Fragt man einen Zoologen, wo man denn die von ihm zu erforschende Tiergattung am Besten beobachten könne, so wird die Antwort mit Sicherheit lauten: „In freier Wildbahn natürlich!“. Ähnlich verhält es sich mit Chinesen, auch sie passen sich in Gefangenschaft oder wenn sie regelmäßigen Kontakt mit (europäischen) Menschen haben, zwangsläufig dessen Gepflogenheiten an und assimilieren sich.
Der Tourismusminister von Changchun, Jilin-provinz, musste der Legende nach im Laufe der knapp zweihundert jährigen Stadthistorie seinen Hut nehmen und wurde nicht mehr nach besetzt - betritt man zum ersten Mal hiesigen Boden, erkennt man ohne weitere Schwierigkeiten warum. Die Stadt ist arm an landschaftlichen Reizen und auch die neo-klassizistische Architektur der Stadt begeistert nur anspruchlose Gemüter, sosehr sich findige Architekten auch alle Mühe gaben, mit Hilfe von dorisch-griechischen Säulen, riesigen Engeln mit ausgestreckten rechten Armen(in, im deutschen Sprachraum eindeutig verbotener Pose), geflügelten Löwen und Stieren aus Betonblöcken im besten Stalin-Stil eine Art nordchinesische Akropolis zu zaubern.
Aber beginnen wir die Geschichte doch am Anfang….am Anfang war das „Ei“ und zwar in Form der
einfach genialen Idee einen Flug um halb acht Uhr morgens zu buchen und mich somit um kurz vor fünf aus dem Bett zu jagen. Auf dem Weg zum Flughafen
offenbaren sich dem wachsamen Betrachter alljene kleinen Tücken des chinesischen Verkehrsalltages, die den Verkehr trotz riesiger, optimal ausgebauter Autobahnen immer wieder auf neue zum Erliegen bringen. So wurde ich kopfschüttelnd Zeuge, als es fünf Autos schafften auf einer vierspurigen Autobahn einen Stau zu verursachen - so fahren vier Autos nebeneinander mit mehr oder weniger konstanter Geschwindigkeit, so weit so gut. Kommt jetzt aber der fünfte Mann von hinten, und signalisiert durch wiederholtes Aufblenden und Hupen, dass er überholen möchte, wird er zuerst einmal gekonnt ignoriert. Als er dann mit ca. 150 km/h auf die Gruppe der langsamen trifft, versucht er nicht durch Bremsen sich der Geschwindigkeit anzupassen, sondern sich auf der rechten Standspur vorbeizuschwindeln. Da diese Spur, nicht ganz unlogischerweise, nicht für diesen Zweck gebaut und somit etwas zu schmal ist, drängt er den Fahrer rechts außen ein Stückchen nach links ab - diese Bewegung wird in bewundernswerter Synchronität von allen Autos übernommen, wobei allerdings der Linkeste vor der Problematik steht, dass die Leitplanke ihn an diesem Manöver hindert. Die logische europäische Konsequenz erweist sich als Trugschluss - Bremsen kommt nicht in Frage, lieber mal schnell Gas geben und den rechten Fahrer schneiden, sodass der eigentlich zum Bremsen gezwungen wäre.
Dieser wiederum kontert gekonnt mit dem gleichen Manöver nach Rechts. Das inzwischen dritte Auto macht…..wer kann es erraten??....falsch, natürlich nicht das gleiche, sondern der Fahrer erkennt, dass theoretisch links außen eine Spur frei sein müsste und er durch die entstehende Lücke seines linken Nachbarn und des soeben Überholenden doch auf diese Spur gelangen könnte…
Auch am Flughafen kann man sich des Eindruckes, in Chinas erster Flughafen wurde gestern eröffnet und alle Chinesen zum Testen eingeladen kaum erwehren. Architektonisch und technisch auf dem neusten Stand, sind es nur die Chinesen, die den Unterschied zwischen einem reibungslos laufenden Verkehrsknotenpunkt und einer lärmenden Markthalle ausmachen. So steht eine endlose Schlange am Sicherheitscheck, die sich trotz (für chinesische Verhältnisse) intensiven Bemühungen des Personals nur unmerklich vorwärts bewegt. Erreich man nach nicht unerheblichem Zeitaufwand das erste Drittel der Schlange, erkennt man des Pudels Kern: Riesige Hinweisschilder in chinesisch und englisch erläutern jedermann den Vorgang der Sicherheitskontrolle, für Analphabeten steht auch ein Heer an Uniformierten Informationsorganen zur Verfügung die mit lauter Stimme diese Schilder vorlesen. Vor dem Röntgenapparat angekommen, beginnt jeder Chinese daraufhin verzweifelt in seinen Taschen zu kramen, da ihm ja vorher niemand gesagt hat, was ihn erwartet. Danach folgt der erste Anlauf durch den Metalldetektor - PIEP…eine kurze Untersuchung fördert ein Taschentücher, Zigaretten, ein Feuerzeug, einen Schlüsselbund, eine Geldbörse sowie ein Taschenmesser aus den „leeren“ Taschen zu Tage. Große Aufregung steht jedem ins Gesicht geschrieben, als sich auch noch Mama, Papa, Oma, Opa, großer & kleiner Bruder, sowie große & kleine Schwester in die Diskussion mit dem Sicherheitsorgan in Militäruniform einmischen, zu der sich as bald auch die übrigen Mitarbeiter gesellen. Einige Minuten später wird der nächste Chinese durch den Metalldetektor gewunken….PIEP….
Zurück zur Stadt - Changchun hat, wie schon erwähnt, keinen wirklichen touristischen Reiz, die Wichtigkeit der Stadt beruht auf der Automobilindustrie, vor allem VW, Mercedes und Audi lassen hier produzieren - wohl der Hauptgrund dafür, dass mitteleuropäische Geschäftsreisende keine Seltenheit und somit auch billige Hotels auf hohen Niveau vorhanden sind - mein Glück, der Globalisierung sei Dank!
Nach einigem Hin und Her beziehen wir am späten Vormittag unsere Zimmer, wunderschön mitten im Industriezentrum gelegen, ein Zimmer mit sauberen Bett, sauberen Bad und endlosem Heißwasservorrat - ein Luxus, den ich in den letzten zwei Monaten zu vermissen und somit zu schätzen lernte.
Der erste Arbeitseinsatz gestaltete sich unspektakulär. Wie zu erwarten war meine Aufgabe im schweigsamen Repräsentationsbereich angesiedelt - wir tingelten durch einen Uni-campus, dessen alte kasernenartige Architektur einen Asylantenheim-Charme versprühte. In diversen Meetings war ich europäischer Tanzbär - Bestaunen erlaubt, Streicheln und Füttern verboten!
Mit dem nächsten Tag schien sich dem Wetter auch unser Status in der Stadt erheblich verbessert zu haben. Waren wir gestern noch gezwungen in klapprigen Taxis über die Schlaglöcher zu holpern, wurden wir von einem nagelneuen Passat mit Chauffeur und Begleiterin abgeholt und bis vor das Kasernentor….ach nein, das Universitätstor mit zahlreichen Soldaten, gefahren.
Aber auch die Universität war beinahe nicht wieder zu erkennen und war zur Feier des Tages mit festlichen Fahnen und Parolen geschmückt, deren teilweise englische Texte zum Einsatz für das Volk und die chinesische Nation aufriefen und aus dem heruntergekommenen Areal von gestern, ein schwer kommunistisches, heruntergekommenes Areal von heute machten.
Vor Ort, in einer zur Messehalle umgestalteten Turnhalle, fand ich mich als einziger Ausländer zwischen ca. 400 Studenten wieder, die sich dort über verschieden Jobs informieren konnten - da ich selbstverständlich nicht über den genauen Sinn meiner Tätigkeit informiert wurde, unterhielt ich mich zwei Stunden lang mit unzähligen Studentinnen, die offenbar nicht im Geringsten an den eigenartigen Jobs unserer Firma interessiert waren, sonder sich in einer langen Schlange anstellten, nur um sich von mir in Deutsch und Englisch prüfen zu lassen…=)
Als sowohl gesellschaftlicher als auch alkoholischer Höhepunkt des Tages entpuppt sich im chinesischen Geschäftleben stets das Mittagessen - so auch bei uns. Auf Einladung der Universität folgten wir der kompletten chinesischen Businessmafia ins erste Hotel am Platz zum Businesslunch. Was harmlos beginnt kann böse enden - warum sollte es in China anders sein? Jede chinesische Geschäftsbegegnung beginnt mir dem obligatorischen Austausch der Visitenkarten - ein Prozedere, das einer K.u.K Hofzeremonie an Umständlichkeit und Etikette vermutlich um nichts nachsteht. So überreicht zuerst der Gast die Visitenkarte, mit beiden Händen und einer kleinen Verbeugung, der andere empfängt sie in mehr oder weniger demütiger Haltung mit beiden Händen, betrachtet sie eingehend und legt sie anschließen vor sich auf den Tisch, da das sofortige Einstecken als unhöflich gilt. Diese Zeremonie wiederholt sich umgekehrt bis alle Anwesenden die gleiche Anzahl an Karten besitzt. Nachdem ein umgerechnet ein 100-jähriger Baum, der für die Herstellung jener Karten gefällt wurde, den Besitzer gewechselt hat, begibt man sich endlich zu Tisch. Dort erhebt dann der Gastgeber nach einigen bangen Minuten des Wartens und Platz Suchens und Findens - warum sollte ein dieses Volk auch in der Lage sein auf Anhieb eine Sitzordnung zu finden - sein Glas, hält einen Trinkspruch und alle trinken es auf ex leer. Danach folgt der nächste eifrige Redner und Trinker, immer so der Reihe nach, währenddessen isst man fröhlich und die Stimmung hebt sich in Bier und Bai jou geschwängerte Sphären. Auch die völkerübergreifende Verbundenheit steigt proportional zur konsumierten Alkoholmenge, ebenso sinkt die Hemmschwelle, mit dem Resultat, dass alle Chinesen mit dem „audilipangyou“ anstossen und trinken wollen. Zu vorgerückter Stunde, also ca. 13:00, fand die kollektive Fröhlichkeit mit der Aufforderung des Gastgebers nach einer deutschen Tischrede ihren Höhepunkt. Unter den großen Blicken von 20 Chinesen, vom 70-jährigen Anzugträger bis zum 30-jährige Vokuhila-Mann, stand ich auf und referierte gestenreich über die Freundschaft der beiden Nationen, über meine Liebe zu chinesischen Essen und die allgemeine Ehre überhaupt, bis ich in meinem Mittagsdusel soweit den Faden verloren hatte, dass nur noch ein lautes „Prost“ die Situation retten konnte. Meine Mitchinesen ließen es sich nicht nehmen persönlich mit mir anzustoßen -auf ex - ein großer Gunstbeweis, wie ich nachher erfuhr -
Abends dann noch ein privates Abendessen mit dem Vorgesetzen des Cousins meiner Chefin, seiner Familie und dem Cousin, der in Changchun an einer Militäruni studiert…und auch dieser Fast-General, ein unheimlich freundlicher, winziger Südchinese, konnte es sich nicht verkneifen meinen gerade abklingenden Mittagsrausch durch eifrige „Gan bei“ Rufe wieder aufleben zu lassen….=)