Baños, 14.11.2009
16:30
Meine letzten Tagebucheintraege berichten von viel Beschwerlichem, aber es war auf keinen Fall meine Absicht, ein negatives Bild von Ecuador zu zeichnen: In Wirklichkeit habe ich mich laengst in dieses kleine bunte Land verliebt. Dabei habe ich erst einen Bruchteil davon gesehen, doch bereits jetzt bin ich zutiefst beeindruckt von der Vielgestaltigkeit, sei es auf die Landschaft, die klimatischen Verhaeltnisse, die Tier- und Pflanzenwelt oder die kulturellen und ethnischen Aspekte bezogen.
Ecuador, mit seinen ca 250 000 qkm der kleinste der Andenstaaten, steht weltweit an der Spitze der Liste der Laender mit der hoechsten Biodiversitaet, viele Arten kommen hier endemisch vor.
Begruendet ist diese Vielfalt in der grossen Anzahl unterschiedlicher Landschaften und Klimazonen, die letztendlich durch die Heraushebung der Anden im Tertiaer vor ca 60 Millionen Jahren enstanden ist.
Grob lassen sich vier Regionen unterscheiden: im Westen die
Costa, das feucht-heisse Tiefland an der Pazifikkueste, im Zentrum die
Sierra, das Hochgebirge der Anden mit dem Vulkan Chimborazo als hoechste Erhebung, an dem ich bereits vorbeigefahren bin: ein beeindruckender Anblick. Ueberhaupt: obwohl ich eigentlich ein Flachland-Fan bin, begeistert mich die
Sierra mit ihren schneebedeckten Gipfeln, den gruenen Haengen und den tiefen Schluchten.
Im Osten schliesst sich der
Oriente an, der tropische Regenwald des Amazonas-Einzugsgebiets, in dem ich derzeit arbeite. Die vierte Landschaftszone stellen die Galápagos-Insel dar, die durch Hot-spot-Vulkanismus entstanden sind und eine einzigartige Tierwelt beherbergen. Wie gern wuerde ich nach meinem Praktikum dorthin fliegen! Doch das waere ein teurer Spass: selbst bei Verzicht auf allen Komfort muss man mit Kosten von etwa 1000 US-$ fuer eine Woche rechnen. Bei allem Zaehneknirschen finde ich es sogar gut, dass der Besuch so teuer ist, denn erstens ist Ecuador ein armes Land und Galápagos als Reiseziel westlicher Touristen so begehrt, dass es bloed waere, diese Attraktion zu verschleudern. Zweitens wuerde das sensible Oekosystem bei Schnaeppchenpreisen gnadenlos ueberrannt.
Ich werde waehrend der naechsten drei Wochen meine finanziellen Moeglichkeiten durchrechnen und dann abwaegen, ob ich mir ein paar Tage auf Galápagos zu Weihnachten schenken kann.
Momentan sitze ich wieder auf einem meiner Lieblingsplaetze: dem Parque Central in Baños. Vor zwei Wochen bin ich von hier aus ueber Tena zu meinem Praktikumsplatz aufgebrochen, dieses Wochenende mache ich hier zusammen mit zwei weiteren Praktikanten einen Kurzurlaub, und es ist wirklich wunderbar erholsam hier in dem kleinen ruhigen Staedtchen auf 1800m Hoehe: keine schwuele Hitze sondern fruehsommerliche Temperaturen, keine Insektenplage, dafuer eine gute Infrastruktur und ein uns nahezu luxurioes anmutendes Hostel mit guten Matratzen, sauberem Bad, Klospuelung und warmem Wasser.
Gestern haben wir das aus Mais fermentierte
Chicha getrunken und uns entschlossen, auch eine weitere einheimische Delikatesse zumindest mal probiert haben zu muessen: gegrilltes Meerschweinchen. Etwas unentschlossen standen wir vor dem Grill, fuer ein ganzes Tier reichte die Begeisterung nicht aus, und so teilten wir uns zu dritt zwei Schenkel, die wir wie Huehnerschenkel abnagten: wenig Fleisch, das vom Geschmack her mit Ente oder Gans vergleichbar ist, viel Fett, viel Knochen und ein etwas seltsames Gefuehl dabei. Stephan erklaerte der
señora hinter dem Grill, dass wir diese Tiere in Deutschland streicheln und nicht essen. Ich bin froh, es mal probiert zu haben, brauche den Genuss aber kein zweites Mal.
Heute haben wir eine vierstuendige Wanderung durch die umliegenden Berge gemacht: ueber Stock und Stein, querfeldein oder entlang ueberwucherter Trampelpfade, steil bergauf, steil bergab, ueber Kuhwiesen, Aecker, Gestruepp und Stacheldrahtzaeune. Lohn der Muehen waren wunderbare Ausblicke auf das tief unten im Talkessel liegende Baños, die umgebenden Berge und den Vulkan Tungurahua, einem regelmaessig aktiven 5000er, der 2006 das letzte Mal ausgebrochen ist.
Auf halbem Weg bergab goennten wir uns auf der Terrasse eines Luxus-Panoramahotels einen unglaublich ueberteuerten Espresso, und morgen frueh bei Morgengrauen werde ich meine beanspruchten Muskeln in dem schwefelhaltigem Thermalbad unterhalb eines grossen Wasserfalls pflegen, bevor es zurueck geht in die Hitze, in das traege, verstaubte, aber sympathische Tena und in die wenig komfortable Station mit all ihren Baustellen, an denen wir derzeit arbeiten. Wir hoffen, dass es in der Zwischenzeit dort geregnet hat: die Regentonnen, aus deren Inhalt wir unsere Toilettenspuelung betreiben, enthielten bei unserer Abreise nur noch Pfuetzen. In Baños war es weitgehend trocken, und die Rationierung des Stroms wird fortgesetzt. Vor unserer Abreise gab es in der Station nicht nur tagsueber sondern auch ueber Nacht keinen Strom, bei Kerzenlicht sassen wir am Esstisch, in den Staedten schliessen die Laeden, die auf elektrische Geraete angewiesen sind wie die Internetcafès, die Waeschereien und die Eisdielen, in den
Asaderos stehen die Drehspiesse mit den Grillhuehnern still, und in den Restaurants bekommt man nur noch lauwarme Getraenke. Uns wurde erzaehlt, wie im Hafen von Guayaquil mangels Kuehlung die Waren vergammeln. Genau weiss man nie, wann das Licht an- oder ausgeht, pletzlich ist alles dunkel, dann ploetzlich wird alles hell und die Staedte erwachen wieder.
Die Froehlichkeit der Ecuadorianer scheint mir aber ungebrochen zu sein. Wie wuerden wohl die Deutschen in einer solchen Situation reagieren?
P.S. ein paar neue Fotos auf:
http://www.facebook.com/album.php?aid=2026010&id=1461556997&l=1c668a7e4e
Part of trip:
Ecuador & Peru