So liebes Fussvolk. Es wird endlich mal wieder Zeit fuer einen neuen Blogeintrag.
Wenn ihr mich fragen wuerdet, was ich hier in SCHON 7 1/2 Monaten alles gelernt habe.. dann muss ich gaaaaaaanz weit ausholen.
Fangen wir mal bei dem Thema Maenner an. Eigentlich muesste man nur ein Foto von diesem Internetcafé machen, von dieser Szene. Gerade jetzt sitze ich an einem dieser Computer, neben mir an der Maschine 2 ein.. sagen wir mal.. 16jaehriger Halbstarker. Dieser interessiert sich mehr fuer meinen als fuer seinen eigenen Bildschirm, zwischendurch laesst er seine Blicke immer mal wieder ueber meinen Auschnitt gleiten. Dass gerade seine Freundin ihm noch einen verliebten Kuss gegeben hat, haelt ihn davon offensichtlich nicht ab, mir weiter bruenftige Blicke zuzuschicken. Sein Kumpel auf der anderen Seite drueckt offensichtlich Daumen und reisst deftige Zoten, natuerlich verstehe ich ueberhaupt kein Spanisch.
Was sich die Kerle hier denken, wenn sie mich mit "gringa(gringita)", "muñeca" (Puppe, Leute. PUPPE!), "deliciosa" (kann man sich ja denken) usw. anreden, weiss ich nicht. Vielleicht hoffen sie, dass ich mich ihnen augenblicklich an den Hals werfe. Schliesslich haben sie ganz allein rausbekommen, wie man eine Frau anspricht.
Doch im Grossen und Ganzen sind die Peruaner
recht liebenswert. Ein trotteliges Volk mit einem grossen Herzen. Wenns nicht gerade um Chile geht. Dann geht naemlich leider der Hass mit ihnen durch. Chile hat sich nicht nur Perus Sueden (die Gebiete um Angamos, Tacna..) genommen (was, wie? Peru war auch am Krieg beteiligt? Nein, nein.), sondern auch noch den Fehler gemacht, Peru den Zutritt zur WM zu rauben (2006, 2010..) und das allerboeseste, was die boesen Chilenos machen: Sie bauen Pisco an. Pisco (Sour) ist das peruanische Nationalgetraenk, allerdings schafft es der Nachbarstaat, eine 30mal so hohe Produktion pro Jahr zu fahren und den Pisco als orginal-chilenisch auszugeben. Das verletzt nicht nur Nationalstolz ("El pisco es peruano!" ist ein beliebtes T-Shirt-Motiv.. ein Maennchen, kotzend ueber einen Muelleimer gebeugt und mit dem Aufdruck "Achtung, Pisco chileno!" ebenso..), sondern ist in Anbetracht der Tatsache, dass es in Peru die Stadt Pisco gibt (na, ratet mal, wo der Grossteil der PERUANISCHEN Piscoproduktion herkommt.. ) auch eher laecherlich.
Bleiben wir beim Attribut: Trottelig aber mit Herz.
Da fallen mir gleich noch ein paar Beispiele ein. Da sind wir dann auch wieder bei Chile. Vor ein paar Jaehrchen hatte Peru mit Chile Krieg (ach!). Peru war so unglaublich stolz auf sein tolles
neues Boot, die Independence. In der Tat galt dieses Schiff damals als das beste unter den Kriegsflotten, direkt aus den USA importiert. Also zog das Land nur mit diesem einen Schiff in den Krieg, was sollte dieses Schiff schon aufhalten? Ein Riff. Ein betrunkener Kapitaen Miguel Grau. Blubb. Gesunken. Deppen.
Was weiter? Achja. Eins meiner Lieblingsthemen: Verkehr. Ich wurde letztens von einer sehr erstauten, aber sehr ernsten Gabi gefragt:"Sag mal, stimmt es, dass ihr weniger Verkehrsunfaelle habt, weil ihr auch tagsueber das Licht anschaltet?".
Nein. Das liegt daran, dass wir in Deutschland Verkehrsregeln akzeptieren (z.B. rote Ampeln), dass wir, wenn zwei Spuren vorhanden sind, auch nur zwei Spuren benutzen und nicht versuchen, aus einer Landstrasse eine 4 spurige Autobahn zu machen, dass wir dem Gegenverkehr auch eine Spur zugestehen, dass wir uns an Geschwindigkeitsbegrenzungen mehr oder weniger halten, dass es bei uns einen TUEV gibt, der die letzten Gammelautos aussortiert, dass bei uns auch mal Frauen am Steuer sitzen, dass... deswegen. Deppen.
Aber andererseits funktioniert es ja offensichtlich. Ich bekomme jedesmal wieder grosse Augen, wenn ich die Jr. oder Carreteras (das sind die Strassenbezeichnungen fuer die groessten Strassen) sehe, die sich 8spurig durch den Moloch Lima waelzen. Ueberhaupt
ist Lima eine fazinierende Stadt, auch wenn ich sie nicht besonders ausstehen kann. Voll von Kulturschaetzen wie dem Goldmuseum (eine Schande, ich habs immer noch nicht besucht -.- ), den Kolonialpalaesten oder auch der aeltesten Universitaet Suedamerikas (San Marcos) und mit Vierteln schoener als es sie in vielen Staedten Deutschlands gibt (z.B. Magdalena, Barranco, Miraflores, San Isidro..) und dann faehrt man nur eine halbe Stunde im Bus (auf die Frage, ob etwas weit entfernt liegt, antworten die limeños wie folgt: "Nein, nur eine Stunde in der Rute.", "Naja, 1 1/2 Stunden.", "Ja, 2 Stunden und wir muessen 438mal umsteigen.".) und steht in einer ganz anderen Welt, die aber auch Lima ist. In den Norden am Aeropuerto vorbei fuehrt die Av. Faucett (die der peruanische Autor Santiago Roncagliolo als "la más fea del Perú" beschreibt, also die scheusslichste des Landes) direkt nach Callao (ich mag dieses Hafenviertel. :) Zumal regelmaessig Gruesse aus Hamburg Sued eintrudeln) und in Bezirke wie San Martin de Porres oder Los Olivos (die Av. Canta Callao ist einfach ein so krasser Unterschied z.B. zu der Av. Arequipa, die die schoenen Viertel Limas mit dem Centro verbindet.. sie ist dreckig, unglaublich gefaehrlich, der Muell liegt haufenweise auf dem
Sand/Staubstreifen, der die Spuren teilt und es kriechen in der Nacht Ratten und Schaben mit Bettlern ueber den Asphalt, um in dem ganzen Muell noch etwas Brauchbares zu finden..). und im Sueden gibt es aehnliche Viertel wie San Juan de Miraflores etc.. Wer auf Smog und unglaublichen Laerm, Chaos und null Natur (auch wenn die Stadt sich durch das Anlegen immer neuer Parks bemueht) steht, dem sei Lima empfohlen. Trotz allem oder gerade deswegen oder eher noch wegen dem nachfolgenden Punkt (der die oberen Aspekte ja erst foerdert) ist die Hauptstadt das wirtschaftliche und verkehrspunktknotentechnische Herz dieses Landes. Wenn ich z.B. auf das riesige Einkaufszentrum Mega Plaza zusteuere (verbunden mit der Royal Plaza. Es gibt nichts vergleichbar Grosses in Deutschland), muss ich eine schmale Bruecke ueberqueren, waehrend unter mir der Verkehr der Panamerica Norte (die sich btw in Lima in die Panamerica Sur wandelt) entlangdonnert.
Genug ueber Lima, diese Stadt kann man eigentlich nur hasslieben.
Ein weiter spannender Punkt in diesem Land ist das Essen. :) Viele Leute in Good Ol'Germany stauen nicht schlecht, wenn sie erfahren, was ich hier koestlich nenne.
Am Exotischten ist wohl immer noch Cebiche/Ceviche. Das sind rohe Fischstueckchen, die in einer Sosse aus (sehr)
scharfem Rocoto und Limettensaft mariniert werden und mit Zwiebeln, Canchita (krosser, geroesteter Mais), choclo (der peruanische Mais, die Koerner sind etwa doppelt so gross wie die kleinen gelben und weiss) und camote (das brauchen wir in Deutschland! Es handelt sich dabei um eine orangefarbene Suesskartoffel, die den perfekten Kontrast zu dem scharfen Fisch bietet) serviert wird. Ebenfalls eher ungewohnt daheim duerften Rinderherzen sein. Diese werden in schmalen Scheiben auf Holzspiesse gesteckt und gebraten, dazu gibt es Kartoffel und Quapchi (eine Kaese-Salz-Kraeutersosse). Ich mag es jedenfalls. :)
Dabei ist es hier immer wichtig, auf die Uhrzeit zu achten. In den fruehen Morgenstunden kann man z.B. in den Strassen Quinua (ein ziemlich naehrhaftes Getraenk) oder Maca mit belegten Broetchen kaufen, etwas spaeter gibt es dann empanadas (Teigtaschen gefuellt mit den verschiedensten Sachen). Fuer die Peruaner ist scharfes Huehnerfrikasse (Aji de Gallina) auch Fruehstueck, aber ich kann so etwas erst mittags essen, wenn die ganzen Menus (inkl. Suppe und Getraenk) nur einen Euro kosten. Die Auswahl ist riesig (ich liebe ganz besonders Estofado oder Escabeche de Pollo, Ensalada rusa, Papa a la Huancaina.. blabla), aber so gut wie immer mit Fleisch. (Wenn man z.B. behauptet Vegetarier zu sein, fragen die Peruaner immer ziemlich
entsetzt: "Aber Huenchen isst du doch, oder?" Klar, ist ja kein Fleisch. In der Busgesellschaft "Cruz del Sur" haben wir z.B. einmal das vegetarische Menu bestellt und es beinhaltete Schinken. Schinken ist auch kein Fleisch.) Vermutlich denken meine Landsmaenner dann naemlich auch direkt an den Abend, denn dann findet man in der ganzen Stadt ueberhaupt keine Auswahl mehr. Das Gaenigste ist Pollo a la Brasa (Huehnchen am Spiess ueber Holzkohlen gegrillt) mit Pommes und Salat. Oder Anticuchos (die Rinderherzen). Oder Chifa (Chinesisch). Oder Pizza und Pasta. Und das wars auch schon. Keine Ahnung, wie Vegetarier das ueberleben. Und natuerlich kann man auch immer in der Strasse essen.. Papa relleno z.B. (schmeckt wie Kartoffelpuffer, wie ich finde) oder gesalzene camote. Auch fuer Zuckerflash ist gesorgt, churros mit manjar blanco (wie fluessiges Karamell) oder piccarones bereiten die mamas frisch in den Strassen und Parks zu. Und an jeder Ecke steht ein kleiner Stand oder sitzt eine Mami mit einem Korb voll mit Suessigkeiten und Getraenken. Auch mitten in der Nacht.
Generell sind die Oeffnungszeiten hier eher liberal. Ich bin mittlerweile daran gewohnt, sonntagnachts einzukaufen (damit fall ich in Lima auch jedes Mal wieder auf die Schnauze) oder um 2 Uhr morgens
am Wochenende noch eine kleine tienda zu finden, die mir Batterien verkauft.
Auch das mit dem Feiern wird hier ein bisschen anders gehandhabt. Wenn wir uns am Wochenende treffen, dann meistens schon um 7 Uhr. Die Diskos oeffnen so ab 6, um halb 8 sind sie brechend voll.
Und wenn ich montags Lust habe, auszugehen, dann gehe ich aus. Die Bars sind ja geoeffnet.
Wahrend man im hipsten Partyviertel Limas (Barranco) eher Musik hoeren kann, die auch bei uns gespielt werden wuerde, ist Ayacucho, dadurch schon allein bedingt, dass es keine Touristenstadt ist, pura Cumbia. So richtig schoen peruanisch. ;)
Mein Ayacucho habe ich richtig liebgewonnen. Die Gegensaetze in dieser Stadt sind so lebendig (33 Kirchen contra Feier/Saufkultur.. wenn die Ayacuchaner z.B. keinen Grund haben, zu feiern, wird einer geschaffen. Wir feiern den Tag des Mais, den Tag des Meerschweinchens, den Tag der Forelle, den Tag... (in Lima gibt es den Día de Lima, die Semana de Lima und die Gran Semana de Lima.. ihr habt doch einen an der Waffel.).. aber Ayacuchos groesstes und schoenstes Fest ist die Semana Santa.
Die Karwoche in der religioesten Stadt Suedamerikas wird als eine der schoensten der ganzen Welt gehandelt und das nicht zu unrecht. Wenn die Nacht einbricht, starten die grossen Prozessionen mit den verschiedenen Statuen, die wunderschoen beleuchtet sind und mit vielen Anhaengern, die ihr mit Kerzen hinterherschreiten. Stunden vorher haben zig Helfer riesige bunte Bilderteppiche aus Blumen und farbigem Sand ueber den Asphalt gebreitet, um Jesus das Beste und Schoenste von sich zu geben.
Die groesste und schoenste Prozession haben wir leider verpasst. Diese Megamonztranz muss von 300 Leuten getragen werden und soll wohl den absoluten Hoehepunkt darstellen. Kann man allerdings auch nicht wissen, dass das morgens um 4 Uhr losgeht. Da waren wir noch feiern. ;)
Unser Hoehepunkt bestand also aus der Gran Corrida de Toros (der dem grossen Stierrennen).
Wir haben uns eine wilde Stierjagd darunter vorgestellt und waren doch eher ein bisschen ernuechtert, dass die Stiere an Stricken von den Reitern mitgerissen wurden. Bis auf das letzte Hoellenviech, das sich losgerissen hat. ;)
Danach war fiesta auf der ganzen Plaza de Armas. Die Leute waren wie wild am Tanzen, am Feiern, sie haben Pyramiden gebaut und getrunken. Und das um 2 Uhr am Nachmittag.
Momentan fuehl ich mich in meinem Ayacucho einfach schrecklich wohl und mag auch garnicht mehr weg.
Aber ich denk an euch. :)
<3