Vier Wochen und ihr habt nichts von mir gehört, ich lebe noch - trotz der schlimmen Terroranschläge in Bombay vergangene Woche. Doch hier oben im Norden geht das Leben weiter wie gewohnt… wenn man sich erstmal daran gewöhnt!
Seit nunmehr einer Woche bin ich in Dehradun, einer 500.000 Einwohner Stadt ca. 200km nördlich von Delhi (also 6-8 Stunden Autofahrt) im indischen Staat Uttaranchal. Meine Praktikumsfirma baut dort einen neuen Standort auf und ich gehöre zu den ersten Mitarbeitern vor Ort. Die Stadt ist für indische Verhältnisse ziemlich klein, fast schon ein Dorf, definitiv provinziell, und dementsprechend ruhig. Keine Bars, keine Restaurants, keine Clubs, keine Malls, kein Sightseeing. Nach über zwei Monaten in Delhi ist das eine ganz schöne Umstellung und ich werde noch etwas Zeit brauchen, um mich daran zu gewöhnen, abends nun nicht mehr ausgehen zu können.
Bis Ende Dezember bin ich zunächst im Haus von einem netten Ehepaar untergebracht, Freunde von meinem Chef. Dort wurde ich sehr herzlich empfangen und man kümmert sich rührend um mich: von Pasta zum Abendessen über geplante Wochenendausflüge ins Landhaus und Kaffeetrinken in der Stadt. Mein Zimmer ist leider nicht so rührend, denn das Haus ist alt und alles ziemlich abgenutzt und
aufgrund der mangelnden indischen Qualitätsarbeit fast schon heruntergekommen. Eine heiße Dusche gibt es auch nicht, denn aus dem Duschkopf kommt nur kaltes Wasser und so muss ich in einem großen Eimer heißes und kaltes Wasser mischen und mich mit einem kleinen Eimer damit übergießen… Meine Begeisterung hält sich in Grenzen, wie ihr euch vorstellen könnt. Vor allem, weil langsam der Winter hereinbricht und die Häuser generell keine Heizung haben. Warme Kleidung und Wärmflasche sind für eine verweichlichte Europäerin, die an Kamin und Fußbodenheizung gewöhnt ist :D, ein schwacher Trost… Zum Glück ist der Winter hier kurz und nicht so kalt wie in Deutschland! Tagsüber sind es zur Zeit noch fast Grad in Dehradun!
Nun zu meiner neuen beruflichen Herausforderung. Das Firmengebäude in Dehradun liegt in einem neuen IT-Park etwas außerhalb der Stadt mit einem traumhaften Blick auf die Ausläufer des Himalaya. Außer dem Erdgeschoss befindet sich alles noch mehr oder weniger im Rohbau, ca. 40 Bauarbeiter arbeiten an der Konstruktion. Jeden Tag kontrolliere ich mit 2 Kollegen sämtliche Stockwerke und überprüfe den Fortschritt der einzelnen Zimmer. Eine indische Baustelle ist sehr interessant! Auf mittelalterlichen Holzkonstruktionen wird der handgemischte Zement über den Ziegelwänden verstrichen; wie bei einem Hefeteig wird die
Trockenmasse auf dem Boden angehäuft, in der Mitte wird eine Kuhle geformt, in die das Wasser gefüllt wird und anschließend der Zement vom Rand her eingemischt wird. Wenn die Wasserschläuche knapp werden, wird auch mal vorrübergehend auf dem Dach ein See angelegt, aus dem man dann das benötigte Wasser ganz unkompliziert und schnell abschöpfen kann… wenn man die gleiche Taktik aber im 2. Stock anwendet, darf man sich nicht wundern, wenn es in den 1. Stock durchsickert - z. B. dort wo die Kabel durch die Decke verlaufen. Nunja, dieses Vorgehen habe ich mittlerweile eindämmen können :D Der Bauleiter ist übermäßig nett zu mir und gibt viel auf meine Meinung, immer heißt es „no problem, madam, whatever you need to be done, we will do“. Und tatsächlich geschieht das meiste dann auch! Überhaupt scheint man einen Gang höher geschaltet zu haben, seit unserer Ankunft letzten Montag. Mein Chef hatte mir schon gesagt, dass man generell einziehen muss, bevor der Bau fertiggestellt wird, weil er sonst nie fertig werden wird!
Der nette Herr Bauleiter schien am Montag allerdings ziemlich überrascht, dass wir nun schon soo früh „operational“ werden, obwohl der ganze Bauprozess schon weit über einen Monat in Verzug ist!
„No problem, we can finish within one month if it is required, no problem.“ …hat er mir gesagt. Aber natürlich wird es sich noch um viele weitere Wochen hinauszögern, vor allem, wenn Wände erst hochgezogen und wenig später wieder aufgerissen werden, weil die Öffnung für die Klimaanlage vergessen wurde. Aus Schritt 1-2-3-4 wird in Indien 1-3-4-2, 1-2-4-3 oder 1-3-2-4. Aber am Ende klappt es doch irgendwie immer :D Trotz des konstruktions-Chaos gibt es aber schon Leute hier, die arbeiten! Die ersten fünf Datenverarbeiter (operators) sind eingestellt und bekommen zunächst ein 4-wöchiges Training in der Datenverarbeitung. In ca. 2 Wochen sollen 50 HP-Systeme ankommen und installiert werden und danach werden wir den nächsten Schub Mitarbeiter einstellen. Zur Zeit dreht sich das meiste um die Fertigstellung der einzelnen Stockwerke und ich gebe Deutschunterricht, Lektionen in deutscher Unternehmenskultur und manage über Internet ein Projekt, das wir am Wochenende in unserem Standort in Noida realisiert haben. An Arbeit fehlt es also nicht…
Letztes Wochenende habe ich mich mit meinem Kumpel Micha aus Delhi in Rishikesh getroffen. Rishikesh ist ein kleiner Ort nicht weit von Dehradun, bekannt für seine Ashrams (Meditationsklöster), Yoga-Kurse und Riverrafting-Touren. Mit der schönen Lage am jungen, sauberen (!) Ganges lockt
er das ganze Jahr über viele Touristen an: manche bleiben so wie wir nur 2 Tage, andere verbringen Wochen und Monate mit Meditation in einem der Ashrams: man erkennt sie an den weißen Gewändern und geschorenen Häuptern - Männer wie Frauen. Wir haben die kurze Zeit voll ausgeschöpft und haben am Samstag Morgen von 8 bis 10 Uhr erstmal einen Yoga-Kurs besucht. Als totale Anfängerin hatte ich Zweifel an meiner Fähigkeit, die Beine hinter dem Kopf zu verknoten usw. aber es war alles ganz easy und locker und der Lehrmeister hat Rücksicht auf uns unerfahrene Teilnehmer genommen. Die einzenen Muskeln zu dehnen, bewusst zu spüren und sich dabei auf eine tiefe, richtige Atmung zu konzentrieren erzeugt wunderbare, absolute Entspannung - körperlich wie geistig. Uns hat es so gut gefallen, dass wir Sonntag früh gleich wieder hingegangen sind und uns anschließend noch eine ayurvedische Massage gegönnt haben. Ayurveda ist eine 5000 Jahre alte indische Heilkunde, die auf der Balance von Körper und Geist beruht. Mit seiner Heilkräuterlehre und Ernährungstheorie also eine spannende Entdeckung für mich. Ich habe mich gleich mit einem Ayurvedabuch, Ayurvedartee und ayurvedischen Kräuterpillen eingedeckt und werde nun herausfinden, ob es gut für meine Gesundheit ist ;) I’ll let
you know! Die restliche Zeit sind wir dann durch den Ort spaziert, haben auf den Ganges heruntergeblickt und dabei Chai-Tee getrunken, in den vielen kleinen Shops herumgestöbert und einfach auf der Terasse vor dem Hotel gechillt… in der Sonne sind es hier noch angenehme 22 Grad!
Von Weihnachtsstimmung also keine Spur. Liegt vielleicht auch daran, dass die Hindus kein Weihnachten feiern ;) aber trotzdem ist der 25. Dezember immernoch ein offizieller Feiertag in Indien, auch 60 Jahre nach der Unabhängigkeit. Für ein wenig X-mas-feeling hat meine Mama aber bereits gesorgt: der wie immer mit viel Liebe selbst befüllte Adventskalender wurde pünktlich am 30. November mit der Post zu meiner neuen Adresse geliefert und die Schokoladen-Päckchen mussten schon ihr Leben lassen :D Nur das verschmähte Monchérie habe ich an meine Gastmutter verschenkt. Aber das war noch nicht alles mit Weihnachten! Dieses Wochenende werde ich mir schön einen Glühwein auf dem Weihnachtsmarkt gönnen. Weihnachtsmarkt????? Ja!!!! Die Außenhandelskammer in Delhi sorgt mal wieder für Stimmung in der Bude und lässt Lebkuchen und Bratwüstchen heranschaffen - juhu! Glücklicherweise haben wir am Montag ein Management-Meeting in unserer Firma in Noida und ich fahre deshalb mit 3 Kollegen bereits am Freitag mit dem Zug nach
Delhi. Über das Wochenende in Delhi freue ich mich natürlich riesig, denn so kann ich alle Leute dort wiedersehen und ausgehen! Ich glaube, es wird mir schwerfallen, anschließend wieder nach Dehradun zurückzufahren, denn ich möchte eigentlich lieber in Delhi bleiben. Aber vielleicht ergibt sich da schon bald eine Möglichkeit… ich halte euch auf dem Laufenden.
Ich wünsche euch allen eine schöne Adventszeit!
Take care and enjoy yourselves…
Eure Leonie.