Published: February 22nd 2011Asia » India » Orissa » Rourkela » NIT RourkelaJanuary 31st 2011
Am 12. Januar findet das lange angekuendigte "Gartenfest" unseres Wohnheims statt. Die Inder freuen sich nur sehr verhalten, sie finden es einfach zu kalt, um zu dieser Jahreszeit draussen herum zu stehen.
Seit zwei Tagen wurde bereits dekoriert, Pavillons aufgestellt und seit dem morgen wird daneben Gemuese geschnippelt und gekocht. Die Vorbereitungen treffen Arbeiter des NIT, die eigens fuer solche Aufgaben angestellt sind. Nun halten sie sich voruebergehend in unserem Wohnheim auf.
Um 20 Uhr ist das Essen endlich fertig und das Buffet aufgebaut. Sogar unser Heimleiter, Mr. Bisoyi, sowie der oberste Leiter aller Wohnheime, Mr. Pati, sind nebst ihrer Ehefrauen erschienen. Sie halten das ganze offensichtlich fuer einen Pflichtbesuch und bleiben unter sich.
Ich habe Kilian eingeladen, schliesslich moechte er auch bald hier einziehen. Es ist eine Gelegenheit, die anderen Bewohner kennen zu lernen. Die Atmosphaere bleibt jedoch verhalten und nachdem das Buffet leergeraeumt ist, dauert es auch nicht lange, bis sich die meisten wieder in ihre waermeren Wohnungen zurueckgezogen haben.
Die naechsten Tage betreibt Ben intensiven Medizintourismus - soweit das hier in Rourkela moeglich ist. Die medizinische Versorgung liegt, wie auch bei uns in Deutschland, hier auf dem Land weit unter den Moeglichkeiten der grossen Staedte
zurueck. Doch fuer unsere Belange reicht es. Ben laesst sich im christlichen Krankenhaus, dem zweitbesten der Stadt, mit grossen Vibrationsstaeben durchmassieren.
Ein weiteres Mal befinden wir uns auf dem Weg zum Markt in der Innenstadt (Rourkela Markt). Seit einer Woche sammeln wir auf unserer Einkaufsliste, um am Samstag nachmittag so viel wie moeglich zu erledigen. Die Liste haben wir zu Hause vergessen, doch wir sind frohen Muts. Endlich sind wir einmal frueh genug dran, um noch bei Tageslicht ein paar schoene Fotos vom kunterbunten Marktgeschehen zu machen.
Nicht nur in den - teilweise sehr westlichen - Geschaeften entlang der Strasse, auch davor auf den Gewegen wird, sowohl an Staenden und auf Wagen als auch einfach am Boden, etwas angepriesen.
Zwischen all dem laufen wie immer viele Tiere herum. Viele Kuehe werden von ihren Besitzern nicht geschlachtet, weil dies die religieosen Gesetze verbieten. Die Eigentuemer koennen es sich jedoch nicht leisten, die Tiere durchzufuettern, wenn diese als Nutztiere, auf dem Feld oder fuer die Milch, ausgedient haben. Nun fristen die Tiere ihr Rentendasein herumstreunend in den Strassen und ernaehren sich dort vom Abfall der Stadt.
Ich probiere auf Bens Wunsch hin Kautabak. Ein Erlebnis, auf das ich auch


Ziegeleiarbeiter
Beim Nachfeuern des grossen Ofens
verzichtet haette. Ich produziere jede Menge roten Speichel, der irgendwohin muss - runterschlucken ist bei dem merkwuedrigen Geschmack keine verlockende Alternative. Also spucke ich, wie so viele abhaengige Inder, die rote Bruehe irgendwo auf die Strasse.
Einige Inder sind sehr neugierig und haben nicht die geringsten Beruehrungsaengste. Daher kommt es, dass uns ploetzlich eine wildfremde Inderin stolz ihr kleines Kind entgegenstreckt.
Am Ende unseres Einkaufes goennen wir uns eine Pizza auf der Fressmeile in unserer Lieblingsbaeckerei, in der wir uns fast ein Kilo Kekse einpacken lassen.
Auch sonst haben wir auf diesem Markt alles erhalten, was wir benoetigen, vom Gemuese, Obst ueber eine wasserdichte Plane fuer Luc bis zu einem neuen Mueckennetz. Zurueck zu Hause koennen wir alles auf unserer Liste abhaken.
Nur gegen die keksabhaengigen Maeuse in unserer Wohnung sind wir hilflos, die bereits nach einem Tag den Keksvorrat deutlich dezimiert haben.
Am Sonntag unternehmen wir wieder einen Ausflug mit dem Fahrrad. Es ist ein weiteres Mal bereits Mittag als wir loskommen und deswegen haben wir nur ein paar Stunden. Noch einmal fahren wir ins Ungewisse aus dem Hintertor (back post) unseres Universitaetsgelaendes.
Wir halten uns diesmal links, wo wir irgendwann auf den grossen


Zahnarzt
In einem kleinen Verschlag am Strassenrand mit falschen Zähnen zur Reparatur
Fluss stossen sollten, der auch durch Rourkela durchfliesst.
Diesmal werden wir mehrmala unterwegs angequatscht - was wir denn hier wollen, ob wir Touristen seien.
Zunaechst gelangen wir wieder durch ein paar einfache Doerfer, in denen auch immer ein schickes Haeuschen steht, von jemanden, der sein Geschaeft in Indien gemacht zu haben scheint.
Auch durchqueren wir ein weiteres Mal ein Musterdorf, welches vom Stahlwerk unterstuetzt wird.
Bald sehen wir von Weitem ein paar beeindruckend hohe Schornsteine und wir moechten wissen, was diese mitten im Nirgendwo fuer eine Funktion erfuellen. Der Weg dorthin querfeldein ist nicht einfach zu finden.
Als wir dort ankommen, sehen wir, dass es sich um Ziegeleien handelt und die Schornsteine Teil von riesigen Oefen sind.
Versorgen diese Ziegeleien die vielen Baustellen in Rourkela mit robusten Steinen? Fuer mich ist dies ein weiteres Zeichen fuer den Fortschritt Indiens gegenueber Westafrika. Hier handelt es sich um eine kleine lokale Produktion, teil eines funktionierenden lokalen Wirtschaftskreislaufs. Ich habe mich im Senegal immer gefragt, warum es dort keine Ziegeloefen gibt. Auch dort wird mit Lehm oder Zement gebaut. Lehm ist nicht so haltbar, Zement ist nicht gut fuer das Klima in einem Haus. Ausserdem ist Zement in


Waschtag
Sonntag Baden und Grossreinemachen
der Regel teuer fuer die lokale Bevoelkerung. Er muss von Weitem antransportiert werden und ist nicht Teil eines lokalen Wirtschaftskreislaufs. Im Senegal gibt es nur zwei grosse Zementwerke in der Naehe der Hauptstadt. Daran verdienen die, die eh schon zu den Reichsten des Landes gehoeren.
Die Ziegeloefen in Rourkela werden mit einfachen Mitteln, vielen einfachen Arbeitern, jeder Menge Handarbeit betrieben. Es ist offensichtlich, das ganze Familien beschaeftigt werden. Eine alte Frau formt Steine neben einem alten Mann. Zwischen den grossen Reihen trocknender Ziegel stehen einfache niedrige Haeuser mit Feuer- und Essensstellen. Hier springen Kinder in allen Altersklassen herum. Allen Kindern hier gemeinsam ist die Lehmkruste, die ihre Hautfarbe heller faerbt.
Direkt hinter der Ziegelei tut sich das weite Flussbett auf, in dem nur noch ein kleines Rinnsal sein klaegliches Leben fristet. Dieser Rinnsal ist muehelos an mehreren Stellen ueber Bambusbruecken zu queren. Die Bevoelkerung nutzt den Sonntag zu ausgiebigen Baderitualen. Das Wasser ist so flach, dass man auf die andere Seite hinueberwaten kann, was einige Damen samt sauberem Geschirr auf dem Kopf auch machen.
Von der Bruecke ergibt sich fuer die maennlichen Einheimischen ein interessantes Schauspiel, als junge Inderinnen umstaendlich versuchen, sittsam von ihren Badetuechern wieder in


Gemueseverkaeuferin
Am Strassenrand wir alles angeboten
ihre Kleidung zu schluepfen.
Nach einer Rast ueberqueren auch wir eine Bruecke, auf der einige Bambusstaemme nur noch lose liegen und Luc zu sehr sehr vorsichtigen Schritten veranlasst. Wir wuerden jedoch auch nur maximal zwei Meter und dann sehr weich in aufgeweichten Sand fallen, so dass hier keine Gefahr besteht.
Nun geht es auf dem anderen Flussufer einen Kilometer auf einer noch nicht fertig gestellten Strasse weiter an der sich rechts und links Staedter beim Sonntagspicknick tummeln.
Und schon fuehrt die naechste Strasse zurueck, mitten nach Rourkela in ein Wohngebiet, das wir noch nicht kennen, mit einer ebenfalls langen Marktstrasse.
Von hier aus besichtigen wir noch einen wunderschoenen Tempel, dessen Einweihungsfeier heute zu sein scheint. Der Tempel ist Marmorweiss, ueber und ueber verziert mit fein ausgearbeiteten Figuren - Darstellungen verschiedener Tiere, vor allem Loewen und Pfauen. Dazwischen vergnuegen sich Menschengestalten bei diversen Spielarten, vom Musizieren bis zu ausgefeilten erotischen Darstellungen. Wir befinden uns schliesslich im Land des Kamasutra.
Nun geht es rasch nach Hause. Wir sind muede, hungrig und es wird dunkel.
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