Unsere scheinbar ewig langen Semesterferien (Semesterferien sind vorlesungsfreie Zeit, man hat nicht Ferien in dem Sinne, wie es Außenstehende vielleicht vermuten könnten, diese Zeit dient der rein persönlichen Weiterbildung - ihr erinnert euch, ne?) haben wir gut überstanden. Naja, wir haben die Zeiten in Bibliotheken und auf Fachvorträgen einfach mal weggelassen und haben uns entspannt.
Zuerst stand ja Shanghai an: Mal in Ruhe anschauen, Evert kannte es ja noch gar nicht, Freund Schulle aus Leipzig besuchen, der dort ein Praktikum bei der Außenstelle der IHK macht und westliches Flair genießen. Geschlafen haben wir bei der Rostockerin, die ich auf dem Lektorentreffen in Beijing kennen gelernt hatte und die ja an der Tongji University in Shanghai unterrichtet. Schön wars, auch ganz schön teuer für unsere Verhältnisse hier in China (nicht aber für europäische), aber wir mochten es. Naja, Evert nicht ganz so, aber das muss er euch dann mal persönlich erklären. Dann kauften wir uns dort in Shanghai Zugtickets für die Strecke Shanghai - Hainan (die Insel, auf der es sommerlich warm ist und die das Hawaii von China genannt wird.)
Wir gingen also zur Ticketverkaufshalle, hatten sogar Glück mit einem recht jungen Typen, der auch ein wenig Englisch sprach. Wir kauften zwei Tickets nach Hainan, besser gesagt Haikou, das ist die Hauptstadt der Insel. Der Typ brabbelte was von 20 Stunden Zugfahrt und dass man gegen 6 Uhr abends ankäme. Okay. 6 Uhr abends ankommen minus 20 Stunden heißt dann 9:50 (die Zeit stand so auf dem Ticket) abends losfahren, ja? Ja, ja, sagte er und betonte nochmal, dass man 20 Stunden fährt. Okay. Super. Evert wunderte sich nur mal kurz, dass auf dem Ticket 9:50, aber nicht 21:50 stand, denn die Chinesen machen das (eigentlich) wie wir Deutschen, aber vielleicht ja nicht die Shanghaier. Okay. Tag der Abreise kam, wir fuhren durch den abendlichen Berufsverkehr mit dem Taxi zum Bahnhof und dort sagte man uns, dass unser Zug ja schon am Morgen losgefahren war. Scheiße, eeecht? Naja, kurze Diskussion, ob wir für die Tickets noch Geld wieder bekommen könnten endete natürlich ohne Erfolg. Kann man denen nicht übel nehmen. Würde dir ja in Deutschland auch keiner mehr Kohle geben, wenn du, nachdem der Zug weg ist, noch Geld willst. War der Typ in der Tickethalle also so blöd oder hat der uns mit Absicht verarscht? Keine Ahnung. Wir waren nur sauer. 100 Euro in den Sand gesetzt heißt in China quasi eine Familie ruiniert (oder so ähnlich…). Naja, also kauften wir uns zwei neue Tickets für den nächsten Morgen. Nochmal eine Nacht bei der Freundin gepennt und gemeinsam die Dämlichkeit ausgewertet und schon fast wieder herzlich über alles gelacht, gings dann am nächsten Morgen wieder los. Unsere Schlussfolgerung bezüglich der vielleicht einzigen wahren Aussage (Zug braucht 20 Stunden bis Haikou) des Typen am Ticketschalter war: Wir kommen also morgens um 6 Uhr an. Okay. Wir hingen im Zug ab, die Nacht kam, sie ging, wir hingen auch 8 Uhr morgens noch im Zug ab und fragten dann mal mutig einen kleinen Jungen, der immer bei uns rumhing und der uns bereits erzählt hatte, dass er auch nach Haikou wolle, zu seinem Opa, wann wir denn ungefähr ankämen: About 6 o’clock pm. Ahaaaa. Also doch abends. Hatte ja der Typ voll recht am Ticketschalter. Nur in Mathe scheint er scheiße gewesen zu sein, denn dann fuhren wir ja 32 Stunden mit dem Zug. Also waren wir nun gewaltig genervt, denn 32 Stunden im Zug sind eine beschissen lange Zeit und wenn du denkst du bist gleich da (8 Uhr morgens) und dann sagt dir einer: Ne, noch 10 Stunden, dann möchtest du jemanden erwürgen. Aber gut, wir kamen irgendwann an, freuten uns, aus dem Zug raus zu kommen, in dem es inzwischen nach Fisch und ekelhaftem Chinafraß roch, dass man würgen musste, und fanden ein ganz nettes Hotel. Aufatmen.
Wir lagen auf unseren Betten und konnten langsam wieder lachen. Bevor wir zum Abendessen los wollten, entschieden wir uns, die ganz nette Aussicht von unserem Hotel zu fotografieren, Sonne ging auch gerade so langsam unter, sah also echt sehr cool aus und jetzt hatten wir ja langsam auch wieder einen Blick für die Dinge um uns herum. Dabei bemerkten wir, dass meine gute Canon IXUS 800, vor genau einem Jahr über Amazon für 350 Euro gekauft, weg war. Ohhhhh, neeeeein. Geklaut oder im Zug liegen gelassen? Wir können es nicht mit Gewissheit sagen, aber eines war ganz klar: Evert hatte die Nase voll vom Urlaub. Er wollte nur noch nach Hause und raus aus dem verkackten China. Verstehen konnte ich ihn sehr gut. Und zwei Tage später sollte Celi ihren 30. Geburtstag feiern. Juchhu…
(Fortsetzung folgt)