikel, die sprachlos machen. Wir haben
Unser BettUnser BettUnser Bett

Mandawa Haveli
ja keine Vorstellung davon, wieviel mal auf einem Fahrrad (Moped, Handkarren...) unterbringen und transportieren kann. So lange das Gefährt noch fährt, ist alles gut und das Augenmaß, das die Fahrer an den Tag legen, ist beeindruckend. Bei den Überholmanövern passt in der Regel kein Chapati mehr dazwischen, aber so wird auch kein Platz verschenkt.

Ajay fährt uns gut und sicher aus Delhi heraus und die folgenden 5 Wochen kreuz und quer durch Rajasthan. Er ist ein charmanter Kerl, der sich, wenn man ihn lässt, viel mehr als Botschafter seines Landes und Guide versteht, denn als purer Fahrer. Er spricht ein sehr gutes Englisch und erfreut stellen wir gleich am ersten Tag fest: die Chemie stimmt, das passt perfekt. Ein paar Tage braucht er, bis er unsere Wünsche und unsere Art des Urlaubens und Reisens verinnerlicht hat, danach verhilft er uns zu so viel India pur, wie wir möchten.

Mandawa, unsere erste Station, ist bekannt für seine Havelis. Einst prächtige, heute zumeist leicht angegammelte Kaufmannshäuser mit schönen Wandgemälden, die viele Touristen anziehen. Deswegen wimmelt es in der Stadt auch von unzähligen "Möchtegern-Guides", die sich auf jeden Westler stürzen, der den Fuß vor die Hoteltür setzt. Wir haben recht schnell den Dreh raus, wie wir uns die lästigen Kerlchen vom Hals halten. Ein deutliches "No, thank you SIR" lässt sie schnell das Weite suchen, denn das "Sir" ist eine Anrede, die man nur höhergestellten Personen gegenüber verwendent und für sich selbst würden sich diese jungen Kerle eine solche Anrede niemals anmaßen. Den Hinweis habe ich in einem Reisebericht im Netz gelesen und er funktioniert tatsächlich. Gut zu wissen.

Wir wohnen im "Mandawa Haveli", einem der vielen ehemaligen Kaufmannshäuser, die man zu Hotels umgebaut hat. Unser Zimmer hat zwar eines der härtesten Betten, auf denen ich je lag, aber ansonsten ist das hier eine nette Basis für Erkundungen. Von der Dachterrasse hat man einen schönen Blick über den Ort und kann abends den Kids dabei zusehen, wie sie mit ihren Drachen Kämpfe austragen. Dazu werden die Schnüre der Drachen in Leim getaucht und dann in Glasspittern gewälzt, anschließend versucht man, die Schnüre der anderen Drachen zu kappen. Alle Bäume hängen voll mit kunterbunten abgeschnittenen Drachen, wie quadratische Weihnachtskugeln.

Wir streifen durch den Ort und bestaunen die Wandbilder. Manche sind fast schon zu gut restauriert, andere blättern ab und sind kaum noch zu erkennen. Die Motive sind vielseitig. Göttergeschichten und Alltag, alles ist vertreten. Pfeiferauchende Engländer, prächtige Elefanten, hochnäsige Damen, eine sogar mit Schoßhund (sieht eher aus wie eine Ratte), barbusige Tänzerinnen, blaue Shivas, dicke Ganeshas und allerlei dazwischen. An manchen Häuserwänden ziehen ganze Armeen auf Pferden und Elefanten auf. Amüsant sind die Bilder, bei denen der Künstler wohl etwas abgebildet hat, das er selbst nie sah. So ähneln die Züge schon mal Schuhkartons auf Rädern und das Flugzeug eher einer Gurke mit Flügeln.

Uns fällt auf, wie unglaublich sprachbegabt wir währenddessen von den "Guides" umworben werden. Die jungen Kerle quatschen einen auf Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch... an und das recht verständlich und fließend. Aber wir sind eine verwirrende Beute, den französischen Guide du Routard und den englischen Lonely Planet in Händen, aber Deutsch redend.

In der Umgebung gibt es noch weitere Städte in denen sich schöne Havelis finden, z.B. in Navalgarh. Da die meisten Touristen allerdings nach Mandawa fahren, wird es im Umland schnell angenehm ruhig und man hat die Chance auf authentische Begegnungen. So plaudern wir mit Ajay als Dolmetscher mit einer Zigeunerfamilie, die in der Nähe campiert, und teilen Smarties.

In Fatehpur machten wir uns auf die Suche nach dem im Lonely Planet erwähnten verfallenen Stufenbrunnen. Nach vielen Rückfragen (Ajay hatte der Ehrgeiz gepackt und er wollte nicht aufgeben, als wir schon kapituliert hatten) fanden wir ihn tatsächlich, aber kein Wunder, das den kaum ein Einheimischer mehr kennt. Wie traurig, dieses einst prächtige Bauwerk so verfallen und zur Müllkippe verkommen zu sehen. Nur noch eine Grube hinter Wohhäusern und Einkaufszentren, zusammengestürzte Gewölbe erinnern an einstige Pracht, aber ansonsten ist alles voller Dreck.

Gemütlich bei einem eingeschmuggelten Kingfisher (das gute lokale Bier) auf dem Rooftop unseres Havelis sitzend (Preis "draußen" 75 Rs / Preis im Hotel 150 Rs) beobachten wir am Abend eine Szene, die einen guten Anfang für ein Buch hergeben würden. Getreu dem Motto "curiosity kills the cat"...

Auf dem Dächern gegenüber hatten wir schon am Vorabend eine der hier recht seltenen Streunerkatzen bei ihrem abendlichen Rundgang beobachtet. Vor Hunden wimmelt es in Indien, aber Katzen sieht man kaum. Oder vielleicht haben sie sich auch auf ein haupsächlich nächtliches Leben verlegt, wenn es nachts weniger Verkehr und weniger wache Hunde auf den Straßen gibt. An mangelndem Futter in Form von Ratten und Mäusen kann es eher nicht liegen.

Jedenfalls war die zierliche weiße Katze auch am nächsten Abend wieder da, wanderte über die Dächer, betrachtete den Trubel um sich herum, stieg dann herab auf ein Stoffvordach, das die Straße überragt. Darunter stand schon seit einer ganzen Weile ein Bus, in den die Passagiere ein- und ausstiegen und mit ihrem Gepäck hantierten. Das Busdach war etwas niedriger als die aktuelle Katzenposition und sah wohl allzu verlockend aus. Also guckte und taktierte sie eine Weile, dann siegte die Neugier und sie sprang schließlich hinüber. Und kaum war sie gelandet, fuhr der Bus los. Sehr erstaunt und mühsam um ihr Gleichgewicht bemüht thronte sie auf dem Dach über dem Fahrer und fuhr davon. Wir sahen sie um die nächste Straßenecke verschwinden. Wo mag sie gelandet sein? Welche Abenteuer sind ihr begegnet? Immer wieder während des Urlaubs gab es Szenen, in denen wir dachten "fehlt nur noch, das der Bus mit der Katze vorbeikommt". Leider haben wir sie nie wieder gesehen.

Außer einer groben Routen- und Zeitplanung hatten wir nichts vorab fixiert und so trafen wir uns jeden Abend mit Ajay, um den nächsten Tag und ggf. die nächste Unterkunft zu planen. Er brachte seine Erfahrungswerte ein, wir griffen auf Tripadvisor zurück und so gelang es uns gemeinsam, einen (fast immer) guten Griff zu tun. Wie praktisch, dass in den allermeisten Guesthouses und Hotels WLAN inklusive ist :-)


04.01.13 - 07.01.13 / Bikaner / Vijay Guesthouse


Umzug nach Bikaner. Unterwegs kurzer Stop an einem netten Tempel mit rosarotem Ganesh im Zuckerbäckerlook. Der Straßenzustand ist zumeist recht gut. Man muss zwar die innerorts allgegenwärtigen Kühe und Hunde im Auge behalten, aber ansonsten bin ich positiv überrascht.

Das permanente Gehupe klingt für uns aggressiv und nervig, ist aber nicht mehr als Kommunikation. So kündigt man z.B. an, dass man gleich überholen will und der LKW vor einem hupt ein "ja" oder "nein" zurück und teilt im letzteren Fall wahrscheinlich auch mit, dass gerade ein Auto/eine Kuh/ein Radfahrer oder ein Ufo entgegen kommt und man besser mit dem Überholen noch warten soll. Und bestimmt wird so auch der Wetterbericht und noch viel mehr an Information übermittelt.

Auch was einem so auf den Straßen begegnet ist oft erstaunlich. Besonders eindrucksvoll die mit Kamelfutter (geschredderte Erdnusspflanzen oder andere strohartige Spreu) beladenen LKW. Ihre Ladefläche hat man zu allen Seiten hin mit riesigen Säcken verbreitert. Nein, eigentlich ist die gesamte Ladefläche ein einziger Sack, denn man näht riesige Bahnen aus Sackleinen zusammen und stopft diese mit der Spreu aus, so dass der fertig beladene LKW an jeder Seite je gut und gerne einen Meter überragt, was Überholmanöver gleich noch etwas spannender macht. Leider ist mir in der ganzen Zeit kein Foto von einem solchen LKW Monster gelungen.

Vorallem sollte man es, so Ajay, vermeiden, nach Einbruch der Dunkelheit zu fahren. Viele Verkehrsteilnehmer sind unbeleuchtet unterwegs und viele der LKW Fahrer halten sich mit Alkohol wach und bei Laune. Wie recht er hat, sehen wir bald selbst, als wir an einer "frischen" Unfallstelle vorbeikommen. In der Nacht zuvor hatte ein LKW drei Kamelkarren übersehen und über den Haufen gefahren. Folge: 2 tote Kamele, zertrümmerte Kamelkarren und ein zerdepperter LKW am Straßenrand. Die Fahrer haben wohl alle überlebt, aber der Anblick der teilweise zerrissenen Kamelkadaver verfolgt mich noch lange.

Eigentlich wollten wir von Bikaner aus in die Wüste zur Kamelsafari starten, aber es ist so unglaublich kalt des Nachts, dass wir die Idee fallen lassen. Leider sind auch die Häuser in Rajasthan zwar prima auf Hitze, aber leider gar nicht auf Kälte ausgelegt, und so frieren wir furchtbar. Erst mit mehreren Schichten Kleidung, Fließjacken und Mütze (!) überstehen wir die Nächte einigermaßen zitterfrei. Wie überstehen nur die Obdachlosen, wie wir vor Bikaner Fort auf den Gehsteigen hausen sahen, diese Kälte? Morgens sieht man, wie sich überall die Menschen um kleine Feuer scharen, auf denen man alles Brennbare verbrennt, was sich so findet, inklusive allerlei Plastikmüll. Umweltschutz steht ganz hinten an, wenn es um Grundbedürfnisse geht. Auch die Streunerhunde suchen die Wärme. Immer wieder sehen wir welche, die sich auf alten Feuerstellen zusammengerollt haben. Die Asche ist wohl noch etwas warm, und das wissen auch die Hunde. Dreckig und schmutzstarrend von der Asche rollen sie sich zusammen und schlafen zufrieden ein.

Unser Gastgeber, Vijay, ist eine echte Type. Während seine Frau den größten Teil des Tages vom Bett aus die Dienerschaft kommandiert und im Haus ein strenges Regime führt, organisiert er Kamelsafaris und spendiert abends am Lagerfeuer den Gästen Rum und Whisky. An einem unserer Abende gibt es im Hause Vijay eine Familienfeier, zu der wir gleich mit eingeladen werden. Köstliche Speisen, leckerer Rum und Hochzeitsbilder einer Nichte. Hach, das gefällt uns doch besser als Touristenbusse und Hotelbuffet.

Überhaupt ist Vijays Guesthouse eine nette Anlaufstelle für Traveller. Gefrühstückt wird gemeinsam am großen Tisch und man kommt schnell in Kontakt mit den anderen Gästen. Wem später der Sinn nach dem ein oder anderen Bierchen steht (hmmmm, Kingfisher!), der bedient sich einfach am Kühlschrank und macht artig einen Strich hinter seinem Namen auf der Liste (und zwar in der Spalte "Juice", denn für Alkoholausschank bräuchte man ja eine Lizenz...). Wo gibt es das noch? Die Zimmer sind einfach aber groß und sauber, und wir hatten sogar eine Badewanne. War nur zu kalt zum Baden...

In Bikaner tauchen wir auch endlich so richtig ein in das Gewimmel indischer Städte. Diese unglaublichen Menschenmengen sind und bleiben eine Herausforderung. Dabei ist die Old City von Bikaner schon verkehrsberuhigt, d.h. keine Autos und LKW kommen rein, und doch wimmelt, hupt und klingelt es überall. Die allgegenwärtigen TukTuks wird man erst in den engen Gassen los, aber selbst dahin folgen einem noch die unzählichen Mopeds und Fahrräder. Erst wenn es ganz eng und verwinkelt wird, bleiben auch diese zurück und man ist mit Fußgängern, Kühen, Hunden und Ziegen unter sich, aber nie alleine.

An einem Bahnübergang in Bikaner wird es dann richtig surreal. Die Schranken schließen sich, in einiger Entfernung hört man das näherkommende Tuten und Hupen eines Zuges. Niemand hält an. Niemand außer den TukTuks und Kamelkarren, denn die passen leider nicht unter den Schranken durch. Alle anderen bücken sich und überqueren in aller Ruhe die Gleise. Das alles, ohne nur die Schritte zu beschleunigen oder in Hektik zu verfallen. Der Zug kommt näher, das Hupen wird lauter. Der Strom an Menschen reisst nicht ab. Passanten mit Kind und Kegel, Fußgänger beladen mit Lasten aller Art. Sogar Mofas und Fahrräder werden einfach quer gelegt und unter den Schranken hindurch geschoben. Auch wir schliessen uns an und folgen Ajay auf die andere Seite. Bald ist der Zug nur noch ein paar Meter weg, aber auch dann spazieren noch ein paar Fußgänger und ein Radfahrer über die Schienen. Ist der Zug nun so langsam unterwegs wegen der Passanten oder sind die Passanten so entspannt, weil der Zug so langsam ist? Die Frage hat was von der Sache mit der Henne und dem Ei.

Dass hier alles in unseren Augen auf der falschen Straßenseite geht und fährt, macht die Verkehrsbewältigung für uns nicht leichter. Die ersten Tage laufen wir immer Gefahr, vor irgendein Fahrzeug zu laufen oder mit irgendjemandem zu kollidieren, weil wir mal wieder erst nach links und nicht nach rechts geschaut haben.

Außerdem tut man hier gut daran, den Boden im Auge zu behalten. Nicht nur Kuhfladen sorgen für Überraschungen. Auch sonst sind die Straßen gespickt mit Stolperfallen, Abwasserkanälen und Müll verschiedenster Art. Was man nicht mehr braucht, wirft man weg. Bestenfalls fressen es die Kühe, ansonsten wird es mit der Zeit schon verschwinden.

Dabei hält man die eigene Wohnung, den eigenen Laden absolut sauber und fegt gegen den allgegenwärtigen Staub und Dreck an. Aber diese Fürsorge endet da, wo der öffentliche Raum beginnt. Da türmen sich dann unglaubliche Mengen an Müll und Plastik, und wir Westler können gar nicht verstehen, dass das die Einheimischen nicht stört und dass sie es gar nicht zu sehen scheinen.

Stundenlang lassen wir uns durch Alt Bikaner treiben. Hat man sich erst an die unglaublichen Menschenmengen gewöhnt, fängt der Spaß an. Besonders die Bazare sind toll. Haushaltszubehör, Stoffe und Kleidung hier, Obst, Gemüse und Lebensmittel dort. Ich habe noch nie solche Berge an leuchtenvioletten Möhren gesehen, und die Tomaten strahlen in einem fast unwirklichen Rot. Ein stolzer Verkäufer thront über seinem Stand voller Kartoffeln und Knoblauch und lächelt uns an. Mopeds quälen sich durch die engen Gassen, Frauen tragen schwere Säcke mit Einkäufen auf dem Kopf. Außerdem gibt
Marktstand in BikanerMarktstand in BikanerMarktstand in Bikaner

man beachte den Götter-Abwehr-Stock
es Schneider und Handwerker, leckeren Chai, Imbisse aller Art und Kühe, immer wieder Kühe. Man ist als Kuh in Indien zwar heilig, aber das heisst noch lange nicht, dass man auf dem Gemüsemarkt gern gesehener Mitesser ist. Stattdessen hat jeder Marktbudenbesitzer einen langen und sehr massiven Holzknüppel griffbereit, um dem göttlichen Besucher den Unterschied zwischen 'meins' und 'deins' zu erklären.

Wir besuchen unseren ersten Jain Tempel. So viel Details und feine Malereien. Der moppelige Priester vom Dienst steht in der Sonne und wärmt sich auf. Wie hält der die morgentlichen Temperaturen aus? Er trägt nicht mehr als einen Dhoti nebst nackem Oberkörper und bloßen Füßen. Selbst den Ziegen in den Straßen hat man Pullover angezogen, und Kühe und Büffel sehen wir in Sackleinen verpackt. Es ist wohl ungewöhnlich kalt in diesem Januar. Bis -0,2 Grad in der letzten Nacht. Dennoch tragen viele der Passanten nur dünne Kleidung und wickeln sich zusätzlich in wollene Decken. Unvorstellbar, dass man es hier in wenigen Wochen tagsüber vor Hitze kaum aushalten können wird.

Auch in eines der luxuriöseren Havelihotels können wir dank Ajay einen Blick werfen. Puh, was ein edler Schuppen. So viel Luxus. Da weiß man ja nicht, ob man in einem Museum ist, oder ob man die Möbel wirklich benutzen darf. Und ich wüsste zu gerne, was die noblen Gäste denken, wenn sie hier aus dem Auto steigen, denn das Haus liegt mitten im engen Gassengewirr der Altstadt, Fäkallien auf der Straße und Kühe als Passanten inklusive. Dazu der Lärm und der typische Duft...

Im Bikaner Fort betrachten wir den verschwenderischen Luxus vergangener Zeiten. Der Audio Guide ist wirklich gut gemacht und die deutsche Version prima zu verstehen. Ohne wäre die Bisichtigung sicher deutlich weniger interessant. So aber geht es durch prächtige Zimmer mit vergoldeten Möbeln, edlen Teppichen, filigranen Intarsien und farbenprächtigen Wandmalereien bis hinauf auf das Fort, von wo man einen weiten Blick über die Palastgärten und die Stadt hat und man erfährt so einiges zu dem, was man sieht. Außer uns sind einige weitere Westler und sehr viele inidsche Besucher unterwegs und unterwegs stellen wir fest, dass man die Gruppe von Kamelhirten, die ebenfalls gerade das Fort besucht, schon riecht bevor man sie sieht.

So eindrucksvoll Bikaner Palace auch ist - mit Geschichte und Palästen haben wir es nicht so, und daher wenden uns bald lieber wieder lebendigeren Dingen zu - den Bewohnern des Karni Mata Tempels von Deshnoke. Bekannter ist er bei uns unter dem Namen Rattentempel und Dank Fernsehen, Internet und Youtube hat man schon viel gehört und gesehen. Entsprechend neugierig machen wir uns auf den Weg auch wenn ich mir bis zuletzt nicht sicher bin, ob ich mich wirklich in diese Höhle des Löwen (oder besser der Ratten) wagen werde.

Wahrscheinlich stellt Ihr Euch dieselben Fragen wie ich... Wimmelt es da wirklich so vor Ratten? Ja! Stinkt das nicht furchtbar? Nein! Geruchsfrei geht es zwar nicht zu, aber jede Mäusebeiteilung in der Zoohandlung riecht deutlich schlimmer. Sind die nicht eklig? Nein, ganz und gar nicht! Ich finde sie eher niedlich. Werden die wirklich gefüttert und angebetet? Ja! Sind das so dicke fette Ratten wie 'unsere'? Nein! Ich finde, sie sehen eher wie Mäuse aus und sind wirklich nett anzusehen mit ihren Knopfaugen und struppigen Schnurrhaaren. Muß man wirklich die Schuhe ausziehen, wenn man sie besuchen will? Ja aber klar doch, Tempel ist Tempel! Aber immerhin gibt es Schutzüberzieher für weiße Socken.

Aber es sind unglaublich viele. Unfassbar viele! Für diese Massen fällt mir kein passendes Wort ein. Was mich erstaunt ist, bei weitem nicht alle sehen so gesund und wohlgenährt aus, wie man es unter den Umständen erwarten sollte. Auch einige reichlich heruntergekommene Gestalten finden sich unter den Massen. Und Massen sind das wirklich.

Sie knubbeln sich an den Milchschüsseln und da, wo die Gläubigen ihnen Futter und Leckereien hinwerfen. Um besonders begehrte Brocken gibt es auch richtig Zoff. Da es noch recht früh am Tag ist, als wir ankommen, und es nachts wieder fies kalt war, genießen auch die Ratten die Wärme der ersten Sonnenstrahlen. Ein ganz cleveres Exemplar hat sich seine persönliche Sauna gesichert und sich in einer leeren Plastiktüte in der Sonne zusammengerollt. Man sieht ihr richtig an, wie sie die Wärme genießt.

Zufrieden sonnt man sich überall, die Einzelgänger separat auf Pfosten und Gittern, die geselligeren Gestalten zusammengekuschelt in kleinen und größeren Haufen. Manche sind schon wach und aktiv, rennen wild herum, streiten sich quiekend oder schnuppern neugierig an unseren Zehen. Wenn jemandem eine Ratte über die Füße läuft, soll das Glück bringen, aber an unseren Zehen schnuppert man nur kurz und tritt dann schnell den Rückzug an. Was soll uns das sagen?

Es sind Tausende Ratten, die hier leben, aber darunter nur ganz wenige weiße. Man sagt, nur etwa 4 oder 5 Albinoratten gibt es und - so die Überzeugung der Gläubigen - wer eine der weißen Ratten sieht, dem bringt sie Glück. Und wem gar eine weiße Ratte über die Füße rennt, der hat auch Glück im nächsten Leben. So weit kam es dann doch nicht (vielleicht doch vorher Füße waschen?) aber wir sahen tatsächlich eine der wenigen weißen Ratten. Selbst für Ajay, der schon mehr als 20 mal mit seinen Gästen hier war, ist es erst die zweite Begegnung, und so ist das doch etwas ganz Besonderes. Schmunzelnd unterhalten wir uns darüber, dass nicht alle Besucher, die er hierher begleitet, sich dann auch tatsächlich in den Tempel trauen. Für manch einen ist der Anblick dann doch zuviel und viele schreckt die Tatsache, dass man auch diesen Tempel nur ohne Schuhe betreten darf.

Außer uns sind nur noch drei oder vier andere Westler da, alle anderen Besucher sind Gläubige. Sie haben Tüten mit Leckereien und Zuckerzeug dabei und füttern damit die Ratten. Andächtig verharren sie vor dem Gewusel und das Auftauchen der weißen Ratte löst fast so etwas wie Hysterie aus. Jeder möchte ihre Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Der Ratte wird das schnell zu bunt und sie taucht in eines der zahlreichen Löcher ab. An einer Wand lehnen riesige Kessel. In denen wird bei den Tempelfesten Reis für die Besucher und die Ratten gekocht. Aber auch jetzt liegt weit mehr Futter herum, als die Ratten verzehren können, und obwohl der Innenhof nach oben mit einem Netz abgedeckt ist, haben ein paar Tauben den Weg hinein gefunden und leben jetzt ebenfalls im Schlaraffenland. Im Inneren des Tempels beten und verneigen sich die Besucher vor einem Schrein. Auch hier huschen die Ratten überall herum, und eine besoders große Schüssel voller Gaben steht für sie bereit.

Auf der Rückfahrt fallen uns wieder ein paar Unfallüberbleibsel auf. Ein zermatschter PKW und ein Traktorwrack mit gebrochener Achse am Straßenrand kurz hinter Deshnoke. Was muss das ein Aufprall gewesen sein, wenn es einen Trecker so zerlegt? Beklemmende Aussicht.
Den extra-Gänsehautmoment bekommt diese Szene dann erst zwei Wochen später, als uns Ajay berichtet, dass es auf derselben Strecke einen schweren Unfall gab, bei dem zwei holländische Touristen ums Leben gekommen sind. Ihr Fahrer brach ein Überholmanöver wegen Gegenverkehr ab, aber der LKW hinter ihm hat das leider nicht mitbekommen und raste in das Auto. Der LKW Fahrer floh, konnte aber später gefasst werden. Der Driver der Touristen überlebte schwer verletzt, die beiden Touristen hatten kein Glück, Beiweitem nicht der einzige Touristencrash von dem ich höre, wenn ich mich nicht irre hatte eine Bekannte aus dem Reiseforum hier in der Gegend ebenfalls ihren schweren Unfall als ihr Busfahrer einer Kuh ausweichen musste. Sie kam mit einem gebrochenen Rückenwirbel davon und schrammte haarscharf am Rollstuhl vorbei. Puh!

In der Kamelzuchtfarm von Bikaner schauen wir auch noch vorbei. Die Kamele sind zwar eigentlich Dromedare, aber das ist ihnen so egal wie uns. Wir lassen uns von einem sympathischen Führer mit funkelnden Augen und Rauschebart herumführen, lernen, dass es 4 verschiedene Kamelarten gibt, die man munter miteinander kreuzt und bestaunen die unglaublich langen Wimpern der einer Art (keine Ahnung welche das war) Die Hengste werden von den Stuten und Fohlen getrennt gehalten und machen lautstark deutlich, wie wenig ihnen das gefällt. Feststellung: die Bruftgeräusche der Kamelhengste klingen wie das Gluckern eines verstopften Gullis (und die Kerle riechen auch nicht viel anders).

Die Kamelbabys sind niedlich. Bestehen fast nur aus Beinen, die sie nicht unter Kontrolle haben, und schauen aus großen Augen neugierig in die Welt. Ein frisch geborenes ist leider gar nicht gut dran und wird vom Tierarzt behandelt. Leider sieht es nicht gut aus und es ist fraglich, ob es den Tag überlebt hat. Eine Kolonie knallgrüner Halsbandsittiche bewohnt die Farm und begleitet uns während der ganzen Tour mit ihrem Gekreische. Ein Laden verkauft Dinge aus Kamelleder und sonst so allerlei, aber ich bleibe standhaft. Nur das Kulfi (Eis) aus Kamelmilch müssen wir dann doch probieren. Gar nicht schlecht. Leicht salzig und sehr fettig ist die Milch. Nicht nur nicht schlecht, sondern recht lecker!




07.01.13 - 11.01.13 / Jaisalmer / Hotel Bahat Villas + Khuri / Kamelcamp


Weiter nach Jaisalmer, der Sandburg unter den Städten Rajasthans. Unterwegs noch ein Stop bei den berühmten Kranichen von Kichan. Die großen grauen Vögel fliegen den ganzen weiten Weg u.a. aus Sibirien hierher, um an den Seen bei Kichan zu überwintern. Praktischerweise gibt es hier Vollpension, denn die Bewohner füttern die Vögel und das hat sich scheinbar herumgesprochen. Aberhunderte stehen herum und machen einen unglaublichen Lärm. Zweifellos eindrucksvoll anzusehen, aber wohl nur für Vogelfreunde wirklich interessant.

Man muss nämlich in Kauf nehmen, dass die Dorfkinder die Touristen als willkommene Einnahmequelle entdeckt haben und UNGLAUBLICH lästig sind. Wir waren froh, dass wir einen Muttersprachler an unserer Seite hatten, der sie in ihre Schranken weisen konnte und selbst er hatte seine liebe Mühe.

Geld geben wir prinzipiell keines, aber auch die Idee, eine Tafel Schogetten auszupacken erweist sich als Fehler. Es kommt fast zu Handgreiflichkeiten als einer der Knirpse die Schokolade für sich beansprucht und mehr als beherzt zugreift. Da muss die nice western Lady (ich!) den Jungs mal ein paar nicht sehr freundliche aber letztlich sehr wirkungsvolle Worte an den Kopf werfen. Die Kraniche sind schön und wegen ihrer Größe und der schieren Masse eindrucksvoll, aber der Besuch hier lohnt in meinen Augen dennoch nicht. An der Schule, in der die Kids eigentlich sein sollten, kommen wir auch vorbei. Die anderen Kinder spielen im Hof, der Lehrer liegt schlafend auf der Veranda. Hm... Die staatlichen Schulen haben nicht den besten Ruf.

Jaisalmer finde ich toll und rückblickend betrachtet ist das definitiv eines der Highlights der ganzen Reise. Der Vergleich mit einer Sandburg, den man überall liest, ist wirklich treffend, denn wie im Sandkasten eines Riesen gebaut thront die Oberstadt mit ihren dicken Festungsmauern und runden Türmen über der Wüstenebene. Wirklich aus Sand(stein) gebaut, leuchtet sie honiggelb und gibt zu jeder Tageszeit ein lohnendes Fotomotiv ab. Das haben leider auch die Touristenströme erkannt, und so herrscht an westlichen Besuchern kein Mangel - mit den bekannten anstrengenden bis negativen Nebenwirkungen für Land und Leute. Und wie eine Sandburg auch, bröckelt und zerfällt die mächtige Festung, und nur umfangreiche Ausbesserungsarbeiten verhindern, dass sich das Ganze in einen großen Sandhaufen zurück verwandelt.

Die Oberstadt ist extrem touristisch. Laden reiht sich an Laden, Restaurants und Shops buhlen um das Geld der Touristen. Überall wird man angesprochen, und manchmal muß man schon recht energisch werden, um die ganzen lästige Schatten los zu werden. Aber immerhin wohnen und leben noch 25% der Menschen in Jaisalmer in den alten Häusern innerhalb der Festungsmauern, und so gibt es immer wieder kontrastreiche Ausblicke zwischen Alltag und Kommerz, normalem Alltagsleben und Touristen. Da wird Wäsche gewaschen und getrocknet, Frauen sitzen vor den Häusern und putzen Gemüsen und schwatzen. In einer Seitengasse hockt ein vielleicht fünfjähriger Junge mit nacktem Po über der Abwasserrinne und macht einen Haufen. Für uns vielleicht irritierend, aber für viele Menschen hier Alltag, denn längst nicht jedes Haus hat eine eigene Toilette.

Direkt am Eingangstor in die Festung sitzen zwei fotogene geschäftstüchtige heilige Männer, die sich mit ihren Fotoeinnahmen sicher Tag für Tag eine goldene Nase verdienen (20 Rs je Bild, von Rupies für irgendwelche Armbändchen ganz zu schweigen). Aber sie sehen einfach zu pittoresk aus, als dass man einfach weitergehen könnte und ich wette, ein Bild wie unseres findet sich in vielen Reiseberichten.

Auch die farbenfrohen Bettüberwürfe mit Spiegeln und Stickereien, die Tischläufer, Kissenbezüge und Teppiche die man in Jaisalmer verkauft, machen optisch viel her. Leider sind sie viel zu groß und schwer, als dass sie mit ins Reisegepäck passen würden. Auch die Werbeideen der Shops sind amüsant - da leuchten uns Slogans wie "No need for Viagra - magic bedsheet" (Kein Viagra nötig - magisches Bettzeug) und "make your boyfriend less ugly" (mach Deinen Freund weniger hässlich) bzw. "make your girlfriend more beautiful" (mach Deine Freundin hübscher) entgegen.

Aber es gibt auch zahllose Shops die Artikel aus Leder verkaufen, Taschen, Gürtel, Schuhe in einer beeindruckenden Vielfalt. Mich lachen ein paar simple Flipflop-Sandalen aus Kamelleder an. Sie sind leicht, günstig und bequem, die müssen mit. Und ein paar Tücher passen doch auch immer noch ins Gepäck...

Am Abend, wenn die Busse abgezogen sind, entwickelt die Altstadt einen ganz eigenen Charme. Die Läden schließen, die Ladenbesitzer räumen die Auslagen weg und setzen sich zum Abendessen nieder. Das ganz normale Leben übernimmt wieder die Vorherrschaft. Auch wir haben Hunger und entscheiden uns für das "Free Tibet", ein tibetanisches Restaurant, dessen Rooftop zu den höchsten in der ganze Stadt gehört. So sitzen wir hoch über allen anderen, haben eine unglaubliche (wenn auch sehr dunkle) Aussicht und genießen sehr gutes günstiges Essen und leckeres Lassi. Für Nachahmer: Vorsicht, es gibt noch ein weiteres tibetanisches Restaurant, aber das soll längst nicht so gut sein.

So touristisch die Oberstadt, so authentisch und lebendig ist die Unterstadt. Wir genießen es, hier herumzuwandern, gibt es doch so viel zu sehen, zu hören, zu riechen, zu schmecken. Werkstätten mit stolzen Handwerkern drin und dicker Ölschicht davor, Müllsammelkinder mit riesigen Säcken im Schlepptau, Ziegen vor Hauseingängen und hochbeladene Fahrzeuge in den Gassen. Winzige Schneiderläden, Barbershops, der obligatorische "Beer and Wine" Shop. Alkohol kauft man in Indien nicht im Supermarkt nebenan, sondern in speziellen Läden, fast wie in Schweden, nur erheblich billiger! Neben dem köstlichen Kingfisher Bier, dass wir schon von unserem ersten Indienbesuch kannten, ist der wunderbare "Old Monk" Rum die flüssige Entdeckung des Urlaubs. Thorsten scheuche ich in Jaisalmer erstmals zum Barbier, so langsam kann er als Hippi durchgehen und bevor im Gesicht ein kompletter Urwald wächst, muss das Gestrüpp ab. Hier wird noch richtig mit viel Schaum und scharfer Klinge rasiert, also nichts für schwache Nerven, aber das Ergebnis ist glatter als ein Babypopo.

An unzähligen kleinen foodstalls in den Straßen werden allerlei Snacks verkauft. In riesigen Kesseln werden Samosas, Pakoras und andere fettige Leckereien fritiert Auch die absolute kulinarische Entdeckung finden wir in den Straßen von Jaisalmer: Kartoffelfrikadellen mit Kichererbsen und wunderbar würzigen Soßen. WOW, sind die gut! Dass man für 20 Rs so schlemmen kann! Was doch all den Reisenden entgeht, die sich nicht aus den Hotelrestaurants heraustrauen...

Man kommt aus dem Schauen und Staunen nicht heraus, und das wird dann auch Thorsten zum Verhängnis. Den Blick auf die interessanten Szenen um ihn herum gerichtet, übersieht er die Abwasserrinne zu seinen Füßen und tritte genau hinein. Bis fast zum Knöchel versinkt der Fuß nebst Lederschuh im schwarzbraunen Schlamm aus Fäkalien, Abwasser und Dingen, die man sich gar nicht vorstellen will. Was für eine klebrige Suppe und was für ein Gestank! Umso erstaunlicher, dass sich das Malheur ausswaschen lässt und der Schuh dieses Abenteuer geruchsfrei übersteht. An amüsierten Blicken und breitem Grinsen auf dem Gesicht aller Umstehenden mangelte es jedenfalls nicht, während wir zurück ins Hotel eilten...

Inzwischen ist es nachts nicht mehr gar so furchtbar kalt, und so wollen wir der Kamelsafari doch noch eine Chance geben. Auch von Jaisalmer aus kann man in die Wüste aufbrechen und angeblich geht es in den Dünen von Khuri weniger überlaufen zu als nahe Bikaner. Für die klassische Übernachtung unter'm Sternenzelt ist es uns dann aber doch zu kalt, und wir entschliessen uns lieber für die Lehmhüttenvariante.

Kamelreiten ist witzig, aber am Ende leider auch furchtbar touristisch. Schon der Start ist spannend, denn wenn das Kamel aufsteht, muss man aufpassen, dass man oben bleibt. Hinten halb hoch, vorne hoch, hinten ganz hoch - gar nicht so einfach, dabei das Gleichgewicht zu halten. Aber wenn man erst mal oben ist, ist es nett. Man sitzt ziemlich hoch über dem Boden und schwankt gemächlich durch die Landschaft. Die Kamelführer spazieren vorweg, und die Wüstenschiffe schlendern gelassen hinterher. Die vermeidliche Wüste ist hier zwar immernoch recht bewohnt, eher eine Steppe mit Pisten hier und Häusern da, aber manchmal geht es auch durch Dünen, wie man sie sich in einer Wüste vorstellt. Um die Zivilisation so richtig hinter sich zu lassen, müsste man Mehrtagestouren machen. Die werden natürlich auch angeboten, und man kann auch gleich für mehrere Wochen in die Wüste gehen. Wir bleiben bei unserem Halbtagestrip, schließlich haben wir noch verdammt viel vor. Jeder auf seinem eigenen Kamel ziehen wir davon. Das ist nämlich gar nicht selbstverständlich, denn die Billiganbieter packen gerne mal 2 Touristen auf ein Kamel und das ist dann insbesondere für den Reiter längts nicht so entspannt.

Es geht durch eine staubige Steppe mit Büschen und struppigen Bäumen, manche scheinen nur aus dornigen Ästen zu bestehen, und auch die Akazien sind nur von Ferne einladend grün. Kommt man näher, sieht man die spitzen zentimeterlangen dicken Dornen. Einen davon habe ich mir in meine Kamelledersandale eingetreten und war froh, dass das Leder so dick und zäh ist. Die Plastiksohle meiner Trekkingschuhe hätte dieses 3cm Monster glatt durchbohrt. Die Kamele hindern die Dornen aber nicht daran, die Blätter von den Ästen zu zupfen und andere Zweige gleich komplett zu zerkauen.

Ein paar Frauen tragen Brennholzbündel auf dem Kopf, eine Antilope huscht über den Weg, an einer Wasserstelle scheuchen wir einen riesigen Raubvogel auf. Vom Trip in eines der Dörfer nehmen wir Abstand. Da warten sicher nur wieder so geschäftstüchtige Kids wie in Khuri. Lieber noch ein wenig Reiten und Wüste gucken.

Am Ende trifft man sich dann mit all den anderen Kameltouristen am Sunsetpoint zum gemeinsamen Sonnenunterganggucken. Es wird ganz schön voll und geht zu wie im Strandbad, sogar ein überteuerter Getränkeverkäufer kommt vorbei. Ein Bettler ohne Hände macht gute Geschäfte und die Kamelführer sitzen gelangweilt herum und warten, bis es wieder zurück zu den Hütten geht. Die Kamele tun es ihnen gleich, und mache lümmeln sich sogar mit ausgestrecktem Hals im Sand. Die Touries sitzen auf der höchsten Düne im feinen weichen Sand, geniessen den Moment oder fotografieren sich und die Kamele, den Sonnenuntergang, die Kameltreiber. Eine richtige Karawane macht sich anschließend auf den Heimweg und verteilt sich nach und nach auf die einzelnen Startpunkte. Dort folgen Tanz und Musik und ein mehr oder weniger authentisches Abendessen. Danach ziehen die Freiluftschläfer wieder in die Wüste nächtigen dort. Wir liegen währenddessen warm und sehr bequem auf den Charpois in unserer Lehmhütte und haben sogar ein WC ganz in der Nähe. Und das Frühstücksbuffet wird auch gleich vor unserer Nase aufgebaut.

Anschließend zurück nach Jaisalmer und die nächsten Tage den Muskelkater auskurieren. Noch mehr köstliche Kartoffelfrikadellchen genießen und Straßenszenen beobachten. Hier lässt es sich aushalten, wirklich eine nette Stadt. Der Ausflug zum Sunsetpoint lohnt sich allerdings nicht wirklich. Ein paar Grabmale geben zwar nette Fotomotive ab, aber der Blick auf den Sonnenuntergang ist eher unspektakulär. Und dafür 50 Rs Eintritt?

Da sind die 100 Rs pro Nase im Bada Baha genannten Gräberkomplex schon besser investiert, auch wenn die zusätzliche Kameragebühr eigentlich eine Frechheit ist. Aber immerhin bekommt man einen dekorativen Papierzettel mit Goldband für die Kamera. Ein Haufen Herrschergräber auf einem Hügel im Umland von Jaisalmer. Vorsicht beim Betreten der Gebäude, riesige Wespennester (jetzt in der Winterzeit verweist) liegen in vielen Kuppeln. Und auch Vorsicht draußen, angeblich hausen in den Erdlöchern unter den Grabmalen Kobras. Löcher sehen wir viele, Kobras zum Glück keine.

Die Grabmale selbst ähneln sich alle. Von Säulen getragene Zwiebeltürme aus teilweise verziertem, goldgelbem Sandstein überragen Stelen, die an die Herrscher erinnern und auf denen Inschriften in Hindi deren Geschichte erzählen. Abgebildet wird zumeist der Herrscher zu Pferd und neben ihm zeigen weitere Figürchen, wie viele Frauen ihrem Mann ins Begräbnisfeuer gefolgt sind. Auf einer sind ganze 11 Frauenfiguren abgebildet. Seltsame Zeiten waren das.
Bada Bagh...Bada Bagh...Bada Bagh...

... Erinnerung an einen Herrscher und seine Frauen, die ihm auf den Scheiterhaufen folgten

Natürlich versuchen auch hier ein paar angebliche Studenten die Besucher als Einnahmequelle zu nutzen. Nein, wir haben KEINE Münzen aus Europa. NEIN, wir brauchen auch keinen Führer! So langsam haben wir Routine darin, schnell deutlich zu machen, dass wir lieber alleine auf Erkundung gehen, wobei einer der Kerle hier so hartnäckig war, dass ich ihn ziemlich anpfeifen musste.

Vier struppige Hundekinder leben in den Ruinen, hübsche kleine Kerlchen, aber so staubig und so dünn. Nur ein paar der unzähligen Streunerhunde die man überall hier sieht. In den Städten wimmelt es, denn überall wo Menschen leben, sind auch die Hunde nicht weit. Sie sind nicht zahm, suchen aber die Nähe des Menschen, denn da fällt immer irgendetwas essbares ab. Schmale, hochbeinige Gestalten mit dünnem, staubigen Fell. In allen Farben kommen sie daher, aber besonders häufig sieht man sandfarben braune. Sie sind so allgegenwärtig wie die heiligen Kühe und meist erstaunlich gut genährt. Allerdings sieht man auch immer wieder Verkehrsopfer, dreibeinige Hunde und einmal sogar einen gelähmten.

Was uns nie begegnet sind die typischen hungrigen Knochengestelle, wie sie einem unter den Hunden und Katzen in Südeuropa oft begegnen. Das passt zu einem typisch indischen Paradoxon auf das wir hier oft stoßen: die Menschen mögen unglaublich arm sein und selbst kaum genug zu essen haben, aber dennoch kaufen sie extra Gras und Futter, um es den Kühen zu spenden, und auch für die Hunde fällt immer wieder ein Happen ab. Tut man in diesem Leben einem anderen Wesen etwas gutes, bringt das gutes Karma für das nächste Leben. Und gutes Karma kann man nie genug haben.

Unzähliche Welpen gibt es derzeit. So niedliche freundliche kleine Wesen, da fällt es mir besonders schwer, auf Abstand zu bleiben. Aber besser kein Risiko eingehen. Indien ist das Land mit den weltweit meisten Tollwutfällen unter Menschen. Je nach Quelle liest man von 10.000 bis 20.000 Fällen im Jahr, wobei Tollwutinfektionen mit verlässlichen 100% stets tödlich enden. Wir sind zwar gegen Tollwut geimpft, aber im Falle eines Falles müssten dennoch schnell noch ein Paar Auffrischungsspritzen her und wer weiß, wo die nächste Klinik mit einem entsprechenden Impfstoff zu finden ist.

Einen Jain Tempel in der Nähe von Jaisalmer besuchen wir auch noch. Ein ruhiger friedlicher Garten, gepflegte Gebäude an einem leider ausgetrockeneten See gelegen, in dem heute Kühe grasen. Wir sind die einzigen westlichen Besucher und streifen ungehindert durch den Garten und die Gebäude. Schöne Schnitzereien aus honiggelbem Sandstein, geschnitzte Fenstergitter und seltsame Figuren der Heiligen, die hier verehrt werden. Eine Figur sieht für uns aus wie... Barbapapa?

Als Atheist, wie wir nunmal welche sind, findet man in Indien viele obskure Szenen, die uns schmunzeln lassen. Aber so geht es uns auch in Lourdes oder im Kölner Dom, nur dass Religion in in Indien so herrlich bunt und lebendig ist und auch wir ungläubigen Besucher hier stets mit offenen Armen aufgenommen werden. Glauben und glauben lassen getreu dem kölschen Motto "jeder Jeck is anders".

Interessanter Ausflugstipp für geologisch Interessierte in der Nähe von Jaisalmer: der Akal Wood Fossile Park. Ein weitläufiges Gelände, das vor Urzeiten nebst seinem Wald von Vulkanasche bedeckt wurde. Karg und steinig, Lavabrocken und Gestrüpp bis zum Horizont. Der von Asche bedeckte Wald versteinerte und liegt heute noch in der Landschaft herum. Was auf den ersten Blick aussieht wie Holz, ist beim Anfassen doch Stein - erstaunliche Erfahrung. Teilweise riesige, sehr eindrucksvolle Exemplare von 15 m Länge und mehr liegen herum. Die größten und schönsten hat man mit Metallkäfigen umhüllt, um sie davor zu bewahren, davongetragen zu werden, aber wenn man herumspaziert und sich erst mal eingeguckt hat, findet man mehr und mehr große und klein Bruchstücke von Bäumen, die Rinde und die Holzstruktur noch gut zu erkennen.

Der große Park ist sehr einsam, denn kaum einer der Touristen und Traveller verirrt sich hierher. Uns gefällt es, wir wandern lange herum und finden viele interessante Überreste. Leider können wir nur einen Bruchteil unserer Fundstücke mitnehmen, schliesslich wiegt versteinertes Holz so viel wie Stein.


11.01.13 - 14.01.13 / Jodhpur / Durag Nivas Guesthouse


Auf der Fahrt nach Jodhpur machen wir in einem typischen Truckstop entlang der Piste Rast. Leckeres Essen für kleines Geld und köstlicher Chai. Nachdem wir uns bei Deshnoke erstmals in einen solchen Schuppen getraut haben, versuchen wir wo immer möglich an solchen Plätzen zu halten und zu essen. Stets sind wir die Attraktion. Hierher verirren sich so gut wie nie Westler, und dass wir dann auch noch hier essen und Tee trinken, die anderen Gäste können es kaum fassen. Diesmal ist besonders viel los und so wird Ajay mit Fragen bombadiert. Was machen die Touristen hier? Wieso essen die nicht im Hotel? Wo kommen die her? Wo reisen die hin? Famileinstand, Kinder, Beruf... und vieles mehr. Irgendwann gibt er das Übersetzen für uns auf, und die Worte in Hindi schwappen wild hin und her.

Man isst mit den Fingern der rechten Hand und natürlich wäscht man sich die Hände vor dem Essen am bereitstehenden Wasserkübel. Wir haben zu Anfang unserer Reise immer noch ne Runde Desinfektionsmittel aufgesprüht, aber das wurde lästig, und irgenwann vergaßen wir es einfach. Es hat uns nicht geschadet. Am besten sieht der sauberkeitsverwöhnte Deutsche über die hygienischen Randbedingungen einfach hinweg. Und so schlimm finden wir es eh nicht. Zwar freuen sich die Fliegen über die vielen Gäste und die Tische sind schon speckig, aber die metallenen Teller sind sauber und das Essen wird frisch zubereitet. Und die einzige Ratte in einem Restaurant sehen wir in Jaipur.

Eine Karte gibt es nicht, und so hätten wir uns ohne Ajay sicherlich mit dem Bestellen schwer getan, denn nur wenige der LKW Fahrer und Köche, die wir hier treffen, sprechen überhaupt etwas Englisch. Dafür ist das Essen in diesen Roadside Restaurants wirklich gut, frisch, reichhaltig und schööööön scharf. Verschiedenste Gemüsegerichte oder auch Thali für etwa 100 Rs (70 Rs = 1 €). Und so eine geniale hausgemachte Chili-Knoblauch-Koriander Sosse wie beim Stop nahe Deshnoke habe ich noch nie gegessen. Und den Koch freute es sichtlich, dass uns Westlern sein Essen und die scharfe Sosse so gut schmecke.

Dank der Empfehlung einer Freundin (Merci Lucia!) sind wir Jodhpur in einem hünschen kleinen Guesthouse namens Durag Nivas gelandet. Schöne große, individuell eingerichtete Zimmer in einem 3 geschossigen knallblauen Haus mit kleinen Innenhof in einer ruhigen Seitenstraße. Eine gute Basis in einer großen lebendigen Stadt.

Der Besitzer ist Gründer und Leiter des Sambhali Trust, einer Organisation, die sich um die Bildung und Ausbildung von Mädchen und Frauen aus den unterpriviligierten Schichten bemüht. Eine Reihe von Lehrerinnen aus Deutschland und der Schweiz und andere Freiwillige aus Frankreich und Spanien helfen in diesem Projekt aus, aber irgendwie haben wir nicht die gleiche Wellenlänge wie sie und so kommen wir leider weder beim morgendlichen Frühstück noch bei anderen Aufeinandertreffen wirklich in Kontakt. Dafür verschwindet mein Guide du Routard, den ich abends am Tisch vergessen habe, zunächst spurlos und ich habe schon Sorge, dass jemand ihn für einen Teil der Bücherwand gehalten hat, aus der man sich bedienen kann, wenn man im Tausch ein anderes Buch da lässt. Als letzte Idee lege ich abends einen Zettel mit einem Hilferuf auf dem Tisch aus, und siehe da, rechtzeitig zu unserer Abreise ist das Buch wieder da. Puh! Glück gehabt!

Über Jodhpur throhnt eine massive Festung, Mehrangarh Fort, die gut zu den Bildern passt, die sich in unseren westlichen Köpfen breit machen, wenn wir an Indien, Rajasthan, Maharadjas denken. Abweisende massive Mauern, gigantische Tore, prächtige Räume, edle Materialien, Gold und Gemälde, furchterregende Waffen und Geschichten von blutigen Kriegen, von Helden und von vebrannten Königinnen. Bis zu 36 hoch wachsen die rotbraunen Mauern scheinbar direkt aus dem Felsen empor.

Jodhpur trägt den Beinamen blue city übrigens zurecht, wie man hier von der Festung aus gut erkennen kann. Die wie Bauklötze ineinander verschachtelte Häuser leuchten pastellfarben himmelblau, und das macht sie sehr fotogen. Leuchtend bunte Saris trocknen hier und da und sorgen für Kontraste. Dient die blaue Farbe nun der Moskito- oder Termitenabwehr, oder stammt sie von der Vorliebe der Brahmanen für blau? Es gibt verschiedene Theorien und Geschichten dazu. Welche stimmt weiß keiner, aber was auch immer der Grund ist - es sieht hübsch aus.

Aber vor der Tour in die Vergangenheit gibt es gegenwärtige Vergnügungen für Thorsten: ein Flying Fox genanntes Abenteuer, bei dem man an Seilen hängend kreuz und quer Ausläufer der Festung und den umgebenden Hügel gleitet bzw. saust. Nix für mich! Ganz und gar nix für mich! Mir wird ja schon fast schummrig während ich Thorsten durch den Sucher der Kamera verfolge. Aber er hat unverkennbar Spaß, und die Kulisse ist grandios. Das mächtige Fort, die blauen Häuser der Altstadt und die karge felsige Umgebung auf denen das Fort thront. Fast unwirklich in der trockenen Landschaft sind die Seen, die als Wasserreservoire neben dem Fort angelegt sind und über die die wilde Fahrt hinweg saust.

Während Thorsten mit 3 japanischen Mädels den Parcours bewältigt, genieße ich meinen ruhigen Standpunkt über den Seen und schaue den Hörnchen zu. Überall in den Parks, Gärten und Forts die wir besuchen, findet man diese quirligen Streifenhörnchen. Sie sind etwa so groß wie unsere Eichhörnchen, aber sandbraun mit geringelten Schwanz und drei auffälligen dunkelbraunen Streifen auf dem Rücken. Meine Kekse nehmen sie gern, und schon ist ein wildes Gezeter und Gerenne im Gange. Dabei rennen sie die senkrechten Mauern rauf und runter, als hätten sie Saugnäpfe an den Füßen, und auch zwischenzeitliche Stops kopfüber, um sich mit einem Nachbarn zu streiten, sind kein Problem

Nach dem Flying Fox besichtigen wir Mehrangarh Fort. Den gut gemachten deutschsprachigen Audioguide im Ohr machen wir uns auf den Weg und auf eine Zeitreise. Wir erfahren viel über die Geschichte des Forts, aber auch über das Leben der Maharadjas und ihrer Frauen in vergangenen Zeiten, über die Bedeutung der Farben, das Kastensystem und auch darüber, wie die Herrscherfamilie den Übergang in die Moderne erlebt und gemeistert hat. Sehr interessant und informativ gemacht!

Eine steile Rampe führt durch diverse Tore hinauf. Die großen glattpolierten Bodenplatten machen den Aufstieg zusätzlich schwierig, und es geht nur langsam voran. Zusammen mit allerlei Touristen keuchen wir aufwärts, vorbei an einem Musikanten nebst Sängerin und einem Bettler auf allen Vieren, der sich ein paar Münzen erhofft und noch viel mehr mit dem Untergrund zu kämpfen hat als wir.

An einem der Tore kann man noch die Einschläge der Kanonenkugeln bei einer Belagerung erkennen. Weiter den anstregenden Weg hinauf stehen wir vor einem weiteren gigantischen Tor mit furchterregenden eisernen Spießen. Kein Zweifel, die waren wirkungsvoll um Kriegselefanten davon abzuhalten, sich mit voller Wucht gegen die Tore zu werfen. Genauf auf Höhe des Elefantenkopfes angebracht haben sie ihre Wirkung sicher nicht verfehlt. Kurz hinter dem Tor sieht man zwei mit Blumenkränzen geschmückte steinerne Platten mit nachgebildeten zierlichen Frauenhänden. Sie erinnern an die Frauen des Herrschers Man Singh, die ihm Jahr 1843 als Sati auf den Scheiterhaufen gefolgt sind. Die Witwenverbrennung wurde zwar schon 1829 von den Briten geächtet, aber per Gesetz verboten wurden sie erst 1987. Den letzte nachweisliche Fall in Jodhpur gab es (so zumindest eine Info aus dem Netz) erst 1953.

Diese Selbstverbrennungen sind eine furchtbare Tradition, die einem immer wieder begegnet, wenn man sich mit der Geschichte Rajasthans befasst. Eine besondere Form war der Jauhar. War absehbar, dass eine Schlacht verloren ging, wählten sogar gleich Hunderte von Frauen den Feuertod, um so der Schande zu entgehen, die die neuen Herren ihnen wohl bereitet hätten, während sich ihre Männer in den tödlichen Kampf stürzten.

Für weiter Interessierte seien die entsprechenden Wikipedia Artikel empfohlen http://de.wikipedia.org/wiki/Witwenverbrennung / http://en.wikipedia.org/wiki/Jauhar

Die Tour durch das Fort ist kurzweillig und abwechslungsreich. In einem Saal sind prächtige Elefantensänften ausgestellt, die für die Damen des Hofes natürlich verschlossen, denn niemand außer ihren Männern durfte einen Blick auf sie erhaschen. Prächtige Räume mit edler Ausstattung zeigen den Luxus, in dem die Herrschenden lebten. Man erfährt Details über das Leben am Hof und kann in einem Saal Miniaturmalereien bestaunen. In einem anderen Raum stehen die prächtigen Wiegen des (männlichen!) königlichen Nachwuchs'. Um die Töchter gab es kein solches Tamtam. Leider ist mit uns eine Horde von Teenagern, Jungs und Mädels, unterwegs, die sich wie wild mit ihren Handys fotografieren, laut kichern und reden und sogar die Stimme des Audioguide in meinem Ohr übertönen. Natürlich posieren sie begeistert als Thorsten sie fotografieren will.

Ein Doppeldecker aus dem 1. Weltkrieg gehört ebenso zum Sammelsurium der Exponate, wie ein ausgestopfter von Motten angefressener Leopard, verblichene Fotos und angestaubte Kleidung der Herrscher. Dass die Rajputen ein kriegerisches Völkchen sind, ist spätestens angesichts der Masse an ausgestellten Waffen offensichtlich. Der Audioguide berichtet dazu eine Episode aus dem Leben eines der Vorfahren des aktuellen Herrschers. Nachdem er schon im ersten Weltkrieg auf Seiten der Engländer gekämpft hatte, meldete er sich natürlich auch freiwillig, als der zweite Weltkrieg ausbrach und fand es schlichtweg empörend, dass die Briten ihm sagten, mit über 60 sei er zu alt für den aktiven Kampfeinsatz. Ein Rajput sei nie zu alt für den Krieg, hielt er entgegen, und am Ende setzte er sich durch und zog zusammen mit seinem Enkel in die Schlacht.

Die Waffensammlung ist wirklich eindrucksvoll mit ihren Schwertern, Gewehren und grausigen Dolchen. Einer davon ganz besonders fies: kaum hat man zugestochen, löst man einen Mechanismus aus und das Messer schnappt im Körper des Angegriffenen auseinander. Gleich drei Klingen geben dann dem Opfer den Rest.

Unweit des Forts auf einem angrenzenden Hügel liegt das Jaswant Thada, das Mausoleum für den Maharaja Jaswant Singh, das von seiner Witwe dort errichtet wurde, wo man seinen Leichnam verbrannt hat. Meiner Ansicht nach eine bessere Lösung als sich mit verbrennen zu lassen. Ein Gebäude aus blendendweißem Marmor in einem hübschen Garten. In dem Garten treffen wir die Teenager wieder, die uns mit ihrem lauten Kichern und Herumalbern schon im Fort genervt haben. Hier amüsieren sie uns: die ca 18 Jährigen spielen begeistert und lautstark auf einer der Wiesen Blindekuh, bis sie von einem der Wächter verscheucht werden. Blindekuh.... mit 18....

Jodhpur hat nicht nur das Fort zu bieten, auch die Altstadt mit ihren Snacks und Bazaren lohnt einen Besuch. Wir genießen Lassi, Samosas und Chili Pakoras und kaufen ordentlich Gewürze ein. Letzeres natürlich bei Mohanlal Verhomal Spices. Der Laden, den die sieben Töchter nach dem Tod des Vaters selbständig weiterführen, ist inzwischen schon eine feste (touristische) Institution. Man kann sicher auf den Märkten und in den Barzaren günstiger einkaufen, aber die Qualität der Gewürze ist hier wirklich hervorragend und der Empfang superfreundlich. Wir plauderten in Englisch, Französisch und Deutsch mit der Inhaberin (da ist sie wieder, diese unheimliche Sprachbegabung) und zogen zufrieden mit unserer kräftig duftenden Beute ab.

Dummerweise habe ich, als wir mal nicht an einem der schäbigen Straßenstände, sondern zur Abwechslung mal in einem Hotelrestaurant aßen, meine Verdauung geeärgert und mein Körper schaltet auf Durchzug. Zum Glück fühle ich mich ansonsten nicht krank und dank Immodium lassen sich die Tage weiterhin nutzen. Man sollte nur zur rechten Zeit in der Nähe eines WC sein. Mal sehen, ob Kohletabletten als Gegenmittel ausreichen. Die Antibiotika in unserer Reiseapotheke wären zwar prima für HNO-Probleme und Blasenentzündungen, aber für den Verdauungstrakt taugen sie leider nix. Merken! Beim nächsten Packen auf vernünftige AB achten!

Bevor wir weiterziehen noch eine nette Episode am Geldautomaten in Jodhpur. Geldautomaten (ATM) gibt es überall in ausreichender Anzahl und das Geldholen klappt reibungslos. Außerdem bekommt man hier in der Regel einen deutlich besseren Wechselkurs als bei allen Tauschaktionen und so haben wir uns während der ganzen Tour auf diese Art mit Geld versorgt.
Meist stehen die ATM in kleinen Räumchen, die immer nur ein Kunde zur Zeit betritt, während die nachfolgenden artig draußen warten. Thorsten füllt gerade unsere Reisekasse auf, als ein Bankangestellter den Raum betritt - wie im Film mit Geldkoffer in der Hand. Während er wartet, dass Thorsten fertig ist und er den Automaten nachfüllen kann, stellt er schon mal den Koffer ab, klappt ihn auf und eine kompakte Masse an dicken Bündeln voller Rupies leuchtet Thorsten einladend entgegen. Vor jedem Juwelier sitzt hier ein Bediensteter mit Gewehr in der Hand, aber der Rupieskoffer wird einfach so präsentiert. Incredible India!


14.01.13 - 16.01.13 / Ranakpur / Ranakpur Hill Resort


In Ranakpur ist nicht viel los. Man kommt nur vorbei, um sich den berühmten Jain Tempel mit seinen feinen Schnitzereien anzusehen und vielleicht einen Ausflug zum eindrucksvollen Kumbhalgarh Fort zu unternehmen. Wir machen beides, und während uns der vielgelobte Tempel nicht recht beeindruckt, trifft das Fort absolut unseren Geschmack. Und vorallem genießen wir die relative Ruhe ohne pausenloses Hupen, unüberschaubare Menschenmassen und knöchelhohen Plastikmüll. Uns war gar nicht bewusst, wie sehr wir uns in den letzten beiden Wochen schon an den permanenten Lärmpegel gewöhnt hatten. Erst jetzt, wo er fehlt, fällt es uns auf. Wobei, das mit dem Müll stimmt nur bedingt, denn in Ranakpur selbst sahen wir auch das übelste Müllfeld der ganzen Reise, aber immerhin war es außerhalb des Stadt erstaunlich müllfrei.

Natürlich streifen auch hier Kühe durch die Straßen, und immer häufiger sehen wir auch Wasserfbüffel. Anders als die heiligen Kühe, die oft eher knochige zähe Gestalten sind, kommen die Wasserbüffel muskelstrotzend und rund daher. Massige schwarzglänzende Körper und riesige Hörner. Sie strahlen eine gewisse Wildheit aus, auch wenn sie lammfromm an der Kette hinter ihren Besitzern herlaufen. Man beachte - an der Kette! Kühe bindet man mit Seilen an, Wasserbüffel sahen wir nur an der Kette.

Ziegen und Hunde gibt es natürlich auch in großer Zahl, dazu zur Abwechslung aber auch eine Menge Schweine, die wir bisher noch nicht gesehen haben. Hier in Ranakpur ist es deutlich grüner und weniger wüstenartig als bisher auf unserer Tour, das gefällt den Schweinen sicher besser. Jedenfalls stöbern sie zufrieden in den Abwasserrinnen und auf den Müllhalden. Große zartrosa Schweine, wie man sie auch bei uns kennt, aber auch kleinere schwarzbraune mit langen struppigen Borsten, die an unsere Wildschweine erinnern. Alle grau eingestaubt vom Ruß der Feuerstellen, deren Reste sie auch durchwühlen. Ein besonders großes liegt totgefahren mitten auf der Straße und zwingt den Verkehr zu Slalomfahrten. Meine Liste an Verkehrsopfern wird immer länger... 2 Kamele, 3 oder 4 Hunde, eine Ratte, einige Ziegen und Schafe und jetzt ein Schwein. Ob die toten Kühe die wir hier und da neben den Straßen sahen auch unter die Räder gekommen oder eines natürlichen Todes gestorben sind ist unklar. Also vielleicht auch noch ein paar Kühe...

Auf zum Tempel. Natürlich Schuhe aus, bevor es hinein geht. Nein, meine Schuhe dürfen nicht bei den Männerschuhen stehen (???), sondern müssen auf die andere Seite der Treppe umziehen. Seltsame Regelungen gibt es hier. Dann Sicherheitscheck am Eingang des Tempels mit Blick in die Handtasche. Mein Messer interessiert niemanden, aber Objekte aus Leder dürfen nicht hinein. Und es wird geprüft, ob wir auch artig an die 100 Rs Kameragebühr bezahlt haben. Haben wir natürlich, erstmals wurden an der Kasse sogar Kamerahandys erwähnt, aber dafür hab ich nicht gezahlt. Egal, mein Handy in Lederhülle nebst Kamera entging der Securitylady ohnehin.

Klar, die Schnitzereien in cremweißem Marmor im aus dem 15. Jh stammenden Adinatha Tempel sind schon eindrucksvoll, aber irgendwie erschlägt mich die überbordende Masse an Verzierungen, Figuren, Ornamenten, Blumen und Mustern. 1.440 Säulen, jede anders verziert, tragen angeblich das Dach und vor lauter Details, Schnörkel und Vielfalt wissen die Augen nicht, wo sie hinsehen sollen, das Hirn ist überfordert. Angeblich ist eine der Säulen nicht ganz gerade, da nur Gott perfekte Werke schaffen kann und die Menschen es ihm nicht nachtun sollen. Mir dreht sich alles vor Augen und so allerlei erscheint krumm und schief.

Leider kann man nicht in Ruhe Herumwandern und sich umsehen. Ein geschäftstüchtiger Priester verteilt Segen gegen Geld und die Wachleute die eigentlich darauf achten sollten, dass sich die Besucher respektvoll verhalten und eben nicht überall herumklettern, verdienen sich ein Zubrot dadurch, dass sie die Touristen in die besten Fotopositionen einweisen. Einer ruft laut "No, not picture there. Come here! Come here" und hebt eine Absperrung hoch, damit der Tourist dahintertreten kann. Statt entspannt herumzuschlendern und den Ort auf mich wirken zu lassen, quatscht mich ständig jemand an. Das nervt bald und nach einigen Fotos ziehen wir recht bald wieder von dannen.

Wieder einmal zeigen sich die unschönen Nebenwirkungen des Tourismus. Wer will es den Leuten verdenken, dass sie die Chance auf die ein oder andere schnelle Rupie ergreifen? Alles beginnt damit, dass für viele Westler das Geld sehr locker sitzt, wo doch alles es in die eigene Währung umgerechnet so unglaublich günstig ist. Wen stört es da, dass die Preise verderben?

Ganz besonders übel wurde es, als wir auf dem Weg von Jodhpur nach Ranakpur in einem der Bishnoi Dörfern anhielten. Man könnte diese Volksgruppe als erste Naturschützer bezeichnen, so wie sie im Einklang mit der Natur leben und Bäume und Tiere schützen. Sie leben nach 29 Geboten, die u.a. verbieten, Bäume zu fällen und Tiere zu töten. Ein durchaus interessantes und nachahmenswertes Konzept, das z.B. zur Folge hat, dass man in den Gebieten in denen die Bishnoi leben viel mehr Tiere wie z.B. Antilopen zu Gesicht bekommt. http://de.wikipedia.org/wiki/Bishnoi

Aber leider hat inzwischen der Tourismus die Bishnoi entdeckt und in der Folge haben die Bishnoi die Touristen entdeckt, d.h. sie haben gelernte, dass Westler zuallererst mal Geld bedeuten. Also werden wir sofort von einer unglaublichen Horde von aufringlichen Kindern und kaum zurückhaltenderen Erwachsenen umringt und bedrängt. Diesmal belassen es die Kids nicht bei den üblichen Sprüchen "One Pen / 10 Rupies / Chocolate / ... (hier weitere Zielobjekete einfügen)... please", sondern werden handgreiflich, zupfen an mir und meinen Haaren herum und kneifen mich in Arme, Beine und Hintern. Schnell ist uns klar, wir wollen uns weder dieses Dorf genauer ansehen, noch diese Leute näher kennenlernen.

Von Ranakpur aus ziehen wir nach Udaipur weiter und halten auf dem Weg am eindrucksvollen Kumbhalgarh Fort an. Vorher zieht uns allerdings die wilde Straße durch das Aravalligebirge in ihren Bann. In scheinbar endlosen Serpentinen mit zum Teil haarsträubenden Spitzkehren und eindrucksvoller Steigung geht es aufwärts. Weiß getünchte Begrenzungssteine bilden das einzige Hindernis zwischen uns und dem tiefen Abhang neben der Straße, kein ernstzunehmendes Hindernis im Ernstfall.

Manchmal ist die Piste in unseren Augen kaum breiter als unser Auto, was aber weder den Gegenverkehr noch unseren Ajay wesentlich bremst. Wieder einmal fällt auf, wie genau die Inder die Breite ihrer Fahrzeuge verinnerlicht haben. Und es passt ja auch, wobei mir schon manchmal fast das Herz stehen bleibt, denn die Aussicht entweder in der Schlucht auf der einen Seite der Straße oder an der Felswand auf der anderen Seite zu enden, ist nicht verlockend. Aber insgesamt ist hier erfreulich wenig los und die Ausblicke ziehen uns schnell wieder in ihren Bann. Nach all dem Lärm der letzten Wochen tut die Ruhe so gut und die Augen freuen sich über Pflanzen statt Menschen und Müll. Und nach den 2 Wochen in den trockenen Wüstenregionen wirkt selbst dieser lockere Trockenwald auf uns wie dichter grüner Urwald.

Affen sitzen auf und neben der Straße, während wir uns höher und höher hinaufarbeiten. Schöne Hanumanlanguren mit glänzendem hellgrauem Fell und hübschen schwarzen Gesichtern. Elegante, feingliedrige Wesen mit langem dünnen Schwanz und neugierigen, bernsteinfarbenen Augen. Sie beobachten uns aufmerksam, während wir vorbeifahren und lassen sich von uns nicht stören. Nur die ganz kleine Babys kuscheln sich ängstlich an ihre Mütter, Halbwüchsige tollen herum und machen erst im letzten Moment vor uns die Straße frei. Die Erwachsenen sitzen nur da und schauen uns an. Schön sind sie und sehr zahlreich.

Die umgebenden Hügel werden wilder und zerklüfteter, die Bäume sehen teilweise kahl, vertrocknet und abgestorben aus, aber sie warten nur auf den nächsten Regen. Bröcklige Felsen hängen über uns, eine tiefe Schlucht wartet neben uns. Die Straße wird so steil, dass sie nur noch im zweiten Gang zu bewältigen ist, und selbst dann muß Ajay immer ordentlich Gas geben. Irgendwann ist es dann so weit, der Schwung reicht nicht mehr bis zur nächsten Kehre und auch nicht mehr dazu in den ersten Ganz zu wechelseln. Wir stehen - hinter uns vielleicht noch 25m Asphalt, bis zur letzten Kurve, dann geht es richtig abwärts... Die Handbremse packt nicht ausreichend, um den Wagen beim Anfahren zu halten, wir drohen nach hinten zu rollen. Keine schöne Aussicht! Passagiere aussteigen (mache ich in dem Moment gerne und sehr flott) und dicke Steine hinter die Hinterräder packen, um unseren Innova am Abhauen zu hindern. So abgesichert klappt endlich das Anfahren und nächste Kehre wird sicher erreicht. PUH!

Aber die Ausblicke sind grandios. Einsame, karge Berge, enorme Felsen, mächtige Bäume (wenn auch fast alle ohne Laub), struppige Sträucher, richtige wilde, einsame Natur. Der absolute Kontrast zu den überfüllten und lauten Städten und Dörfern. Außer Raubvögeln am Himmel und den Affen kein sichtbares Leben. Aber es gibt weit mehr, sogar Leoparden leben hier. Einer ist in der letzten Nacht ganz in der Nähe unseres Hotels in Ranakpur gesehen worden.

Endlich sind wir oben. Weiter geht es durch kleine Dörfer inmitten von grünen Feldern. Zumeist wird Getreide angebaut und knallgelb blühende Senfpflanzen. Bewässert werden die Felder mit Hilfe von ausgeklügelten Brunnen. Im Kreis gehende Rinder treiben ein Zahnradsystem an, das wiederum eine lange Eimerkette antreibt, die tief in die Brunnenschächte hinabreicht und Eimer um Eimer Wasser in die Bewässerungsräben hebt. Alle paar Hundert Meter sieht man diese Brunnen, die meisten noch in Betrieb, aber manche auch ver- und zerfallen und kaum mehr als tiefe bewachsene Löcher im Boden.

Allerdings laufen die Rinder nicht freiwillig den ganzen Tag im Kreis, und so geht hinter jedem Gespann jemand, der die Tiere antreibt. Als wir dem Jungen auf unserem Bild ein paar Smarties anbieten und er schnell zu uns hinhuscht, bleiben die Rinder sofort stehen. Aber kaum wendet er sich er anschließend wieder in ihre Richtung, gehen sie schnell wieder los, bevor er noch seinen Stock zum Einsatz bringt.

Wenig später erreichen wir Kumbhalgarh Fort, das abgelegen in über 900m Höhe im Aravalligebirge liegt. Wenn Wikipedia nicht irrt, ist die eindrucksvolle Festungsmauer 36 km (!) lang, im Schnitt 12 m hoch und 8m dick. Wir haben nicht nachgemessen, aber die Mauer ist wirklich gigantisch mit ihren enormen Rundtürmen, riesigen Toren und scheinbar endlosen Zinnen. Angeblich ist sie nach der Chinesischen Mauer die zweitlängste durchgehende Mauer der Welt und man man nennt sie nicht umsonst die great wall of india.

Die Mauer umschließt ein riesiges Arreal mit vielen Tempeln und fruchtbaren Feldern. Die Tempel werden noch heute besucht und sogar ein kleines Dorf gibt es hier, inklusive der unvermeidlichen Streunerhunde. Man kan angeblich lange interessante Wanderungen unternehmen, aber wir steigen nur zur Festung hinauf. Wobei das "nur" eine ziemliche Untertreibung ist, denn der Anstieg über die steile Piste zieht sich ziemlich. Während man die Serpentinen nach oben stapft, wird der Blick über die umliegenden Hügel immer eindrucksvoller. Die Festung selbst liegt auf dem höchsten Punkt weit und breit und überragt alles. Was für ein Ausblick! Keine Chance für Überraschungsgäste.

Ich schlage mich nun ja schon seit einigen Tagen mit meinen Verdauungsproblemen herum und bin ziemlich schnell ziemlich schlapp. Oben angekommen, lasse ich Thorsten alleine die Räume erkunden und sitze lieber in der Sonne. Daher kann ich zum Festungsinneren nichts berichten.

Auf dem Weg nach oben sehen wir die erste und auch einzige Schlange unseres Urlaubs. Die wird leider gerade von ein paar Jungs totgeschlagen. Ob sie giftig war oder ob man einfach jede Schlange umbringt? Schade jedenfalls, denn sie war hübsch, olivgrün mit hellblauen Flecken.


16.01.13 - 19.01.13 / Udaipur / Nukkad Guesthouse


Für Udaipur haben wir uns aufgrund der guten Kritiken bei Tripadvisor für das Nukkad Guesthouse entschieden und das war die absolut richtige Wahl. So eine hübsche Unterkunft! Zentral zur Altstadt und zum berühmten See gelegen, ein netter Inhaber, der auch Züge, Busse und Ausflüge für seine Gäste organisiert, toller Ausblick vom Rooftop Restaurant und eine bunte Mischung internationaller Traveller, die neben uns hier wohnt und deren Rucksäche sich gelegentlich im Restaurant stapeln. Die individuell eingerichteten Zimmer gruppieren sich um einen kleinen Lichthof, der mit viel Liebe zum Detail hübsch mit herunterrankenden Pflanzen und bunten Dekorationen verziert ist, lange Galerien von Familienfotos inklusive.

Leider bin ich noch immer nicht fit. So langsam macht mir der ständige Flüssigkeitsverlust durch meine desolate Verdauung zu schaffen und mit Trinken alleine gleicht man die ganzen Salze und was man sonst so verliert nicht aus. Also bin ich auf ORS (oral rehydration salts) als Ergänzung zum Wasser umgestiegen. Lösliches Pulver aus der Apotheke, das man in Trinkwasser einrührt und das witzigerweise genau wie Kokosnusswasser schmeckt. Seit dem geht es zwar wieder etwas besser, aber meine Verdauung interessiert das alles überhaupt nicht. Stattdessen verpasst sie mir in der letzten Nacht in Ranakpur den absoluten Herzkasper des Urlaubs...

Neben Bananen esse ich seit Tagen nicht wirklich viel, allenfalls mal ein paar Chips oder ein Chapati, aber die knallroten Tomaten auf dem Markt in Ranakpur lachen mich an und so genieße später ich eine Handvoll Tomaten mit Salz. Was ich nicht ahne, aber jetzt weiß: die legen in meinem Verdauungstrakt keinen nenneswerten Zwischenstop ein. Stattdessen kommen sie weitestgehend unverdaut und unverändert "hinten" wieder raus und schwimmen als blutrot leuchtende zentimetergroße Fetzen in der Kloschüssel. Könnt Ihr Euch vorstellen, wie mir heiß und kalt geworden ist, angesichts dieser offensichtlichen Auflösung meiner Innereien? Zum Glück fielen mir die Tomaten noch rechtzeitig ein, bevor ich Thorsten und halb Rajasthan in Alarmmodus versetzen konnte.

Jedenfalls reicht es mir jetzt mit Durchfall und Schlapp und so entscheiden wir uns, den "doctor on demand" Service des Guesthouse in Anspruch zu nehmen. Auch ein Erlebnis! Nach kurzer Zeit erscheint ein hemdsärmliger Mittfünfziger, der weitaus besser Französisch als Englisch spricht. Ok, das können wir zum Glück auch. Nach kurzer Unterhaltung und ebenso kurzem Check macht er auf einem A4 Blatt ein paar mehr oder weniger leserliche Notizen - das ist mein Rezept über eine Ladung Antibiotika. Damit nur noch in die Apotheke und binnen 3 Tagen alles wird gut.

Apotheke... was für ein Unterschied zwischen dem, was sich der Westler bei diesem Begriff so vorstellt und dem, was man in Incredible India dann vorfindet. Eine Mischung aus Garagenverkauf und Drogerie mit Regalen voller Schachteln und Flaschen, Dosen, Töpfen, Kartons, alles beschriftet mit schnörkeligen Hindibuchstaben. Inmitten des Ladens der stolze Apotheker mit Drahtbrille auf der Nase, wie eine Gestalt aus einem Buch von Michael Ende.

Er kann mit meinem Rezept was anfangen und holt einen 10er Streifen dicker bonbonrosa Tabletten aus einer seiner Schachteln. Dazu kaufen wir noch 10 Päckchen ORS und ich erkläre den bösen Bakterien endgültig den Krieg. Thorsten bekommt ein Fläschchen Hustensaft, denn er hat seit einigen Tagen einen lästigen Reizhusten, vielleicht von all dem Ruß von den unzähligen Feuerchen. Eine Packunsgbeilage o.ä. gibt es übrigens nicht, also ist es mal wieder gut, das es in unserem Guesthouse - wie fast überall in unseren Unterkünften - kostenloses WLAN gibt, und so ersurfen wir uns die Nebenwirkungen und Einnahmehinweise im Netz. Holla, meine rosa Bonbons scheinen schweres Geschütz zu sein!

Dummerweise ist auch nach 3 Tagen AB keine nennenswerte Besserung festzustellen. Im Großen und Ganzen geht es immernoch prima, bis auf den lästigen Durchfall, die ständig drohende Dehydrierung und die Schlappheit. Aber so langsam ist mir das alles nicht geheuer und so ist es gut, dass wir aus unseren Tauchzeiten noch Kunde bei Aquamed sind. Die stellen u.a. eine hervorragende telefonische medizinische Beratung für Reisende in Not zur Verfügung und nach einem Plausch mit dem netten diensthabenden Doc in Germany fühle ich mich besser. So weit alles nicht bedrohlich. Dosis an Immodium erhöhen und ansonsten brav viel ORS trinken. Igitt, so langsam mag ich kein Kokoswasser mehr! Zum Glück wird es nach einigen weiteren Tagen endlich besser. PUH!

Udaipur ist wirklich nett. So schön lebendig und chaotisch, eine tolle Mischung aus Einheimischen, Travellern und Touristen, aus chaotischem Verkehr und beschaulichen Szenen am See, aus Kommerz und Alltag. Fotomotive ohne Ende und für die Reisenden, die so langsam keinen Chai mehr sehen können, bietet das Café Edelweiss willkommene Abwechslung inklusiv Kaffee und sehr guten Vollkornbroten zum Frühstück.

Die Unterkünfte in der Altstadt sind hauptsächlich auf Rucksackreisende ausgelegt und beim Schlendern durch die Stadt erkennt man schnell, was dem Traveler von Welt derzeit wichtig ist, denn Schilder preisen as überall an: Internet und Hennapainting, indisch kochen lernen, mit den Lieben daheim Skypen und Bücher tauschen um die Reisebibliothek aufzufrischen. Udaipur ist ein Paradies für die, die wie ich noch ohne E-Books reisen: in diversen Läden kann man ausgelesene Bücher gegen anderen Lesestoff eintauschen und das ganze in allerlei Sprachen. Oder man kauft sich gleich was neues. Gelegentlich treffen allerdings auf den Regalen Welten aufeinander: 'Kamasutra' meets 'Mein Kampf'.

Unzählige kleine Läden mit Kleidung, farbenfrohe Blusen, Shirts und Röcke, passend für die zahlreichen Rucksacktouristen, dazu Silberschmuck und Lederwaren, in Leder gebundene Notizbücher. Werbetafeln preisen Ausflüge an, und immer wieder liegt ein eindeutiger Duft daheim verbotener "Kräuter" in der Luft.
Die Altstadt lässt sich prima zu Fuß erkunden und irgendwie landet man immer wieder automatisch am See mit dem berühmten "James Bond" (Lake Palace) Hotel in der Mitte. Da drüben starten die Zimmerpreise bei 250 €. Wir zahlen für unser nettes Zimmer 11 € und fühlen uns pudelwohl.

Hier am See spielt sich ein großer Teil des alltäglichen Lebens ab. Wir beobachten eine Hochzeitszeremonie mit Opfergaben und mit prächtigen Saris, während direkt nebenan einige Frauen ihre Haare und andere ihre Wäsche und ihre Kinder waschen. Fotografierende Reisende kommen und gehen, ein kleines Mädchen versucht selbstgeschnitzte Figürchen aus Speckstein zu verkaufen. Allgegenwärtige Kinderarbeit.

Ein paar Kühe schauen vorbei und freuen sich über die fast komplette Ananas, die ich ihnen anbiete. Uns hat sie nicht geschmeckt und wir haben uns schnell angepasst und so landet essbarer Abfall zumeist im Kuh- oder Hundemagen. Nur die Angewohnheit, Plastikmüll in die Landschaft zu werfen, verweigern wir und so tragen wir manchmal irgendwelche Verpackungsreste lange mit uns herum, denn Mülleimer sind außerhalb der Hotels Mangelware. So sehr wir uns nach den 2 Wochen an das allgegenwärtige Hupen, die Kühe und Hunde gewöhnt haben, so fassungslos betrachten wir noch immer die Müllfelder, die sich entlang der Straßen und auch in den Dörfern ausbreiten. Ein Meer aus Plastiktüten bleibt übrig, nachdem alles fressbare, also auch das meiste Papier, verschwunden ist. Leider wird auch viel von dem Plastik gefressen, besonders wenn vorher irgendwelche Lebensmittel drin waren. Gesund kann das nicht sein.

In Udaipur ergreifen wir auch die Gelegenheit, hoch zu Ross die Umgebung zu erkunden. Diverse Farmen bieten hier solche Ausflüge zu Pferd an, wir entscheiden uns für 'Princess Trails' und werden von einem TukTuk abgeholt. In einer einer 30 minütigen turbulenten Fahrt geht es raus aus Udaipur hin zu der Farm.

Thorstens Begeisterung hält sich in Grenzen, denn während ich in Kindertagen begeisterte Reiterin war, bevorzugt er eindeutig Elefanten, Kamele oder Drahtesel und macht das Ganze nur mir zuliebe mit. Während ich eines der wunderschönen temperamentvollen Marwari Horses zugeteilt bekomme, ist sein anfängertaugliches Pferdchen eher von der tiefenentspannten lethargischen Sorte. Marwari Pferde sind eine alte Pferderasse aus Rajasthan, die ursprünglich für den Kriegseinsatz gezüchtet wurde. Sie sind bestens an das Wüstenklima angepasst, ausdauernd und trittsicher, aber ihr offensichtlichstes Merkmal sind die auffälligen sichelförmigen Ohren, die sich über dem Kopf berühren.

Zusammen mit einem Führer, der leider nur wenig Englisch spricht und nicht sehr kommunikativ ist, geht es von der Farm aus für 4 1/2 Stunden durch die Landschaft. Nach mehr als 10 Jahren sitze ich erstmals wieder im Sattel und stelle erfreut fest 'das ist wie Fahrradfahren, man verlernt es nicht'. Meine Muskeln haben allerdings später eine deutlich andere Meinung dazu.

Zuerst geht es durch ein paar Dörfer, in denen wir freundlich gegrüßt werden und unter den Kindern großes Hallo auslösen. Vom Pferderücken aus kann man prima über die Mauern blicken, und so gibt es viele Alltagsszenen zu sehen. Spielende Kleinkinder neben angebundenen Ziegen, auf Charpois ruhende Männer, Wösche waschende Frauen, zum Trocknen aufgehängte bunte Saris.

Wenig später lassen wir die Dörfer und dann bald auch letzten kargen Felder hinter uns und reiten hinaus in die trockenen Hügel. Schön ist die Landschaft nicht, und der steinige Boden stellt ziemliche Ansprüche an die Tittsicherheit unserer Pferde. Außerdem möchte meine 'Kitty' ständig los und rennen. Sie findet diese gemütliche Dahinspazieren offensichtlich langweilig. Aber mehr als einen kurzen Spurt auf einer einigermaßen ebenen und sicheren Piste kann ich ihr nicht bieten. Auf dem Untergrund wäre alles andere unverantwortlich, und so viel Feuer wie sie im Hintern hat, bin ich nicht sicher, ob ich sie rechtzeitig abgebremst bekäme. So gerne ich sie auch laufenlassen würde, lieber kein Risiko eingehen.

Es geht durch ausgewaschene trockene Flussbetten über staubige Trampelpfade. Ziel unserer Tour ist ein pflanzenbewachsener See an dem wir eine Pause einlegen. Eine richtige Oase mit Palmen und Lotusblumen, an dem sich Wasservögel tummeln. Vorallem eine Sorte Blesshühner fällt auf, mit leuchten olivgrünen Beinen und riesenlangen Zehen. Die Wasserfläche schimmert silbern in der Sonne und weit im Hintergrund sieht man die Ausläufer des Aravalligebirges aufragen. Eine Herde Wasserbüffel wird vorbeigetrieben, Ziegen grasen in der Nähe und, es fällt uns mal wieder auf, weil es fehlt: kein Hupen ist zu hören. Herrlich friedllich hier.

Auf dem Rückweg, wieder in der Nähe eines ausgetrockneten Flussbetts, kommen wir an einem toten Wasserbüffel vorbei. Man riecht ihn schon lange bevor man ihn sieht. Kein schöner Geruch, kein schöner Anblick, da er schon großzügig angefressen ist. Ein Streunerhund bewacht den Kadaver und verteidigt ihn standhaft gegen die Krähen, die ebenfalls einen Happen erbeuten wollen. Er sollte lieber schnell weiter davon fressen, denn so wie das riecht, wird das bald selbst für einen Hund ungenießbar sein.

Nach 4 1/2 Stunden erreichen wir wieder die Farm on Princess Trails und nach Tee und einem Imbiss geht es wirder zu unserem Guesthouse zurück. Die Beine sind müde und scheinbar aus Gummi. Für einige Tage wird uns wieder Muskelkater begleiten, jetzt wo wir gerade erst die Folgen des Kamelreitens los waren.









19.01.13 - 22.01.13 / Bundi / Haveli Katkoun Guest House

Nach Udaipur verlassen wir die klassischen Reiserouten für ein paar Tage und wenden uns Bundi zu. Für mich ist das DIE Entdeckung der ganzen Tour! Eine beschauliche, ursprüngliche Kleinstadt, die noch weitestgehend von den negativen Randerscheinungen des Tourismus verschont ist. Wir Reisenden sind schon paradox. Da suchen wir ursprüngliche einsame Orte und wenn wir welche finden, erzählen wir so begeistert davon, dass andere Reisende neugierig werden und auch hinfahren. Das geht dann einige Male so weiter und ehe man sich versieht, kommen die Reisebusse und der Traveler klagt über all die Touristen. Die Geister, die ich rief...

Auf dem Weg von Udaipur nach Bundi legen wir in Chittorgarh Fort einen Stopp ein, wieder so ein geschichtsträchtiger Ort voller Legenden. In dieser ausgedehnten Festungsanlage auf einem hohen Bergrücken soll im 13 Jh. die schöne Königin Padmini, Frau des Rawal Ratan Singh, gelebt haben. Als die Festung von Ala-u-Din belagert wurde und kein Ende der Belagerung abzusehen war, versprach der Belagerer abzuziehen, wenn er nur einen Blick auf die legendär schöne Padmini erhaschen dürfe. Um die Festung zu retten, willigte sie ein und zeigte sich, wenn auch nur Mithilfe diverser Spiegel, dem Feldherren. Der zog scheinbar wirklich ab, kidnappte aber kurz darauf den Maharadja und forderte als Lösegeld nicht weniger als Padmini zur Frau.

Diese gab scheinbar nach und liess sich, zusammen mit vielen Frauen aus ihrem Gefolge, in verschlossenen Sänften in das feindliche Lager tragen. Nur dass in den Sänften statt der noblen Damen bis zu den Zähnen bewaffnete Krieger saßen, die sofort ihren König befreiten. Bis hierhin hätte es eine tolle Geschichte sein können, aber leider geht sie weiter und nimmt kein gutes Ende. Rasend vor Wut nahm Ala-u-Din die Belagerung der Festung wieder auf und als absehbar war, dass diese doch fallen würde, entschieden sich Padmini und die Frauen aller Krieger für den Jauhar. Sie verbrannten sich lieber selbst, anstatt ihre Ehre zu verlieren. Ihre Männer zogen in die aussichtslose Schlacht und starben im Kampf.

Heute liegen innerhalb der 11 km langen Festungsmauer diverse Tempel und Sehenswürdigkeiten, die zahlreiche Besucher anlocken und mit deren Besichtigung man einen ganzen Tag verbringen kann, wenn man erst die steile Anfahrt voller Kurven und Engstellen hinter sich gebracht hat. Es gibt Getränke- und Imbissbuden, Souvenirstände und sogar Spielzeug für die Kids. Dazu ziemlichen Trubel mit vornehmlich indischen Touristen. Wir entschieden uns nur für einen kurzen Stopp und schauten nur beim Jaya Stambha (Victory Tower), dem Meera Tempel und an Padminis Palace vorbei.

Der Victory Tower ist ein eindrucksvoller 8-geschossiger Turm aus fein geschnitzen Steinen, den man im Inneren, barfuß natürlich, über eine verwinkelte, immer enger werdende Treppe mit blankpolierten ausgetretenen Stufen ersteigen kann. Am Ende ist man außer Atem, 37 m hoch und hat einen tollen Ausblick über das langgestreckte Plateau der Festung und die im Dunst schimmernde Stadt darunter. Lästig wird es hier drin sicher, wenn zu viele Leute unterwegs sind, denn für Gegenverkehr ist es hier definitiv zu eng. Wie gut, dass die Schulklasse den Turm erst entert, nachdem wir schon wieder draußen sind.

Der Turm liegt in einer parkähnlichen Anlage mit zahlreichen weiteren Gebäuden und Tempeln, in der auch unzählige Affen leben. Plumpe massige Rhesusaffen mit Stummelschwanz und roten Hinterteilen und elegante Hanumanlanguren. Letztere sind definiv die hübscheren, und besonders die Babys und Halbwüchsigen sind einfach nur niedlich. Eine Mama hält ein besonders kleines Baby im Arm, das nicht weniger als ein paar Tage alt sein kann. Allerdings sind die Affenbanden hinter Futter her und verfolgen jeden Besucher, der etwas Essbares dabei hat. Besonders an den Tempeln werden die Affen von den Gläubigen gut versorgt (wer anderen Wesen etwas gutes tut...) und treten entsprechend in Massen auf. Dazu sehen wir hier erstmals Streunerhunde in wirklich desolatem Zustand. Zwar wohlgenährt, aber dermaßen von Räude befallen, dass sie kaum noch ein Haar am Leib haben und vor Juckreiz fast wahnsinnig werden. Die armen Viecher!

An den Tempeln ist jede Menge los. Familien und gleich mehrere Schulklassen bevölkern das Gelände, und als mich eine der Mädelsklassen entdeckt, ist es endgültig um die Ruhe geschehen. Ein Gruppenbild muß her, und ehe ich mich versehe bin ich eng umringt von über 20 Mädels und ihren Lehrerinnen und wildes Geknipse folgt. Als ich dann auch ein Bild einfordere, sind alle schon fotomüde und schauen teilweise eher grimmig.

Padminis Palace ist eher schlicht und nicht viele Worte wert. Eine indische Familie packt in einer ruhigen Ecke ihr Picknick aus und am See waschen Frauen ihre Wäsche. Wir aber ziehen wir recht bald weiter in Richtung Bundi. Vorher noch ein Stop in Menal mit seinem Shiva Tempel aus dem 12. Jh. Eine Art Mini-Khajurao mit allerlei erotischen Darstellungen, bei denen nicht immer gleich ersichtlich ist, wer oder vielmehr was es da mit wem oder was treibt. Neben sehr gelenkigen menschlichen Paarungspartnern treibt Mensch es auch mal mit dem ein oder anderem Stier oder anderem Getier. Ein spannender Ort zum Gucken und Fotografieren. Andere Statuen legen gar Hand an sich selbst und schauen dabei seeehr zufrieden drein. Allerdings sind die meisten Reliefs sehr verwittert und die Fantasie hat viel zu tun.

Dumm nur, dass auch hier gerade zwei Schulklassen vor Ort sind. Den etwa 16jährigen Kids sind, was wir wirklich komisch finden, die ganzen Sexbildchen völlig egal, aber wir sind die absolute Attraktion. Laut Ajay sind wir derzeit in einer Gegend unterwegs, in der nur recht selten Westler vorbeikommen und daher noch für ziemliches Aufsehen sorgen. Die lautstarke Aufmerksamkeit von gleich 50 Mädels und 50 Jungs gepaart mit dem in Indien kaum vorhanden persönlichen Wohfühlradios ist überwältigend und gar nicht gut für mein heute eh schon seit Stunden vorhandenes Kopfweh. Irgendwann muß ich leider sehr laut und sehr deutlich werden, damit ich endlich meine Ruhe zum Schauen und Knipsen bekomme.

In Bijaipur noch ein Stop, noch ein alter Shivatempel, aber diesmal ohne Erotikbildchen und ohne Schulklasse, aber mit Cricket spielenden Jungs. Seltsames Spiel! So langsam wird es dunkel und wir haben noch gute 1,5 Stunden Fahrt bis Bundi vor uns. Also ziehen wir bald weiter und schauen zu, dass wir unser Ziel erreichen.

Leider bekommen wir im schwächer werdenden Licht kaum etwas von den grandiosen Felsplateaus mit, die wir auf unserem Weg überqueren. Steinbrüche und Steinmetze säumen die Straße, riesige Sandsteinplatten in allen denkbaren Violett- und Rosatönen davor. Schmächtige, staubbedeckte Arbeiter, manche kaum älter als Kinder, hämmern trotz der fortgeschrittenen Uhrzeit noch auf die Felsen ein. Extrem überladene LKW voller riesiger Steinblöcke quälen sich vor uns die schmale Straße entlang, an ein Überholen ist nicht zu denken. Eine Zeitlang fahren wir hoch über einem langgestreckten Stausee entlang, dann geht es in Serpentinen abwärts durch glattgeschliffenen Felsen bis zum Horizont. Wie schade, dass wir es eilig haben und das Licht schon so schlecht ist, hier wäre viele tolle Fotos entstanden.

So aber leben wir die Fotofreude in Bundi aus, das ausreichend lohnende Ausblicke bietet. Die kleine Altstadt mit ihren vielen Läden, Handwerkergeschäften, Snackständen und Travellerrestaurants kann man bequem zu Fuß erkunden, ohne Gefahr zu Laufen, unter mehr als Mopedräder oder Kuhhufe zu kommen. Für TukTuks und Autos sind die Straßen größtenteils zu eng, und die Steinlaster werden eh außen an der Stadt vorbeigeführt. So ist Bundi erfreulich ruhig, was zu der entspannten Atmosphäre beiträgt. Es gibt lebhafte kunterbunte Gemüse- und Obstmärkte, auf denen man gut, günstig und ungestört einkaufen kann. Man kann einige mehr oder weniger gut erhaltene Baoris entdecken, klebsüße orangefarbene Jalebi naschen (nix für mich) oder einfach nur fotografierend herumwandern. Gleich ein halbes Dutzend Stände versucht verschiedenste Vorhängeschlösser an den Mann zu bringen, Tagelöhner warten mit ihren Karren auf Auftraggeber, ein Michmann kommt mit seinem Moped vorbei. An einer Baustelle schleppen dünne Arbeitsesel Säcke mit Sand einen steilen Weg hinauf und ein unaufmerksames Schwein kommt unter ein Moped, übersteht den Unfall zum Glück aber unbeschadet. Seine Schreie waren sicher bis hoch aufs Fort zu hören.

Schon am ersten Abend lernt Thorsten Yug kennen (http://www.yugart.com), einen der Maler, die hier ihre kleinen Läden haben und vorallem ein wirklich netter Kerl, den wir in den nächsten Tagen regelmässig für einen Plausch besuchen und von dem wir am Ende unseres Aufenthalts ein paar tolle Tigerbilder kaufen. Wir haben noch heute Kontakt.

Über der Stadt thront ein verfallener Palast und noch weiter oben auf einem der Hügel, die die Stadt umgeben, liegt das aufgegebene, heute völlig verfallene und verwilderte Bundi Fort. Von dort hat man einen traumhaften Blick über die ganze Stadt und erstaunt stellen wir fest, dass es hier sogar ein Viertel gibt, das viel viel blauer ist als die blue city Jodhpur.

Das Fort ist nur noch eine Ruine, aber alles andere als unbewohnt. Große Trupps von Rhesusaffen bevölkern das riesige Areal, und nicht jede Begegnung mit ihnen verläuft wohl friedlich. Daher wird empfohlen, den Ausflug nicht ohne Affenabwehrstock zu unternehmen und für 10 Rs kann man gleich am Kassenhäuschen massive Stöcke mieten. Die leisten dann auch beim Aufstieg über die steilen Pisten und dem Durchqueren der dicht bewachsenen Freiflächen gute Dienste. Hat man erst mal die übereifrigen Möchtegernguides, die es natürlich auch bei Fort und Stadtpalast gibt, hinter sich gelassen, steht der abenteuerlichen Erkundung nichts mehr entgegen.

Wir haben uns recht früh an den Aufstieg gemacht, um auf dem Berg zu sein, bevor es zu heiß ist, und so treffen wir die Affenbande beim Frühstück an einem der Baoris an. Der Brunnen ist ein großes Rechteck von mehr als 20 m Kantenlänge, dessen Wände in 5 Stufen bis zum Wasserspiegel in gut 15m Tiefe hinabreichen. Der größte Teil des Bodens ist allerdings mit Schlamm statt mit Wasser bedeckt, und sogar richtige Bäume wachsen da unten. Einige Affen streifen durch das wenige Wasser und tasten nach Fressbarem. Der größte Teil der Gruppe aber lungert auf dem Brunnenrand herum und genießt die wärmenden Sonnestrahlen. Man laust sich oder lässt sich lausen, die Halbstarken toben herum, und die Mütter versuchen, ihren Nachwuchs an zu wilden Aktionen und vorallem am Absturz in den Brunnen zu hindern. Uns behält man skeptisch im Auge, lässt sich aber, so lange wir einen Mindestabstand einhalten, nicht weiter stören.

Stundenlang streifen wir durch die Gebäude und Ruinen und bahnen uns unseren Weg durch die mit hohem Gras, Gestrüpp und Bäumen bewachsene Anlage. Ob es hier Schlangen gibt? Wir sind froh, unsere Affenstöcke zu haben. Es gibt zwei weitere Stufenbrunnen zu suchen und finden: einen vollkommen leeren und einen voller tiefgrünem algenbewachsenen Wasser. Auch hier kommen bald Affen vorbei und einige steigen die Stufen nach unten um zu trinken. Vorher wird mit der Hand aber erst sorgsam das Treibgut aus Algen und Dreck zur Seite gewischt. Clever.

In den Palastgebäuden lassen abblätternde Reste leuchtendbunter Wandbemalungen die einstige Pracht erahnen, aber ansonsten ist außer den riesigen Toren mit ihren Eisenbeschlägen und Elefantenspießen nichts mehr übrig. Alles was brauch- und tragbar war, wurde davongeschafft und die schönen filigranen Steinfenster der Frauenquartiere wurden zerschlagen. In den Gebäuden sind die Spuren der Affen unverkennbar - Affenkacke überall. Andere Räume scheinen riesige Fledermauskolonien zu beherbergen, jedenfalls sind die Böden meterhoch mit stinkendem Fledermausguano bedeckt und wir treten schnell den Rückzug an. Eine atemberaubende Erfahrung, im wahrsten Sinne des Wortes.

Irgendwann stehen wir auf den Dächern eines Palastflügels, von dem aus man ganz Bundi überblickt. Die Aussicht von hier oben ist fantastisch. Im diesigen Licht des Vormittags füllt Bundi scheinbar das ganze Tal zwischen den umgebenden Hügeln aus. Dieses blaue Viertel da unten müssen wir später unbedingt mal durchwandern, sieht sehr fotogen aus.

Auf dem Weg nach zurück besichtigen auch wir noch den Stadtpalast von Bundi - was für eine Enttäuschung. Nur sehr wenige Räume kann man überhaupt ansehen, und die meisten davon sind einfach leer und desolat, wie eigentlich der ganze Komplex. Die wenigen sehenswerten Räume sind verborgen und verschlossen. Die allgegenwärtigen Möchtegernguides öffnen die betreffenden Türen nur gegen Bares. Nichts für mich. Ich mag mich doch so viel lieber auf eigene Faust umsehen. Verglichen mit dem Fort, wo der Verfall ganz wesentlich zur besonderen Stimmung und dem Reiz des Ortes beiträgt, macht er hier einfach nur traurig. Es wird nicht einmal versucht, etwas instand zu setzen oder den Untergang aufzuhalten. Stattdessen nimmt man einfach so lange es geht mit den vorhandenen Trümmern Geld ein.

Melancholisch spaziere ich umher und leuchte hier und da mit der Taschenlampe in dunkle Kammern voller Müll und Dreck oder voller Nichts. Manchmal schlägt einem ein extremer Fledermausgestank entgegen, so dass man freiwillig schnell weitergeht. Treppen, die in weitere Etagen oder auf Türme führen würden, sind versperrt. Ebenso die vielen kleinen Erker, die provisorisch mit Draht abgegezäunt sind und ohnehin so instabil aussehen, dass man sie nicht betreten mag. Wer da rausgeht, bricht wahrscheinlich durch oder wird von den Wildbienen angegriffen, deren Nester überall unter Überhängen und Dächern kleben.

Massive Türen aus halb verrottetem, fast schwarzen Holz versperren den Zugang zu den meisten Räumen, wenn auch nicht die Sicht, denn dicht halten sie schon lange nicht mehr. Als ich eine (wirklich nur ganz sachte!) berühre, um sie etwas weiter aufzuschieben, damit ich besser durch den Spalt zwischen den Türflügeln schauen kann, kippt sie aus den Angeln, fällt einfach um und landet mit lautem Getöse in einer riesigen Staubwolke auf dem Boden eines weiteren leeren Raumes. Hups! Leise und unauffälig geht anders. Wir treten endgültig den Rückzug an und tauchen lieber wieder in das bezaubernde Bundi ein.

Ich bin verdauungstechnisch endlich wieder fit, dafür hat es jetzt Ajay erwischt. Diesmal liegt er für einen Tag flach, was die Frage beantwortet, ob auch die indische Verdauung durch "was falsches" aus dem Takt kommen kann. Sie kann! Aber scheinbar ist sie schneller wieder fit, denn schon nach 24 Stunden ist er fast wieder der alte.

Wir erkunden den fotogenen blauen Teil der Stadt, und hier in einem reinen Wohngebiet fällt besonders auf, wie untouristisch und ursprünglich Bundi noch ist. Die Bewohner sind erstaunt, uns zu sehen, aber freundlich und neugierig. Leider spricht niemand Englisch und wir kein Hindi, aber dass sie gerne fotografiert werden möchten, verstehen wir auch so. Wir passieren kleine Läden und einen Gemüsestand, der von drei Kindern bewacht wird, wandern durch die engen Gassen und bestaunen das unglaubliche Blau der Häuser. Was für ein Kontrast zu den Farbtupfern hier und da - knallgrüne Türen, leuchtendrote Tücher, eine graue Kuh. Nur die hiesigen Streunerhunde erschrecken sich vor uns und kläffen uns aggressiv an. Wir sind ihnen unheimlich.

Insgesamt genießen wir unsere 3 Tage in Bundi sehr und ich bin traurig, als wir weiterziehen müssen. Hier würde ich gerne ein paar Tage längerbleiben. Die Stadt ist so charmant und lebendig und die Menschen herzlich. Bei "Tom & Jerry" gibt es übrigens klasse Pizza, und man sitzt nett in ihrem Rooftop Restaurant. Die beiden Brüder, die das Restaurant betreiben, sind lustige Vögel und das Essen ist wirklich gut.



22.01.13 - 24.01.13 / Sawai Madhopur (Ranthambore) / Ankur Resort

Für zwei Nächte halten wir in Sawai Madhopur an. Das Örtchen ist nicht mehr als ein nichtssagendes Straßendorf, das nur von den Besuchern des Ranthambore National Parks lebt. Da die Gäste automatisch kommen, müssen sich die Hotels nicht wirklich anstrengen, scheinbar scheint das zumindest für unseres zu gelten. Erstmals ist das WLAN kostenpflichtig, das Management mürrisch und unfreundlich. Aber unsere Unterkunft ist sauber und das Essen ok. Mehr brauchen wir für die 2 Tage nicht, aber weiterempfehlen werde ich den Schuppen sicher nicht.

Am Nachittag im Hotel gibt es wieder eine haarsträubende Szene made in India. Einer der Scheinwerfer an einem Häuschen direkt am Pool ist defekt, aber die Leiter ist zu kurz. No Problem! Man trägt einen kleinen wackligen Klapptisch herbei und plaziert darauf die altersschwache Leiter. Einer hält die schwankende Konstruktion einigermaßen ruhig, der andere Arbeiter klettert rauf und kann das Dach erreichen. Na bitte, geht doch!

Überall im Ort warten Jeeps und die Canter genannten 20sitzigen, offenen Gefährte mit denen jeden Tag ein Haufen Besucher in den Park verschwinden um entweder enttäuscht oder begeistert und mit einer Kamera voller Tigerbilder wieder aufzutauchen. Als wir ankommen, steht die 2te Tour des Tages kurz bevor und die Masse der Fahrzeuge, die sich bereit machen, ist beängstigend. Und dabei dürfen jeden Tag nur eine begrenzte Anzahl von Vehikeln in den Park. Es ginge also noch schlimmer.

Aber schließlich sind auch wir hier, um unser Glück bei der Tigersafari im Nationalpark zu versuchen. Früh um 5:00 klingelt der Wecker und um 5:30 sitzen wir mit 4 weiteren müden, verfrorenen Gästen in dicke Decken gehüllt in einem offenen Jeep und stürzen uns ins Abenteuer. Es ist noch stockfinster als wir losfahren und eisig kalt. Der Fahrer braust durch die langsam erwachenden Dörfer, und wir versuchen den eisigen Fahrtwind zu ignorieren, während wir uns festklammern und unsere Finger langsam erfrieren. Die ersten Hirten treiben ihre Ziegen durch die Dunkelheit zur Futtersuche, und ein Trupp Arbeitsesel kommt uns auch schon entgegen. Frauen fegen den Hof vor ihren Hütten, und ein paar Streunerhunde nagen an einem Kuhkadaver neben der Straße. Eine Stunde fahren wir über Land, die Häuser werden seltener und die Straße schmaler. Unterwegs gabeln wir noch einen Ranger/Guide auf, und rechtzeitig zum Sonnenaufgang stehen wir an einem der Eingangstore zum Park.

Die Tour beginnt vielversprechend... kaum fahren wir die erste sandige Piste entlang, finden wir die ersten Tigerspuren: eindrucksvolle, große Fußabdrücke folgen dem Straßenverlauf und wir folgen den Spuren. Die Spannung steigt, wir sind sicher, dass es nur eine Frage von Minuten ist, bis wir eine der eindrucksvollen Großkatzen zu Gesicht bekommen. Morgennebel steigen auf, während wir an einem der Seen des Parks vorbeifahren. Langsam steigt die Sonne, und die eisige Kälte macht sich davon. Wir sind völlig durchgefroren und froh, dass es jetzt langsamer voran geht, denn die Finger sind inzwischen zu gefühllos zum Festhalten und auch das Fotografieren fällt schwer.

Was die Spuren und die Spannung angeht: genau so bleibt es für die nächste 4 Stunden. Wir sehen viele Tiere, aber keine Tiger. Und rechtzeitig immer dann, wenn sich Frust breitzumachen droht, sind da wieder diese Spuren auf den Wegen, und die Hoffnung ist wieder da. Leider letztlich vergeblich. Wir sehen viele Tigerfoots und viel Tigerfood, aber mehr nicht. Pferdegroße Blue Bulls mit ihrem schwarzbraunen Fell und dem erstaunlich kleinen Kopf mit zierlichen Hörnern kreuzen gemächlich die Piste. Mehrfach begegnen uns ganze Herden von Sambar Hirschen, die mit ihrem sandfarbenen weißgepunkteten Fell im Gebüsch erstaunlich gut getarnt sind. Einmal hören wir ihre Warnrufe recht nah aus einem Tal heraus. Sie habe den Tiger gesehen, und warnen ihre Artgenossen. Aber leider kein Tiger für uns.

Wir begegnen einer Familie Schakale, sehen Störche und verschiedene Wasservögel in einem der Teiche, einen riesigen Geier. Die Jeeptour für sich ist schon ein Erlebnis, denn die Wege und Pisten hier sind oft nicht mehr als notdürftig eingeebnete Flächen von Felsbrocken und Steinen mit tief ausgewaschenen Rinnen. Oft geht es so steil auf- oder abwärts, dass wir fürchten, aus dem Jeep zu fallen, aber zum Glück geht es nur langsam voran und die meisten Schläge und Rumpler können wir rechtzeitig erahnen.

Die Tour durch den Park macht auch ohne Tiger Spaß, aber ich gebe zu, wir sind doch ein wenig enttäuscht, als wir wieder zurückfahren. Andere Besucher machen gleich mehrere Touren, um ihre Chancen zu erhöhen, aber wir haben noch zu viel vor und ziehen daher weiter.




24.01.13 - 28.01.13 / Jaipur / Sajjan Niwas Hotel

Die Fahrt von Ranakpur nach Jaipur ist recht ereignislos. Es geht durch endlose, knallgelb blühende Senffelder, die an blühenden Raps erinnern. Man könnte fast meinen, man fährt in Deutschland durch die Eifel, wären da nicht die typischen niedrigen Einzimmerhäuser mit Frauen im Sari und Stapeln von in der Sonne trocknenden Kuhfladen davor. Diesem Brennmaterial begegnen wir schon die ganze Zeit über immer wieder, aber nie sahen wir größere Stapel als hier. Richtige kleine Häuschen komplett aus Kuhdung, mit einer Füllung aus dicht gestapelten Fladen säumen die Straße. Auch die bedrohlich überladenen LKW und die Wasserbüffel passen nicht ganz in die Eifel.

In Jaipur hat uns die klassische Touristenroute wieder, aber wir tun unser bestes, uns abseits der Hauptpfade zu bewegen und werfen nur einen kurzen Blick auf das Hawa Mahal, den Palast der Winde, und schauen beim Observatorium Jantar Mantar vorbei. An ersterem hat man als Westler keine Ruhige Minute, denn jeder Shopbesitzer stürzt sich auf einen und zieht die "just come looking"-Nummer ab. Aber da hier die Touristen busladungsweise vorbei kommen, suchen sich die Schlepper schnell leichtere Opfer als uns, denn NEIN, wir wollen keinen Tourikram kaufen und NEIN, nen Guide brauchen wir auch nicht und wir möchten auch nicht den Palast der Winde besichtigen, denn der ist nicht mehr als Fassade und nur von Außen sehenswert. Vor dieser berühmtesten aller Fassaden fließt der lebendige indische Verkehr vorbei und insgesamt ist es kein schöner Ort, sehr laut und abgasgeschwängert.

Auch am Jantar Mantar ist tourietechnisch der Bär los, wobei es hier hauptsächtlich indische Touristen sind, die zwischen den seltsamen Bauwerken und Objekten herumwandern und ebenso ratlos deren Sinn zu verstehen versuchen, wie wir. Die an allen Geräten angebrachten Informationstafeln auf Englisch und Hindi helfen ihnen und uns leider auch nicht. Deren astronomisches Gerede wäre mir wohl auch in Deutsch zu hoch. Das Jantar Mantar von Jaipur ist eine von 5 Sternwarten, die Maharadja Jai Singh II um 1730 herum hat bauen lassen, und hoffentlich wusste er mit all diesen Instrumenten mit ihren Winkeln uns Skalen, Treppen und kupfernen Scheiben mehr anzufangen als wir. Jedenfalls hat er mit seinen astronomischen Spielereien viel Zeit zugebracht, mehr als mit Kriegführen, und das will zur damaligen Zeit was heißen.

Statt uns dem Sightseeing hinzugeben, tauchen wir lieber an jedem unserer 4 Tage in Jaipur tief in die tollen Bazare der Altstadt ein und lassen uns treiben. Es gibt sie wieder, die köstichen Kartoffelbällchen, diesmal in kleinen Schälchen aus getrockneten gepressten Blättern. Sehr umveltverträglich, denn da können die Kühe die Verpackung gleich mit fressen. Also eher kuhverträglich. Als weitere kulinarische Entdeckung ist das unglaublich gute Lassi des einzig wahren Lassi Wallah von Jaipur zu nennen. Als Lassifans haben wir während der Reise viele Lassis probiert, aber dieses hier ist definitiv und mit Abstand das beste. So cremig und nicht zu süß, und auf jeden der Tonbecher wird sorgsam ein Stückchen der wunderbaren Joghurtkruste gegeben. Der "richtige" ist der Lassi Walla mit den Hinweisen "since 1944" und "Shop 312" an der Wand. Man sollte zeitig da sein, denn er ist schon recht früh am Nachmittag ausverkauft. Drumherum sprießen die Nachahmer aus dem Boden, aber es geht nichts über das Orginal.

Es gibt Bazare für alles und jedes. In einem Straßenzug gibt es Kleidung, in einem anderen Gewürze, hier Töpfe und Haushaltszubehör, Geschirr aus Alu- und Messing, da Kinderspielzeug und Fahrräder, Obst und Gemüsen, Tüten und Taschen, eine ganze Straße ist voller leuchtendbunter Saris, in einer anderen gibt es nichts als schillernde Armbänder. In winzigen Barbershops kann Mann sich verschönen lassen, für die Damen gibt es Hennapainting am Straßenrand.

Wahrhaft atemberaubend ist der Bazar, in dem Götterstatuen und andere Figuren aus Gips und Stein angeboten werden, denn in jedem Haus wird gehämmert, gefräst, poliert und geschliffen und alles ist von feinem weißen Staub bedeckt, der in der Luft hängt wie Nebel und der uns sofort husten lässt. Wie schaffen es die Menschen, hier zu arbeiten und zu leben? Wie (lange?) hält deren Lunge das durch? Das Sammelsurium der Figuren ist sehenswert. Da stehen vielarmige Götter neben Gurus (oder Politikern?) und Ganesh neben barbusige Frauenfiguren. Allesamt sehr kitschig in unseren Augen, aber es muss ausreichend Käufer geben, um einen ganzen Straßenzug von Steinmetzen ernähren zu können.

Meine Nackenhaare sträuben sich etwas angesichts des Zahnarztes, der seine Freiluftpraxis an einem Trafohäuschen neben einem Tempel aufgeschlagen hat. Die Praxis ist ein rotes Tuch, auf dem neben dem Bild eines Gurus, einem gerahmten Zeitungsausschnitt, einigen Büchern, Bechern und Flaschen drei Reihen strahlendweißer Gebisse in der Sonne leuchten. Hoffentlich bleiben alle meine Plomben brav drin und alle Zähne ganz. Ich glaube, so glimpflich wie damals auf Martinique, als ich mit einem abgebrochenen Zahn an den George Clooney der Zahnärzte geriet (der noch nicht mal Geld von mir wollte), würde ich hier sicher nicht davon kommen.

Von Jaipur bietet sich der Ausflug zum Affentempel in der Schlucht von Galta an. Nur ein paar Kilometer außerhalb der Stadt und doch eine ganz andere Welt. Es dauert eine ganze Weile bis man sich durch den Verkehr von Jaipur herausgequält hat, aber kaum ist man draußen, wird es wieder dörflich, die Straße wird schlecht und schlechter und die Berge werden wilder. Unser Ziel liegt in einem langgestreckten und von hohen Felsen eingerahmten engen Tal: ein paar Tempel mit Wasserbecken und zahllosen Affen. Auf dem kleinen Parkplatz halten im Minutentakt TukTuks und bringen Gläubige hierher. Außer uns sind nur noch 2 andere Westler unterwegs.

Auch ohne die Tempel und die farbenfrohen Pilger wäre die Schlucht sehenswert. Nach all der Wüste und dem flachen Land kommt sie uns wie ein Gebirge vor, und die eindrucksvoll gefalteten Sandsteinschichten führen einem die Kraft von Mutter Natur vor Augen. Die Gebäude sind in mehreren Stufen in die Schlucht hinein gebaut, und während wir hinein und nach oben spazieren, kommen wir am Badebecken der Männer und dem der Frauen vorbei. Das Wasser stammt aus einer heiligen Quelle, und die Pilger beten gedankenversunken während sie sich untertauchen. Uns verwundert, wie selbstverständlich die sonst so sittsamen Inderinnen sich hier oben ohne zeigen, ganz so, als gelten für das Tempelgelände andere Regeln.

Die Rhesusaffen sind allgegenwärtig und werden ausgiebig gefüttert. Auch hier hoffen Bettler und Bettlerinnen mit kleinen arg dreckigen Kindern auf ein paar Rupien, aber "Zielgruppe" sind ganz eindeutig die Pilger und nicht die vereinzelten westlichen Touristen. Wir können uns ungestört und ganz ohne "Schatten" umsehen.

Am Ende der Schlucht erreichen wir einen kleinen Tempel, dessen Priester uns zu sich bittet. Er hatte gerade nichts zu tun und plaudert mit uns in sehr gutem Englisch. Sein Tempel ist ein kleiner Raum über und über voll mit Plastiktütchen voller gespendeter Lebensmittel und anderer Gaben, davor zahlreiche Räucherstäbchen, im Hintergrund ein paar Götterfiguren und - wir trauen unseren Augen kaum - eine dicke Katze. Die hat sich den Tempelkomplex wohl als Zuhause ausgeguckt, ist aber im Tempel kein gern gesehener Gast. Bevor er sich uns zuwendet, scheucht der Priester sie sachte davon und sie sucht sich ein anderes Versteck.

Anders als beim "Segen gegen Geld" Priester in Ranakpur ist dieser hier deutlich netter. Ok, er ist auch wesentlich jünger und sieht ganz passabel aus. Sein Interesse und sein Bemühen um uns erscheinen herzlich und echt. Wir bekommen eine sehr ausführliche Erzählung zur Geschichte des Tempelkomplexes geboten. Ein Eremit meditierte hier viele Jahre (wenn ich mich recht erinnere 65.000!) und erweichte mit seiner Beharrlichkeit sogar die Götter. Auf die Frage, was er sich zum Dank wünsche, antwortete er das, was in der Wüste am wichtigste ist und prompt entsprang die Quelle, die heute noch fließt und angebetet wird.

Anschließend vollführt er eine Zeremonie mit und für uns. Viel Gemurmel und Räucherstäbchenduft, ein Lai aus Jasminblüten und als Segenszeichen ein Tilaka aus roter Farbe auf unsere Stirn, eine rot-gelbe Schnur wird uns ums Handgelenk geknotet, und zum Abschluss gibt es noch ein Gebet und ein Stückchen Prasad, eine Art heiliger Speise, in unserem Fall weltlich gesprochen ein Stück Kandis. Obwohl ich Atheist bin, bewegt und berührt mich die Zeremonie sehr. Gerade als wir fertig sind, kommen die nächsten "Kunden", eine Gruppe von sechs Frauen, die sich ihm ehrfürchtig zuwenden und ihm Opfergaben reichen. Eine Spende lassen wir auch noch da, aber die scheint er gar nicht erwartet zu haben.

Am nächsten Tag treiben wir uns wieder in der Old City von Jaipur herum. Nach 4 Wochen in Indien schreckt uns das alltägliche Chaos nicht mehr wirklich. Selbst ich überquere inzwischen völlig selbstverständlich und ohne Zögern Straßen, die ich anfangs nur mit zitternden Knien angegangen wäre. Das ist nämlich der Clou - man darf nur nicht zögern und stehen bleiben, denn die Fahrer kalkulieren Deine Bewegung mit ein und fahren genau da vorbei, wo Du Sekunden vorher noch gestanden hast. Also einfach immer weitergehen...

Eigentlich sind wir jetzt so richtig aklimatisiert und würden am liebsten noch mindestens 4 weitere Wochen umherreisen. Allerdings komplett vegetarisch, denn nach einigen Blicken auf die hiesigen Fleischerläden verzichte ich lieber auf nicht-vegetarische Experimente und außerdem ist das indische Essen ohnehin so grandios, dass mir nicht wirklich was fehlt. Wobei... jetzt, nach 4 Wochen komplett fleischloser Ernährung, beginne ich die heiligen Kühe und vorallem die schön runden Wasserbüffel mit ganz anderen Augen (an)zusehen...

Natürlich schauen wir auch wieder beim Lassi Wallah vorbei - dieses Lassi macht wirklich süchtig! Ajay haben wir frei gegeben. Was soll er auf uns warten, bis wir keine Lust mehr auf City haben? Es gibt genug Moped- und Fahrradrikshaws, die uns für kleines Geld zu unserem Hotel bringen können. Am ersten Abend entscheiden wir uns für die Fahrradvariante, aber das erweist sich als kleiner Fehler. Der Fahrer verfährt sich mehrfach, aber dank GPS können wir ihn immer schnell wieder auf den richtigen Weg bringen. Außerdem braucht er
Da hinten wollen wir rauf...Da hinten wollen wir rauf...Da hinten wollen wir rauf...

... denn oben wartet ein Geocache
ewig, denn es geht ne ganze Weile bergauf, und wir sind keine leichte Last. Für den nächsten Rückweg nehmen wir lieber ein TukTuk.

Natürlich machen wir uns von Jaipur aus auch auf den Weg zum berühmten Amber Fort. Eines der klassischen Touristenziele, und so geht es auf dem Parkplatz zu, wie beim Schlussverkauf bei MediaMarkt. Puh, was für ein Massenauflauf! Überall Busse unnd Taxis, TukTuks und Touries. Alle strömen sie dem Fort auf dem Hügel entgegen, die einen auf Elefantenrücken, die anderen zu Fuß. Wie eine lange Reihe von Ameisen. Wir schließen uns dem Gewusel an und steigen bis zum Eingangsbereich hinauf, überlegen es uns dann aber anders. Das ist uns echt zu voll hier und nach noch mehr eingestaubten Ausstellungsstücken steht uns nicht der Sinn.

Also schauen wir uns das eindrucksvoll gelegene Fort nur von außen an und wenden uns dann dem gegenüberliegenden Bergrücken zu. Auch da gibt es eindrucksvolle Festungsmauern und Türme aber vorallem gibt es da einen Geocache (http://de.wikipedia.org/wiki/Geocaching) und da wir Geocacher sind, müssen wir da natürlich hin.

Aber vor den Erfolg haben die Cachegötter den Schweiß gesetzt und der fließt in Strömen. Es geht scheinbar unendlich viele Stufen hinauf. Riesige Stufen, sehr ungleiche Stufen. Die Festungsbauer waren ziemlich clever und haben die Treppe so gebaut, dass feindliche Truppen nicht einfach auf-/abwärts stürmen konnten, falls sie sie jemals erreichten. Diese Stufen stürmt niemand entlang. Die erklettert man mühsam eine nach der anderen und dabei passt man auf, dass man nicht aus dem Gleichgewicht gerät und entweder von der Mauer in das stachlige Gestrüpp oder gleich die Treppe wieder herunter fällt. Beides keine verlockenden Aussichten. Manche Tritte sind bis zu kniehoch, dann folgen wieder flachere, breite, schmale. Man muss den Weg genau im Auge behalten. 150 Höhenmeter überwinden wir so, behauptet zumindestens unser GPS.

Aber die Aussicht ist grandios und entschädigt für alle Mühen. Je höher man kommt, desto besser wird sie. Man sieht, wie sich die Mauer weit über die umliegenden Hügel schlängelt, im Tal leuchtet Amber Stadt mit den inzwischen altbekannten blauen Häusern, in der sonnigen Luft hängt ein leichter Dunst, der allem einen leicht mystischen Touch gibt, und inmitten dieser Szenerie liegt gegenüber das mächtige Fort. Nach vielen Pausen und mit Beinen aus Gummi kommen wir endlich oben an. Da stören wir dann erst mal ein indisches Päärchen beim Turteln. Die hatten wohl nicht mit Besuchern gerechnet und sind doch ziemlich erschrocken. Später kommt noch ein Asiat hinaufgeschnauft aber der interessiert sich - Klischee bestätigt - nur für's Fotografieren. Wir suchen und finden unseren Cache, genießen eine Weile den Ausblick und stellen dann beim Rückweg fest, das diese Stufen abwärts fast noch schlimmer sind als aufwärts. Die Beine sind inzwischen sehr müde, was der Trittsicherheit gar nicht gut tut. Jetzt wäre ein Affenabwehrstock als drittes Bein willkommen! Immer den Absturz vor Augen arbeiten wir uns abwärts, und unser Ajay ist doch sehr verwundert, als wir aus dieser völlig anderen Ecke kommen als seine üblichen Gäste. Aber er kennt unsere Geocaching-Leidenschaft inzwischen schon und fragt nur "did you find something?".

Noch ein eher unübliches Ausflugsziel für Westler, aber eines der Ziele der vielen Indischen Touristen in Jaipur: die Uferpromenade gegenüber dem Jawal Mahal (Wasserpalast). Hier flanieren die indischen Familien und unterscheiden sich gar nicht so sehr von Sonntagsausflüglern daheim am Rhein. Die Kinder quengeln so lange, bis sie was zum Spielen (Luftballons, Plastikkamele ,...) oder was zum Naschen (Eis, Zuckerwatte, krosse Reismehlfladen, ...) bekommen, die Eltern spazieren auf und ab, machen unzählige Fotos und für Mama gibt es ein paar hübsche neue Schuhe oder ein glitzerndes Armband. Hin und wieder kommet ein Bettler vorbei, und was bei uns Ponyreiten ist, ist hier Kamelreiten. Es gibt frisch geschnittenen Obstsalat gegen den kleinen Hunger und grüne Kokosnüsse zum Erfrischen (seit meinem durchfallbedingten ausgiebigen ORS "Genuss" ist der Geschmack leider negativ belegt. Ich hoffe, das gibt sich wieder, denn normalerwese liebe ich diese beste aller Tropenerfrischungen). Frisch gepresster Zuckerrohrsaft ist nicht so mein Ding, aber auch den gibt es hier zu kaufen.

Im See wimmelt es von dicken, schwarzen Fischen, die ausgiebigst gefüttert werden. Sind sie wegen des Futters in solcher Konzentration am Ufer, dass man mehr Fische als Wasser sieht oder liegt das an der schlechten Wasserqualität und dem fehlenden Sauerstoff? Die Brühe ist jedenfalls nicht verlockend.

Wir setzen uns eine Stunde in den Schatten eines Baumes, sehen uns das Treiben um uns herum an und knabbern Reismehlfladen. Mal wieder sind wir die einzigen Westler weit und breit und ziehen wieder einiges an Aufmerksamkeit auf uns. Es dauert nicht lange, und die ersten Bitten nach Fotos werden laut. Warum sind so viele Inder so versessen darauf, mit unbekannten Leuten, die sie nie wiedersehen werden, auf Fotos zu landen? Dieses Verhalten begegnet uns immer wieder und auch wenn es langsam zur Gewohnheit geworden ist, verwundert es mich immer wieder. Diesmal plaziert man sogar ein verdutzes Kleinkind (einen Sohn natürlich) neben uns, das nach einer Schrecksekunde angesichts dieser unfassbaren Tat seiner Eltern in ohrenbetäubendes Geheul ausbricht und nicht mehr zu beruhigen ist. Die ein paar Jahre ältere Tochter steht derweil ein paar Schritte abseits, und man sieht ihr an, wie gerne sie mit uns auf einem Foto landen würde. Aber die Idee kommt den Eltern nicht. Alltägliche Diskriminierung von Mädchen.

Später schlendert eine Gruppe Mädels im Teenageralter wie zufällig vorbei und lässt sich dann unmittelbar neben mir nieder. So nahe würde man sich bei uns niemals neben unbekannte Menschen setzen, denn sie sitzen fast auf meiner Decke. Aber wir wissen längst, in Indien ist der persönliche Wohlfühlabstand des einzelnen deutlich kleiner als in Deutschland. Gibt es überhaupt einen? Die vier wollen jedenfalls keinen Kontakt und suchen keine Unterhaltung, sondern knabbern Chips und spielen mit ihren Handys. Dass sie uns dabei heimlich und doch arg auffällig fotografieren, bemerken wir schon, aber wir tun ihnen den Gefallen und reagieren nicht.

Auf wievielen solcher heimlich geschossener Handybilder wir wohl gelandet sind? Manchmal wurden wir artig gefragt, ob man uns fotografieren dürfe, aber recht häufig bemerkten wir auch, dass wir gerade vom Fotografen zum Motiv mutierten. Schon witzig, welchen Aufwand an Inszezierung manch einer betreibt, um uns aufs Bild zu bekommen. Da werden andere Personen wie zufällig direkt vor oder neben uns plaziert und angeblich fotografiert, während die Kamera offensichtlich uns anpeilt, da wird aus der Hüfte in unsere Richtung geknipst oder ein hässliches Gebäude abgelichtet vor dem wir gerade stehen und das so gar nichts fotografierendwertes hat. Amüsant!


28.01.13 - 29.01.13 / Bharatpur / Jungle Lodge


Unterwegs nach Bharatpur kommen wir an einer Prozession vorbei. Hunderte Frauen schreiten, in leuchtende Saris gekleidet, die Straße entlang. Die meisten tragen Rot oder Orange, vereinzelt leuchtet jemand in Gelb, Grün oder Pink, und die Leuchtkraft der Farben ist unglaublich. Viele Frauen tragen Schalen mit Opfergaben auf dem Kopf, insgesamt ein sehr elegantes und schönes Bild. Woher sie kommen, wohin sie gehen erfahren wir leider nicht. Uns zieht es zu unserem nächsten Ziel, und so halten wir leider nicht an. Schade!

Wir wollen zur Abhaneri Stepwell, einem der tiefsten und eindrucksvollsten Stufenbrunnen Indiens. Leider auch einer der Orte, an dem die Guides und Schlepper besonders lästig sind. Ein paar Jungs versuchen sogar, mir 50 Rupies fürs Pinkeln in einem der aufgestellten Klohäuschen abzuknöpfen. Zum Glück sind wir inzwischen geübt in der Abwehr von Schatten aller Art, und so können wir uns schließlich doch noch in Ruhe umsehen.

Die Vielzahl von Ebenen und Stufen macht diesen Brunnen zu etwas ganz besonderen. Die Stufenbrunnen, die wir bisher besuchten, hatten zumeist 5 oder 6 Ebenen, aber hier liegt der Wasserspiegel derzeit 13 Etagen weiter unten, von denen jede etwa 1,5m hoch ist. Man steht sprachlos (so einen nicht einer der Schlepper zuquatscht) am Rand und sieht staunend in die Tiefe. Ein Netz aus Treppenstufen überzieht die Wände, dabei ist jede Etage 7 Stufen hoch und die Stufen sind versetzt in Dreiecken angeordnet. Das optische Ergebnis ist eine Herausforderung für die Augen: man kommt sich vor wie in einem Werk von M. C. Escher, und je länger man die Stufen betrachtet, desto mehr verschwimmt alles. Welch ein beeindruckendes Bauwerk ist den Menschen da im 10. Jh gelungen!

Leider kann man den Komplex nur von außen / oben betrachten, denn der Zugang ist abgesperrt, und hässliche Metallzäune verhindern eine weitere Erkundung. Schade, der Blick von unten nach oben muß auch grandios sein, und zu gerne würde ich auch das Brunnen- und Tempelgebäude mit seinen Säulengängen durchstreifen. Dessen Fassade reicht tief hinab bis zum grünschimmernden Wassserbecken und ist reich verziert, aber bis auf ein paar Ornamente ist von oben leider nichts genaues zu erkennen. Aberhunderte von Tauben bewohnen das Arreal und rauschen im Tiefflug über unsere Köpfe hinweg. Wie so viele Monumente Indiens hat auch die Abhaneri Stepwell ein ernstaftes Taubenproblem. Da ist die dichte Schicht von Taubenfedern unten auf der Wasserfläche sicher das geringste Übel.

Rund um den Brunnen herum sind von Säulen getragene Räume angeordnet. In denen hat man ein reichlich ungeordnetes Sammelsurium von Statuen zusammengetragen, zumeist kaum mehr als Bruchstücke von insgesamt in schlechtem Zustand befindlichen Steinfiguren. Einige Götterköpfe erinnern an Tempelfiguren aus Kambodscha, andere Figuren zeigen eindeutig erotische Szenen, aber allesamt sind sie in bedauernswertem Zustand. Die Touristen, die mit einen der Guides unterwegs sind, bekommen sehr ausführlich erläutert, welchen Gott man da gerade (nicht mehr) erkennen kann. Einem holländischen Mädel sieht an deutlich an, wie wenig sie das interessiert und wie gerne sie diese Führung jetzt sofort beenden würde.

Nach Abhaneri ziehen wir weiter nach Bhartpur. Eigentlich ist der Plan, dass wir uns einen Tag im Keoladeo National Park, einem Vogelschutzreservat, herumtreiben, aber es kommt anders. Unsere Unterkunft, ein nettes kleines Guesthouse mit dem etwas hochtrabenden Namen Jungle Lodge ist mit seinem kleinen Garten eine so wunderbare Oase der Ruhe, dass wir einfach einen Tag sitzen, entspannen und nichts tun, außer den Platz zu genießen und ein paar Flaschen Kingfisher zu leeren. Das Essen ist gut, die Zimmer einfach aber sauber und die Betten bequem. Endlich kommen wir mal zum Lesen und ich zum Tagebuch schreiben. Ich glaube, so einen aktiven Urlaub hatten wir noch nie, und so machen wir hier einen Tag Urlaub vom Urlaub.

Bei der Anfahrt fährt Ajay noch einen Schlenker von der Hauptstraße weg und zeigt uns wieder einen Teil Indien, den wir ohne ihn nie gesehen hätten. Auch in Indien gibt es einen Straßenstrich! Die leichten Mädchen stehen vor ihren Lehmhütten oder sitzen auf Charpois und warten auf Freier. Eine hat gerade ihren Zuhälter zu Gast und es ist interessant, wie eindeutig man letzteren auch ohne dicke Goldkettchen und Angeberauto auch in Indien erkennt. Die Körpersprache sagt alles. Für wenige Rupies kehren hier die Fernfahrer und sonstige Freier bei den Mädels ein, Aidsgefahr und andere unschöne Krankheiten inklusive. Wie jung die Mädchen sind. Und wie deutlich sie sich im Auftreten von den üblichen scheuen und zurückhaltenden Frauen unterscheiden.

Wie fast jeden Abend treffen wir uns auch in Bharatpur später mit Ajay und planen die nächsten Schritte. So langsam müssen wir mit der Zeit haushalten, denn leider ist nicht mehr viel übrig. In einer Woche geht es leider schon wieder heim, und eigentlich haben wir noch viel zu viel auf unserer Wunschliste und mussten doch schon Dinge auslassen und streichen. Jedenfalls hat sich unser erster guter Eindruck von Ajay, den wir gleich zu Anfang hatten, die ganze Zeit über bewahrheitet: er war die perfekte Wahl für unsere Reise, und wir können ihn mit ruhigem Gewissen und mit Nachdruck weiterempfehlen. Er hat gut auf uns acht gegeben und alles dafür getan, dass wir unser Indien entdecken konnten - mit unserer Art zu reisen, flexibel und nah an Land und Leuten. Wenn ich ehrlich bin, ich hoffe, dass wir noch eine weitere Reise mit ihm schaffen, denn es ist noch sooooo viel tolles Indien übrige und zumindest einen Teil davon hat er auch im Programm.

Auf dem Weg nach Agra geht es durch landwirtschaftlich intensiv genutztes Gebiet mit Weizenfeldern und den schon bekannten lauchtendgelben Senffeldern. Dazwischen erheben sich allerdings immer wieder die eckigen Schornsteine von Ziegelbrennereien, aus denen schwarzer Rauch aufsteigt. Nach und nach werden die Felder seltener und die Schornsteine mehr.

Nächster Halt: Fatehpur Siriki. 1571 ließ der Großmogul Akbar nach der Geburt seines Sohnes hier seine neue Hauptstadt bauen, nebst Moschee und je einem Palast für seine drei Hauptfrauen - eine Christin, eine Muslima und eine Hindu. Die Moschee ist heute noch in Benutzung, der ganze Rest ist eine weitläufige Geisterstadt aus rostrotem Sandstein und seit 1986 Weltkulturerbe der UNESCO.
Leider hatte Akbar die Stadt in einer Gegend errichten lassen, die unter extremer Wasserknappheit leidet, und so wurde sie schon kurz nach seinem Tod wieder aufgegeben.

Heute sind die roten Gebäude leer bis auf die vielen Besucher, indische und westliche, die hier umherwandern. Große Teile sind instandgesetzt und herausgeputzt, während andere noch überwuchert und in Trümmern liegen und darauf warten, zurechtgemacht zu werden. Wir erkunden beides, nachdem wir uns unseren Weg vom unglaublich überlaufenen Parkplatz voller Souvenirhändler und Pseudoguides den Weg zur Abfahrtsstelle der Busse gekämpft haben und für 5 Rupies mit dem Bus hinauf auf den Hügel gefahren sind.

Wirklich eindrucksvoll sind die Schnitzereien im Palast der Muslimischen Frau Akbars. So fein herausgearbeitete figürliche Darstellungen (Tiere, Bäume...) und filigrane florale Ornamente. Nur die zahlreichen Swastika irritieren den Deutschen natürlich immens, der sich von Hakenkreuzen umzingelt sieht. Die sind nämlich überall und ziehen sich in langen Girlanden über die Wände. Es gibt ausgedehnte Gärten mit kurzem gepflegten Rasen, Büschen und Bäumen. Hinter einem der Büsche liegt ein Gärtner und hält ein Nickerchen, ungestört von all dem Gewusel um ihn herum. Nettes Bild. Wir wandern durch die leeren roten Gebäude, manche riechen atemberaubend nach Fledermausguano, obwohl sie optisch sauber erscheinen. Werden sie täglich gefegt, oder hält sich der Gestank so nachhaltig? Leider darf man die oberen Geschosse nicht besichtigen, und so bleibt meine Vermutung, dass es da oben vor Fledermäusen wimmelt, ungeprüft. Aber bald haben wir von blanken Gemäuern ohne Inhalt genug und wenden uns dem Moscheebereich zu.

Anders als die Geisterstadt ist der Bereich um die Jama Masjid voller Leben. Hier wimmelt es von Menschen, zumeist Gläubige, aber auch vielen Touristen. Und wo Touristen sind, gibt es fliegende Händler, die einem allerlei Kram andrehen wollen. So lernt Thorsten zwei Jungs kennen, die (wiedermal erstaunlich sprachbegabt) versuchen, ihm Holzschachbretter und komische Kulis anzudrehen. Schnell merken sie, dass er ihnen nichts abkaufen wird und lassen einfach das Geschäftliche sein. Stattdessen plaudern sie angeregt die nächste halbe Stunde über "Männerthemen". Der eine Knirps ist 14, hat zwei Freundinnen und ist sich noch nicht sicher, welche er heiraten wird. Vielleicht heiratet er ja auch beide, erklärt er, denn er ist ja Muslim und darf das daher. Sie plaudern über die erotischen Tempel in Khajurao und der zweite Knirps erklärt "Sex ist doof! Ich mag keinen Sex! Aber mein Kumpel, der mag Sex". Die drei Jungs, der große und die zwei kleinen, haben ihren Spaß, während ich in etwas Abstand sitze und Gegend und Gestalten beobachte.

Der große zentrale Platz wird von Mauern umrahmt und von mächtigen, türmchenverzierten Toren begrenzt. An den Toren muss man seine Schuhe zurücklassen, und Schuhwächter bewachen sie gegen ein Entgelt von 10 Rupies. Gut, meine ausgelatschten Kamelledersandalen würde keiner klauen, aber für die feinen Trekkingschuhe manch anderer Touristen lohnt sich der Einsatz sicher. Und wirklich beeindruckend ist, dass der alte Mann trotz der Menschenmassen hier zielsicher die richtigen Schuhe ergreift, als wir gute drei Stunden später wieder vorbeikommen. Direkt an den Toren klären rostige Schilder darüber auf, dass das Mitführen, Zubereiten und Essen von Nahrungsmitteln vorboten ist. Besteht wirklich die Gefahr, dass Besucher hier ein Feuerchen anzünden und zu Kochen beginnen? Incredible India!

Riesige Waaben wilder Bienen hängen an den Kuppeln der Moscheegebäude und bilden einen fotogenen Kontrast zu dem roten Sandstein und den spärlichen Resten der blau-grünen Bemalung. Direkt darunter sitzen zwei uralte, komplett in weiß gekleidete 'heilige Männer" und betrachten das Gewusel um sie herum durch ihre dicken Brillengläser. In der Mitte des große Platzes vor der Moschee liegt das Mausoleum des Shaikh Salim Chishti mit prächtigen, aus Marmor geschnitzten Fenstern. Ein steter Strom von Gläubigen fliesst hinein und heraus, und auch die Touristen sind willkommen, so lange sie artig den Kopf bedecken. Wer als Mann keine Mütze dabei hat (Thorstens offene Kappe reichte nicht), bekommt eine Art Salatnetz aus Plastik auf den Kopf gesetzt und sieht damit reichlich albern aus. Die Welt ist für einen Atheisten wie mich voller wundersamer Momente! Im Becken vor dem Mausoleum nehmen die Gläubigen ihre rituellen Waschungen vor, und manche trinken das Wasser auch. Mich schaudert es bei dem Anblick, da das ganze Becken mit einer dicken Schickt grüner Algen bedeckt ist. Dann sehe ich, dass genau an dieser Stelle das Frischwasserrohr in den Tank mündet. Puh! So ist das Ganze doch gleich weniger unappetitlich.

Auf dem Rückweg wandern wir wieder durch die Reste von Fatehpur Siriki, zuerst durch die Teile die gerade instand gesetzt werden, vorbei an einen seltsamen dornenbewehrten Turm, der in seiner Form sehr an einen Leuchtturm erinnert. Halsbandsittiche brüten in den löchrigen Mauern, die wir passieren, zwei Wachposten lümeln sich träge am Straßenrand herum. Später durchstreifen wir die noch nicht wiederhergestellten Ruinenfelder. Wow, dieses Arreal ist so groß! Kein anderer Besucher weit und breit suchen wir uns unseren Weg querfeldein, bis wir wieder die Straße erreichen.


29.01.13 - 30.01.13 / Agra / nicht nennenswertes Hotel


Auch wenn wir uns bemühen, uns häufig abseits der allzu ausgetretenen Routen zu bewegen, am Taj Mahal kommen auch wir nicht vorbei. Nachdem jeder, der es je sah, aus dem Schwärmen kaum noch herauskommt, wollen wir selbst wissen, was so besonderes daran ist. Über 2 Millionen Menschen kommen jährlich hier vorbei und spülen dem indischen Tourismus eine Menge Geld in die Kassen, denn das Taj ist nicht nur die meistbesuchte, sondern auch teuerste Sehenswürdigkeit Indiens. Es wird also voll werden, sehr voll, und so entscheiden wir uns, gleich zur Öffnungszeit am Tor zu warten, d.h. schon vor Sonnenaufgang.

Den Abend vorher streifen wir durch Agras Altstadt, die um diese Zeit einen angenehmen Mix aus Travellern, Touristen und Einheimischen bietet. An einer Apotheke besorgen wir noch etwas von dem Hustensaft, denn der hiesige ist ziemlich wirkungsvoll, und so was braucht man auch daheim sicher mal wieder. Man will gar nicht wissen, was für daheim verbotene Wirkstoffe da drin sind. Wieder beeindruckt uns der vollgestopfte Garagelook der indischen Apotheken.

Wir genießen ein gutes Abendessen in einem winzigen Restaurant, das der Lonely Planet empfiehlt: Joney's Place. Wow, gut und günstig! Nur 5 Tische und eine überschaubare Karte, aber hervorragendes Essen und ziemlich viele asiatische Gäste. Die Wände sind über und über mit Unterschriften und kurzen Botschaften anderer Besucher bedeckt und auch die Speisekarte hängt da - in Hindi und irgendwelchen asiateischen Schriftzeichen. Auch wir verewigen uns mit unseren Mailadressen an der Wand (vielleicht schreibt ja mal einer), schlemmen (Malai Kofta) und sind wirklich beeindruckend, was der Koch in der vielleicht 2 qm großen Küche zaubert. Nebenan sitzen ein paar (vermutlich) Koreaner bedienen das Klischee - sie fotografieren, fotografieren, fotografieren und spielen mit ihren Handys.

Gegen 22 Uhr spazieren wir zum Hotel zurück, und auch zu dieser späten Zeit sind die Straßen voller Leben. Ein Mädchen bügelt Wäsche am Straßenrand mit einem riesigen, eisernen Bügeleisen voller glühender Kohlen. Ein paar Straßen weiter bereitet ein bärtiger Moslem Brathähnchen zu. In einer "Klinik" brennt noch Licht, und die ausführliche Beschriftungen in Hindi und Englisch führen auf, was hier alles angeboten wird - vom Aidstest bis zum Ultraschall, alles kein Problem, und sogar gegen Dengue kann man hier behandeln. Die Straßen sind voller Menschen und wir genießen den schönen Abend. Etwas erschreckend ist nur die Aussicht, dass schon um 5:30 der Wecker klingeln wird. Die Tore zum Taj öffnen früh und vorher gilt es, die Eintrittskarten (750 Rupies!) zu kaufen und einen guten Platz in der Warteschlange zu ergattern.

Zum Taj Mahal findet man unzählige Seiten im Netz, wer also mehr wissen mag, wird schnell fündig, z.B. hier http://de.wikipedia.org/wiki/Taj_Mahal.

Viel zu schnell ist die Nacht vorbei, und wir machen uns auf in die Kälte. Auch wenn es tagsüber inzwischen recht warm ist, die Nächte sind noch empfindlich kalt, und als wir das Hotel verlassen, ist es noch stockdunkel. Agra erwacht gerade, ein paar einzelne Traveller wandern, wie wir, in Richtung des Western Gate, aber noch sind überwiegend Inder auf den Straßen. Einige hocken an kleinen Feuerstellen am Straßenrand, andere wärmen sich die Hände an einer dampfenden Tasse Chai. Noch sind kaum Fahrzeuge unterwegs, und das fehlende Hupen fällt direkt auf. Ein paar Radfahrer überholen uns, und entlang der Straße schlafen zusammengerollte Streunerhunde. Sogar eine heilige Kuh ist schon auf den Beinen.

Nach nur 10 Minuten erreichen wir das Tor. Als erstes fällt einem das das große Plakat auf, auf dem all das abgebildet ist, was man nicht mit auf das Gelände des Taj Mahal nehmen darf. Eine illustre Mischung! Manches mach auf Anhieb Sinn, anderes verwundert. Zigaretten und Feuerzeuge, Fahnen, Alkohol, Waffen, Sprengstoff, so weit ok, aber Bücher, Buntstifte, Malerbedarf, Mikrophone, Taschenlampen, Einkäufe? Und manche der abgebildeten Dinge habe ich bis jetzt noch nicht entziffern können. Wir haben außer den Kameras nichts dabei und dürften daher beim Sicherheitscheck keine Probleme bekommen.

Das frühe Aufstehen hat sich schon mal gelohnt. Wir sind ganz vorne in der Warteschlange dabei - vor uns nur noch 5 oder 6 andere Personen, direkt hinter uns eine englische Familie mit zwei sehr müden, quengeligen Kindern, die die Begeisterung ihrer Eltern für diesen frühen Ausflug nicht im geringsten nachvollziehen können. Nach hinten wird die Schlange lang und länger. Nebenan gibt es eine zweite, noch sehr kurze Schlange - für die indischen Staatsangehörigen.

Es ist kurz nach 6 und es war wohl ein Gerücht, dass die Kasse so früh schon öffnet. Erst um 6:40 geht es los und wir ergattern Tickets. Dann heisst es wieder warten, diesmal am eigentlichen Tor zum Gelände des Taj Mahal. Hier sorgen massive metallene Barrieren, wie man sie aus europäischen Freizeitparks kennt, dafür, dass sich wieder artig Schlangen bilden - diesmal vier, zwei für die Männer, zwei für die Frauen.

Um 7 Uhr öffnet sich das Tor, und was folgt, ist ein Sicherheitscheck wie an jedem Flughafen üblich. Erst durch die Schleuse, dann zum Abtasten, und wer Taschen dabei hat, muss diese noch Durchsuchen lassen. Hier wird munter konfisziert, denn nicht alle Besucher sind so gut informiert und vorbereitet wie wir, und die müssen sich hier von ihren Zigaretten und anderen verbotenen Gütern trennen. Aller Protest hilft nichts und hält nur den Ablauf auf.

Dann geht es hinein. Noch ein paar Schritte über einen kleinen Platz und durch ein weiteres Tor, und dann sieht man es endlich. Grauweiß hebt es sich zuerst kaum vom Himmel ab. Inzwischen ist es 7:20 Uhr, der Himmel ist zwar schon recht hell aber die Sonne noch nicht aufgegangen. Noch sind außer uns vielleicht ein Dutzend Besucher da und so können wir für ein paar Momente die fast menschenleere Aussicht genießen und ein paar Bilder fast ohne Touristen schießen. 30 Minuten später wimmelt es schon vor Menschen. Wie kamerabehangene Ameisen wuseln sie durch den Garten und stehen an besonders gefragten Fotoplätzen Schlange. Ab 9 Uhr soll es richtig übel werden, denn da kommen die ersten Busse, aber da sind wir schon längst wieder weg.

Das erste Bild ist genau das, was man schon tausendfach gesehen hat. Zugegeben, das Taj Mahal ist schön, so harmonisch wie es über seinem Garten aufragt, aber ohne die spezielle Morgenstimmung hätte es mich nicht wirklich beeindruckt. Es entspricht in seiner ganzen Erscheinung einfach zu sehr genau dem, was man erwartet und irgendwie schon kennt. Aber der Morgennebel und die sich ständig verändernden Lichteffekte so früh am Morgen machen aus dem altbekannten Bild in wenigen Augenblicken etwas Magisches.

Kaum geht die Sonne auf, ziehen undurchdringliche Nebenwände vom nahen Fluß auf, und innerhalb weniger Minuten reduziert sich die Sicht dramatisch. Konnte man eben noch vom Eingangstor bis zum Taj sehen, verschwindet jetzt sogar der Nebenmann 2 Meter weiter vorne. Nebenmann wird Nebelmann! Die Gebäude scheinen plötzlich über dem Boden zu schweben, die Minarette wachsen wie aus dem aus dem Nichts empor auf den schon blau leuchtenden Himmel zu. Alle Menschen sind plötzlich nur noch Schattengestalten, die urplötzlich auftauchen und genau so schnell wieder verschwinden. Die Luft ist feucht, und in den Nebel mischt sich Rauch von irgendwoher. Das Atmen fällt schwerer. Oder ist das nur Einbildung?

Wir schlurfen, wie alle anderen Besucher auch, auf weißen Schuhhüllen umher. Die sind zwar aus Umweltschutzsicht eigentlich ein Unding, aber bei den derzeitigen Temperaturen ist "Schuhe aus und den Marmor barfuß zu erwandern" keine wirkliche Option. Die Überzieher aus einem papierartigen Material bekommt man eigentlich, zusammen mit einer Wasserflasche, an der Kasse. Wir hatten Pech und bekamen keine und standen erst mal ratlos rum. Aber der Wächer an der Schuhabgabestation ist ein geschäftstüchtiges Kerlchen. Er recycelt weggeworfene Überzieher und verteilt sie weiter. Natürlich nicht umsonst. Mit einem freundlichen "Bakschish?" reicht er sie uns rüber. Wir drücken ihm 20 Rupies in die Hand. Besser so, als sich die Füße abfrieren. Aber wir sind nun schon lange genug in Indien unterwegs, dass wir das Bakschish Spiel auch beherrschen. Am Ende unseres Besuchs bringt Thorsten die Schuhhüllen zurück, stellt seinerseits die Frage "Bakschish?" und kassiert immerhin 10 Rupies retour.

Bevor es richtig voll wird, schauen wir uns das Taj noch schnell genauer an. Schon eindrucksvoll, dieser weiße Marmor im Kontrast zu den fein gearbeiteten Intarsien aus bunten Halbedelsteinen. Was für eine Arbeit! All diese Blumenranken und die geschwungenen Schriftzüge, alles Einlegarbeiten aus farbigen Steinen in so vielen verschiedene Farben. Besonders eindrucksvoll, weil besonders filigran, sind die Ornamente im Inneren des Mausoleums, aber leider ist es dort so duster, dass man sie kaum erkennen kann. Die Taschenlampe musste ja draußen bleiben. Ansonsten ist das Taj von innen nicht sehr eindrucksvoll. Recht eng und schon jetzt unheimlich voll, die Luft trotz der Kälte draußen warm und tropenfeucht. Ich mag mir gar nicht vorstellen, wie es hier zugeht, wenn erst die Besucher busweise herbeiströmen. Die Sonne fällt durch die durchbrochenen Fenster und malt hübsche Lichtflecken auf die Wände, aber wir sind froh, als wir wieder vor die Tür treten. Durchatmen!

Inzwischen hat die Sonne den Kampf gegen den Nebel gewonnen, der Himmel leuchtet tiefblau, und es wird warm. Wir wandern noch etwas herum und beobachten die anderen Besucher. Amüsant, wie sie mit viel Aufwand stell-dich-mal-dahin-Fotos inszenieren. Die Wiesen der Gärten vor dem Taj werden gerade gewässert. Oder eher geflutet. Das Wasser steht zentimeterhoch auf dem Gras und zieht unzählige Vögel an. Bald nehmen Dutzende von Tauben, Reihern, Krähen und anderen Vögeln begeistert ein Morgenbad. Frisches sauberes Wasser, das findet man als Tier in Indiens Straßen nicht oft.

Inzwischen wimmelt es im ganzen Gelände vor Menschen. Wir spazieren durch das South Gate wieder hinaus und landen so wieder direkt in der Altstadt von Agra. Gemütlich schlendern wir zum Hotel zurück, und bald machen wir uns mit Ajay auf den Weg zu unserer letzten Station, zurück nach Delhi. Der Kreis schliesst sich, bald geht es heim. Aber vorher möchten wir noch im Kinari Bazar anhalten, denn die wenigen Zeilen im Lonely Planet klingen zu verlockend. Armer Ajay, wieder muss er sich durchfragen, denn hier war er noch nie. Die Straßen werden eng und enger, wenn das so weitergeht, stecken wir bald fest. An einer eingermaßen freien Stelle parkt er, und wir wandern für ein Stündchen durch dieses Labyrinth von verschachtelten engen Gassen.

Spannend! Neben den schon bekannten Läden, den Apotheken, Snacks und Staßenhändlern, den haarsträubenden Elektroinstallationen, einst noblen und jetzt sehr heruntergekommenen Stadthäusern mit geschnitzten Fenstern und einst prächtigen Fassaden finden wir hier das erste richtige Metzgerviertel. Bisher hingen allenfalls mal eine Ziegenhälfte oder ein paar Hühner in den Auslagen, aber hier reiht sich eine ganze Straße lang Meatshop an Meatshop. Außerdem sind wir sind ganz eindeutig in einem Muslimischen Viertel, denn ein Teil von dem, was hier hängt, war bis vor kurzem noch ein Wasserbüffel. Und Büffel gehören auch zu den (heiligen) Kühen, denen würden die Hindus nie etwas antun. An einer Ecke stehen sogar 5 Büffelfüße mit Hufen dran, aus denen blutige Knochen herausragen. Befremdlich! Fleischkauf ist außerdem Männersache. Männer- und Hundesache, denn die Hunde wissen natürlich, dass es hier was Gutes zu holen gibt. Nie sahen wir eine höhere Streunerhundekonzentration.

Bei der Abfahrt passieren wir dann noch ein riesiges Müllfeld mitten in der Stadt, diesmal keines aus Plastik, sondern eines volller Gemüseabfälle, an dem sich gerade Kühe, Büffel und Schweine den Bauch vollschlagen. Wie weit wir uns doch daheim schon von unseren Abfällen entfernt haben, dass uns eine solche Aussicht so erstaunen kann. Noch vor ein paar Hundert Jahren sah es bei uns sicher nicht anders aus.



30.01.13 - 02.02.13 / Delhi / Jenifer Inn

Endspurt. Wie furchtbar! Wie gerne würden wir noch weitere 5 Wochen, ach was, 5 Monate umherreisen. Ok, aus meiner Sicht vielleicht mit einem kurzen Stop daheim, um die Wäsche zu wechseln und mal eine Woche in non-veg-food zu schwelgen, aber dann würde ich ohne Zögern wieder in den Flieger steigen (vielleicht keinen Dreamliner) und wieder herkommen. Inzwischen kann ich bestätigen, Indien macht süchtig und wen es einmal gepackt hat, der kommt immer wieder. Aber wir haben ja leider nur noch ein paar Tage, und für die kehren wir nach Delhi zurück.

Unsere Unterkunft ist eines der zahlreichen eher gesichtslosen Hotels im Hotelviertel von Delhi, aber da wir eh nur zum Schlafen hier auflaufen, ist uns das egal. Man erreicht bequem zu Fuß den nahen Karol Bagh Bazar, in dessen weitläufigen Straßenzügen voller Mode, Taschen, Glitzerkram, Handyshops und Schnickschnack wir einige nette Stunden zubringen. Masala Dosa und anderes wunderbares Streetfood warten auf uns. Sogar in einem indischen McDonalds kehren wir ein und stellen fest: es gibt ein paar recht leckere vegetarische Gerichte, die McDo daheim auch mal auf die Karte setzen könnte, den Paneer Burger zum Beispiel!

In Delhi
Frühstück in Old DelhiFrühstück in Old DelhiFrühstück in Old Delhi

Stuffed Paratha - lecker!
kann man (theoretisch) so vieles ansehen, aber wir schauen als erstes in den engen Gassen von Old Delhi vorbei und sind danach einfach nur angefixt. Für diesmal schaffen wir nicht mehr. Jede freie Minute wollen wir hier verbringen und jeden Moment Incredible India aufsaugen. Und eines ist klarer denn je, wir müssen wiederkommen!

Wie kann eine einzige Stadt solche Kontraste beherbergen? Das schicke, eher saubere und moderne New Delhi und dieses Labyrinth Old Delhi mit seinen engen Gassen, bröckelnden Häusern, seinem bunten Treiben? Old Delhi ist eine Zeitreise, in der man sich voll und ganz verlieren kann. Wären wir an Tag eins hier gestrandet, wir (ok ich) hätten (hätte) wohl schreiend die Flucht ergriffen, aber nun sind wir ausreichend akklimatisiert, dass wir uns treiben lassen und geniessen können.

Diese schier endlosen Menschenmassen schrecken uns nicht mehr, an den Dreck und das Hupen haben wir uns längst gewöhnt und so bringen wir begeistert Stunden um Stunden in diesem Gewühl zu. Ajay begleitet uns zum Teil und ist wieder eine große Hilfe als Dolmetscher, erst recht wenn es um die vielen kulinarischen Köstlichkeiten angeht, die es zu entdecken gibt. Wir hätten uns sonst wohl nie in diesen kleinen Schuppen mit den köstlichen gefüllten Paratha verirrt, die man hier zum Frühstück verspeist. Aber mit unserer Ausdauer kann er nicht mithalten und schon nach 2 Stunden Herumwandern kapituliert er mit müden Beinen. Wir aber ziehen schauend und staunend noch für Stunden weiter.

Besonders der Gewürzbazar hat es uns angetan. Eine scheinbar endlose Reihe hagerer Träger trägt pralle Gewürzsäcke auf dem Kopf heraus aus den dusteren Tiefen des Gewürzgroßmarkts in das Gewusel der Straßen. Und Großmarkt trifft es hier wirklich - ich habe noch nie so riesige Säcke voller Chilis, Korianderkörnern, getrocknetem Ingwer und unzähligen anderen wunderbaren Dingen gesehen. Ein toller Duft hängt in der Luft, reizt die Atemwege und ist doch so verlockend. Das Geheimnis, das die indischen Küche ausmacht. Wiedermal ist Indien im wahrsten Sinne des Wortes atemberaubend!

Auf den Straßen ein Gewimmel von Trägern und hochbeladenen Karren, Fußgängern, Kühen und uns mittendrin. Und was da nicht alles transportiert wird. Holzlatten und turmhoch gestapelte Schuhkartons, bunte Plastikkügelchen in riesigen Säcken, Baumaterial und immer wieder Gewürze, Gewürze, Gewürze. Ein Messerschleifer fällt uns besonders auf - er treibt sein Schleifrad mit seinem Fahrrad an und ist noch dazu ein kurioser Anblick, wie er dort fotogen und mit eindrucksvollem Schnauzbart auf seinem Fahrrad thront. Indien beherbergt so viele einzigartige Gesichter und Gestalten. Auf einem Plakat schaut uns ein Guru entgegen - Pavarotti? Keine Frage, Pavarotti ist als Guru in Indien wiedergeboren worden! Warum auch nicht, hier ist alles möglich!

Wir schlemmen uns durch die unzähligen Köstlichkeiten, die die Streetfood Stände in Old Delhi im Angebot haben und schaffen dennoch nur einen kleinen Teil. Wunderbare Masala Dosa zum Frühstück, ein leckeres Dessert aus Milchschaum, dessen Namen ich leider nicht notiert habe, stuffed Paratha, mit Kartoffeln und Gemüsen gefüllte "Pfannkuchen" mit verschiedenen Soßen, natürlich meine geliebten Kartoffelküchlein, wunderbaren Chai und und und. Allein wegen des Streetfoods in Old Delhi müssen wir unbedingt wiederkommen. Wir haben da noch ein paar (Dutzend) Dinge zu probieren!

Immer wieder muss ich über die Straßenhunde in Delhi schmunzeln, sie sind beeindruckend clever und haben sich perfekt an das Leben in diesem Chaos angepasst. Einfach nur auf der Straße liegen zum Schlafen? Viel zu gefährlich und zu dreckig! Stattdessen suchen und finden sie Alternativen und so sehe ich sie an den ungewöhnlichsten Orten: gemütlich auf weichen Mopedsitzen thronend, entspannt auf Autodächern liegend und gemütlich dahingestreckt auf dem gerade ungenutzten Karren eines Straßenhändlers. Wahre Überlebenskünstler!

Dank Geocaching gibt es aus Delhi auch noch ein paar eindrucksvolle, eher unbekannte Entdeckungen zu vermelden, so z.B. den Agrasen ki Baori http://en.wikipedia.org/wiki/Agrasen_ki_Baoli , wieder einen dieser eindrucksvoll tiefen Stufenbrunnen und zugleich ein wunderbares Bauwerk gar nicht weit vom hektischen Connaught Place entfernt. Außer ein paar indischen Jugendlichen, die die dunklen Nischen zum Turteln nutzen möchten und vom Brunnenwächter vertrieben werden, ist niemand hier. Mitten in dieser quirligen Stadt so ein ruhiger Ort, scheinbar aus der Zeit gefallen. Verwunderlich dass so ein Ort in dieser überbeväölerten Stadt bis heute überdauern konnte.

Mir bleibt fast das Herz stehen, während Thorsten über die bröckeligen Simse spaziert um einen Zugang zum Cache zu finden. Ein Fehltritt oder eine an der falschen Stelle zerbröselnde Platte und es geht mehr als 20m in die Tiefe. Schliesslich bricht er ab, mein Gezeter nervt. Aber auch wenn fast ganz Indien daran glaubt, ich möchte das mit Wiedergeburt und gutem Karma doch lieber erst später am eigenen Leib ausprobieren.

Auch den Lodhi Garden lernen wir durchs Cachen kennen, ein hübscher ruhiger Park mit vielen Vögeln und auffallend vielen turtelnden Paaren. Sowas sieht man in Indien in der Öffentlichkeit wirklich nicht oft. Wohl ein sehr unsittlicher Ort, wie wir von
Agrasen ki Baori in DelhiAgrasen ki Baori in DelhiAgrasen ki Baori in Delhi

ein toller weitgehend unbekannter Stufenbrunnen
Ajay lernen. Wir hätten uns gerne ebenfalls auf eine Wiese gesetzt, aber auf eine Picknickdecke und nicht darunter versteckt, wie es das ein oder andere Päärchen aus Blickschutzgründen praktiziert. Aber stattdesen spazieren wir nur kurz herum, zählen die Paare (um die 15), heben den Cache und machen uns davon. Schlimmer noch geht es für indische Moralbegriffe in einem der anderen Parks von Delhi zu, bei dem wir auch vorbeischauten und dessen Namen ich dummerweise nicht notierte. Da fanden sich doch glatt über 50 (!) turtelnde Paare hinter Büschen und unter Decken. Sodom und Gomorrha!

Am letzen Abend läd uns Ajay zu einem köstlichen Abendessen zu sich nach Hause ein und wir lernen seine bezaubernde Frau und seine beiden netten Söhne kennen. Sie wohnen in Rajeev Nagar in Nordwesten Delhis und auf dem Weg von unserem Hotel zu seinem Haus wird uns erst richt bewusst, wie unglaublich groß diese Stadt ist. Da fährt man über eine Stunde und kommt dabei recht gut voran und ist noch immer nicht an der Stadtgrenze angelangt. Wie riesig diese Stadt ist.

Am nächsten Morgen geht es dann früh zum Flughafen und wehmütig müssen wir Abschied nehmen, von diesem tollen Land und von unserem zuverlässigen Begleiter, der uns 5 wunderbare Wochen lang gut und sicher gefahren und begleitet hat. Ihm verdanken wir viele Hintergrundinformationen und tolle Eindrücke. Hoffentlich kommen wir wieder. Hoffentlich gibt es eine Fortsetzung.


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25th March 2013

Kleiner Hinweis
Ein schöner Reisebericht und tolle Fotos! Mein absoluter Favorit ist die Ziege mit Pullover! :D Ich will nur noch darauf hinweisen, dass Govind Singh Rathore vom Durag Niwas den Sambhali Trust nicht "unterstützt", sondern er ist Gründer und Leiter desselben. Es gibt inzwischen auch einen deutschen Verein zur Unterstützung Sambhalis: www.freunde-fuer-sambhali.org. ;-) Liebe Grüße Cornelia
30th March 2013

Merci...
... das wird doch gleich aktualisiert

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