23.10.2009
17:55
Corazón...
... ist ein huebscher Brauner, den so leicht nichts aus der Ruhe bringen laesst, gehorsam auf die Befehle seines Besitzers hinter ihm reagiert und die zaghaften Steuerungsversuche seiner unerfahrenen Reiterin konsequent ignoriert.
Hoch zu Ross und eher kartoffelsackaehnlich als stolz gehts von Vilcabamba aus in Richtung Podocarpus-Nationalpark. Fuer die ersten 15 Minuten ist der Sattelknauf mein bester Freund, nach 30 Minuten bin ich entspannt und geniesse die Panoramen der Landschaft ringsum, nach 5 Stunden weiss ich, warum die Anbieter von Reitausfluegen in Vilcabamba in der Regel auch Massagen im Angebot haben.
Insgesamt sechs Stunden waren wir unterwegs, der einheimische Fuehrer und ich, und ueberwanden dabei etwa 900 Hoehenmeter bis ca 2800m ueber NN. Ringsum atemberaubende Aussichten auf die Berge, die jetzt zum Ende der Trockenzeit duerr erscheinen, zum Teil wohl auch mal Ziel von Brandrodungen gewesen sind. Narben von vergangenen Murenabgaengen sind ebenso zu sehen wie noch Reste von dichtem Wald und vereinzelte xeromorphe Pflanzen. Tief eingekerbte Taeler, steile Haenge - Corazón schnaubt sich trittsicher in die Hoehe. Der Pfad, auf dem wir reiten, ist steinig, uneben und gerade mal so breit, dass ein Pferd darauf Platz hat, und meistens so knapp am Abhang gelegen, dass eines meiner Knie ueber der Leere baumelt: nicht geeignet fuer Menschen mit Hoehenangst, zu denen ich Gott sei Dank nicht gehoere. Ein Blick nach unten und es kommt unweigerlich der Gedanke: Wer darunterfaellt, steht nicht wieder auf. Lieber den Blick in die Ferne richten und auf das Pferd vertrauen, das diesen Pfad bestimmt schon Hunderte Male gegangen ist und in etwa so gut kennt wie seinen Futtersack. Es funktioniert: Ich geniesse den Ausflug, trotz Abgrund neben mir und trotz schmerzender Knochen.
Das war gestern. Heute habe ich gefaulenzt: Den Vormittag komplett bei Kaffee und Fruehstueck vor einem Café gesessen, abwechselnd lesend oder mich mit den Nachbartischen unterhaltend. Eine Berlinerin kennengelernt, die vor zwei Jahren nach Vilcabamba ausgewandert ist, mit einem halbem Ohr dem Spanischunterricht am Nachbartisch gelauscht. Irgendwann ging mir auf, dass das seit langem der erste Tag ist, den ich voellig entspannt verbringe, es tat gut. Haette ich mehr Zeit, wuerde ich noch laenger hier bleiben, in dem kleinen Ort, der mittlerweile, wie ich von der ehemaligen Berlinerin erfuhr, an die 10% Auslaenderanteil hat: Aussteiger aus den USA und aus Europa. Viele Rucksacktouristen gibt es zudem noch hier - trotzdem hat die kleine Stadt Charme, obwohl Hostels, Cafés und Tourenanbieter zuhauf vorhanden sind und ich mich ein wenig an das chilenische San Pedro de Atacama erinnert fuehle.
Verlaesst man den Ortskern, ist man sofort allein in einer wunderschoenen Natur: den Nachmittag verbrachte ich damit, Spazierenzugehen und mich treiben zu lassen.
Morgen frueh verlasse ich ein wenig wehmuetig Vilcabamba, um meine Reise in den Norden fortzusetzen. Um 5:45 faehrt mein Bus nach Loja, anschliessend hoffe ich, direkt in einen Bus nach Cuenca umsteigen zu koennen.
Dort soll es auch schoen sein, und wer weiss - vielleicht komme ich auf dem Rueckweg ja doch nochmal hier vorbei...
P.S.
Galopp macht am meisten Spass!
P.P.S.
Neue Fotos auf
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Part of trip:
Ecuador & Peru