Ihr wundert euch, dass ich schon wieder blogge? Erstens habe ich Zeit zum schreiben und zweitens habe ich etwas mitzuteilen! Die letzte Woche ist nämlich mit einschneidenden Neuigkeiten zu Ende gegangen, aber davon später…
Seit 4 Wochen bin ich nun in Dehradun und wohne bei einer Gastfamilie. Ursprünglich war ja geplant, dass ich im neuen Firmengebäude ein Zimmer beziehe, aber da sich der Bauprozess unvorhergesehenerweise (wie konnte das nur passieren - mehrfach gesprengte deadlines in Indien, wer hat das nur ahnen sollen) verzögert hat, wurde ich zwangsweise bei Bekannten von meinem Chef untergebracht. Auch wenn es an manchem Komfort mangelte (siehe vorherige Blogs) bin ich doch froh, einen Monat dort gewohnt zu haben, denn so habe einen Einblick in eine indische Familie erhalten. Seema, 46 Jahre alt, Ehefrau. Hausfrau wäre schon zu viel gesagt, denn bei einer Köchin, einem Putzmann und einem Fahrer bleibt nunmal nicht genug Arbeit, um die Bezeichnung ‚Hausfrau’ zu rechtfertigen. Seema ist in Dehradun geboren, wie ihr Ehemann, ist auf eine gute Schule gegangen (für Schulen ist Dehradun bekannt, genau gesagt sind hier die besten von ganz Indien) und hat nach dem Abschluss ein paar Jahre in Delhi bei einem Modedesigner gearbeitet, bevor sie der Liebe
wegen zurück nach Dehradun gekommen ist. Sie ist nett, lustig, junggeblieben, modisch up to date, und verbringt ihre Zeit mit Yogaunterricht, Aerobic, shopping, Freundinnen treffen und ihrem Cosmopolitan-Abo. An der Schwelle zur midlife crisis fragt sie sich, ob das nun der Sinn ihres restlichen Lebens sein soll. Was kommt noch? Hat sie damals eine falsche Entscheidung getroffen, als sie zurück ins kleinbürgerliche Dehradun ging? Wie wäre ihr Leben verlaufen, wenn sie in Delhi Karriere gemacht hätte? Jetzt, wo ihr Sohn nicht mehr zu Hause wohnt, scheint es keine rechte Aufgabe mehr für sie zu geben, denn eine Arbeit hat sie ja nicht.
Koby, 20 Jahre alt, Student, Seemas Sohn. In Dehradun aufgewachsen, auf eine gute Schule gegangen, wohnt er nun bei Verwandten in Mumbai und studiert International Management. Auch er wird wohl zurück nach Dehradun gehen, wenn er sein Studium beendet hat. In den Semesterferien hilft er seinem Vater im Büro aus. Sandeep, 48 Jahre alt, Schuldirektor. Er und Seema haben damals aus Liebe geheiratet, es war keine von den Eltern arrangierte Ehe. Auch damals also schon möglich. Vom Vater hat er die selbst aufgebaute Privatschule übernommen und führt sie nun schon seit vielen Jahren. Er trinkt gerne guten
Whisky und Vodka und widmet sich mit Leidenschaft Yoga und Ayurveda. Er liebt die Ruhe in seinem Farmhaus bei der Schule, wo er die meiste Zeit wohnt. Ob er seine Frau vermisst? Seema hütet nämlich das Stadthaus, das alte Elternhaus nahe am Zentrum von Dehradun, in dem auch ich untergebracht bin. Die meiste Zeit leben beide also getrennt voneinander, und telefonieren, auch wenn die Fahrt nur eine dreiviertel Stunde dauert. Am Wochenende kommt Sandeep meistens in die Stadt und dann gehen beide zusammen zum Dinner zu Freunden oder nehmen sonstige Einladungen wahr. Oder sie machen mit dem Auto eine Spritztour.
Nicht so, wie man sich eine traditionelle indische Familie vorstellt? Willkommen in der gebildeten Oberschicht - aufgeschlossen und westlich.
Letzten Sonntag war Seemas Geburtstag. Sie hatte ein Lunch organisiert im Farmhaus. Zu diesem Anlass hatte ich am Morgen einen Carrot Cake vorbereitet und in den Ofen geschoben, aber wie es in Indien öfters der Fall ist, fiel der Strom aus, und so musste der rohe Teig bis zum Abend im Ofen auf uns warten. Die Gäste hatten deswegen zwar nichts vom Kuchen, wir dafür umso mehr, als wir am Abend zurückkamen! Wie auch immer, mit zwei Wagen und
10 Schüsseln vorbereiteten Speisen sind wir am späten Vormittag zur Farm aufgebrochen und haben einen schönen relaxten Tag in der Sonne genossen. Es waren ca. 12 Gäste da, alles gebildete Leute, was man an ihrem guten Englisch merkte. Man kam, überreichte das Geschenk, knabberte an den Vorspeisen herum und plauderte über Neuigkeiten von der Familie und was in der letzten Zeit in Dehradun so passiert war. Dazu wurde Vodka-O, Whisky und Bier getrunken. Nach dem Hauptgang haben sich alle bis auf eine Freundin von Seema ziemlich schnell verabschiedet und sind sozusagen alle auf einmal verschwunden, so wie es in den USA mitunter üblich ist. Der Hauptgang ist der Höhepunkt der Einladung. Eigentlich ist es genau umgekehrt wie in Deutschland. Bei uns wird das Essen am Anfang aufgetischt und danach bleiben die Gäste solange, wie sie möchten. In Indien kann man schonmal drei Stunden auf den Hauptgang warten. Verhungern muss niemand, denn es werden kleine Vorspeisen gereicht und die Drinks gehen auch nicht aus. Aber nach dem Essen ist der Abend normalerweise schnell vorbei. Wenn ihr also irgendwann mal Inder zu Besuch habt, dann wundert euch nicht, wenn sie sich unmittelbar nach dem letzten Gang verabschieden!
An diesem Sonntag sind
Sandeep, Seema, Koby und ich mit dem Auto nach Mussoorie gefahren. 1823 von den Briten als Hillstation gegründet, ist Mussoorie heute ein beliebter Touristenort und ein lohnenswerter Tagesausflug von Dehradun aus. Nun kann ich sagen, im Himalaya gewesen zu sein! Wir befinden uns nämlich an den Ausläufern des Himalaya und Mussoorie liegt immerhin auf einer Höhe von 2000m, was in den Alpen schon verdammt hoch wäre aber für das höchste Gebirge der Welt eher ein kleiner Hügel ist. Ein paar grandiose Aussichten habe ich für euch fotografiert. Wundert euch nicht, dass kein Schnee liegt, Indien ist schließlich subtropisch. Trotz der Höhe und der Tatsache, dass wir bereits Mitte Dezember haben, zeigt das Termometer auf 2000m immernoch angenehme 15 Grad an - im Schatten! Daher auch die Idee der Hillstations. Im heißen Sommer kann man es hier nämlich wesentlich besser aushalten als im brütenden Flachland. In der Kolonialzeit sind die Engländer jeden Sommer regelrecht in die Berge geflüchtet, um im Herbst wieder in den Süden zurück zu ziehen. Der Weg, der im Auto heute kaum eine Stunde in Anspruch nimmt, war damals ein beschwerlicher Aufstieg - besonders für die armen Träger, die die Sänften der feinen Ladies schleppen durften!
Ich
verbringe nun meine letzten drei Tage in Dehradun. Am Heiligen Abend um 17 Uhr fahre ich mit dem Zug zurück nach Delhi. Der 25. Dezember ist auch in Indien ein offizieller Feiertag (den ehemaligen Kolonialherren sei Dank) und ich werde an diesem Tag wahrscheinlich weiter nach einem Sari suchen - in Delhi ist die Auswahl natürlich viel größer als in den wenigen Geschäften in Dehradun. Am 29. Dezember kommen dann meine Eltern und wir werden das Goldene Dreieck bereisen: Delhi - Jaipur - Agra. In Agra steht übrigens das Taj Mahal… merkt euch das, falls ihr euch bei ‚Wer wird Millionär?’ anmeldet…
Aber was waren denn nun die einschneidenden Neuigkeiten? Ich beende mein Praktikum in der indischen Firma. Vorzeitig, nach drei Monaten, anstatt der geplanten sechs. Es hat sich die Möglichkeit geboten, bis Mai ein Praktikum in einer deutschen Unternehmensberatung in South Delhi zu machen. Nach langem Überlegen und Abwägen aller Vor- und Nachteile bin ich zu dem Schluss gekommen, dass es die richtige Entscheidung ist. Im Endeffekt war ich mit meinem Praktikum in der indischen Firma nicht mehr zufrieden und außerdem habe ich Delhi - so riesig, dreckig und hässlich diese Stadt auch ist - schrecklich vermisst. Das
neue Praktikum bietet mir einen intensiven Einblick ins Consulting und interessante Projekte deutscher Direktinvestitionen in den indischen Markt: www.wamser-batra.de. Meinen zukünftigen Praktikums-Kollegen Benni kenne ich schon von diversen Events und Parties. Sein Blog ist wirklich einen Klick wert; wenn ihr eurer Geschenke überdrüssig geworden und die Verwandten losgeworden seid, dann setzt euch mal vor eurem PC und lest über seine Erlebnisse und Erfahrungen in Indien - viel detaillierter und humorvoller werdet ihr kaum über die deutsche Sicht indischer Alltagsprobleme lesen können, das verspreche ich euch :) http://bennisdelhinews.blogspot.com . Mir bleibt jetzt nur noch zu sagen, dass ich mich riesig auf das neue Praktikum und natürlich auch auf Delhi freue! Und ihr könnt bald wieder auf neue Geschichten aus der Welt der Delhi-Society gespannt sein ;)
Ihr Lieben, frohe Weihnachten! Entspannt und genießt den Luxus von Familie und Freunden, warmen Häusern, leckeren Speisen und Geschenken. Mein Festessen an Heiligabend wird im Zug nach Delhi stattfinden: Tomatensuppe, Kartoffelchips und Samosa, dazu in der Endlosschleife die fünf Weihnachtslieder, die ich auf meinem MP3-Player gespeichert habe. Klingt jetzt vielleicht deprimierend in euren Ohren, aber ich muss gerade wirklich herzhaft lachen. Für mich wird es eine der besten Zugfahrten ever…
Eure Leonie.