Bin wieder heil aus der Inneren Mongolei daheim angekommen! Mir hat es richtig gut gefallen und ich waere gern noch ein bisschen laenger geblieben.
Aber gut, ich fang lieber mal wieder von vorne an. Der 1.10. ist in China ein ziemlich wichtiger Feiertag. Am 1.10.1949 wurde naemlich die Volksrepublik China gegruendet. Die Mathegenies unter euch merken jetzt auch, dass China dieses Jahr also einen runden Geburtstag feiert. Der 60. Jahrestag wird ziemlich groß gefeiert. Schon im August haben Studenten auf dem Campus der UIBE in Peking fuer die große Parade trainiert und ueberall haengen riesige Banner und Plakate in rot mit gelber Schrift, die auf diesen besonderen Tag aufmerksam machen. Die Parade in Peking hat anscheinend den ganzen Tag gedauert und wurde im ganzen Land im TV gezeigt (Ich war auch im Fernsehen! Mehr dazu weiter unten im Text). Kurz gesagt, China flippt aus.
Da wir eine Woche Ferien hatten, habe ich beschlossen, mich bei dem TTC-Trip in die Innere Mongolei anzumelden. Erst war ich ja ein bisschen skeptisch, weil Hohhot/Huhhot/“Huhohaute“ (oder so ähnlich) doch ein ganzes Stueck weit von Sanxiang entfernt ist. Es haben sich aber trotzdem 6 teacher interns aus der Provinz Guangdong angemeldet und wir haben zusammen
den Zug hin und zurueck gebucht.
Jap, jetzt kommt wieder eine mehr oder weniger lustige Zuggeschichte:
Wer mal einen Blick auf eine Landkarte wirft, merkt, dass die Innere Mongolei im Vergleich zu Guangzhou wirklich am anderen Ende von China ist. Das heißt, wir mussten wieder einmal Ewigkeiten lang Bahn fahren - 40 Stunden hin und 40 Stunden zurueck! Uns ist auch im Zug erst wirklich aufgefallen, dass wir insgesamt mehr Zeit im Zug verbracht haben als in der Inneren Mongolei selbst. Wir haben 4 Naechte im Zug und 2 Naechte im Hotel in Hohhot geschlafen. Aber gut, es war gar nicht so schlimm, wie es sich anhoert. Mit 5 anderen netten Leuten, Karten, Wuerfeln, Kaffee und Bierchen geht die Zeit doch relativ schnell vorbei. Es war auch ganz schoen, mal einfach auszuschlafen, zu tratschen und sich ueber das Unterrichten in aller Ruhe auszutauschen… Im Nachhinein habe ich die Zeit denke ich ganz sinnvoll genutzt :)
Trotzdem… Es ist eng und unbequem. Vor allem die Klos lassen zu wuenschen uebrig. Das „Klo“ ist uebrigens auch einfach ein Loch im Zug. Also im Boden… naja, nicht sehr lecker. Und bevor irgendjemand fragt: Nein, ich habe kein Foto gemacht.
Mir ist
in den paar Tagen aber wieder einmal bewusst geworden, wie unglaublich vielseitig China doch ist. In Guangzhou war es sehr schwuel und heiß, als ich losgefahren bin. Guangzhou ist uebrigens ganz schoen riesig. Das ist mir vor allem nachts aufgefallen. Ach ja, ziemlich abenteuerlich: Wir sind mit einem Tuktuk vom Hotel aus an den Fluss gefahren, um dort zu Abend zu essen. Die Fahrt hat etwa 20 Minuten gedauert und war mindestens so aufregend wie eine Achterbahnfahrt. Bis zu fuenf Straßen ueberkreuzen sich in Guangzhou uebereinander! Man ist also ganz schoen weit oben in der Luft… Das Schlimmste aber war, dass wegen den Ferien so viel Verkehr war. Unser Tuktukfahrer hat sich zwischen den Autos und Bussen durchgeschlaengelt, hat rote Ampeln ueberfahren oder ist - um Zeit zu sparen - verkehrt herum in eine vierspurige Einbahnstraße. Wie auch immer, man sieht in der Provinz Guangdong, wenn man die Stadt mit dem Zug Richtung Norden verlaesst, viele Fluesse, Waelder und Bananenplantagen und es ist ziemlich gebirgig. Die Mitte Chinas dagegen sieht vom Zug aus nicht sonderlich spektakulaer aus - Felder, keine Berge, Fabriken, ein paar Flüsse… Im Norden ist es wieder sehr trocken, aber trotzdem stark landwirtschaftlich gepraegt. Es gibt endlose
Grasssteppen und der Wind ist verdammt KALT!!! Ich habe mich ja darauf eingestellt, dass ich für die Reise in die Innere Mongolei waermere Sachen einpacken sollte, aber selbst mit 2 warmen Pullis habe ich noch gefroren. Wenn man sich mal an die angenehm heißen Temperaturen im Sueden gewoehnt hat, fuehlen sich 10°C gleich doppelt so kalt an…
Vor allem am ersten Tag. Als wir angekommen sind, haben wir am Bahnhof auf die anderen aus Peking gewartet. Nach 5 Minuten hatte ich Kaelteallergie und schlechte Laune. Die ist im Gegensatz zur Kaelteallergie aber sofort verschwunden, als wir die anderen teacher interns wiedergesehen haben. Wir haben uns ja seit Ende August nicht mehr gesehen und ich habe einige schon ein bisschen vermisst. Leider war Serena nicht dabei… insgesamt waren etwa 90 Leute dort, von denen ich einige aber noch gar nicht gekannt habe. Von den Leuten von der UIBE in Peking war aber doch der Großteil dabei. Ein Paar sind allerdings auch nach Hongkong (z.B. alle teacher interns von der Sanxin School, bis auf mich und Rob und sonst viele, die im Süden arbeiten), Hainan oder Shanghai.
Wir sind nach dem Frühstück (jap, wir sind um 6 Uhr morgens mit
dem Zug angekommen!) drei Stunden lang mit dem Bus in die Steppe gefahren und dort dann geritten. Das war wirklich toll! Mein Hintern hat zwar am Tag danach noch wehgetan, aber das wars wert. Die Luft in der Steppe war so frisch und sauber! Vor allem im Vergleich mit der teils verpesteten und feuchten Südchina-Luft war das ein Traum! Und um uns herum war einfach nichts! Keine Haeuser, keine Fabriken, keine anderen Menschen… nur ein paar Kühe und Schafe. Wenn es 15°C waermer gewesen waere, haette ich glatt ein bisschen laenger bleiben koennen!
In der Steppe haben wir auch ein bisschen mongolische Kultur erlebt. Alex und Kieran haben praktisch eine Hochzeitszeremonie nachgespielt, die Mongolen haben uns traditionellen Schnaps gegeben (der war so was von stark!) und ich habe einen weißen Schal bekommen, den ich dann auf einem großen Steinhaufen an einer Schnur festgebunden habe. Bringt Glueck (Glaub ich). Die Mongolen haben ja auch eine eigene Schrift! Auf den Straßenschildern stehen Ortsnamen also nicht nur auf Chinesisch, sondern auch auf Mongolisch und ganz selten (z.B. am Bahnhof) auf Pinyin. Die Menschen sehen uebrigens auch ganz anders aus wie im Sueden!
Am zweiten Tag sind wir in die Wueste gefahren.
Drei Stunden mit schmerzendem Hinterteil vom Reiten am Tag zuvor sind uebrigens nicht gerade ein Vergnuegen, wenn man mit dem Bus ueber Schotterwege faehrt. Aber es hat sich gelohnt! Die Wueste war eine richtige Sandwueste (=Erg, Gruß an den Geo-LK), wie man sie eigentlich aus der Sahara kennt. Es war auch nicht mehr ganz so kalt wie in der Steppe, weil der Wind nicht mehr so unangenehm geweht hat.
Am letzten Tag sind wir zu einem wunderschoenen Tempel gefahren. Rob und ich hatten Glueck und haben in einem der vielen Hallen in diesen Tempeln eine Gruppe Moenche beim Beten gesehen. Mit den Kirchen bei uns zuhause kann man das ueberhaupt nicht vergleichen. Etwa 100 Moenche sitzen in langen Gewaendern auf dem Boden und singen und murmeln im Chor vor sich hin. Ab und zu schlagen sie auf eine große Trommel und der ganze Raum vibriert von dem Gong. Es riecht extrem nach Raeucherstaebchen und am Altar liegt vor riesigen Buddhastatuen alles moegliche als Opfergaben: Obst, Gemuese, Schals (wie der aus der Wueste), Geld und sogar vakuumverpackte Erdnuesse! Die haben gar nicht ins Bild gepasst… war aber lustig diese großen Tempel sind einfach schoen!
Die Rueckfahrt aus der
Mongolei war allerdings ein bisschen anstrengender. Ein paar Chinesen haben naemlich relativ schnell gemerkt, dass da doch tatsaechlich ein paar „Westerners“ im Zug sind. Und viele wollen eben mit uns sprechen, ihr Englisch verbessern oder uns Chinesisch beibringen. Das ist wirklich schoen und nett und eine tolle Abwechslung auf der langen Fahrt! Eine Mutter hat auch immer wieder ihr kleines Kind zu uns geschickt, damit es uns was auf „Englisch“ vorbrabbelt, vorsingt oder mit uns Stein-Schere-Papier spielt (die Mutter wollte das glaube ich mehr als das Kind selber). Fuer eine Weile ist das auch ganz putzig und nett, aber wenn man dann kurz vor 7 morgens von einem Kind an den Fueßen gekitzelt wird, laesst die Begeisterung schnell nach.
Ich habe das Gefuehl, dass das Angestarrt-werden ein bisschen nachlaesst. Am Anfang ist es mir so vorgekommen, als ob jeder auf der Straße oder im Supermarkt einfach nur gafft. Verwunderlich war, dass das sogar in Peking, einer doch recht modernen und internationalen Großstadt, so war. Vielleicht faellt es mir aber mittlerweile einfach nicht mehr auf… in Sanxiang sind die Menschen diesbezueglich nicht ganz so dreist wie in großen Staedten. In Guangzhou haben etliche Leute wieder nach Fotos gefragt und ich
wurde sogar von einem Fernsehteam angesprochen und gefilmt, wie ich „Happy Birthday, China!“ sage. Wie gesagt, China ist halt irgendwie ein bisschen eigenartig ;)
Eigenartig hin oder her, mir gefaellts! Als ich nach einer Woche wieder in Sanxiang war, hat sich das auch wie „daheim“ angefuehlt. Die Schueler sind auch noch ziemlich aufgedreht, weil gerade Ferien waren und am Donnerstag ist es mir vorgekommen, als haetten sie in einer Woche komplett vergessen, wie man sich in der Schule zu benehmen hat. Und jetzt faellt schon wieder das Wochenende aus, weil wir ja eine Woche Unterricht nachholen muessen…
Jap, Lehrerin-sein kann schon ganz schoen anstrengend sein. Vor allem eben, weil die Klassen so groß sind. Ein paar andere teacher interns haben erzaehlt, dass in ihren Klassen teilweise nicht mal 10 Kinder sitzen. Das stelle ich mir ueberaus angenehm vor. Mit knapp 50 Kids kann man einfach nicht so viel machen. Fuer viele Spiele, fuer basteln und auch fuer ein simples Arbeitsblatt sprengt das den Rahmen. Der Geraeuschpegel ist ziemlich hoch und man kann nie nachpruefen, ob auch JEDER einzelne alles verstanden hat.
Ob ich meine Drittklaessler oder meine Sechstklaessler lieber unterrichte, weiß ich allerdings nicht. Mit den „Großen“ kann
ich interessantere Themen durchnehmen, sie verstehen meistens, was ich sage und mit manchen kann ich mich richtig unterhalten. Dafuer sind sie oft unmotiviert oder verschwaetzt. Manchmal hilft es nur, die lautesten Schueler vor der Klasse 10 Kniebeugen machen zu lassen, damit sie ruhig sind. Wenn sie aber lieb sind, macht der Unterricht richtig viel Spaß! Bei den „Kleinen“ ist das Tolle, dass sie eben so sueß und klein sind. Einfach putzig. Ich singe mit ihnen Lieder, erzaehle Geschichten von „Max the Mouse“ (die ich mir jedes Mal neu ausdenken muss) und bringe ihnen einfache Vokabeln oder Saetze bei. Dabei kann ich selber auch immer wieder ein bisschen Unsinn machen, albern herumhuepfen oder Spiele spielen, die ich selber aus der Grundschule kenne. Und in den Pausen kommen sie in mein Buero und wollen geknuddelt werden oder spielen. Wenn ich in das Gebaeude der 3. Jahrgangsstufe komme, schreien sie „TIIIIIIINA!!!“ und kommen angerannt oder winken aus den Klassenzimmern heraus. Einfach putzig! Es ist allerdings etwas nervig, dass sie kaum Englisch koennen und dass sie so langsam lernen. Dazu kommt, dass es eben kleine Kinder sind. Sie schwaetzen gern mal, sitzen nicht gerne still, sind schnell gelangweilt, brauchen Belohnungen als Motivation und sind
vor allem nachmittags muede und quengelig.
Versteh ich ja. Trotzdem… wenn ich die Klasse alle paar Minuten ermahnen muss, ruhig zu sein, nervt das. Die Lehrer hier sind da viel strenger als ich, manche greifen immer noch zum Stock oder schreien die Schueler an, aber nicht mal das funktioniert richtig. Chinesische Schueler sind nicht halb so brav wie ich gedacht haette! Obwohl sie so streng gedrillt werden (hab ich ja schon mal beschrieben)! In der 3. Jahrgangsstufe muessen die Dauertratschtanten und -onkels bei mir zum Beispiel vor der Klasse auf einem Stuhl stehen. Das klingt im Vergleich zu deutschen Schulen ziemlich drastisch, ist aber wie gesagt fuer China recht harmlos. Naja, aber ich glaube, meine Kids haben schon gemerkt, dass ich hier eher die Spaß-Englisch-Unterricht-Lehrerin bin. Spiele spielen, Dialoge fuer den Alltag ueben, singen, ueber interessante Themen wie Musik oder Reisen reden und mehr ueber fremde Kultur lernen - das lieben die! Und solange es ihnen Spaß macht, machts mir auch Spaß!
Sie ueberraschen mich auch immer wieder. In einer 6. Klasse hat ein Maedchen heute vor der ganzen Klasse ein Lied aus „High School Musical“ gesungen! Eigentlich wollte ich nur wissen, was ihr Lieblingslied ist… und vor den
Ferien hab ich die Schueler in einer anderen Klasse gefragt, ob sie englische Lieder kennen: schwupps, singen 50 Kids „Beat it!“ von Michael Jackson (bzw. sie spielen das Lied ab, traellern die Texte so gut sie koennen und tanzen dazu). Stellt euch mal vor, wie lustig das ist!