31.10.2009
15:30
¡Vive la vida!
Gefuehlte 60°C im Schatten, Schwuele - nun faengt sie an, die Schwitzerei.
Nach dem relativ kuehlen Cuenca auf 2550m ueber NN und dem fruehlingshaften Baños auf 1500m bin ich nun nach vierstuendiger Busfahrt im Tiefland auf der oestlichen Seite der Anden gelandet: dem Oriente Ecuadors, einem Teil des Amazonas-Regenwaldgebietes.
Platt wie eine Flunder liege ich in einer Haengematte auf der Veranda meines Hostels, das ein paar Hundert Meter ausserhalb von Tena auf einer kleinen Anhoehe liegt, und blicke ueber die kleine Stadt vor dem Regenwald, der dahinter zu dampfen scheint.
Fuer sechs Wochen kann ich nun Jacke, Sweatshirt und Fleecepulli in die unteren Tiefen meines Rucksacks verbannen, stattdessen habe ich Sonnenschutz, Mueckennetz und Autan hervorgekramt. Zum 3. Mal in 14 Monaten sitze ich nun also im Regenwald, obwohl ich doch die Wueste liebe und dieses feucht-heisse Klima mich umnietet. Aber: Ich habe es mir so ausgesucht und bin sicher, dass ich die kommende Zeit als anstrengende aber tolle Erfahrung verbuchen werde.
In Cuenca und in Baños habe ich jeweils drei Tage verbracht, und beide Orte sind relativ hoch aufgestiegen in meiner Liste der sehenswerten Staedte.
Cuenca mit seinen etwa 330 000 Einwohnern ist eine architektonisch ansprechende Stadt mit vielen gut erhaltenen Bauten aus der Kolonialzeit, einem beeindruckenden Dom, der 10 000 Glaeubige fasst und mit dem Anspruch erbaut wurde, der Groesste in Suedamerika zu sein.
Baños dagegen ist ein ueberschaubarer, bunter, lebendiger Wallfahrtsort, umgeben von sattgruenen Bergen, von denen Wasserfaelle hinunterstuerzen, und in unmittelbarer Naehe zum Vulkan Tungurahua, der das letzte Mal im Jahre 1999 groessere Mengen Lava spuckte und seitdem regelmaessig Rauchwolken aushustet.
Wenn man den reich bebilderten Wundergeschichten Glauben schenken mag, die in der Basilika alle Waende schmuecken, hat die
Virgen de Agua Santa bereits einige Male den Ort auf Flehen ihrer Anhaenger hin vor den Launen des Vulkans geschuetzt. Darueber hinaus hat sie Baños mit einer Reihe Thermalquellen gesegnet, deren Wasser alle moeglichen Leiden heilen soll. In der Basilika sind die Rahmen der Bilder, die von solchen Wunderheilungen erzaehlen, mit Dutzenden von Fotos geschmueckt, die wie ich vermute Menschen zeigen, die hilfesuchend nach Baños gepilgert sind.
95% der Ecuadorianer sind katholisch, Heiligenbilder und Kreuze sind allgegenwaertig. Gestern wurde in Baños die Fiesta de los Muertos gefeiert, ein katholischer Feiertag, und den ganzen Tag fanden Prozessionen mit
¡Vive la vida!-Rufen und Geboeller statt.
Neben Pilgern suchen aber vor allem ganze Scharen von Touristen Baños auf, und auch mein einziges Leiden war der 18jaehrige, wild pubertierende Sohn der Hostelbesitzer, der es sich zum Ziel gemacht zu haben schien, jede Gringa abzuschleppen, die dort uebernachtete, was mich teils amuesierte, teil nervte. Frueh uebt sich, was ein echter Latino werden will: Leider scheint es fast ein Ding der Unmoeglichkeit zu sein, sich als Gringa unverbindlich mit einem Mann zu unterhalten: Bilanz der letzten 3 Wochen: einmal wurde ich im Voruebergehen begrapscht, zweimal musste ich energisch auf Finger klopfen, die dies tun wollten, von einem Typen erhalte ich per email regelmaessig Liebesgedichte, Pfiffe ueberhoere ich mittlerweile routiniert, an meinen erfundenen
novio in Deutschland glaube ich mittlerweile fast selbst und ungezaehlte Male habe ich mich mittels einem
no entiendo aus dem Staub gemacht. Das alles ist nicht nur anstrengend, sondern auch schade, denn ich moechte ja Land, Leute und Sprache kennenlernen. Dies scheint jedoch allein mit Hilfe der Frauen moeglich zu sein.
Was aber dagegen regelmaessig mein Herz erfreut, ist die Landschaft Ecuadors. Waehrend der Busfahrten klebe ich regelmaessig mit der Nase an der Scheibe: unglaublich, was dieses kleine Land alles zu bieten hat! Nicht umsonst steht es auf Platz 1 der Liste der megadiversen Laender: Berge, Vulkane, Schluchten, Wasserfaelle - ich habe noch lange nicht alles gesehen, aber ich bin absolut beeindruckt und ueberlege sogar, mehr Zeit als urspruenglich geplant in Ecuador zu verbringen und dafuer den Sueden Perus samt Machu Picchu sausen zu lassen.
Auf dem Weg nach Baños durfte ich einige Blicke auf den Chimborazo werfen. Ein wunderbarer Anblick, dem ich nach meinem Praktikum mehr Zeit schenken werde, wenn ich zum Nationalpark Chimborazo fahre und es hoffentlich schaffe, bis in den Páramo vorzudringen.
Aber zunaechst steht das Praktikum an: Morgen fahre ich nach Misahuallí. Ich bin gespannt.
P.S. Neue Fotos auf
http://www.facebook.com/album.php?aid=2026010&id=1461556997&l=1c668a7e4e
Part of trip:
Ecuador & Peru