Published: May 31st 2006Central America Caribbean » GuatemalaMay 31st 2006
Vom Pazifik aus bin ich direkt in die Berge gefahren, und zwar nach Nebaj: Ein Ort mitten mitten in den Bergen, allerdings (fuer guatemaltekische Verhaeltnisse) sehr niedrig, gerade mal 1900 m hoch.
Als ich am Montag nachmittag dort ankam, hat es geschuettet. Auf dem kurvigen Weg hatte ich mal wieder ein typisches, aber fuer mich immer wieder unglaubliches Buserlebnis: Als der Regen einsetzte, ist der Ayudante (der Helferling des Fahrers) waehrend der halsbrecherischen Fahrt auf das Dach des Busses geklettert, um die Regenplane ueber die Sachen dort oben zu breiten. Innerhalb weniger Minuten wurde der Regen richtig heftig, aber der "Chofer" ist kein bisschen langsamer gefahren, und natuerlich ist der Typ vom Dach auch wieder wohlbehalten eingestiegen- rechtzeitig bevor der Bus dank Aquaplaning ins Rutschen geriet. So richtig erschreckt hat das aber niemanden, es war eher eine Achterbahnstimmung.
In Nebaj selbst hat es erst irgendwann in der Nacht aufgehoert zu regnen- nicht gerade der beste Auftakt fuer einen neuen Ort. Dafuer habe ich mir direkt am naechsten Tag fuer zwei Euro ein grossartiges, wadenlanges, leuchtendgelbes Regencape gekauft, in dem ich aussehe wie ein freundliches (hoffe ich), wandelndes Ein-Mann-Zelt.
Wetterphaenomene
Am naechsten Tag war alles besser: Die Berge um
das Dorf herum waren am Morgen noch etwas wolkenverhangen, doch mit Sonnenaufgang wurde es schnell klar. Und die anderen Tage waren alle besser als der erste: Morgens zunaechst etwas dunstig (und wunderschoen), aber spaetestens ab halb zehn herrscht strahlender Sonnenschein. Bis mittags steigt die Temperatur auf 27, 28 Grad, und etwa ab ein Uhr sieht man wie sich hinter den Bergen die ersten Wolken auftuermen. Meist setzt erst Wind und spaeter am Nachmittag der Regen ein; dann faellt die Temperatur innerhalb von einer Stunde um ca. 10 Grad.
Eigentlich bin in der Schweiz!
Nebaj ist landschaftlich unglaublich idyllisch. Die Berghaenge sind zum groessten Teil bewaldet, weiter in Richtung Tal gibt es zunaechst einige Maisfelder und in der Ebene kleine, abgeteilte Gaerten mit Gemuese und Blumen sowie so leuchtend gruene Wiesen, wie ich sie noch nirgendwo gesehen habe.
Vor einigen Tagen habe ich eine Wanderung in das Nachbartal gemacht, nach Acul, und wenn man den Aufstieg auf die Berge vollendet hat und den Grat ueberquert, hat man auf einmal das Gefuehl man waere in der Schweiz: Auf den ueppigen Weiden stehen schwarzweisse, wohlgenaehrte Kuehe (einige sogar mit Glocken um den Hals) und klare Baeche fliessen ins Tal. Noch dazu


Acul
Ein guatemaltekisches Bergdorf mit Schweizer Flair und Kaese
gibt es im Ort eine Kaeserei, die "Schweizer" Kaese herstellt- was hier die absolute Besonderheit ist, da es normalerweise immer nur kruemeligen, meist leicht angegoren schmeckenden Frischkaese gibt. (Ich weiss nicht ob ihr euch vorstellen koennt wie toll es ist, nach ueber zwei Monaten ein "echtes" Stueck Kaese mit Brot und dazu ein Glas Rotwein zu geniessen... vor allem wenn man davor wieder mal Bohnen und Ruehrei zum Abendessen hatte.)
Es war einfach komplett aus dieser (zentralamerikanischen) Welt, und haette ich einen Almoei mit Gamsbarthut und Alphorn gesehen (ich weiss gar nicht ob das beides so typisch fuer die Schweiz ist), es haette mich nicht verwundert.
Kleine Geschichtslektion
Wenn man die Idylle hier sieht kann man sich nicht vorstellen, dass in der gesamten Region hier Anfang der 80er komplette Doerfer ausgeloescht wurden, vom damaligen Praesidenten Rios Montt- der uebrigens bei den naechsten Wahlen wieder kandidiert (und dem gute Chancen zugestanden werden). Von Acul z.B. war praktisch nichts mehr uebrig. Der "Grund" fuer die Vernichtung zahlreicher Ortschaften war die Bekaempfung der Guerilleros, zu denen zeitweise fast drei Viertel der Leute in der Region hier gehoerten. Tatsaechlich ist es so, dass es in den Orten heute kaum Maenner "mittleren" Alters
gibt. Doch obwohl die Leute so viel Gewalt erfahren haben- und ja selbst Gleichaltrige die Angriffe schon bewusst mitbekommen haben- sind die Menschen so hilfsbereit und freundlich wie im Rest des Landes.
Hundefutter
Am Tag nach meinem Ausflug nach Acul (bzw. in die Schweiz) bin ich zufaellig auf den Weg nach Cocop geraten, einer weiteren kleinen "Aldea" (Dorf). Auch sehr schoen, wenn da nicht unterwegs die Meute von kleinen, klaeffenden Hunden gewesen waere, die sich an meine Fersen geheftet und von denen sich einer in meine Hose (zum Glueck nur die!) verbissen hat. Der Schaefer, zu dem sie gehoerten, hat sie halbherzig zurueckgerufen, aber ich glaube seine Einschaetzung des Ernstes der Lage hat sich etwas von meiner unterschieden. Der weitere Weg war dann etwas unentspannter, obwohl kein anderer Hund mehr gemacht hat als nur aus sicherer Distanz gebellt (die meisten guatemaltekischen Hunde schlafen tagsueber). Am Abend habe ich einem anderen Traveller von meinem Hundeerlebnis erzaehlt, und es stellte sich heraus, dass sein Lehrer hier ihm den Weg in das Dorf beschrieben hat- und gewarnt, dass dort ziemlich aggressive Hunde sind. Aber ich waere wahrscheinlich sowieso gegangen, selbst wenn ich das vorher gewusst haette.
Gringadasein
Auf dem zweiten Weg der selben Wanderung und auch heute habe ich allerdings noch eine Erfahrung gemacht- naemlich dass viele Frauen und Kinder hier Angst vor "Gringas", also hellhaeutigen, grossen oder einfach nur fremden Menschen haben. Gestern z.B. bin ich auf dem zweiten Teil des Weges entlang eines Bachtals hinter zwei ca. zehn- und zwoelfjaehrigen Maedchen und einem etwa achtjaehrigen Jungen hergelaufen, die alle ein grosses Buendel Holz auf dem Ruecken trugen und entsprechend langsamer waren als ich. Je naeher ich kam, desto nervoeser wurden sie, aber der Weg war zu schmal als dass ich vorbei konnte. Als ich vielleicht noch zehn Meter entfernt war sagte das aeltere Maedchen etwas, und der Junge zog aus ihrem Holzbuendel eine grosse Machete und schaute sich nach mir um, ob ich das auch mitbekommen hatte.
Zum Glueck kam kurz hinter mir ein Indigena, der keine Angst vor mir hatte sondern mich den Rest des Weges begleitet und mich ueber Deutschland ausgefragt hat (wie fuer fast alle Indigenas hier war es auch fuer ihn schwer vorstellbar, dass es Orte ausserhalb von Zentralamerika gibt, die nicht in den USA liegen).
Und weil die schoenen Eindruecke hier die anderem bei weitem ueberwiegen, werde ich auch hier wieder laenger bleiben als ich mir vorgenommen hatte... um vielleicht hinter einem anderen Berggrat Italien zu entdecken.