Heute möchte ich mal einiges nachholen, was zu erzählen ich verpasst habe während der letzten Zeit.
Aber zunächst zu den Terroranschlägen in Mumbai und der aktuellen Lage in Indien. Ich habe mich in eine Liste auf den Seiten des Auswärtigen Amtes eingetragen für deutsche Staatsbürger, die sich im Ausland aufhalten. Sie haben meinen Namen, meine Telefonnummern und die Adressen von meiner Unterkunft und dem Büro in Indien, außerdem die Kontaktdaten meiner Familie in Deutschland. Nur für den fall. Die Lage in Indien ist zur Zeit relativ ruhig, die Zeitungen schreiben gerade über die Festnahme von einigen pakistanischen Terroristen. Pakistan hat Indien seine Unterstützung in den Ermittlungen über die Anschläge und deren Verantwortlichen zugesagt; Die Diplomatie hat die Lage wieder im Griff, wenn man der indischen Presse glauben schenken darf. Auch wenn weiterhin ein tiefes Misstrauen zwischen Indien und Pakistan herrscht. Die Deutsche Botschaft und das Auswärtige Amt geben keine weiteren Warnungen heraus. Überall in den großen Städten herrschen strikte Sicherheitskontrollen: Shopping Malls, Hotels, Events werden mit Metalldetektoren ausgestattet und die Zahl der Sicherheitskräfte hat sich vervielfacht. Zur Zeit sehe ich daher keine Notwendigkeit, das Land zu verlassen.
Letztes Wochenende bin ich wie angekündigt für ein paar Tage nach Delhi
gefahren. Überraschend pünktlich und reibungslos war die 6-stündige Zugfahrt, inklusive Service am Platz. Um 23.30 Uhr kamen wir beim Elternhaus meiner Kollegin Chanda in East Delhi an, wo ich die Nacht von Freitag auf Samstag verbracht habe. Ich hätte auch in meinem alten Zimmer in der Firma schlafen können, aber die Einladung auszuschlagen, wäre unhöflich gewesen, zumal es mir nichts ausgemacht hat. Allerdings wäre ich in meinem alten Zimmer nicht morgens um 7 Uhr aufgeweckt worden, weil im Gästezimmer, in dem ich genächtigt hatte, der Götterschrein steht, in dem man jeden Morgen ein Räucherstäbchen anzündet und ein Gebet spricht. Noooo problem… Um 10 Uhr sind wir ins Office gefahren, wo ich in meinem alten Zimmer erstmal eine Dusche genommen habe. Falls ihr es vergessen habt: hier in Dehradun bediene ich mich eines Eimers, in dem ich heißes und kaltes Wasser mische und über meinen Körper gieße. Nur als kleine Auffrischung eurer Erinnerung. Die Dusche war gut. Um 15 Uhr habe ich mich dann auf den Weg zum German Christmasmarket in der Außenhandelskammer gemacht. Toll, was die alles aufgebaut hatten! Neben unzähligen Ständen mit Schmuck, Stolas und Paschminas, Christbaumschmuck, Krawatten und allem möglichen Schnickschnack gab es Bratwurst, Kartoffelsalat, Krombacher, Waffeln und
Glühwein! Richtig authentisch also. Wir waren eine große Gruppe von Leuten und haben es bis 21 Uhr auf dem Rooftop der AHK ausgehalten, bevor wir ein Taxi nach Hause (in meinem Fall zu Sanelas Wohnung) genommen haben, um uns für den Abend frisch zu machen. Zur Einstimmung ging es ins Café Morrison, wo eine indische Rockband richtig cool am grooven war. Besonders der Sikh mit dem Turban an der Bassgitarre war ne coole Sau. Anschließend sind wir in die f.bar gefahren, wo Delhis Partynächte eigentlich immer enden, weil es einer von nur zwei Clubs ist, die nach 1 Uhr morgens noch laute Musik spielen dürfen. Über die f.bar habe ich schon in einem meiner ersten Blogs berichtet. Wie auch immer, es war nett und die Nacht wurde spät. Blöderweise war Sanela mit ein paar indischen Freunden unterwegs und wir hatten verpasst, uns nach dem Morrison wiederzutreffen - nun war sie auf irgendeiner Party in Gurgaon und ich war müde und wusste nicht, wann sie zurückkommen würde. Deswegen fragte ich Gabriel, den ich schon seit September kenne, ob er mir für die Nacht Obdach geben könne. So sind er, seine Freundin und ich mit seinem Fahrer, der uns vor dem Club
abholte, ins Sheraton gefahren, wo Gabriel seit 3 Monaten eine Suite bewohnt. Auf Firmenkosten, versteht sich. Nice. Die Couch im Wohnzimmer war bequem genug, um angenehm zu schlafen und Gabriel um seine schöne Unterkunft mit Marmorbad zu beneiden. Ich durfte sogar am nächsten Morgen das Frühstücksbüffet in Anspruch nehmen, da die beiden Turteltauben nicht vor hatten, vor dem Mittag aufzustehen. Immernoch im Partyoutfit, dezent in schwarz mit schwarzem Paschmina und mit schicker Leopardenclutch von Sanela, also nichts, was mir bei all der Pracht unangenehm gewesen wäre, ließ ich mir also das reichhaltige 5-Sterne-Frühstücksbüffet schmecken. Es hat an nichts gefehlt, außer an Nutella. 9,5 Punkte ;) Der Kaffee-Boy kam auch ständig angerannt und schenkte nach, sogar das Honigtöpfchen hat er für mich geöffnet, herrlich :D Weil es so schön war, habe ich anschließend noch ein wenig in der Lobby gechillt und die Zeitung gelesen. Es gab zwar nur die üblichen indischen Tageszeitungen (leider keine FAZ) aber die Heiratssektion kann auch sehr unterhaltsam sein. Hier ein Beispiel:
“Mumbai based, cultured sober well - to - do Vaishnav business oriented family invites proposals for their extremely beautiful, fair ( pinkish complexion ), smart, slim, June 1981 born, 5' 7" height daughter. She
has done M.B.A. & working with Foreign Bank in Mumbai. She is very active, intelligent, lively, peace loving & family oriented. Alliance sought from good looking, smart, intelligent, educated, businessmen / professionals hailing from cultured loving well settled Vaishnav / Gujarati families. First preference to Mumbaibased boys. U.S.A. / U.K. / Metro Cities based good boys are also welcome. Direct Email address for this particular girl: rgold7777@yahoo.in “
Es scheint überhaupt nur schöne, hellhäutige (hier bezeichnet man das als ‚fair’), zierliche, intelligente und gebildete junge Menschen in Indien zu geben, wenn man die Anzeigen in den großen Zeitungen liest. Deswegen ist ein aktuelles Profilfoto bei jeder „Bewerbung“ ein Muss: Man will für sein wunderhübsches Kind schließlich auch einen wunderhübschen Ehepartner finden. Übrigens ist es in Indien immernoch ganz normal, dass die Eltern die Hochzeit ihrer Kinder arrangieren. Wenn die Zeit gekommen ist, begibt man sich auf die Suche; in der Verwandschaft (die in Indien sehr groß ist) und im Bekanntenkreis. Oder eben per Anzeige. Wenn ein interessanter Ehepartner ausfindig gemacht ist, die Familien sich gegenseitig mögen und gegebenenfalls die Mitgift ausgehandelt wurde, wird ein Astrologe zur Rate gezogen, der die Horoskope der beiden Zukünftigen aufeinander abstimmt. Wenn alles passt
und er grünes Licht gibt, steht einer Heirat nichts mehr im Wege. Natürlich müssen die Kinder auch noch ihr Einverständnis zu einer Heirat geben, denn es ist nicht so, dass sie gezwungen werden, jemanden zu heiraten, den sie nicht leiden können. Aber nicht selten sehen sich die Verlobten nur einige wenige Male vor der Hochzeit, z. B. wenn beide Familien in verschiedenen Städten wohnen oder einer der Partner im Ausland lebt. Meine Kollegin Nirmala hat ihren Ehemann nur ein einziges Mal gesehen vor ihrer Hochzeit! Aber sie sind glücklich miteinander verheiratet seit 8 Jahren. Ich glaube, dass die Inder in ihrer Ehe viel mehr Zugeständnisse machen als es in unserer Gesellschaft der Fall ist. Scheidungen sind immernoch ziemlich selten und generell von der Gesellschaft nicht akzeptiert (sofern es sich nicht um triftige Gründe wie Gewalt in der Ehe o.ä. handelt) und es ist sehr schwierig, nach einer Scheidung nochmal einen Ehepartner zu finden. Das Versprechen der Ehe gilt hier anders als bei uns immernoch für das ganze Leben und man muss sehen, dass man so früh wie möglich lernt, miteinander auszukommen und an seinen Problemen zu arbeiten. Doch auch Teile der indischen Gesellschaft befinden sich in einem langsamen aber stetigen
Wandel und in den großen Städten wie Delhi, Mumbai und Kalkutta, wo die westlichen Vorstellungen an Einfluss gewinnen, sind die Leute liberaler als auf dem Land und die alten Strukturen lösen sich langsam auf. Besonders die Kinder aus den Oberschichten, die in den USA oder im UK studiert haben, nehmen sich die Freiheit, so zu leben, wie sie es aus diesen Ländern kennen. Dennoch stellen sie nur einen sehr kleinen Teil der Gesamtheit dar und es wird wohl noch lange dauern, bis sich die Gesellschaft grundlegend ändert. Wenn überhaupt.
Aber zurück zu meinem Wochenende. Nachdem der Tag so herrlich im Sheraton begonnen hatte (Gabriel, I love you), fuhr ich zu Sanelas Wohnung zurück, hielt noch eine kleine Siesta und machte mich dann auf den Weg zum Khan Market, einer Einkaufsstraße, wo ich auf Siddarthe (einen Freund von Sanela) wartete, der mich mit zum Polo nehmen wollte. Nach der indischen 45-Min-Verspätung, die ich mir aber gut in den netten kleinen Geschäften und Boutiquen vertreiben konnte, holte er mich ab und wir fuhren in seinem Auto zum Polo Ground, wo am Sonntag die Delhi-Meisterschaft ihren Abschluss feierte. Ein Freund von Sid, der auch Polo spielt, hatte uns Karten besorgt. Es war
mein erstes Poloturnier und hat mir super gut gefallen! Für mich ist es wie eine lustige Mischung aus Reiten, Fußball und Golf, also super Nach dem Spiel wurden wir in die Vip-Lounge eingeladen, wo wir - mal wieder… oh mann langsam wird es echt langweilig :D - kostenlos essen und trinken konnten und ich einigen Spielern vorgestellt wurde, die mich promt einluden, doch auch mal das Polospiel zu versuchen. Aber hallo, jederzeit, ich vermisse das reiten sehr! Wenn es klappt, treffe ich mich Ende Dezember mal mit ihnen, wenn ich wieder in Delhi bin. Nach ein wenig Smalltalk sind wir dann zum Weihnachtsmarkt gefahren, wo wir noch eine ganze Weile an der Krombacher-Theke verweilt haben. Später sind wir zum Essen in ein Restaurant am Khan Market gefahren und das wars auch schon mit dem Wochenende in Delhi. Es war wirklich schön *seufz*
Am Montag hatten wir ein Managementmeeting in der Firma in Noida; der Grund, warum ich am Wochenende überhaupt nach Delhi gefahren bin. Es wurde viel über den aktuellen Stand der Dinge in Dehradun gesprochen und die Schwierigkeiten, „operational“ zu werden. Zur Zeit sieht es so aus, dass wir seit zwei Wochen 5 junge Mitarbeiter als Dateneingeber
ausbilden. Ich weiß nicht genau, wer diese Leute ausgewählt hat, aber 2-3 von ihnen haben überhaupt keine Vorkenntnisse in Computerdingen und brauchen dementsprechend lange, um das Gelernte umzusetzen. Außerdem müssen wir sie an alten PCs trainieren, die wir aus Noida mitgenommen haben, da die neue Hardware schon seit geraumer Zeit in Singapore festhängt - angeblich wegen einem kleinen Ersatzteil, was momentan nicht geliefert werden kann (?)… Wie auch immer, es wird wohl noch bis mindestens Ende Dezember dauern, bis die neuen Rechner ankommen. Erst dann können wir mehr Leute einstellen, zunächst sind weitere 10-15 Trainees geplant. Die Personalbeschaffungsmaßnahmen werde ich dann mit überwachen, für mich auch wieder ein neues interessantes Aufgabengebiet. Der Bau geht mitlerweile relativ zügig voran, für indische Verhältnisse, man kann zufrieden sein… außer dem Vorfall heute Morgen, bei dem ich entsetzt feststellen musste, dass aus dem dritten Stock entlang der Netzwerkkabel (!) bis hinunter ins Erdgeschoss das Wasser lief, da sich oben mal wieder riesige Pfützen vom Zementmischen angesammelt hatten!!!! Aber der Bauleiter mit seinem „no problem“ hat sich dann schnell darum gekümmert, als ich ihm erklärt hatte, dass das mal gar nicht geht. Offensichtlich fand er das von sich aus nicht weiter schlimm. Incredible India.
Nun zu den vergangenen Wochen in Delhi/Noida. Nach dem Kurzurlaub in Goa hatte ich gar nichts mehr geschrieben. Dabei haben wir einige coole Dinge erlebt! Zum Beispiel das Wochenende in der Außenhandelskammer, bei dem wir drei Mal dort waren und immer ein tolles Büffet hatten! Am ersten Tag (Donnerstag) hat ein Empfang für die Delegation von Außenminister Frank Walter Steinmeier stattgefunden. Alles unter dem Motto Indien natürlich, mit Elefanten, indischen Tänzen, einer indischen fashion show und indischem Essen. Steinmeier selbst war nicht anwesend, er musste kurz vorher schon weiter nach Bangalore oder Hyderabad oder wo auch immer hin fliegen, um den nächsten offiziellen Termin wahrzunehmen. Michael hatte ihn aber am Mittag in der Botschaft gesehen und sogar mit ihm geratscht, wenn ich das mal so sagen darf. Am Freitag und Samstag gab es in der Kammer dann ein „German Beer and Wine Festival“, zu dem wir natürlich an beiden Tagen gegangen sind. Bitburger aus Dosen und deutscher Wein, den ich nicht so gerne mag, okay, aber das Essen… Haleluja! Der deutsche Chefkoch hat uns wahre Schmankerl beschert: Schnitzel (oh mann waren die knusprig), Bratwurst (habe sogar ICH gegessen, als eingeschworener Wurstfeind!!!), Spätzle mit Champignonrahmsoße (oh), Kartoffelsalat (ah), Sauerkraut (mmh!), Brezn
und Brot, Flädlesuppe, Apfelstrudel, was das Herz begehrte. So sehr ich das indische Essen auch mag: Es ist schön gewesen, mal wieder deutsch zu essen. Das Wochenende war einfach super, natürlich sind wir nach der Kammer jeweils noch weggegangen und haben gefeiert usw. es war echt cool.
Dann das Mozart-Konzert. "Konzert"!!! Zunächst sollte man wissen, dass die Veranstaltung komplett gesponsort war, also kein Eintrittspreis (hätte man auch beim besten Willen nicht verlangen können), obwohl… man musste schon eine Einladung haben… war schließlich exklusiv! Die meisten der Musiker waren Laien, dass muss man zur Entschuldigung schon sagen! Von daher gesehen Respekt! Michael hatte 2 Karten von einem Kollegen in der Deutschen Schule bekommen und da bin ich neugierigerweise mitgekommen. Eine sehr interessante Erfahrung. Als Tochter einer leidenschaftlichen Konzertgängerin bin ich nicht ganz ahnungslos und kann durchaus behaupten, schon einige gute und auch sehr gute Konzerte gehört zu haben. Dieses war mein erstes Indisches. Zuerst kam ein Kinderchor in hübschen bunten Tuniken, dann hat ein Teil des Delhi Chamber Choir mit einer Solo-Opernsängerin (die ziemlich gut war!) ein klassisches Stück (hab ich vergessen wie das hieß) gesungen und als Höhepunkt kam dann der große "Delhi Chamber Choir", unterstützt von 4 Solo-„Opernsängern“
(ihre Leistung will ich hier nicht näher ausführen), und interpretierte Mozart's ‚Requiem’. Eine große Bürde, da dieses Stück immerhin das letzte war, das Mozart in seinem Leben komponiert hat. Er starb vor der Fertigstellung und so wurde es im Auftrag seiner Witwe von seinen Schülern vollendet. Kurzum: Die ganze Vorstellung war eine mittlere Katastrophe (für meine Ohren) und wurde vom Publikum bis zu einer Zugabe hin frenetisch beklatscht! Und es waren nicht nur irgendwelche Leute anwesend, sondern u. a. die Botschafter Österreichs und Argentiniens! Sowieso war die ganze Konzerthalle ein Frevel ihrer selbst! Null Akustik, schiefe Vorhänge und abgelatschte Podeste auf einer abgenutzten Bühne. Zu meinem Vergnügen hatte sich auch keiner mehr die Mühe gemacht, die Fettfinger-Abdrücke auf dem Flügel wegzuwischen... Ich kann sicher sagen, dass es schlecht genug war, um meine Eltern nach 2 Minuten mit aus dem Ohr laufendem Blut zu verteiben. Ich persönlich fand die Vorstellung sehr amüsant und es hat mir wieder einen neuen Einblick in die indische Society gezeigt. Nach dem Konzert haben wir nämlich noch Einladungen für ein Dinner in der Alliance Francaise abgetreten bekommen. Die Alliance Francaise ist sozusagen das französische Goethe-Institut. Das war eine gute Sache: Indisches Büffet und französischer Rotwein. Endlich
wieder Wein, die Franzosen wissen Bescheid!!! Als gute Schnorrer haben wir jeder 4-5 Gläser getrunken und sind drei mal zum Büffet gegangen, hehehehe..... ;) Es war also am Ende ein gelungener Abend, den ich in guter Erinnerung behalten werde.
Siddarthe’s Geburtstagsparty. Sanela, die in der kurzen Zeit in Delhi wirklich viele Leute kennengelernt hat und sich mit einigen Indern angefreundet hat, besorgte uns Einladungen zu einer der berüchtigten „farm house parties“. Die Farmhäuser in den Ausläufern Delhis sind normalerweise die Wochenendhäuser der Reichen und bieten ihnen eine ruhige Erholungsstätte unweit der City. Mit dem Taxi hat es etwa 45 Minuten gedauert, bin wir das riesige Anwesen erreichten. Uns erwartete eine Party im Garten des Anwesens, die unter dem Motto „Hollywood-Bollywood“ stand, ein beliebtes Standardthema bei diesen Partys, denn die reiche Oberschicht feiert oft und gerne und da muss man sich immer wieder neue Themen ausdenken. Alex und Micha hatten es sogar geschafft, sich indisch zu verkleiden, sah echt gut aus. Im Garten waren eine originelle Cocktailbar, Büffet, DJ, Tanzfläche - alles vom feinsten. Die White Russians vom Barkeeper waren exorbitant und wir haben die ganze Nacht lang die Tanzfläche gerockt zu House und Hindi (übrigens sehr cool die Hindimusik
hier). Auf den Fotos seht ihr die „Beweise“ ;)
Aber jetzt zu einer richtig coolen story…
Ein grandioses Event Anfang November, bei dem wir glücklicherweise Zeuge sein durften. An einem ganz normalen Dienstag haben wir unsere bescheidenen Praktikantennasen zur Abwechslung einmal tief in die welt der Superreichen gesteckt, wenn man das so sagen kann. Über die Außenhandelskammer (wo Alex und Sanela ihr Referendariat ableisten) kamen wir an Einladungen für eine Hotel-Markteinführung in den Sälen des ‚Intercontinental The Grand’ Hotels in Delhi. Eine Sms von Alex am frühen Abend mit den Worten „Lust auf Gratisessen im Luxushotel?Treffen uns um Acht am Connaught Place.“ reichte, um mich schnell mein Abendessen abbestellen zu lassen, mich in Schale zu werfen und eine Rikscha zur besagten Adresse zu nehmen. Alex und Wolf warteten bereits unter dem imposanten Vordach des Hotels, wo in einer Tour Luxuswagen vorrollten und die feine Gesellschaft von Delhis who-is-who durch hochgewachsene, schick uniformierte und turbantragende Sikhs von der Wagentür bis zum Eingang geleitet wurde. Ich leider nicht, da kleine schrottige Rikschas nunmal nicht zu dem Luxus eleganter 5-Sterne-Hotels passen. so musste ich also das letzte stück die Aufahrt hinauf laufen. Nunja, ein Taxi hätte bestimmt 4 euro mehr gekostet als
die Rikscha für 2 euro achtzig: in Indien viel Geld. Aber gut. Die Einladungskarte, die Alex in der Hand hielt, las sich vielversprechend: 19.45 uhr Champagnerempfang im „Cristal Salon“ (hui!), 20.15 Show und Aperitif, ab 21 uhr Gourmetdinner, oder so ähnlich. Es hätte auch schon der Champagnerempfang genügt, um mich glücklich zu machen, bescheiden, wie ich bin ;) aber umso besser und nichts wie rein ins Getümmel! Türen auf, einen (viel zu kurzen) blick in die riesige Lobby erhascht, einen längeren, halb bewundernden, halb neidvollen auf den wunderschönen Seidensari der Dame vor uns geworfen, und schon ging es links um die Ecke Richtung Event. Auf dem Weg zum vielversprechenden „cristal salon“ salutierte die halbe Dienerschaft in indischer Tracht und begrüßte einen jeden Gast mit einem respektvollen „Namaste“ und der dazu angebrachten leicht angedeuteten Verbeugung mit vor der Brust gefaltenen Händen: das ging runter wie warmes Öl, kann ich euch sagen. Wir wussten kaum wie uns geschah! Die Szene hätte ich zu gerne zurückgespult und noch einmal in Zeitlupe laufen lassen, so schön war dat gewesen, sach ich euch :D
Im Empfangssaal warteten bereits hunderte erlesene Damen und Herren in feinen Saris und maßgeschneiderten Anzügen bei leicht verdaulichen Gesprächen und
exquisiten Hors d’Hoeuvre, die mit importiertem Whisky und edlem Champagner heruntergespült wurden. So kamen auch die weniger erlesenen armen Praktikanten in den Genuss von Gambaspießchen (von denen Michael allein 13 Stück verputzt hat - dazu sei gesagt, er ist Ossi und hatte wahrscheinlich Bedenken, dass nach der Vorspeise der Spaß vorbei wäre. Nur mit Mühe und Not haben ihn die Kellner im Vorsaal schließlich davon überzeugen können, doch endlich zum zweiten Büffet überzugehen, wo er sich kurze Zeit später an den Austern erlabte ;) just kidding, Schätzchen, du weist wie gerne ich Ossiwitze mache!), Häppchen hiervon, Pastetchen davon und allerlei indischen Schmankerln. Anschließend an das bereits königliche warm-up ging es in ein eigens für den Event errichtetes Zelt, das sich übergangslos an die Hotel-räumlichkeiten anschloss. Schnell noch ein Gläschen Champagner geholt und dann fing auch schon die Show an. „The Lalit“ - ein Emblem, ein Name: von dramatischer Musik und viel künstlichem Nebel begleitet entwuchs ein imposantes Schild mit besagter Aufschrift der erleuchteten Bühne. Moment, was ist hier eigentlich los? Ganz ehrlich, wir hatten keine Ahnung, worum sich das ganze Spektakel eigentlich drehte, den ganzen Abend über haben wir gerätselt. Erst später wurde uns bewusst, dass es sich hierbei sozusagen
um eine Namensänderung handelte: ‚Intercontinental The Grand’ wird zu dem schlichten aber eleganten ‚The Lalit’. www.thelalit.com/delhi. Der Grund: Die Witwe des Hoteleigentümers Lalit Suri hatte beschlossen, zu Ehren ihres verschiedenen Gatten dem Hotel seinen Namen zu verleihen. Als am späten Abend nach dem Dinner ein langes Video über das Leben des Mannes gezeigt wurde, der dem Hotel nun seinen Namen vermacht hat, hatte ich irgendwie das Gefühl, auf einer Trauerfeier zu sein. Aber was für einer!!!!
Der Präsentation der neuen Marke folgte eine akrobatische Show, die dem Circus Krone wohl in keinster weise nachgestanden hat. Gestählte Körper räkelten sich auf- und abwärts eines Seils, das von der Decke hing, Lichteffekte und Fusion Musik verliehen Gänsehauteffekt. Noch einen Champagner bitte! Wow! Nach der beeindruckenden Vorstellung geleitete man die Gäste sanft aber bestimmt an die zweite Bar und zumZwischengangsbüffet. Schnell einen White Russian geordert und dann beim Austernstand ein Schwätzchen mit einem UN-Abgeordneten gehalten, der mir für den Fall, dass ich mal nach Bangkok komme, liebenswürdigerweise seine Visitenkarte überreichte mit dem Angebot, ihn jederzeit anrufen zu dürfen. Vielen Dank, ich komme mit dem größten Vergnügen drauf zurück…… ääh, irgendwann *räusper*. Wir hatten kaum unsere Getränke ausgeleert, da wurde auf der anderen
Seite auch schon das Büffet eröffnet und in der kurzen Zeit hatte ganz unbemerkt anscheinend ein ganzes Heer von Dienern aus dem Zuschauerraum einen Dinnersaal gezaubert; mit runden, weißgedeckten Tischen und passenden weißen Hussenstühlen, dazu dezente Blumengestecke und glänzende Weingläser. Das dritte Büffet, der Höhepunkt des Abends: Drei mal so lang wie die beiden davor fanden wir die erlesensten Delikatessen, die die indische Küche zu bieten hat und einen Dessertteil mit den schönsten Küchlein und Törtchen, die man je gesehen hat. Hatte überhaupt noch jemand Hunger nach bereits zwei köstlichen Gängen (bzw. 13 gambaspießen und vermutungsweise mehreren Hundert Austern)? Auch wenn der Magen sich bereits auszudehnnen begann, so mussten wir doch wenigstens ein paar der exotisch duftenden Gerichte probieren und für ein Dessert ist sowieso immer Platz ;) Was soll man auch sagen, wenn der Dessertmeister höchstpersönlich am Büffet steht und eine Empfehlung gibt. „Sorry, i don’t want to gain weigth?“ Nooooooo. Nun, wie ihr euch vorstellen könnt, war es ein Festschmaus sondergleichen und für Alex, Wolf, Michael, Sanela und mich dazu noch ein unvergesslicher Ausflug in den Luxus der indischen Oberschicht. Nach so viel Wohlergehen habe ich das Gastgeschenk, welches wir beim verlassen der Party bekommen haben, nur zu
gerne an unsere security guards in der Firma weitergegeben, die auf meine sichere Rückkehr gewartet hatten. Es waren ein paar elegante Schreibtischutensilien aus Leder, verpackt in einer edlen Box. Kamelleder, nehme ich an. Diesen Abend vergesse ich nie, das könnt ihr mir glauben. Zu schade, dass niemand von uns eine Kamera dabei hatte…
Ja, es gibt viele Welten hier in Indien. Die Spanne zwischen arm und reich ist riesig; wenn man abends im Taxi an den vielen Menschen vorbeifährt, die auf der Straße leben und auf den Bürgersteigen schlafen, wird einem das ganz besonders bewusst. Wirtschaftswunder auf der einen Seite, nackte Armut auf der Anderen - nicht alle profitieren von dem Boom. Bei einem Land mit 1,1 Milliarden Menschen ist das einfach nicht möglich… Die Menschen kommen vom Land (wo die Arbeitslosenquote hoch ist) in die Städte, in der Hoffnung auf Arbeit und ein sicheres Einkommen, aber in vielen Fällen enden sie als Obdachlose oder in einem der vielen Slums und versuchen, sich irgendwie über Wasser zu halten. Die Frauen und Kinder, die auf der Straße an den großen Kreuzungen darauf warten, dass die Ampeln rot werden und dann zwischen den Fahrzeugen hindurchlaufen und betteln (Kinder führen auch oft
kleine Kunststücke vor), gehören erwiesenermaßen einer organisierten Mafia an, der sie das erbettelte Geld am Ende des Tages abliefern und selbst nichts davon haben. Mit ein paar Stiften und Papier hilft man den Kindern mehr als mit einem 10-Rupies-Schein (ca. 15 Cent). Ebenso kann man Organisationen vor Ort mit Spenden unterstützen, da von diesem Geld nichts an die Mafia geht. Einer Sache sollte man sich aber bewusst sein, wenn man nach Indien kommt: Unseren Wohlfahrtsstaat, den wir seit dem Zweiten Weltkrieg aufgebaut haben und der für uns so selbstverständlich ist mit Kranken-, Unfall- Pflege- und Rentenversicherung für jeden wird es in einem Land wie Indien niemals geben. Die Armut ist allgegenwärtig und man muss lernen, damit zu leben, wenn man über längere Zeit hier arbeitet. So sieht die Realität in Indien aus und ich für meinen Teil habe das akzeptiert.
Ich wünsche euch allen einen besinnlichen dritten Advent - genießt einen schönen Sonntag im warmen Haus. Meine Gastmutter hat an diesem Sonntag Geburtstag und wir fahren raus zu ihrem farm house und haben ein schönes Mittagessen mit ihren Freunden. Dafür werde ich morgen einen leckeren carrot cake backen - meine Spezialität :)
Viele Grüße,
eure Leonie