Nun also alles nochmal etwas ausfuehrlicher, da ich gerade wieder mal auf einen Bus von Santa Cruz nach La Paz warte (was wieder mal 14h Fahrt bedeutet) und noch etwas meine Wartezeit verbummeln muss.
Vor genau zwei Wochen war ich also auf dem El Gran Poder Festival in La Paz. Es war wundervoll! 55 Tanzgruppen aus ganz Bolivien und auch bisschen Peru und Argentinien haben von frueh 6 Uhr bis nachts um 12 getanzt, durch die gesamte Innenstadt. Dazu wurde schwungvolle Marschmusik gespielt und die Julia am Rande immer schoen mit in die Menge zum Tanzen gezogen (das hat man davon, wenn man schon aus 50m Entfernung gesichtet wird, weil man das einzige blonde Maedchen weit und breit ist). Die Bolivianer haben Marcin und mich schoen abgefuellt, uns beiden wurde einiges geklaut und natuerlich haben wir uns verloren, aber trotzdem war es absolut gigantisch und ich hoffe, dass das Inti Raymi Festival, was am Mittwoch in Cuzco stattfindet, genau so wird.
Wir haben doch ziemlich lange gebraucht, um uns von dem Fest zu erholen und haben dann 2 Tage spaeter einen Flug von LaPaz aus nach Trinidad genommen, im Nordosten Boliviens. Wir wollten uns einfach erneute 20h Fahrt in einem bescheidenen
bolivianischen Bus auf noch bescheidenerer bolivianischer Strasse ersparen, die mehr Schlagloecher als eigentliche Fahrbahn besitzt und natuerlich nicht aus Asphalt sondern aufgeschuetteter Erde besteht.
In Trinidad sind wir von der ploetzlichen Hitze erschlagen worden und auch von der Einoede, die uns dort erwartete. Wir waren wirklich froh, dass scheinbar am naechsten Tag schon ein Cargoboot den Rio Mamoré runter Richtung Brasilien fahren sollte, denn laenger als eine Nacht kann man nicht wirklich dort bleiben. So haben wir uns also eine Haengematte fuer das Boot, ca. 10kg Frischobst und viel Wasser fuer das Boot gekauft und sind zum Hafen. Zumindest dachten wir das sei der Hafen, da es netterweise so auch in jedem Reisefuehrer steht, nur das dort seit wahrscheinlich 5 Jahren kein Boot mehr gehalten hat. Also zum naechsten Hafen, wo Boote hielten, leider aber 2 Stunden eher, was hiess: wir haben es verpasst. Da der Fluss jedoch unwahrscheinlich kurvig, die Kapitaene hier unwahrscheinlich gemuetlich und die Taxis nach etwas Lautwerden wirklich schnell fahren koennen, haben wir ca. 30km weiter das Boot eingeholt. Und eh ... ja... wir waren uns ploetzlich nicht mehr so sicher ob wir das wollten. Das Boot hatte eine seltsame nicht gerade gesund aussehende Schieflage und
schien nichts zu transportieren. Die Ueberfahrt war fuer bolivianische Verhaeltnisse recht teuer, sollte 4 Tage dauern und alle auf dem Schiff, ausser der Koechin waren Soldaten, da das Schiff zum Militaer gehoerte. Das hat uns letztendlich zum Ja-sagen gebracht, da Marcin meinte, wenn wir mit dem Schiff sinken kommt wenigstens gleich ein Armeeflieger oder so und da wir von LaPaz nach Trinidad mit dem Militaerflugzeug geflogen sind, sei es nur konsequent wenn wir jetzt auch mit einem Militaerboot fahren.
Und es war grossartig. Es war definitiv ein Abenteuer, wahrscheinlich das groesste meiner ganzen Reise und ohne Zweifel einzigartig. Wie sich herausstellte hatte das Boot doch Ladung, naehmlich 554 000 Liter Diesel, einen Lastwagen (der noch einmal eine Geschichte fuer sich ist), eine Ladung Kochbananen und einen hollaendischen Touristen, der den gesamten Weg mit uns nach Brasilien fahren wollte und sich in den folgenden Tagen als wunderbarer Gitarrenspieler, Saenger, Wuerfelspieler und Trinker herausstellte. Die Frage, die sich nun vielleicht der ein oder andere stellt: Was zum Teufel macht man 4 Tage auf einem Boot, mit einer halben Million Litern Diesel unterm Hintern, bei ziemlich lautem Motorengeraeusch (man konnte zumindest sein eigenes Wort nicht verstehen, wenn man sich im ersten oder zweiten
Geschoss aufhielt, weshalb Marcin und ich unsere Haengematten auf dem oberen Deck aufhingen) und mit einer Koechin, die uns scheinbar nicht leiden konnte (was sich daran aeusserte, dass wir immer weniger zu essen bekamen als die Besatzung und bei Fragen nach Teewasser nur moerderische Blicke ernteten)?
Erstaunlicherweise verging die Zeit recht schnell. Wir haben gelernt, wie man das Schiff steuert, ich durfte sogar nachts im Stockdunklen fahren, woran man mal wieder merkte, dass wir in Bolivien sind... Wir mussten taeglich mindestens 3mal unsere Haengematten auf und abhaengen, weil es regnete, haben gespannt das Treiben um unser Boot beobachtet (staendig wurden Sachen und dazugehoerige Besitzer aufs Boot geladen oder mit eigenem Boot an unserem befestigt. So transportierten wir in den folgenden Tagen 2 Schweine samt Besitzer, ein Huhn, dass es auf mysterioese Weise nicht mehr aus der Kueche zurueckfand, ein ganzes Dorf (14 Leute samt Kompletthaushalt auf eigenem Boot), Faesser mit ominoesem Inhalt, Motorraeder, Frauen und eben einen Laster), viel gelesen, die unwahrscheinlich schoene Landschaft beobachtet (immerhin fuhren wir mitten durch den Dschungel auf dem groessten Zufluss des Amazonas), Tiere gesehen (eine Anakonda, Flussdelfine, Reiher, Eisvoegel und Affen) viele Fruechte gegessen und klassischer Weise, wie man das auf einem Boot macht,
viel Rum getrunken. Der Kapitaen hat mit uns auch einen kleinen Motorbootausflug gemacht, um einen Platz fuer den Laster zu finden (hier also die Lastergeschichte: wir haben in Erfahrung gebracht, dass der Laster eine Stunde nach Ablegen im Hafen auf unser Schiff gefrachtet wurde und auch vom Schiff verschwinden musste, bevor wir in Guayaramarim ankommen. Das ist jedoch nicht so einfach, wenn es nirgendwo Haefen oder Anlegestellen gibt und es schon 3h dauerte um den Laster auf dem Schiff zu wenden. Letztendlich haben wir ihn irgendwo in 2h Arbeit, nach dem 5. Versuch kurz vor Endpunkt der Reise abgeladen, aber natuerlich nicht ordentlich, sondern einfach irgendwo an einem flacheren Ufer zwischen Baeumen im Matsch, damit zumidest keiner im Hafen das Auto sieht. Also wir uns mit der Besatzung nach Anlegem an Land zum Bierchen getroffen haben und nachgefragt haben, hiess es: Welches Auto? Da waren doch nur Bananen und Diesel an Bord). Der Kapitaen war sowieso mehr mit uns beschaeftigt als mit dem Boot. Waehrend seiner Schicht hat er ca. 4h mit uns gewuerfelt, ziemlich viel getrunken und uns bolivianische Lieder gesungen, in Begleitung des Hollaenders. Marcin war die ganze Zeit damit beschaeftigt, mich an den Kapitaen zu verkaufen. Am
letzten Tag hat er auch das unverschaemt gute Angebot von 3600 Bolivianos eingeholt und mir einen Arbeitsplatz auf Lebenszeit als Koechin auf dem Schiff besorgt, worueber sich die gesamte Mannschaft freute, weil sich herausstellte, dass auch die die Koechin nicht leiden konnten. Und haette ich nicht vor einigen Tagen meine Zusage fuer das Referendariat bekommen, dann waere ich vielleicht wirklich zurueck gefahren und fuer ein Jahr auf dem Rio Mamoré umhergeschippert, denn es war wirklich einfach nur unwahrscheinlich fantastisch.
Nachdem wir so tolle Tage hatten, hat letzte Woche erst einmal gar nichts geklappt. Der Bus von Guaya Mirim auf der brasilianischen Seite nach Ji Parana war der wohl schlechteste, den ich in den gesamten Monaten hatte, voller Schmuggelware, ohne Lueftung oder Toilette und das fuer ca. 15h. Grauenvoll! Und dann kamen wir in Ji Parana an, das im Reisefuehrer als 'cheerful little town' bezeichnet wird, wir die 'cheerfulness' aber vergebens gesucht haben und froh waren als wir im Bus nach Cuiaba sassen. Von dort aus sind wir gleich nach Chapada dos Guimaraez gefahren, um dort im Nationalpark wandern zu gehen. Wie sich herausstellte war der aber seit ueber einem Jahr geschlossen, was uns extrem missmutig stimmte und wir nichts ausser
2 kleine Wasserfaelle anschauen konnten. Als wir am Abend dann aber wenigstens ein wunderbares Abendbrot hatten und Ailton, ein Guide des Pantanals uns angesprochen hatte, wurden wir etwas besser gelaunt. Am naechsten Tag sind wir also nach Cuiaba, haben in einem viel zu teurem Hotel geschlafen und dafuer Ailton dazu gebracht, uns fuer 3 Tage fuer unverschaemt wenig Geld durchs Pantanal zu fuehren (in dem Augenblick wusste Marcin, warum er mit einer Blondine reist und ich, warum ich mit jemandem reise, der Business studiert hat). Zum zweiten Mal ging es fuer mich also ins Pantanal, diesmal in den noerdlichen und wesentlich schoeneren Teil. Ich habe bei angenehmen 20Grad draussen in meiner Haengematte geschlafen und tagsueber sind wir die Transpantaneira entlang gefahren, eine Strasse (wenn man es so nennen moechte) von Pocone im Norden des Pantanals bis nach Porto Jofre und nicht weiter, weil das Geld fehlte. Wir habe unwahrscheinlich viele Voegel gesehen, von denen mir Ailton zum Glueck die deutschen Namen nennen konnte, denn wie bitte soll ich mir Rotkopfblatthuehnchen auch nocht auf Portugiesisch merken? Kapuzineraffen, Wasserschweine, Wildschweine, Nasenbaeren, Waschbaeren, Kaimane, Nandus, Jabirus, Reiher, Eisvoegel, Kolibris und zig andere Voegel habe wir bei Wanderungen, Bootstouren oder Reittour durch diese Wasserlandschaft
gesehen. Es war wirklich beeindruckend und ganz anders als meine vorherige Tour im Pantanal.
Am Freitag Abend habe ich Marcin schliesslich zum Flughafen gebracht, da er nach Sao Paulo wollte und ich bin mit dem Bus nach Caceres, habe dort die Nacht in der Busstation verbracht, frueh 5 Uhr die Polizei wachgeklingelt und gebettelt mir einen Stempel zu geben, bin nach San Matias zur bolivianischen Grenze, wo die Soldatenjungs nicht mal wussten, warum ich einen Stempel will und meinten: Du kannst auch so in Bolivien reisen, das kontrolliert eh keiner. Dann haben sie mir eine Mitfahrgelegenheit bei einigen Brasilianern organisiert und mich ins naechste Dorf geschickt, dort hab ich letztendlich nach einer holprigen Fahrt auf dem Mopedtaxi meinen Stempel bekommen und einen Bus nach Santa Cruz, der so ca. 14h ging. Nach dieser Busfahrt jetzt also noch die nach LaPaz (wobei ich diesmal wenigstens ein Buch zum lesen habe, was ich mit Riesenfreude in einem kleinen Buchgeschaeft hier in Santa Cruz gefunden habe - auf Deutsch - ist das nicht wundervoll?) und morgen dann hoffentlich gleich einen Anschlussbus nach Cuzco, wo ich mir dann mal 2-3 Naechte im Hostel verdient habe. Bis bald also, ich fahre jetzt mal wieder auf
einer huckeligen bolivianischen 'Ich-waer-so-gern-eine-Strasse' entlang.
Brösel
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Si si!
Sitze gerade ganz grün vorm Compi und les mir deinen Bericht durch. Man wir echt neidisch, wenn man das so alles liest und auch wenn ichs mir so gar nicht real vorstellen kann, was du da alles erlebst, hört es sich einfach nur genial an. Bin aber trotzdem froh, dass du das komische Boot und den Bus schon überstanden hast - da muss man sich darüber keine Sorgen machen (die man sich bei der Beschreibung schon machen könnte) ;). Holper noch schön die "Straßen" lang :) Ich war ganz ungeduldig auf meine kleine große Weltenbummlerschwester und wünsch dir noch ganz viel Spaaaß! Lass dich nicht verhökern (und wenn doch: Überweis den Erlös auf mein Konto ;))
From Blog: Einmal Bolivien-Brasilien und zurück bitte!